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Ueber den Berg roW der Mond yerauf. Wolken sitzen siegen über ENnburg. Im Firth of Forth bäumt sich die Mut unter den Griffen des Sturmes. Heulend und stöhnend jagen die Wasser heran.

Im grauen Schloß aus der Höhe über der Stobt mar jemand erschlagen, der einer Kö­nigin Vertrauter und Freund war, und seine Mörder sitzen beim Weine und trinken, trinken.

Fahlgelbes Leuchten webt Geheimnisse über Ginster 'md Heidek-rvut und im Tannen- sorst heutet, Wölfe.

In den Dachrinnen des Schlosses aber rve- riefelt und gluckst es wie von fassungslosem Schluchzen.

Der alte Christoph.

Novelle von Kurt Herbst-Charlottenburg.

Nun hat der alte Christoph schon ganz weiße Hoare und wackelt mit dem Kopse. Seine Mn gen Hände umfassen krampfhaft den grvßkrückigen Stock, der sein treuester Freund geworden ist. Der gebrummte Rücken, das magere Knochengerüst aus langen, ge­brechlichen Beiinen sind das AbbÄd eines durch Lebensstü-rme geborstenen MenlhenfckMfes. Unter seinem «erweiterten Strvhhust stehen vereinzelte steife Haarbüschel. Aus dem fahlen Gesicht des Fünftm bsiebzigjährigen schauen üef unter buschigen Brauen und geröteten Li­dern ein paar milde Arngen hervor, deren sanfter Blick verrät, daß der â Christoph sich oft mit sich selbst beschäftigt und eine empfind­same Seele von der zermürbten Leibeshülle umfangen ist Wenn er sich aus seinen täg« Achen Gängen zum Nachbarort, in dem das Postamt ist, mit seiner eigenen Stimme leise vor sich hinmu-rmeÄrd unterhält, zuckt sein Ws Kinn zwischen den beiden Ecken des Kragens, dessen Weiß ein Zeugnis seiner ®= ßentyéit ist. Sein Anzug ist zwar an Ellen­bogen und Knien gestickt, an einigen Stellen glänzend und abgerieben, nie aber steht man daraus Flecken oder Staub.

So wandert der alte Christoph täglich auf der Landstraße dmch den. Fasanemvald nach dem Marktflecken Kroftben, um die w^^tf^ für das entlegene Hohendorf Bitschkau in sei- j ner alten, abgeschabten Posttasche Heimzu - hüten, die meist so platt ist wie die Schote des Hirstmüschelkrausts. Denn in uieser kul- tmsernen Gegend schreiben die Leute selten Briefe und bekommen daher nur wenige zu lesen. Mit einem Paket brauckt er sich fast nie zu beschweren. 2m Kriege kam einmal eins, das die Wertsachen des gefallenen Menze enthielt. Er lieferte es wichtig genug ab.

Bald vierzig Jahre vnHeht " der alte Christoph regelmäßig wie die Sonne seinen Dienst, kommt täglich zu denselben Tages­zeiten an denselben Bäumen und Ackerstreisen vorbei. In den letzten Jahren der Nachkriegs­zeit ist er klapprig geworden. Er geht gemäch- Acher und schwerer, sein Stock nutzt sich merk- Ach am unteren Ende ab und kürzA'at er sich zum ersten Maie aus einem ^en Kiefern- stamm ausgeruht. Er ist wortkarger gewor­den und man fragt ihn so gern nach den Neuigkeiten aus der großen Welt; bedeutet er doch fast die einzige Verbindung zwischen den Heidedörslern und der Menschheit da draußen. Er sieht jeden Morgen den Posttuon in Kro- fthen, plaudert mit der Telefonistin, die den alten, freundlichen Mann besonders in ihr Herz geschlossen hat und für den Alten bei naükallem Wetter eine -taffe Kakao, ein Otas Grog oder einen Schnaps bereithält. Beson­ders seit sein einziger Sohn tat ersten Kriegs* fahre verscholstn und st« die darüber vor

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Oram gestorbene Mutter in die Erde betten mußten.

Der alte ChristopN glaubt srestich nicht an den Tod seines Sohnes sondern hat sich in- den Kopf gesetzt, sein Gustav sei nach Sibirien ver- schleppt worden und werde eines Tages wie» derkv^mmen. Bocher aber werde er noch einen Brief erhallen, auif den er nun tagaus, tagein wartet. Die alte Braunen hat es ihm aus den Karten gedeutet. Bei dem Warten hat er das Schwinden der Jahre vergessen; er ver­mag die Zeit nicht mehr zu schätzen, noch Mo­nate zu zählen. Die vergangenen neun Jahre seit dem Tode der betuluyen Alten sind ver­flogen wie ein Traum, der nur Monate währte.

So ist er stumm. geworden bis aus das Geheimnis von seinem verschollenen Sohn Gustav, von dem er immerfort spricht. Aber der Brief, der die Ankunft melden soll, läßt aus sich warten. So viele Postsachen ihm auch im Laufe der Jahre durch die ^ände gegan- gen sind, für ihn ist keine dabei gewesen. Doch die Hoffnung gibt seinen alten Beinen Kraft; er beschleunigt den Schritt, feine Augen leuch­ten, sein Herz beginnt fcyneller zu schlagen, wenn er bem Postamt näher kommt.

Wenn er noch nicht da wäre! bleibt er von Erregung bemächtig für Augenblicke da nn stehe n.

Aber er kann doch nicht ausbleiben, schon so viele Monate hat er za Zeit gehabt, zu kommen", tröstet er stch und tritt, beruhigt -und von Erwartung erheitert, ins Posthaus. Fast hastig greift er in das Drahtgittergeflecht und entnimmt seinem Fach die für feinen BestellbeKrk bestimmten -Postsachen. Mit zit­ternder Hand holt er umständlich aus seiner Rocktasche eine große Stahlbrille heraus, setzt sie aus seine knochige Nase, während die Blicke schon die Aufschrift des zu Oberst liegenden Briefes überstiegen. Er hat die wenigen Briefe durchgesehen, die Zeitungen nach etwa versehentlich hineingerutschten Postsachen durchsucht. Seinen Namen fand er nirgends geschrieben. Bedächtig zieht er ein grobes, voMau-kariertes Schnupf ttuh aus der Tasche, putzt sorgfältig die Brille und beginnt von neuem Ne Durchsicht, diesmal auch die Rück­seite beachtend. Dann steht er betrübt da, legt die Postsachen zögernd in seine Diensttasche, auf der immer noch der alte Reichsadler zu sehen ist, steckt die Brille ins Futteral, nimmt den Stock und wendet sich zum Gehen.

Na, Vater Christoph, habt Ihr Nach­richt?" fragt der Postmeister fast gewohn- heitsmähig den Wien.

Nee, noch nicht", kommt es zaghaft-ent­täuscht von dessen Lippen. Doch es klingt schon wieder hoffnungsvoller:Er wird aber bald schreiben. Vielleicht morgen schon. Ja, der Postillon sagte mir gestern, in Rußland ginge alles drunter und drüber. Und Schnee sei auch so viel gefallen in Sibirien,s ist halt ein weiter Weg und die Picht wird nicht überall so arbeiten wie bei uns in Krolcken."

Das kommt, weil nicht alle Beamten Christoph Lesiud's sind", klang es vom Schreibpult her, an dem der Postmeister schon wieder die Feder über Aktenbogen führte.

No, denn bis morgen", verabWiedet sich der Wte. Und vor sich hin murmelt er:Mor­gen wird Gustav schon geschrieben haben."

Aber schier um Jahre gealtert schleppt er ee müden Füße durch den Strahenstaub.

nn er seinen Wahn ausgeträumt haben wird, fchnei-dei ihm die Sterne den fieberns« faden ab. Heute freut er sich noch, wenn ihn die Leute aus MiÄâ über sein Geschick fra­gen, ob er einen Brief erhalten habe. Er schüttelt dann immer den Kopf bei dem «Min" und «n besonntes Löcheln sMst um

seine Lippen:Heute nicht, aber.morgen ganz gewiß. Sibiirien liegt ja so weit dahinten . .

Oft schon hat man da-ran gedacht, ihn zu pensionieren, aber immer noch hat die Post- direktion Mitleid gehabt mit seiner körper­lichen und seelischen Armut. Selbst der Abbau hat ihn nicht betroffen, weil man weiß, daß das Bostbolien sein Leben bedeutet.

Eines Tages trifft er an einem WMjch-Sn Plätzchen im FasanenwaD einen Fremden, mit dem er ins Gespräch kommt. Der erzählt ihm, daß man in Kwschen gestern das Ehren­mal für die Gefallenen des Weltkrieges einge­weiht habe.

Das hatte man den: alten Christoph ab« sichtlich verschwiegen, und morgens war im Oertchen noch alles ruhig gewesen, als er die Postsachen geholt. Das Denkmal wollte er sich aber doch beschauen und ließ sich von dem fremden Herrn den Standort beschreiben.

Als er dann nach neun Uhr die Post ver­geblich nachseinem" Brief durchgesehen, geht er bedächtiger als fvnst ohne das gewohnte Melleicht morgen" . . . aus dem Posthause. An der nächsten Straßenecke biegt er gleich zum Mrchplatz ab, auf dem das Ehrenmal stehen soll. An einer Pyramide aus gelbem Sandstein, auf dessen abgeplatteter SpiM ein

Ker eiter Adler sitzt, ist eine Tafel mit den

en der Gefallenen angebracht. Davor steht jetzt der alst Christoph und versucht die Buckltaben zu entziffern. Der Fremde im hell­braunen Wanderanzua kommt gerade über den Marktpbatz. Den bittet der Alte, ihm die Schrift v-orzustsen. Schon beim zweiten Na­men fühlt über der Fremde eine Hand auf den leicht gekrümmten Unterarm gelegt. Der alte Briefträger mahnt ihn durch Gebärden aufzuhören."

G-ustau Lefsud, gefallen am 25. August 1914 bei Tannenberg", klingt es noch immer in seinen Ohren noch.

Gefallen?" fragt er mit zitternder Stim­me den Fremden.

Der nickt nur mit dem Kopfe. Dann weiß er genug, als er in den tieststgenden Llu-gen- ^ihlen Tränen quellen sieht. Er drückt dem Alten die Hand, faßt ihn um den gsbrecystchen Körper und steht länge Zeit da, während der Gebeugte aus die Tafel des Denkmals stiert, ohne etwas entziffern zu können.

Stand Ihnen der Tapfere nahe?" fragt er endlich.

Mein Sohn", kommt es unter Tränen aus bebendem Munde.

Als fich der Fremde nach vielen Trostwor­ten von dem alten Christoph getrennt, wankt der von Schmerz UebevwÄAidgte dem Heimat­dorf zu. 2m Rosanen malt) läßt er sich llig erschöpft just an der Stelle nieder, da er am Morgen dem Fremden begegnet war. Lange hat er vor sich hinMinurmelt, bis er sanft eiln« geschlafen ist.

Als der brave Atte am Abend immer noch nicht helmgekehrt war, begann man noch ihm Ausschau zu batten. Sein Nachbar fand ihn im Wâe, umgeben von einem Rudel Rehe, die ihn treuherzig anschauten und vertraulich beschnupperten. Der alte ^yristoph hatte sei­nen Wahn ausgeträumt. Der schnell herbei- gerusene Arzt drückst ihm leise die Augen zu, die sich ni mmer auftun sollten.

Dämmerstündchen.

Eine Erinnerung von Julius Berstl.

Heute will ich euch von Uvgvohmütterchen erzählen. Es H eine ganz simblie, einfache, unscheinbare Gesch-uyte. Wer im Leben immer nur die Leidenschaiften und den Kampf und die Lttdvochenen Schicksale sucht, der iwird

wohl raum dabei auf feine Rechnung kommen. Wer aber gern in der Dämmerstunde sich im Sessel zurücklehnt, die Augen halb schließt und einer vert-räumstn Melolste lauscht, der möge sich nun zu mir hinneigen und mir seine Mis- Merksamkeit schenken.

Die Jungen haben Urgwhmütterchenim Magen", wie man so zu sägen pflegt. Sie sicht schlecht, sie hört nicht mehr gut, sie ist so umständlich in allen Dingen und steht den an­dern eigentlich immer nur im Wege. Sie zankt, wenn die Kinder mit -den Holzpantoffeln über die Stiege trommeln oder wenn sie die leidigen Schulsprüchlein grat) vor ihrer Ras' iherunterstiern. Sie zankt, wenn die Mägde im Hof stehen und Maulaffen feilhalten, wo sie ihr doch statt dessen den Morgenkaffee und das Hörnchen zum Hineinstippen ans Bett bringen sollten. Sie zankt, wenn dieFrau" sich gar zu neumodisch putzt und so gering« schäKg mit demalten- Plunher", den guten, ausgezeichneten, praktischen Sachen aus Müt­terchens Brautzeit, verfährt. Sie zankt, sie zankt und hat eben ihre tausend Grillen unb Mucken im Kopf, wie alle alten verhutzel­ten Welblein 1

Und weil sies ihr manchmal so derb und geradezu ins Gesicht sagen, zieht sich Mütstr- chen zurück von den anderen und sitzt am Eck­sensstr hinter den blassen, geblümten Kattun- gardinen wie ein lebendes Bild aus aller Zeit. Wenn sie einmal erzählen wollte, so wäre es uns, als blätterten wir in einem vergilbten, stockfleckigen, alten Buche.

So verbringt sie nun ihre Dämmerstünd­chen I

Eigentlich ist ja ihr ganzer Lebensabend eine große, immerwährende Dämmerstunde, voll von Beschaulichkeit, gedämpften Licht und reifem, ausgefofteiem Leben Aber davon weiß sie nichts, will auch nichts davon wissen, hält sich vielmehr für -geschäftig und unent­behrlich und recht geplagt mit tausenderlei Arbeit.

Darum wenn die Dämmerung in tausend grauen^, stumpfen Perlen herabrieseA, fetzt sich Mütterchen am Fensstr in Positur, läßt die Arme sinken unb teuft seufzend: Saure Ar- beit, Me Ruhr!

Wenn das Dämmerstündchen gefoanmen ist . . .!

Es ist so wundersam still: drüben die Thü­ringer Häuschen haben nun weiche, runde Formen angenommen fast, als ob sie ein wenig mehr als sonst in die Ferne Drückt seien.' Das Schloß auf dem Hügel ist in feine Schleier gehüM und blickt recht wie eine vor­nehme Dame herunter aus das winklige Ge­wirr von Dächern. In der Straße regt sich's kaum. Ein klappernder Schritt. Das Rasseln eines Karrens^ der über das holprige Pstäster ungehalten zu sein scheint. Das Kläffen eines Hundes. Alles Stimmen, die spurlos an Mütterchens Seele vorübergleiten.

Aber nun hebt neben dem Torweg der- stanienbaum der ja jetzt in Müst stehen muß! leise zu summen an. Da zwinkert's und blinzelt's tief in Mütterchens Augen. Eui Schatt -springt hervor wie ein kleines Fünkchen und purzelt über hundert FäAen hinweg, bis er sich's kichernd in den scharfen Mundwinkeln behaglich macht. Ob sie in dem -Mstern-Üen Dlätterrauschen ein Lied aus alten Tagen ver­nimmt, eine Jugendmelodie, die ihr den Zau­ber längst vergessener Zeiten wieder heraus­beschwört? .. .

WdrMch, da ist die ganze Dergangenhett in der Sitten Seele wachgevufeu und steht nun vor ihr in milden, ein wenig verwaschenen Farben.

Sie humpelt zur Kommode und langt ein duftendes Marv-auinalhcim hervor. Und stutzt.

3 ~

Soll sie die vielen, vielen Namen, die darin verzeichnet sind, an sich vorübergleiten lassen? Vielleicht, daß sie gar nicht damit zu Ende kommen würde! Denn jeder Sterne bebeutet ein ganzes reiches Menschenleben und jeder Schnörkel unter dem Namenszug den Ab­schluß, den Tod !

Es weht ein feiner, zarter Duft aus den gelblichen Wättern, in dem wirkt und webt ein vergangenes Geschlecht. Ein leichter Mo­derduft, der stumpfe Geruch verwelkten, blassen Lorbeers, der die Erinnerung an Gruft und Grab weckt, zittert mit ihm empor und teilt sich der weichen Abendluft mit.

Soll Mütterchen lieber die Bänder und Schleifen ihrer Jugend hervorkramen, heim­liche Webespsänder, Sinnbilder treuer Freund­schaft, die stets ein verschwiegenes Dasein in Kommode und'schespind führen mußten, tief versteckt unter duftendem, kösMchem Lin­nen? Oder soll sie in den Silhouetten lesen, Ne von der verschossenen, hellblauen Tapete zu ihr ^herun-t erblicken ?!

Nichts von dem allen heust!

Schlsthliich haften ihre Blicke doch immer wieder an den paar Reliquien ihrer Jugend, den verehrten Heiligtümern, die die Zauber­kraft besessen haben, der alten Frau die Erin­nerung rosiger zu färben.

Ich aber will euch insgeheim verraten, was ihre runzligen Wangen aufteuchten und ihr ganzes Wesen aus einmal jugendlicher erschei­nen läßt. ~ . .

Mütterchen trippelt zürn Spiegel: er ist so gravitätisch, so gemessen, so feierlich, nur der rosige Schein des geschliffenen Glases gibt ihm etwas, das wie das Lächeln einer ehrwürdigen Matrone anmutet

Er hängt unglücklich Er hat nichts m die Augen Springendes. Und dennoch neigt sich Mütterchen so feierlich vor ihm und blickt st ehrsurchtvoll in sein Glas hinein.

Er hat ja seine Erinnerungen. Und was für Erinnerungen gar!

Einmal wie schnell doch die Zeit ver­gangen ist! ftaUb kein anderer als Friedrich Schiller vor ihm: Hochgewachsen, engbrüstig, ein wenig vornübergeneigh und lächelst hinein aber es war ein schmerzliches, abschied- nehmendes Lächeln.

Und Mütstrchen, damals ein blühendes Dmg, stand hinter ihm, rosig vor Erregung, hatte 'die Hänoe wie in der Kirche gesotten und mar bis tief in die Seele hinein erschrocken über dies gequälte Lächeln.

Und neben dem Spiegel, in eine dämmerige Ecke gestemmt, steht ein hoher Armstubl, mit Kattun überzogen. Dem wendet Mütterchen sich nun zu und macht einen ehrbaren Knurs und wird rot und senkt die Stirn wie ein junges Mädchen.

Still! Stört sie nicht! Goethe sitzt ja in dem Lehn fessel und blickt sie wohlgefällig an. Er ist schon alt der gravitätische Geheinn Rat und sein Blick ist nicht mehr so feurig wie in der Jugendzeit, aber er hat lächelnde, junge Frauen immer so .gern gehabt bis ins Alter hinein. ,

Davon kann auch Mütstrchens Mbel erzäh­len. Nehmt sie nur von dem kleinen Eck- schränkchen .herunter, gleich weht euch ein mat­ter Duft von gepreßten Blumen entgegen. Und -schlagt ihr das heilige Buch auf, so findet ihr einen alten, vergilbten Rosenstrauß darin: nicht mehr ft» farbenfroh wie damals, als Goethe ihn freundlich der reizenden, jungen Frau verehrst aber dafür so wundersani feierlich und zu Gedanken anspornend.

Er ist heilig in seiner rührenden Schlicht­heit. Geheiligt sind auch die Matter, Ne ihn umschließen. Ist es ein Zufall, daß ihm zur Sette das üobelied Satomonis jauchzt: «Siebe,

meine Freundin, du bist schon; schön bist btt deine Augen sind wie Taubenaugen!" und wiederum sehnsüchtig zu bangen scheint:Da ist die Stimme meines Freundes! Siehe, er kommt und hupfet auf den Bergen und sprin­gst auf den Hügeln!"

, . . . Still! Still! Mütterchen ist ganz in sich gufamengefünfen. Ihre gefalteten Hände zittern. Im Gesicht zuckt und arbeitet es, als wollte es sich aus tiefster Seele emporrmgen und zu einem Gebet werden.

Das Alter überblickt noch einmal die Spanne Zett, die wirdas menschliche Leben" nennen, und hebt mit zitternden Händen leuchtende Schätze aus dem Strome der Erinnerung.

Ehe das letzte DämmerftUn-dchen an- bricÄ ...!

ooooocoo

Der Weg zum Glück.

Skizze von Heinrich Diegmann-HLgen.

Das Wort löschte alles in ihr aus. Sie vergaß den strahlenden, seidig glänzenden Sommerhimmel und den Silberfaden der Quelle, die am Wege murmelst. Sie wußte wieder, daß ihr linkes Bein kürzer war als das rechst, und ein wehes Gefühl spannte ihrc Brust.

Ich lese ein wenig in dem Buche", entgeg­nest sie mit einem müden Lächeln um den scharfgeschnttenen Mund und legst Ne Mcher- tasche auf die Bank.Hier sitze ich in bei Sonne, es ist so still, und ich träume el was. Eilt euch meinetwegen nicht, ich kann warten."

In einem auswallenden Empfinden nahm tue Schwester ihre Hände.

Hanne, nicht böse, gelt? Ich bringe dir von oben Weideröschen mit, und Alfred «oll sie dir zum Strauß binden. Nachher wollen wir recht fröhlich fern. Weißt du noch, wie wir uns als Kinder über dst hübschen Blumen freuten?"

Der Bräutigam, an dessen Arm Grete hing, versprach lächÄnb, den Vorschlag zu be­folgen. Johanne versicherte mit Weichen Lip­pen, sie würde bei ihrem Buch in der Waldes- ruhe nichts entbehren. Deshalb dürften sie aus keinen Fall sogleich zurückkommen. Liebes­keust hätten wohl manchmal allein zu plau­dern. Ja, sie wisse es. Ein Weinen saß ihr in der Kehle, als sie das sagte. Dann war fit fast froh, als beide winkend und schäkernd de« Vera httvansttegen.

Lange blieb es still, indes Tränen ihre Augen füllten. Seife, ganz leise nur koste ein wider Hauch die Blätter, und ein müder Trauermantel taumelst vorüber. In der war»

men Lust jagten sich glänzende Megen. Eine Quelle rieselst, und ihr Rauschen klang wie der gedämpfte Bogenstrich feiner Zwerggelgen.

Es tot so weh, immer wieder an den körperlichen Fehler erinnert zu werden . . .

Humpel-Hanne!" hatten ihr in der Ju­gend die Gespielen oft zugerufen und schaben*, froh gelacht, wenn sie herzbrechend Muchzst. Meib lieber zu Haus, Hanne. Das Gehen wird dir leicht befthwerlich." Damit muhte sie oft Hütter den Kameradinnen, zurückssthen. Dabei war sie jung und sehnte sich nach Freude. Das Mitleid, das man- fhr entgegen- brachst, verstärkte nur das bittere Bewußtsein ihres Gebrechens. Ms schon zwei jüngere Ge- schwister geheiratet hatten, fand sie einen Schatz. Sie hungerst ja nach Liebe.Sei nicht böse", schrieb ihr Ludwig vor der Ver» loburig ab.Du würdest dem Haushalt nicht so vorstehen können, wie es sein mühte. 3i| kann wirklich nicht." Das inußte f i e können:, verzichtest und entbeheren. Nur auf sich selber gestellt sein. Ktavierstunde geben, damit sie M essen hatte, freute und morgen , ,