Nr. Z14
Donnerstag den 11. September
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Lokales.
Hanau, 11. September.
Pechvogel auf Reisen.
Er reift mitten zwischen Glück und Unglück.
seines bekommt er voll zu kosten. Weder mit I schweren Verbrechern noch mit allein-reisenden s schönen Damen macht er Bekanntschaft. Seine 1 Aufmerksamkeit ist voll in Anspruch genommen von der Sorge für seine Brieftasche, seinen Koffer, seine Fahrkarte, seinen Kofferschlüssel rrnd seine Uhr. Dazwischen hinein wirft er ängst - liche Blicke auf die Landschaft. Zuganschlüsse sieht er hundertmal nach, erwischt aber trotzdem mit Beharrlichkeit einen, der 'nur Sonntags verkehrt. In Städte kommt er Montags, wenn die Mästen geschloffen sind, an der Gren-ze erfährt er, daß die für ihn zuständige Paßstelle in Nürnberg ist. Niemand zerbricht im Hotel
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einen Waf-chk-rug, nur er, weil er von der ersten Minute an jede Unachtsamkeit zu vermeiden entschlossen war.
In einem Anflug von Zerstreutheit zerknüllt er, in der Meinung es sei ein altes Tram- bahstbillett, seinen (Sepäctauifberoafyru und wirft ihn ins Wasser. Die Folgen sind schrecklich. Na-chts kommt er in ein Hotel, geht noch einmal aus und vergißt vollständig den Namen seines Absteigequartiers, weil èr sich memnotechnisch mit der Nummer feines Zimmers beschäftigt hat. Er erfährt zu spät, daß die Wildbachklamm eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges gewesen wäre. Zwei Stunden ist er in einem Gasthaus gesessen,das zebn Minuten vor der Wegbiegung liegt, von der aus man einen einzigartigen Blick auf die Gletscher hat. Mit Beharrlichkeit hat sich in seinem Hirn fest’ genistet, daß 15 Uhr gleich 5 Uhr nachmittags ist. Das erschwert das Reifen ungemein. Er beschließt, am Samstag nachmittag eine Dampferfahrt zu machen, die in italienisches Gebiet führt. Er bezahlt zwei Franken für den Schein, erfährt aber gleichzeitig, daß das Konsulat, dessen Stempel er braucht, erst am Montag vormittag wieder aüfmacht.
Er kommt in eine Stadt immer dann, wenn gerade ein Turnfest dort ist, sodaß er nach stundenlangem Umherirren froh sein muß, im teuersten-Hotel, dessen Gepäckträger er amBahn- Hof verächtlich abgewiesen hat, für viel Geld das schlechteste Zimmer zu bekommen. Er weiß nicht, daß es Städte mit zwei Bahnhöfen gibt, die nicht sehr tuest auseinander liegen. Er nimmt sich eine Bergtour vor, Mäst aber ergrimmt weiter, als er draußen den Regen plät- schem hört. Gegen 10 Uhr vormittags wird ihm klar, daß das ein Springbrunnen fein
sich großartig auf die Suche nach verborgenen Schlemmerstätten, kehrt aber am dritten Tag, nachdem er außer Spaghetti nur das Gegenteil von seinen Leibspeisen „«bestellt" hat, reumütig in das deutsche Hotel zurück. Die Rucks-ackschnur reißt ihm ausgerechnet in dem Augenblick, wo der Zollbeamte die ve-rbongenen Zigarren bereits übersehen hatte. Er liest die Aukichrift „Kein Trinkw-asser" erst, nachdem er seinen Durst gelöscht hat und verbringt eine schlaflose Nacht mit deutlich gefühlten Anzeichen von Cholera. Bon de-m italienischen Glanz Luganos begeistert ruft er anläßlich einer Nationalfeier laut eviva Italia und vergißt, daß er sich noch auf Schweizer Boden befindet. Er erregt unliebsames Auffehen. Beim Ko-ffereinpacken freut er sich, wie bequem er diesmal seine Sachen untergebracht -hat. Er vergißt, daß feine Hemden fehlen, die er zum Waschen gegeben hat. NaclZd-em er sich drei Tage gelangweilt in einer fremden Stadt herumgetrieben hat, fällt ihm im Zuge ein, daß sein bester Freund aus der Schulzeit hier seit Jahren seinen Wohnsitz hat. Nach-ts endlich vor seiner Wohnung ankommend, muß er bemerken, daß er die Hausschlüssel im großen Koffer verstaut hat, den er als Passa- giergut aufgegeben hatte.
muß.
In jedem Menschen, der im Zug ein ®e= sprach mit ihm ansangen will, wittert er einen
Am Sie Herabsetzung -er Gütertarife.
Ein Berliner Blatt brachte gestern die Meldung, daß am kommenden Montag gleichzeitig eine Herabsetzung der Gütertarife und der Kohlenpreise erfolgen werde. Wir wir von gut informierter Seite hören, eilt diese Meldung auf jeden Fall den Tatsachen voraus. Die Der- kehrsverwaltung ist, wie man weiß, zu einer Herabsetzung der Gütertarife grundsätzlich bereit. Aber während von mancher Seite die Ansicht vertreten wird, daß die Eisenbahnverwaltung, damit überhaupt ein Anfang gemacht werde, mit der Herabsetzung der Gütertarife vorangehe, dürfte mit einer solchen Maßnahme wohl kaum zu rechnen sein, solange nicht eine Sicherheit dafür gegeben ist, daß gleichzeitig Ermäßigungen auf anderen Gebieten eintreten, die wiederum der Reichsbahn zugute kommen. Als solche Maßnahmen kommen u. a. in Frage neben der Ermäßigung der Kohlenpreise die Herabsetzung der Umsatzsteuer und auch die Verbilligung der gegenwärtig noch sehr hohen Bankprovisionen. Im Rahmen einer allgemeinen Preissenkungsaktion, wie sie offenbar von der Regierung beabsichtigt ist, müßten natürlich auch die deutschen Wirtschaftskreise sich zu Verbilligungsmaßnahmen verstehen. Wie wir hören, sind nach verschiedenen Seiten hin in den letzten Tagen Verhandlungen gepflogen worden, doch liegt ein greifbares Ergebnis bisher noch nicht vor.
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-“ âlreundstchen Blick zuwi-rft, eine gefährliche Per- ^x son und erinnert sich, obwohl schon 40 Jahre M ast, krampfhaft der guten Lehren seiner Mutter. In plötzlicher Geistesverwirrung wirft er ■ den Hut aus dem Fenster, beißt in seine Zigarre ud legt die Bananen — -ausgerechnet Bananen B — in das Gepäcknetz. In der sicheren Erwartung beständigen Wetters verbringst er die ersten H zwei strahlenden Tage in einer Stadt, um am dritten bei strömendem Regen in die Alpen zu H fahren. Er bestellt an zehn Orten, die er zu bereisen gedenkt, das Zimmer voraus, obgleich alle Hotels leer stehen und muß sie telegraphisch abbestellen, weil er am ersten Tag den Anschluß ■ verpaßt hat.
In einem italienischen Städtchen macht er
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Die aüf den Stichtag des 9. September fee rechnete Großhandelsindexziffer des Statistischen Reichsamts ist gegenüber dem Stande vom 2. September (121,6) um 2,5 v. H. auf 124,7 gestiegen. Von den Hauptgruppen haben sich Lebensmittel von 112,1 auf 117,1 oder um 4,5 o. H., davon die Gruppe Getreide und Kartoffeln von 100,5 auf 107,1 oder um 6,6 v. H. erhöht. Industriestoffe gingen von 139,2 auf 138,9 oder um 0,2 v. H. zurück. Die Gruppe Kohle und Eisen blieb mit 129.4 nahezu unverändert. Inlandswaren zogen von 114,3 auf 118,2 oder um 3,4 v. H. an, während Einfuhrwaren von 158,0 auf 157,4 oder um 0,4 v. H. nachgaben.
* Landesrak Osius t- Am Sonntag ist in Caffel der Landesrat a. D. Geh. Regierungsrat Dr. jur. Rudolf Osius nach kurzem Leiden sanft entschlafen. Rudolf Osius wurde am 9. Mai 1847 in Hanau geboren. Er ist Mitbegründer des hiesigen Stenographenvereins 1860, der jetzt in der Kurzschriftvereinigung Babelsberger aufgegangen ist. Osius studierte die Rechte, war o6n 1876 ab Amtsrichter in Werden a. d. Ruhr und kam im Frühjahr 1882 als Mitglied der Direktion der Qandeskreditkaffe nach Cassel. 1902 wurde er Landesrot und erhielt am 9. September 1905 den Charakter als Geh. Regie- rungsrat. Seit dem 1. Oktober 1910 lebte er im Ruhestand, der aber dadurch auf zwei Jahre unterbrochen wurde, daß er sich zu Beginn des Weltkrieges trotz feiner angegriffenen Gesundheit zur Verfügung stellte und den Posten eines zur Front einberufenen Landesrates versah. Hatte Dr. Osius schon als Mitglied der Direktion der Landeskrediikasse der Verwaltung des Hessischen^ Bezirksverbandes sehr wertvolle Dienste geleistet, so hatte er fast mehr noch als Landesrat Gelegenheit, fein gründliches Wissen dem Dienste der Allgemeinheit zur Verfii- gung zu stellen. Als Dezernent für die Landes- biblivtheken und besonders für die Fürsorgeer- ,Ziehung Minderjähriger sowie als Förderer von Kunst und Wissenschaft hat er sehr segensreich gewirkt. Weiten Kreisen wurde jedoch sein Name besonders durch sein unermüdliches Wirken für das Rote Kreuz bekannt, dem seine ganze Liebe galt.
* Gütersendungen ins befehle Gebiet. Mit der Aufhebung der Zollgrenze zwischen dem besetzten und unbesetzten Gebiet ist eine Aenderung in der Abfertigung nach den im Regiebetrieb gelegenen Stationen nicht eingetreten. Sendungen ins besetzte Gebiet, dessen Eisenbahnstationen sich im Regiebetrieb befinden, sind unter Vorausbezahlung der Fracht nach wie vor auf die Tarifübergangspunkte zu richten. Daß die Weiterführung im Regiebetrieb erfolgen soll, muß auf dem Frachtbrief vermerkt sein. Zulaufbewilligungen (Derogations) sind nicht mehr erforderlich.
* Zur Kriegerelkernverforgung. In der letzten Zeit sind viele Anträge bezugsberechtigter -Kriegereltern seitens der Bersorgungsämter abgelehnt worden, weil die gezogenen Einkommensgrenzen zum Teil überschritten wurden. Den anhaltenden Bemühungen des Reichsbun- des der Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen ist es gelungen, diese Bedürftigkeitsgrenzen bedeutend zu erhöhen. Die Einkommensgrenze beträgt für einen (Elternteil mit Wirkung vom 1. August d. Is. 80 v. H. der Vollrente des Verstorbenen ohne Ausgleichszulage (bisher 60 v. H.). Für einen Elternteil find also mit Wirkung vom 1. August 1924 die monatlichen Höchstetn- kommensgrenzen wie folgt festgesetzt: Ortsklasse A Mk. 30.—, B Mk. 29.30, C Mk. 28.30,
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Reichsbundes hier, Beratungsstu-nde jeden Mittwoch abend 7 Uhr, zur Stadt Bremen, zu stellen. Für Mitglieder erfolgt Beratung kostenlos.
* Unfall. Ein hiesiger Kabinettmeister wurde dieser Tage auf der Steinheimer Mainbrücke als er auf dem Rade fuhr von einem Auto er- faßt und ein Stück mitgeschleift, wobei das Rad zertrümmert wurde und er selbst Verletzungen davontrug, die aber soweit sich bis jetzt feststellen läßt erfreulicherweise nur äußerer Natur zu sein scheinen.
* Von der Straßenbahn erfaßt. Heute vor« mittag gegen 9 Uhr wurde Ecke Nürnberger- und Hirschstraße ein schwerhöriger 82 Jahre alter Arbeiter von hier beim Ueberschresten der Straße von der elektrischen Straßenbahn ersaßt und zur Seite geschleudert. Der Verletzte, der stark blutete, wurde- ins Landkrankenhaus gebracht.
* Luftpostsendungen nach Japan. Die Luftpost Königsberg (Pr.) — Moskau, werktäglich ab Königsberg 7 Uhr norm., Anschluß von Der. lin mit Zug D 7, ab Berlin Schses. Bhf. tags vorher 7.12 Uhr nachm.; befördert auch gewöhnliche und eingeschriebene Luftpostbriefsen. düngen nach Japan. Die Sendungen müssen den auffallenden Vermerk „Mit Luftpost über Rußland" tragen, wobei die Verwendung der grünen bei den Postämtern erhältlichen Klebezettel „Mit Luftpost" empfohlen wird. Außerdem befördert die Luftpost wie bisher auch Sendungen nach Sibirien, China und Persien. Zeitgewinn gegenüber der gewöhnlichen Beförderung 42 Stunden. Flugzuschlag neben den gewöhnlichen Auslandsgebühren für Postkarten 20 Pfg., für je 20 Gr. anderer Brieffendungen 30 Pfg.
* Stadltheater Hanau. Aus dem Theater» büro wird uns geschrieben: Am Montag, 15. September, wird die Abonnementsliste geschloffen. Da noch einige gute Plätze vorhanden sind, möchten wir die dringende Bitte an das Publikum richten, sich nach recht zahlreich am Abonnement zu beteiligen. Die Direktion nimmt für die kommende Spielzeit eine Reihe anspruchsvoller fünf tierischer Aufgaben in den Spielplan auf. Es ist darauf Bedacht genommen, für das Erscheinen wertvoller Neuheiten zu sorgen und solche in wohlvorbereiteten abgerundeten Aufführungen, die als höchstes Ziel der Theaterkunst betrachtet werden, den Abonnenten rechtzeitig vorzuführen.
* Regenweller und Polizeistunde. Eine „er» lösende" Entscheidung hat das Reick ege richt -getroffen im Widerspruch zu mehrfachen Urteilen anderer Gerichte. In einer Wirtschaft in Hannover waren noch Gäste anwesend, als die Polizeistunde schlug. Der Wirt gebot Feierabend Inzwischen hatte ein sehr heftiger Regen eingesetzt, der die Gäste veranlaßte, sich noch im Lo- da s^ckexpO A^ÄWir
klasse A Mk. 37.50, B Mk. 36.60, C k. 35.40, D Mk. 34.20, E Mk. 33.— (seither Mk. 16.30). In der Frage der Möglichkeit der Unterhaltspflicht durch noch lebende erwerbslose Kinder hat das Reichsarbeitswinisterium mit Erlaß vom 24. April 1924 VII. 1855/24 folgendes verfügt: Erwerbslos -gewordene Kinder werden im allgemeinen nicht in der Lage fein, ausreichend für ihre Eltern zu sorgen. Immerhin darf die Erwerbslosigkeit sticht nur vorübergehend unv nicht von den Kindern selbst verschuldet sein. Die letzte Anmeldefrist für Kviegereltern läuft bekanntlich am 1. April nächsten Jahres ab, weshalb es ratsam erscheint, diesbezügl. Anträge sobald als möglich bei der hies. Ortsgruppe des
n plötzlich ein Schutzmann auf der Bildfläche. Dieser erstattete Anzeige gegen den Wirt. Das Amts- und Landgericht verurteilte diesen, obwohl feftftanb, daß er nach der Polizei- stunde nichts mehr verkauft hat, das Reichsgericht sprach ihn indeffen frei, indem es als erwiesen betrachtete, daß lediglich der Regen der Grund des längeren Verweilens war. Ein solcher Grund könne aber nichts Strafbares sein.
* Aunstgefchichke. Die Teilnehmer an der Vortragsreihe über Malerei des 15., 16. und 17. Jahrhunderts werden hiermit daran erinnert, daß die Vorträge wieder regelmäßig Donnerstags abends 8 Uhr in der 1. Klaffe der Mädchen-Mittelschule stattfinden.
Vor dem Sturm.
Roman von Hans Schulze.
(Nachdr. verboten.)
13. Fortsetzung.
Mit zitternder Hand nahm er enX eine Abendzeitung auf und versuchte zu lesen.
Aus großen Ueberschriften schrie ihm noch immer der Mord in Sarajewo entgegen, die Empörung der Kulturwelt, die Trauer in Palast und Hütte.
Doch schon nach kurzer Zeit begannen, bie Buchstaben vor seinen Augen zu tanzen, daß er das Blatt wieder niederlegte.
Das Cafe hatte sich unterdes langsam ge- füllt.
Die schmeichelnden Rhythmen eines Modewalzers stahlen sich leise in den Milden Sommerabend hinaus.
Ein Kellner trat zu ihm heran und fragte, ob er noch Befehle habe.
Er winkte ihm ab, kurz und schroff, mit zerstreutem Blick, und schob ihm ungeduldig ein größeres Geldstück hin. Es wiederstrebte ihm allmählich immer,stärker, weiter so am Tische zu sitzen, in dieser tatenlosen Müßigkeit, zu verharren.
Und doch fehlte ihm die Kraft, aufzustrhen aus einemunbestimmtenAngstgefühl heraus und der peinigenden Zwangsvorstellung, daß man ihn^von allen Seiten beobachtete.
Seine Haut brannte, Schweißperlen standen ihm auf der Stirn.
Mit einer suchenden Bewegung tastete er in sein Jackett und zo-g ein Taschentuch heraus.
Ein leiser Duft von Peau d'Espagne stieg aus dem battistenen chewebe auf.
Peau -d'Espagne!
Evas Lieblingsparsüm, das eine jede ihrer Bewegungen, ihre Kleider, chre Haut wie ein -arter Hauch umwehte.
Wie taim er zu diesem Tuche?
Und dann zuckt es auf einmal wie ein Blitz' strahl vor ihm nieder.
Bet Axel hatte er es in seinem Sessel gefunden.
Bei Axel! —
Da schwieg die Musik mit einem schrillen Gei- genakkorde, daß ihm die plötzlich einsetzende Stille auf einmal wie ein Abgrund schien.
Walter erhob sich.
Mit unsicheren Schritten drängte er sich zwischen den enggeftellten Tischen zum Ausgange.
Dann stand er vor einem Nause in der Speyererstraße und lehnte sich schwer gegen die eiserne R-ampenstange eines Schaufensters.
Er dachte plötzlich wieder ganz sinn- und zusammenhanglos.
Kein Weg, kein Wille schienen ihm mehr deutlich.
Und nur der eine Gedanke hämmerte unablässig durch sein schmerzendes Hirn; Axel und Ev-a! —
7. Kapitel.
Acht Tage waren ins Land gegangen.
In
Acht Tage, wie sie die Sonne nie liebevoller diesem glücklichen Sommer gesegnet hatte, mit blauensHimmel, mit Frieden und lachender
Fruchtbarkeit.
Am dritten Juli waren die sterblichen Ueber- reste des ermordeten Erzherzogpaares in der Gruft zu Arfftetten beigeisttzt worden, und vier Tage später hatte Kaiser Wilhelm seine Nord- landreise angetreten.,
Die gewaltige Erschütterung des furchtbaren Ereignisses von Sarajewo verebbte langsam in dem gleichmäßig flutenden Strom der Zeit.
Uebevall in deutschen Landen sang wieder das Lied der deutschen Arbeit.
Es brauste im Gewühl der großen Städte, es donnert in Werften und Fabriken, es zitterte leise über den stillen Baustänen deutscher Geisteskultur, in Zeichensälen und Laboratorien, über Kmvtovpul-tein und Kathedern.
Nichts schien verändert, alles ging seinen gewöhntest Gang.
Und die Welt, die an einem schwarzen
Junksormtag in der bangen Ahnung eines ungeheuren Schicksals bis in ihr Innerstes hinein erbebt war, schwang langsam wieder in den ruhig geregelten Kreislauf des Alltaggetriebes zurück.
In Walter war seit seinem Besuche bei Axel eine grundstürzende Wandlung seines ganzen Wesens vor sich gegangen.
Gleich am andern Tage hatte er unter einem erdichteten Vorwände seine Wohnung im Grunewald auf@eg.eben und war in ein Pensionat auf dem Kurfürstendamm übergesiedelt.
Er fühlte, daß er nicht länger mehr imstande war, mit Eva in dieser engen Gemeinschaft weiter unter einem Dache zusammen zu leben, daß er sich ganz von ihr lösen, sich auf ein völlig neues Daseinsgebiet hinüberretten mußte, und doch war Tag und Nacht in seinem Innern nur ein einziger großer Gedanke der Sehnsucht, ein heißes, fieberndes Verlangen, das wie eine fremde, rätselhafte Kraft über ihm waltete, und all' seine Entschließungen ständig in ihr Gegenteil verkehrte.
Vom frühen Morgen an war er straßenauf, straßenab unterwegs in einer jagenden Unruhe, die sein ganzes Nervensystem in peinvoller Spannung hielt, daß er im Gewühl des Kurfürstendammes zuweilen jäh zufammenschreckte, wenn in den drängenden Massen unvermutet eine schlanke Blondine vor ihm auftauchte.
In jedes Auto warf er suchende, forschende Blicke; immer wieder glaubte er die Geliebte plötzlich vor sich zu sehen.
In der Bozener Straße hatte er einen förmlichen Ueberwachungsdienst eingerichtet und saß täglich stundenlang in dem Vorgärtchen einer kleinen Konditorei, von der aus er Axels Wohnung unablässig im Auge hatte.
Zuweilen überkam ihn in dieser Unrast tausendfach erwogener und wieder verworfener Schritt fast eine Verachtung seiner selbst und eine brennende Scham, wie unwürdig dies heimliche Spüren und Spionieren im Grunde
eigentlich war, daß er am liebsten offen vor Eva hingetreten wäre und Aufschluß von ihr begehrt hätte, rückhaltlos bis zum letzten, nur, um dieser kaum mehr erträglichen Ungewißheit ein Ende zu machen.
Er fühlte sich in solchen Augenblicken völlig als Anwalt des Vaters; in der krankhaften Ueberreiztheit seiner ganzen Stimmung wuchs der Fund bei Axel, dem er zu anderer Zeit vielleicht eine ganz harmlose Deutung gegeben hätte, allmählich zu einer bergehohen erdrücken, den Beweislast an, daß er als seine einfachste Sohnespflicht empfand, jenen beiden die heuchlerische Maske vom Gesicht zu reißen.
Dann aber lähmte ihn die Erinnerung an die Nacht auf der Terrasse immer wieder jede Entschlußkraft, nahm ihm allen Halt und all' die kühle Festigkeit, die vordem sein verläßlichster Panzer gewesen war.
Und groß und zwingend erhob sich in ihm die vernichtende Ueberzeugung, daß es letzten Endes ja gar nicht die Ehre des alten Mannes war, die den heißen Vergeltungswillen aus den durcklen Urgründen feiner Seele immer von neuem in ihm onfpeitschten, sondern eine grenzenlose, würgende Eifersucht, die oft wie ein entfesseltes Feuer durch seine Glieder schlug und alle ruhige Besonnenheit, alle Klarheit und Freiheit des Denkens in ihren Flammen verzehrte.
Auch an Axel waren die letzten Tage nicht ohne tieferen Eindruck vorübergegangen.
Die Auseinandersetzung mit Walter hatte ihjn selbst noch einmal mit aller Schärfe vor Äugen geführt, wie eng seine eigene Zukunft mit dem Geschicke des künftigen Schwiegervaters verbunden war.
Fortsetzung folgt