200. Jahrgang.
Hanauers Anzeiger
General-Anzeiger / Amtliches Organ für Sladl- und Landkreis Kanan a. M.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. / Fernfprech-Anschluß Nr. 1287 und 1238.
Be, « gsv r> isfür die 2 Wochen vom 22. Sevt. b. 4. Okt, 1 Goldmark ohne Trägerlohn. Einzelnummer 10 Freitags u. Samstags 12 Goldokennig. — Anreigenoreije : für die 28 mm breite Zeile im Anzeigenteil 15 Goldvfennig, für die Reklamezeile (68 mm) 50 Goldpfennia — Otiertennebüb r 30 Goldviennig — Geschäftsstelle Hammerstraße 9.
(Et füllend sort und Eericktsstand für beide Teile dan«« a. Main. Für PlabvoriSriit und LrsLeinunastage der Anreisen wird keine Gewähr geleistet. — 3m Falle höherer Gewalt Streik «!w. bat der Bezieher keinen Anlvruch auf Lieferung oder Nachlieferung oder auf Rückzahlung des Berugsvreiles
Nr. 228 Samstag den 27. September 1824
Das Neuefte.
— Das Luftschiff „Z. R. Z" ist nach 33^- stündiger Fahrt um 6.20 Uhr glatt in Fried- richshafen gelandet und gegen 7 Uhr glücklich in der Halle geborgen worden.
— Die deutsche Regierung hat durch den deutschen Botschafter in Paris eine Note gegen die Erhebung der 26prozentigen Abgabe überreichen lassen.
— Auf dem Bezirksparteitag der Deutschen Volk sparte! in Berlin wurde die baldige Umformung der Reichsregierung und der Preußen- regierung gefordert.
— Die Reportionskommisfion hat gestern den Preis der Reparationskohlen herabgesetzt.
Scheidung der Geisler.
Zwei Fragen stehen augenblicklich im Vordergrund des politischen Interesses. Die Ueber- reichung des deutschen Memorandums über die Völkerbundsfrage und die Entschließung der Deutschen Volkspartei, die das Problem der Regierungserweiterung aufgerollt hat. Eine außenpolitische und eine innenpolitische Frage, aber beide fügen sich schließlich in denselben Rahmen ein. Wie in der Entschließung der Deutschen Volkspartei hervorgehoben wird, müssen sich unsere innerpolitischen Verhältnisse jetzt auf der Grundlage unserer Außenpolitik befestigen. Der „Vorwärts" hat diesen Ruf zur Sammlung und zur inneren Befestigung eine Scheidung der Klaffen genannt. Dieses Urteil trifft vollkommen daneben, nicht um eine Schei-
eine Scheidung der Geister. Es gilt jetzt nach der Annahme der Londoner Abmachungen eine Regierungskoalition ins Leben zu rufen, die auf sicheren Füßen steht. Wenn sich die Sozialdemokraten selbst von dieser Arbeitsgemeinschaft ausschließen, so ist es ihre Schuld und nicht die der andern.
Daß sich bei der Behandlung der Völkerbundsfrage die Geister scheiden, haben die Er- eigmsse der letzten Zeit genügsam bewiesen. Der Eintritt in den Völkerbund ist für Deutschland eine Frage des nationalen Ehrgefühls. In diesem Sinne ist denn auch die Regierung zu Werke gegangen^ Das Memorandum, das den zehn Mächten des Völkerbundsrates voraussichtlich am Montag zugleicherzeit überreicht werden wird, enthält diejenigen Forderungen, die die deutsche Regierung vor einem etwaigen Aufnahmegesuch an den Völkerbund gesichert sehen will. Der Leitgedanke des Memorandums ist die Erlangung voller Gleichberechtigung und die Ablehnung aller Zumutungen, die gegen unser Ehrgefühl verstoßen müssen. In anderen Fragen aber ist noch ein erheblicher Widerstand zu überwinden. Es wird sich zeigen, wie die Absage der Regierung an den Kriegsschuld- artikel des Versailler Diktates in dem Rahmen dieser diplomatischen Aktion ausgenommen wer. den wird. Es wird sich auch zeigen müssen, ob die Mächte damit einverstanden sind, daß Deutschland sowohl die unmittelbare Kriegs- kührung im Auftrage des Völkerbundes wie auch die Stellung von militärischen Kräften zu solchen Zwecken und den Durchmarsch durch sein Gebiet unter allen Umständen ablehnt. Deutschland ist infolge seiner völligen Wehrlosigkeit außerstande, sein eigenes Dasein zu schützen, wenn es durch den Völkerbund in derartige militärische Abenteuer gestürzt werden sollte. Nehmen wir ein naheliegendes Beispiel. Ein gemeinsamer Krieg Frankreichs und Polens gegen Sowjet-Rußland könnte leicht dazu führen. daß sich das Schauspiel vom Jahre 1812 wiederholt: Durchmarsch der Franzosen und Einverleibung eines deutschen Kontingentes zum Kampfe gegen Rußland. Deutschland muß volle Sicherheit haben, daß es gegen eine solche un= mögliche Kombination unter allen Umständen gesichert ist, ehe es an seinen Eintritt in den Völkerbund denken kann. Auch das ist ein Gebot internationaler Ehre, denn wir müssen es ablehnen, als einziger Staat, der zur Entwaffnung gezwungen ist, das Spiel anderer Staaten Zu spielen, die sich noch voller Rüstung erfreuen. So läßt das deutsche Memorandum eine ganze Anzahl von Fragen noch offen, bie ers klipp und klar beantwortet werden müssen, ehe für Deutschland die Perspektive auf den Völkerbund klar geworden ist»
Der zweihmitertsle Jahrgang -es „Sanaaer Anzeiger".
Wenn diese Blätter hinausflattern, hat der zweihundertste Jahrgang des „Hanauer Anzeiger" begonnen. Am 27. September 1725 erschien seine erste Nummer unter dem Titel „Wöchentliche Hanauer Frag- und Anzeigungs- Nachrichten" — am 27. September nächsten Jahres wird es ihm vergönnt sein, sein 200= jähriges Jubiläum zu begehen. Mehrfache Titeländerungen sind in diesen 199 Jahrgängen vorgenommen worden, ehe die heutige Bezeichnung „Hanauer Anzeiger" gewählt wurde, die erst vom 1 Mai 1872 ab datiert, und zahlreiche Stürme politischer und wirtschaftlicher Natur hat das Blatt bestehen muffen. bis in die letzte Zeit. Doch es hat sie glücklich bestanden und deshalb stellt das kommende 200jährige Jubi- Wum einen stolzen Lebensabschnitt in der Geschichte des Blattes dar, daß es berechtigt erscheint, auf dieses kommende Ereignis schon bei Beginn des neuen Jahrganges hinzuweifen. Es kann sich heute natürlich nicht darum handeln, ein Bild der .zwei Jahrhunderte im Leben des „Hanauer Anzeiger" zu geben — dies sei der Jubiläumsnummer im nächsten Jahre vor- behalten —, -aber dennoch drängt es uns, ganz
nung M tun. Erblicken wir doch in dem Umstand, daß es dem „Anzeiger" vergönnt ist, seinen 200. Jahrgang anzutreten, einen Beweis dafür, daß er tief in der Hanauer Bevölkerung mut- seit und aus der engen Verwurzelung mit Volk und Heimat seine Kräfte zieht. Anfänglich ein Anzeigenblatt — und zwar eines der ältesten Deutschlands — hat sich der „Anzeiger" nach und nach zu einer Tageszeitung ausgestaltet, die allen modernen Anforderungen einer Provinzpresse entspricht. Der „Anzeiger" hat sich im Laufe der Zeit alle neueren Errungenschaften und Hilfsmittel auf dem Gebiete des Zeitungswesens zu eigen gemacht, um seine Leser vollauf zu befriedigen. In den letzten Jahren hat er sogar angesichts der Verteuerung aller Gegenstände des täglichen Bedarfs die Großstadtzeitung ersetzen muffen und er hat sie ersetzt, denn er ist in de>r Lage, über alle Vorgänge in erschöpfender Weise zu berichten. Ein umfangreicher Nachrichtendienst steht ihm zur Verfügung und zu allen politischen und wirtschaftlichen Tagesfragen wird felbfiänbia Stellung genommen. Weiter ist der „Anzeiger", wie es in der Natur der Kreisblätter liegt, ein Organ für örtliche und provinzielle Angelegenheiten. Alle Erscheinungen und Ereignisse des täglichen Lebens werden von ihm gewissenhaft wiedergegeben und seine Leser finden es ganz in der Ordnung, wenn Wer eine Versammlung, die am Abend stattgefunden hat,
Die deutsche Regierung ist sich vollkommen bewußt, daß sie mit ihrer Aktion eine neue Aera der deutschen Außenpolitik eröffnet, in der Deutschland sich aus der Stellung des gedemü- tigten Paria wieder aufzurichten versucht. Wie aber haben die Sozialdemokraten diese Frage behandelt? Sie sind lediglich im Taumel der alten Erfüllungspolitik auch hier dem Aus- ranbe in würdeloser Weise nachgelaufen und haben sich dabei nicht gescheut, die Regierung und die Parteien, die hinter ihrer Fraktion stehen, in der übelsten Weise zu beschimpfen. In den letzten Wochen haben wir eine Hetze erlebt, wie sie giftiger und niedriger kaum ge= dacht werden kann. Daß ein Zusammenarbeiten unter diesen Umständen nicht länger möglich ist, versteht sich von selbst. Soll aber die notwendige Umgruppierung möglich sein, so müssen sich auch auf der rechten Seite die Geister scheiden. Wir erwarten, daß der Vertretertag der Deutschnationalen am 30. September beschließt, die volle Regierungsverantwortung zu übernehmen, damit mit der Regierungserweiterung sofort ans Werk gegangen werden kann. Rasches Handeln ist notwendig, da allerhand
am anderen Tage ausführlich berichtet wird. Den lokalen Teil unter Einschluß des Landkreises Hanau zu pflegen, ist von feher das Hauptbestreben des „Anzeiger" gewesen, um das wirtschaftliche und kulturelle Band, das Stadt und Land verbindet, noch fester zu schlingen. Ein geradezu patriarchalisches Verhältnis, das wir nicht missen möchten, tritt hier in Erscheinung. Zahlreiche Mitarbeiter vom Lande senden laufend ihre Berichte über alle wichtige- ren Vorkommnisse und Ereignisse ein, sodaß ein getreues Abbild der in steter Wechselbeziehung zueinander stehenden ländlichen und städtischen Verhältnisse entsteht. Daß auch die wissenschaftlichen und geistigen Interessen des Publikums durch entsprechende Feuilletons gepflegt und den Theater-, Musik- und sonstigen künstlerischen Bestrebungen Rechnung getragen wird, bedarf wohl kaum der Erwähnung, abgesehen von den sonstigen Gebieten, denen der „Anzeiger" sein Interesse zuwendet. Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang auch die große wirtschaftliche Bedeutung des Inseratenteils des „Anzeiger", in dem sich das gesamte öffentliche und Wirtschaftsleben von Stadt und Land widerspiegelt.
Es kann heute zu Beginn des 200. Jahrganges gesagt werden, daß der „Anzeiger" in der verflossenen Zeit jederzeit bemüht gewesen ist, das Heimatgefühl zu stärken, die bodenständigen Kräfte zu beleben und zu fördern und der Erforschung der Heimat wertvolle Dienste zu leisten, daß er aber auch ernsthaft bestrebt ist, ein Kämpfer für Fortschritt und Weiterbildung zu sein und sich für die sittlichen Kräfte unseres Volkes einzusetzen. Gemeinsinn und Nat irr. algefühl, Heimat- und Vaterlandsliebe zu fördern, wo es nottut unerschrocken und kraftvoll die Wahrheit zu sagen, überall aber durch sachliche Aufklärung, frei von V? ' - 'ne, verständigend und versöhnend unter dem Volke und Parteien zu wirken, diese Ziele hat sich der „Anzeiger" im Laufe der verflossenen 199 Jahre gesteckt und in diesem Geiste schreitet der „Anzeiger" auch in den 200. Jahrgang. Schwer ist die heutige Zeit, wirtschaftlich wie innen« und außenpolitisch, doch mag uns noch so viel geraubt worden sein, eines kann und wird man uns nicht rauben:
Den festen Glauben an die starken prüfte unseres Volkes, die uns aus dem Dunkel der Gegenwart wieder in eine hellere Zukunft führen müssen.
Dieser Glaube ist unser Wegbegleiter, und mit ihm gehen wir trotz aller Not der Gegenwart hoffnungsvoll in den 200. Jahrgang.
dunkle Machenschaften am Werke zu sein scheinen, um die Erweiterung der Regierung nach rechts noch in letzter Stunde zu stören. So schreibt die „Volksstimme" in ihrer gestrigen Nummer: „Wir wünschen in erster Linie, daß der Reichspräsident die Regierung des Kapitalistenblocks nicht ernennt, daß er lieber ein sozialistisches Kampfministerium beruft und den Reichstag auflöst. Ist der Reichspräsident dafür nicht zu haben, fo halten wir die schärfste unablässige Opposition für notwendig." Man sieht, daß die Widerstände gegen eine wirklich tragfählge deutsche Regierung außerordentlich stark sind und daß diese Widerstände gerade von denen ausgehen, die früher immer am lautesten die Lehre von dem allein seligmachenden Parlamentarismus verkündet haben.
Für baldige Umbildung der Regierung im Reich und in Preußen.
Berlin, 26. Sept. Anläßlich des Bezirks- partcitages der Deutschen Volkspartei in Berlin hielt der frühere Reichwirsichaflsminifler Raumer im Bürgersaal des Rathauses eine Rede. in der er u. a. auf die Frage der
Heranziehung der Deutfchnatls-, nalen zur Reichsregierung emAng und dazu erklärte: Dix können keine starke Innen- und Außenpolitik treiben, wenn große und die besten Teile des Volkes und fast die ganze Landwirtschaft dauernd in der Opposition sind. Dir wollen mit der Heranziehung der Deutschnationalen uns nicht ändern. Das, auf das wir uns einigen, ist unsere Politik. Die Bezeichnung „Dürgerblock" ist irreführend. Ich stehe nicht auf dem Standpunkt, daß die Sozialdemokratie zu jenen Parteien zu rechnen ist, mit denen man nie wieder Zusammenarbeiten kann. Wir würden es begrüßen, wenn der Gedanke der Arbeitsgemeinschaft sich noch einmal verwirklichte. Richk einen Bürgerblock wollen wir schaffen, sondern einen Block, der alle schaffenden Stände umfaßt, alle die positiv zum Staake und zur jekigen Wirffchasis- ordnung stehen. Solange eine Partei aber die jetzige kapitalistische Wirtschaftsordnung bekämpft, kann sie nicht an ihrem Wiederaufbau arbeiten. Der Minister mahnt unter lebhaftem Beifall der Parteimitglieder den führenden Parteimitgliedern in der Partei ihr vertrauen zu erhalten.
Folgende Entschließung wurde angenommen, in der es heißt: Die Vertreterversammlung vom 25. September gibt der Erwartung Ausdruck, daß wie im Reich so auch in Preußen baldigst die Umbildung der Regierung in der Weise vollzogen wird, daß auch die deutschnaffonale Volkspartei zur verantwortlichen Mitarbeit herangezogen wird. Die Versammlung vertraut, daß die Mitglieder der Deutschen Volkspartei im Reichskabinett bei der schwerwiegenden Entscheidung des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund die nationalen und wirtschaftlichen Interessen unseres Volkes zu wahren wissen
Eine Auslassung Ser Deulfch- nalionalen.
Die deutsch-nationale Korrespondenz schreibt u. & zur politischen Lage: Der auf Beschluß der Partei- vorstandeS der Deutschen Volksparei erfolgte Schritt bei der Reichsregierung, gibt, wie mit Befriedigung festgestellt werden kann, die Hoffnung auf ein Fortschreiten der politischen Entwickelung im staatsbürgerlichen Sinne. Auch die Mitteilung, daß der Reichskanzler seinerseits die Initiative zur weiteren Entwickelung ergreifen wird, zeigt uns, daß ernsthaft an die Heranziehung der 6 Millionen deutsch-nationalen Wähler zur deutschen Volksgemeinschaft gedacht wird. Es wird nun darauf ankommen, welche Entschließungen die deutsch-nationale ReichstagSstaktion und Partei- vertretung am 29. und 30. 9. fassen werden.
Der Fall Parmoor aufgeklärt.
Lord Parmoor hat in einem Briefe an Dr. Stresemann erklärt, daß er sich getäuscht und daß keinerlei Unterredungen über den Völkerbund zwischen ihm und Dr. Stresemann in Henley stattgefunden habe. Unser Botschafter in London Sthamer hat erklärt, daß Lord Parmoor nach dem Frühstück im Garten an ihn die Bemerkung gerichtet habe, er hoffe, daß nun der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund kein« Schwierigkeiten mehr machen werde. Parmoor wurde dann abberufen, sodyß Sthamer nicht antworten konnte. Der Fall ist damit völlig aufgeklärt.
Eine öeukjchs Stole an Frankreich. Gegen die Erhebung der 26prozenligen Exportabgabe.
Berlin, 26. Sept. Die deutsche R e g i é * rung hat der französischen Regier rung folgende Note zustellen lassen:
Die Note vom 20. September, in der die französische Regierung mitteilt, daß sie durch Dekret nam 19. September beschlossen habe, die deutsche Einfuhr nach Frankreich mit Wirkung vom 1. Oktober ab mit einer Reparationsabgabe in Höhe von 26 Prozent nach dem Vorbilde der englischen Reparationsabgabe zu belasten, beehrt sich die deutsche Regierung wie folgt zu beantworten:
Nachdem durch Ziffer C des Artikels 4 der Anlage 3 des Londoner Protokolls vom 16. August bestimmt wurde, daß für die Uebergangszeit sich die monatlichen Zahlungen der deutschen Regierung u. a. auch um den geschätzten monatlichen Ertrag des Reparation Recovery Act und die entsprechenden Maß- nahmen anderer alliierter Regierungen vermindern sollen, ist die deutsche Reyierung bereit, für die Uebergangszeit in glei* cher Weise wie beim German Reparation Act bei Durchführung der Erhebung der franMif