Hanauer N Anzeiger
General-Anzeiger / Amtliches Organ für Stadl- und Landkreis Kanan a. M.
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Dienstag den 26. August
1924
Die Aussprache im Reichslag.
Sergl gegen das Londoner Abkommen; das deulsch-nalionale Ziel: Durch Ablehnung zu neuen Verhandlungen.
Wenn Macdonald aber Schuld hat, dann be«
Gestern hat die große Aussprache der politischen Parteien über die Londoner Abmachungen und die mit ihnen im Zusammenhang stehenden Gesetze begonnen, ohne jedoch eine Klärung der parlamentarischen Lage zu bringen. Die Frage, wie sich die deutschnationalen Abgeordneten bei der Abstimmung über die Dawesgesetze verhalten werden, verbleibt weiter ungelöst, obwohl der Führer der Deutschnatio- Men gestern den Satz prägte: „So bleibt für uns rebus sic stantibus nichts weiter übrig, als die Ablehnung des Gutachtens." Dieser Satz gilt nicht für die gesamte Fraktion, da eine Reihe deutschnationaler Abgeordneter von Rhein und Ruhr bereits in den seitherigen Besprechungen zum Ausdruck gebracht haben, daß es ihnen nicht möglich sei, für die Ablehnung zu stimmen. Und da die Partei keinen Fraktionszwang ausüben wird, so ist man noch im Unklaren, was am Abstimmungstag — voraussichtlich der Donnerstag — vor sich gehen wird, da man nicht weiß, ob die Zahl der mit Ja stimmenden Deutschnationalen ausreichen wird, dem Eisenbahngesetz die erforderliche Zweidrittelmehrheit zu sichern.
Bemerkenswert ist die Erklärung des Reichskanzlers, daß die Regierung in London den Abmachungen zugestimmt habe und am 30. August ihre Unterschrift unter den Pakt setzen werde. Diese Erklärung bedeutet, daß die Regierung auch im Falle des vorläufi- 5eu Scheitems des Eisenbahn ge- sèFe-s am 30. August in London die formale Unterzeichnung vornehmen wird.
Berlin, 25. Aug. Um 12% Uhr wird die Sitzung vom Reichstagspräsidenten eröffnet. Das Haus ist dicht besetzt; fast das gesamte Kabinett hat am Regierungstisch Platz genommen. Der Präsident teilt mit, daß der Gesetzentwurf über die Zölle und Umsatzsteuern dem Reichstag zugegangen ist. Die Angelegenheit des ausgeschlossenen Kommunisten Dr. Schwarz wird dem Aeltestenausschuß, Anträge aus Einstellung der Strafverfahren gegen den Nationalsozialisten Dr. Roch und den Kommunisten Stetter werden dem Geschästsordnungsausschuß überwiesen.
Dann tritt das Haus in die Besprechung der Regierungserklärung ein. Mit ihr verbunden wird die erste und zweite Lesung sämtlicher Gesetzentwürfe, die mit dem Londoner Abkommen in Verbindung stehen.
Als erster Redner erhält der Deutschnationale
Kergt
das Wort. Er erinnert daran, daß bei der letzten großen Aussprache im Reichstag der Deutschnationale Schultz-Bromberg die Stellungnahme der Deutschnationalen zu der Re- giemng von ihrem Verhalten in London abhängig gemacht habe. Hergt fährt fort: Heute sind die Herren aus London zurückgekehrt, und heute sind wir Deutschnationalen zu unserm Bedauern — ich stelle das ausdrücklich fest — selber genötigt, unserem Mißtrauen nach verschiedenen Richtungen hin Ausdruck geben. Wir müssen unserem Mißtrauen Ausdruck geben, gegenüber den Verhandlungsergebnissen, gegenüber den voreiligen Gesetzen und gegenüber den Ministerreden vom Samstag. (Zustimmung bei den Deutschnationalen.)
Die deutsche Delegation hat sich auf den Standpunkt gestellt: Unannehmbar hin, unannehmbar her. Es muß zu einem Ausgleich kommen. Was soll die ewige Rücksichtnahme auf Herriot? Unsere deutsche Außenpolitik ist nicht uuif eine Person, nicht aus Herriot, nicht auf Macdonald eingestellt. Die Völker haben miteinander zu verhandeln. Wir können vor der ganzen Welt die Feststellung nicht unterlassen, M auch Macdonald an diesem Umfall eine Mitschuld trägt. Die ganze Zeit vor der Londoner Konferenz hat die englische Regierung gissen lassen, daß sie den Standpunkt der Bankiers teile, daß Deutschland, um das Sach- verständigen-Gutachten erfüllen zu können, frei sein müsse, daß die Räumung des Ruhrgebietes zu erfolgen habe. Wir mußten diesen Erklärungen unbedingt vertrauen können. Jetzt hat Macdonald, die Abtrennung dieser Frage zugestan- ven. Wir glauben auch heute noch, wo es bei-
zu spät ist, an ihn den Appell richten zu Jussen, diesen Umfall wieder gutzumachen.
rechtigt das die deutsche Regierung noch lange nicht zu ihrem Umfall. Gewiß sind die Zugeständnisse der Räumung innerhalb bestimmter Fristen Vorteile für Deutschland, aber wir müssen immer berücksichtigen, daß alle diese Besetzungen rechtswidrig waren. Die handelspolitische Gefahr ist nach unserem Gefühl künstlich ausgebauscht. Im Interesse des Ansehens Deutschlands und im Interesse der Wahrung des deutschen Rechtsstandpunktes sind wir anderer Meinung als die Reichsregierung. Der Rechtsstandpunkt ist der einzige und letzte, was Deutschland als Waffe geblieben ist. Wir sehen durchaus nicht einen Segen in den Bankiers. Aber objektiv betrachtet, war ihre Haltung Deutschland von Nutzen. Wir vermissen eine Ausnutzung dieser Situation durch die deutschen Delegierten.
Unsere Hauptsache hat uns Dr. Stresemann früher schon so oft gezeigt, man wollte eine frei- willige Unterschrift von Deutschland haben. Da mußte die deutsche Regierung sagen: Wenn Ihr auf den Forderungen besteht, und wenn die Bankiers das mitmachen, dann bleibt nichts übrig, als es uns zu diktieren. Nichts von freiwilliger Unterschrift Deutschlands! (Lebhafte Zustimmung rechts.)
Zum 1. Oktober sind wir zu handelspolitischen Verhandlungen mit dem Gegner verpflichtet. Dabei steht der Feind im Land. Da PeinVerhandeln doch ein Ding der Unmöglichkeit. Hinsichtlich der Räumung des Sanktions- gebietes Düsseldorf, Duisburg-Ruhvort haben wir nichts weiter als Hoffnungen. Es liegt kein Part, keine Unterschrift der Gegner vor. Die englische Begründung der Ablehnung der Räumung von Düsseldorf, Duisburg-Ruhrort ist für unsere Regierung
geradezu niederschmelkernd.
Der englische Premierminister gibt der deutschen Regierung Belehrung darüber, wie sie handeln müsse. Macdonald hat erklärt, die Räumung der Kölner Zone könne nur unter der Voraussetzung erfolgen, daß Deutschland seine Verpflichtungen in der Abrüstunasfraae erfüllt habe.
Die Rechte, die die Franzosen für sich beanspruchen, sind mit der deutschen Souveränität überhaupt nicht vereinbar. Frankreich behält sich das
Recht zu Sanktionen
vor, wie Herriot in der Kammer erklärt hat. Auch macht er darauf aufmerksam, daß die Sicherheitsfrage auch noch zugunsten Frankreichs gelöst werden würde. Und dann, wo ist die Hauptfrage der Kriegsschuld geblieben? (Sehr wahr! rechts.) Was nun die materiellen Fragen angeht, so sind auch hier Erfolge nicht zu verzeichnen gewesen. Im Gegenteil, die deutsche Regierung hat nicht vermocht, die in dieser Beziehung eingetretenen Verschlechterungen rückgängig zu machen. Der Reichskanzler behauptet freilich, es seien Verbesserungen erreicht worden. Es handelt sich aber immer um rein formelle Zugeständnisse, weiter nichts. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Keine Garantie gegen unbegrenzte Sachlieferungen, Deutschland wird zu einer Negerkolonie herabgodrückt. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Und so bleibt nach allem für UNS rebus sic stantibus
nichts übrig als die Ablehnung.
Wir wollen nicht, daß Deutschland zu einer Reparationskolonie wird. Wenn die Zweidrittelmehrheit nicht zustande kommt, dann ist nicht alles aus, wie der Kanzler sagt, sondern dann muß von neuem verhandelt werden. Auch die Alliierten wissen, was für sie vorteilhafter ist. Neue Verhandlungen herbeizu- führen, das ist das Ziel unserer Opposition. Hier stehe ich, ich kann nicht anders! Wenn die anderen Parteien den Rechtsstandpunkt aufgeben, wir werden den Kampf weiterführen für die Herbeiführung der nationalen Einheitsfront, die schon längst hergestellt wäre, wenn nicht der Reichspräsident sie verhindert hätte. Wir treten ein für Recht und Freiheit. (Lebhafter Beifall rechts.) .
Nach Hergt ergreift der Sozialdemokrat
Dr. Kttfer-ing
das Wort: Der Vorredner hat manches gesagt,
was darauf hindeutet, daß feine Fraktion sich dem Londoner Abkommen gegenüber ablehnend verhält. Aber die Frage nach der Haltung feiner Fraktion bei der Abstimmung selbst hat er nicht beantwortet. Auch uns befriedigt die jetzige Lösung nicht. Wir haben stets mit aller Kraft die Befreiung des besetzten Gebietes verfochten. Bei der Rechten hat aber der Nationalismus auch in dieser Sache, wie so oft, das wahrhaft Nationale erschlagen. Die Ablehnung des Sachverständigengutachtens aber würde die Krisis verschärfen. Auch wir sehen in dem Ergebnis der Londoner Konferenz nur den
Anfang zu neuen Verhandlungen.
Der Redner sucht dann im einzelnen nachzuweisen, daß die Londoner Ergebnisse keine Verschlechterung des jetzigen Zustandes darstellen. Er verteidigt die einzelnen Teile des Londoner Abkommens und fährt dann dort: Wir sehen in der Durchführung des Gutachtens den Weg zur Freiheit und gleichzeitig zur Stärkung des nationalen Willens, der schließlich nach unserer Ueberzeugung auch den Kapitalismus überwinden wird. Wenn wir ablehnen, kommt es nach Herrn Hergt von selbst zu neuen Verhandlungen. Aber was wird inzwischen aus unserer Wirtschaft und wie wird sich die internationale Situation gestalten? Was wird mit dem Entgegenkommen Amerikas?
Kann der Reichstag keine positive Entscheidung treffen, so ist er arbeitsunfähig und muß weg. (Leibhafter Beifall links.) Dieser Reichstag spiegelt die wirkliche Meinung des Volkes nicht mehr wieder. Wir nehmen den Kampf mit der Reaktion auf und wir werden siegen.
Der Zentrumsabgeordnete
Dr. Kaas
erklärt: Meine politischen Freunde haben, wie im Auswärtigen Ausschuß, sich eine gewisse Zurückhaltung auferlegt. Wir meinen, es sei Aufgabe der Oppositionsparteien, zu zeigen, was nach den Londoner Ergebnissen untauglich ist, andererseits aber auch, positive Vorschläge zur Besserung zu machen. An Kritiken hat es bei der Opposition nicht gefehlt, aber in bezug auf neue Vorschläge ist die Opposition durchaus steril. Niemand von uns leugnet, daß weder die Wünsche noch die berechtigten Hoffnungen des deutschen Volkes durch das Londoner Abkommen erfüllt sind, aber Verbesserungen gegenüber dem bisherigen Zustande sind zweifellos erzielt worden. Trotz schwerster Bedenken werden wir uns daher entschließen, die Haltung der Reichsregierung zu billigen und die Gesetze zur Durchführung des Londoner Abkommens anzunehmen, denn ein „Nein" bedeutet iekt eine außenpolitische Unmöglichkeit.
Der Volksp artetler
Dr. Curlius
führt aus: Wir sind einmütig der Auffassung, daß eine Ablehnung der Regierungsvorlagen unmöglich ist. Das Ergebnis der Verhandlungen in der Räumungsfrage ist auch nach unserer Auffassung dürftig, aber in dieser wie in der Kölner Frage ging Hergts Kritik weit über das zulässige Maß hinaus. Die Politik der Deuffch- nationalen lehnen wir ab. Ihre sieben Punkte haben ihren Zweck erfüllt; sie gehören jetzt der Geschichte an. Wir wollen keine retrospektive, sondern Zukunftspolitik treiben. Die Regierung hat sich beim Eisenbahngesetz auf die Zwei- drittel-Mehrheit festgelegt. Kommt sie nicht zustande, so wird die Reparationskommission erklären, daß das Gutachten nicht in Kraft gesetzt werden kann und die Fristen noch nicht laufen. Ein Volksentscheid kommt nicht in Frage. Leider wird die Auflösung des Reichstages von den Sozialdemokraten aus parteipolitischen Gründen betrieben. Jedenfalls ist es auch noch sehr zweifelhaft, ob die Neuwahlen die erforderliche Mehrheit bringen würden. Es kommt also darauf an, die Gesetze jetzt anzunehmen, sonst wird die ganze Inkraftsetzung des Gutachtens gefährdet.
Ablebnen darf man nur, wenn nicht die Mehrheit des Volkes dafür ist. Dann aber müßte man auch einen besseren Weg zeigen. Hier hat die Opposition völlig versagt. Es kommt hinzu, daß wir die Unerfüllbarkeit des Versailler Diktats genau kennen, beim Dawes-Gutachten aber Aussicht haben, es erfüllen zu können, zumal die Schiedsgerichtsklausel für sie Feststellung unserer Leistungsfähigkeit eingefügt worden ist. Was in London an Erfolgen errungen wurde, ist nur dem zähen Aushalten der deutschen Männer der Roten Erde zu danken. Gerade
darum darf die Regierung nie vergessen, daß wir , â
bisher nur eine Etappe
erreicht haben. Vor Mem muß sie die sofortige Räumung des gesamten besetzten Gebietes verlangen, wenn die anderen handelspolitische Der« Handlungen führen wollen. Wir haben die Pflicht, die Reparationsprovinz zu befreien und ganz Deuffchland dafür einstehen zu (affen. Damit werden wir uns erst die Freiheit und den Rhein wiedergewinnen. (Beifall bei der Volkspartei.)
Der Nationalsozialist
Wulle
bezeichnet das Londoner Abkommen als zwei» tes Versailles. Der Reichskanzler habe freilich bei einem Presieempfang den Wunsch ausgesprochen: „Zurück zum Versailler Vertrag!" Während 1919 noch der größte Teil des deutschen Volkes den Versailler Vertrag als Schanddokument bezeichnete, habe der Feindbund einflußreiche Kreise Deuffchlands zu ganz anderer Auffassung gebracht. Es dürfe aber im Auslande nicht die Meinung aufkommen, daß das deutsche Volk sich mit dem Versailler Vertrag abgefunden hätte. Dieser Vertrag sei auf der Schuldlüge aufgebaut, darauf gründe sich auch das Londoner Abkommen. Auch das Dawesgutachten gehe von der Schuldlüge aus (lauter Widerspruch bei den Soz.). Amerikanische Zeitschriften hätten festgestellt, daß das Dawesgutachten überall den Stempel der Strafe für Deuffchland trägt. Mit der freiwilligen Verein- barung des Londoner Paktes hätte sich die Regierung die Möglichkeit genommen, gegen die Schuldlüge anzukämpfen. Im Londoner Pakt sei die deutsche Souveränität für ein Versprechen hingegeben. Der Kommissar über den Haushalt sei, eigentlich der ungekrönte König Deuffchlands.
Die Nationalsozialisten lehnen die Gesetzentwürfe ab
und erheben Protest gegen diese Versklavung Deuffchlands, zu der die Katastrophenpolitik der Erfüllung geführt hat.
Der Demokrat
Erkelenz
erklärt: Gewiß befriedigt auch uns das Abkommen nicht, aber es handelt sich, eben nur um einen Zwangsvergleich, der uns durch den verlorenen Krieg aufgezwungen wurde. Leider haben die deutschnationalen Vorschläge für die Außenpolitik stets daneben gegriffen. Wir glauben an Deuffchlands Zukunft, an der wir nie gezweifelt haben. Das Londoner Abkommen ist eine Etappe zu einer besseren Zukunft. Jetzt brauchen wir ein zweites Abkommen zwischen Arbeitern und Unternehmern. Dann wird sich zu dem politischen auch ein sozialer Forffchritt gesellen. (Beifall bei den Demokraten.)
Der Kanzler anlworlel.
Reichskanzler Marx wendet sich gegen die Angriffe, die der Abg. Dr. Hergt gegen den Reichspräsidenten gerichtet hat. Er stellt fest, daß sich der Reichspräsident stets allein von sachlichen Gesichtspunkten bei seinen politischen Maßregeln habe leiten lassen. Ebenso widerspricht der Kanzler der Behauptung, die Regierung habe die Schuldfrage nicht entschieden genug behandelt.
Reichskanzler Marx polemisiert dann gégerf die Kritik des Nationalsozialisten Wulle und fährt fort: Wenn die Frage, wie Deutschland aus seiner außerordentlichen drückenden Kreditnot befreit werden soll, nicht klipp und klar beantwortet wird, dann verbitte ich mir die Kritik. Es gehört auch ein starkes Stück dazu, die Behauptung aufzustellen, wir hätten keine Urkunde über die Bereitwilligkeit Herriots zur Räumung der Ruhr mit nach Hause gebracht. In den Akten des Auswärtigen Amtes befindet sich ein Brief von Herriot und Macdonald, in dem die Räumung des Ruhrgebiets in höchstens zwölf Monaten zugesagt wird. Dieser Brief ist von mir angenommen worden. (Der Kanzler verliest den Brief.)
Von meinen Ausführungen vom Samstag habe ich nicht das geringste zurückzunehmen.' Ich sage noch einmal ganz offen: Ich sehe allerdings die Entwicklung der Dinge außerordentlich pessimistisch an, wenn durch die Ablehnung des Reichstags die Londoner Abmachungen scheitern. Sich mit dem Gedanken zu befreunden, es werde gelingen, in absehbarer Zeit, etwa in ein boer zwei Monaten, nochmals eine Konferenz ZusM'menzubringen, dazu gehört ein Optimismus, oen ich nicht teilen