Hanauer
General-Anzeiger / Amtliches Organ für Sladl- und Landkreis Kanan a. M.
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Sir. ISO
Samstag den 2. August
1924
Das Neueste.
— Die drohende Hochwassergefahr für Ob-er- bayem kann als beseitigt gelten. Seit gestern ist der Wasserstand der Alpenflüsse wieder im Sinken begriffen.
— Bundeskanzler Seipel wird am 2. Sep- jember wiederum sein Amt antreten, nachdem cr von den Folgen des auf ihn verübten Attentates genesen ist.
— Die französische Kammer hat sich gestern vormittag auf unbestimmte Zeit vertagt und dem Präsidenten überlassen, im Einvernehmen mit der Regierung das Haus wieder einzube- rufen,
1914—1824.
Krieg. — Wie ein Wetter war és über uns gekommen, urplötzlich. Was wußten wir vom Krieg? Wer kannte das Wort? Wir hörten wohl auch von den Vätern von den siegreichen Schlachten aus dem Ringen gegen Frankreich im Jahre 1870—71, aber wer wußte was dieses kurze Wort barg? Da prasselten die Ereignisse wie ein Hagelwetter auf uns nieder und als genau vor zehn Jahren die ersten Schüsse durch die Luft peitschten, als die Völket gegeneinander lmsitanden, als der durstigen Erde zum ersten Mal ein Blutopfer gerächt wurde, als in 70 Millionen Deutschen kein anderer Gedanke Platz griff als das Vaterland- zu retten, da erlebte ein jeder vor uns den Krieg. Da hörten wir nicht nur den Klang, sondern wir wußten nun die Bedeutung des Wortes. Aber mit diesem Wissendwerden verband sich ein Schicksal, der Anfang eines zehnjährigen Leidensweges, wie « jtßdi niemals von einem Volke gegangen Äs ist. Das Ringen yuo an. âGM dem man Degeneration und Untergang prophezei! hatte, vollbrachte ein Wunder. Zwei' Millionen Kriegsfreiwillige, die besten des Volkes, eilten zu den Waffen. Zwei Millionen waren bereit sich zu opfern für das Volk. Fort von den Schulbänken, oder den Hörsälen, fort aus den Fabrikräumen, fort von der Drehbank, dem Amboß oder dem Kontorpult, wurde aus den Arbeitern, Angestellten und Schülern eine Schar jungerHelden. Jenes Heer von Begeisterten, die nur ein Ideal kannten: Vaterland. Sie wußten auf einmal alle um dieses Ideal, sie sahen es wie einst jene Größten unseres Volkes, wie Schiller und Hölderlin. Sie achteten nicht den Tod, mit klingendem Spiel stürmten die mann- gewovdenen Jünglinge in die Schlacht. Von Sieg zu Sieg zog das deutsche Heer. Tief in Feindesland standen unsere Truppen und der Endsieg schien uns gewiß. Der Krieg wurde getragen von den Besten des Volkes, das gab ihm feine Größe.
Es ist das Schicksal des Helden zu sterben. Auch der deutsche Held kehrte nicht zurück. Wie einst Hektor der brutaleren Gewalt erlag, so erlag auch der deutsche Held, verlassen von der Heimat, die Hunger und Not zermürbt und zerrieben hatte. Der Held wurde im Stich gelassen, als es galt den letzten Kampf auszufechten. Die Revolution war gekommen. Keine Revolution, bie überholte Formen stürzte, keine Revolution die sich gegen Unterdrücker und Ausbeuter rich- lete, sondern eine Bewegung, die da Frieden und Ruhe um jeden Preis haben wollte. Eine Revolution, die unter dem Zeichen „Frieden, Arbeit und Brot" geführt wurde. Alles dieses materielle Güte^. Damit war ihr äußerer Erfolg bei der Masse gesichert, denn die Menge mird immer dem folgen, der ihre Bedürfnisse am meisten befriedigt. Dieses Fehlen eines jeden Realismus, das der Revolution im Gegensatz ?um Kriege anhaftete, rächte sich nur zu bald. Unter der Leiüenszeit, die uns ein hysterischer Feind in langen Jahren zufügte, nachdem wir die Waffen längst aus den Händen gelegt hatten, offenbarte sich die ganze Hohlheit jener Helden vom 9. November. Statt dem Frieden, den wir erhofft, begann ein zweiter Krieg. Ein Stieg, der nicht mit Gewehren und Kanonen geführt wurde, sondern ein Kampf gegen ein mehrloses Volk, das seinen Namen unter ein Dokument gesetzt hatte, das seine Alleinschuld w dem Völkerringen beglaubigte. Den Höhepunkt erreichte dieser neue Kampf im Ruhr- ‘tieg. Wieder fanden sich Kämpfer, die nicht Uach Gut und Blut fragten und bereit waren R für ihr Volk zu opfern. Aber diesmal war R Masse des Volkes noch eher zerrieben und
Kampf mußte abgebrochen werden. Deutschland hatte den zweiten Krieg verloren. In London aber beraten die Mächte um die Bedingun
gen des Friedens, ohne den Besiegten an den Verhandlungstisch zu rufen.
Einen Leidensweg hat das Volk zurückgelegt, das einst an der Spitze von allen Kulturvölkern stand. Man hat Deutschland versklavt und wehrlos gemacht wie den stolzen Löwen, der einer Meute von Jägern zum Opfer gefallen ist. Wir sind heute nicht mehr das Volk der Freien, sondern werden uns fortan dem fügen müssen, was anglo-amerikanische Kapitalisten für unser Volk geeignet halten. In dem kommenden Decennium wird wieder ein Kampf beginnen. Vielleicht werden die Fesseln gelockert, vielleicht macht man es uns leichter, aber gerade dieses scheinbare Wohlwollen mit dem deutschen Volke ist uns gefährlich, denn es liegt im Grundcharakter des Deutschen sich vertrauensselig dem Feinde in die Arme zu werfen und eher dem Bruder zu mißtrauen als dem Manne, der es versteht eine schöne Geste zu machen.
Konferenz in Lonöon.
Ueberweisungssrage. — Vollkonferenz am Samslag.
London, 1. Aug. Der Dritte Ausschuß setzte fast ununterbrochen Beratungen über die Ausarbeitung des ihm übertragenen Teils des französischen Memorandums fort, er wird heute abend und nötigenfalls abermals in der Nacht weiterarbeiten, um für die auf morgen, Sa-ms- tag, vormittag 11 Uhr einbebufsne Plenarsitzung der Konferenz feinen Bericht fertig zustellen. Die Vollkonferenz wird wohl debatte.os den Bericht, beziehungsweise den Vorschlag, des Ausschusses, entgegennehmen. Erst nach dem Eintreffen der Deutschen, die morgen durch Vermittlung der nähme der deutschen Delegation in eine Debatte über isämtliche Ausschußberichte eintreten, wobei möglicherweise abermals eine Bearbeitung in den Ausschüssen erfolgt; denn die Gegenstände der Veraltung sind -großenteils hochgradig technischer Natur. Es ist also Tatsache, daß die Konferenz bei dem Eintreffen der deutschen Abordnung zwar die Ausschußberichts angenommen, aber keineswegs von alliierter Seite aus definitiv verabschiedet haben wird, zumal da ja auch die Bankiers offiziell noch nicht zu den Ausschußberichten Stellung genommen haben.
Was die in die Länge gezogenen Verhandlungen des Dritten Ausschusses betrifft, dürfte zwar der Gedanke einer Schiedsin.tanz gegen das Urteil des Ueberweifun-gskomiters, wie ich bereits berichtete, in gewissem Umfang, das heißt zur prinzipiellen Befriedigung der französischen Regierung -angenommen werden, aber bestunterrichtete Beobachter erklären es für ausgeschlossen, daß die Bankiers sich mit einer Verletzung der Souveränität des nach beim Dawesplan èinzusetzenden Ueberweisungskomitess bei wichtigen Entscheidun-gen abfinden würden, elbst wenn der Vorschlag des Ausschusses eins olche Verletzung der vitalen Idee des Dawes- llans empfehlen sollte.
Die Premiers haben einen ruhigen Tag und warten -ab. Maodonald entfloh den Sorgen, die sich durch die irische Frage beträchtlich vermehrt haben, bis morgen in die Idylle von Ehequers.
Einladung der Deutschen.
London, 1. August. Wie verlautet, findet morgen vormittag um 11 Uhr eine Vollsitzung der Konferenz statt.
London, 1. August. Unterrichtete Kreise sind der Ansicht, daß der Beschluß, morgen eine Vollkonferenz abzudalten, bedeutet, daß die Einladung an Deutschland spätestens morgen erfolgt.
Die Räumung des Ruhrgebiets.
Paris, 2. August. Der Sonderberichterstatter des »Quotidien" schreibt aus London, die englischen De- iegierten seien der Meinung, und Macdonald selbst habe gestern nachmittag die Hoffnung ausgesprochen, daß die Konferenz am Donnerstag der nächsten Woche zum Abschluß kommen könne. Wie eS auch sei, neben den eigentlichen Konferenzarbeiten der Ausschüsse, die ausschließlich die Ausführung des, Sackverständigen- planeS zum Gegenstand haben, seien Besprechungen der französischen, belgischen und deutschen Regierung im Gange. Die wichtigsten Besprechungen bezögen sich auf die Räumung der Ruhrgebiets. Die englische Delegation würde natürlich auf dem laufenden gc- halten, da eS der gemeinsame Wunsch Herriots und Macdonald» sei, die beiden Fragen der Besetzung des Rudrgebiets uhb der Kölner Zone miteinander zu verbinden. Gestern nachmittag habe Macdonald einen umfangreichen Bericht seiner Rechtssachverständigen über die Besetzung des Kölner Brückenkopfes erhalten, und mit nach ChegnerS genommen. Es wäre also verfrüht, wenn man jetzt schon sagen wollte, auf welcher Grundlage die Verständigung in diesen beiden
Fragen zustande kommen werde. Auf alle Fälle aber könne behauptet werden, daß nicht davon die Rede sein könne, die französischen Truppen int Brückenkopf Kehl durch englische Truppen zu ersetzen, wie das leichtfertigerweife von gewissen Berichterstattern angekündigt worden sei.
Hughes in Berlin.
Berlin, 1. August. Der amerikanische Staatssekretär Hughes wird am Sonntag, den 3. August, gegen 7 Uhr vormittags auf dem Bahnhof Friedrichstraße eintreffen. Houghton, der amerikanische Botschafter in Berlin, wird den Staatssekretär an der
Ankunft Hughes auf dem Bahnhof zugegen sinn Am Sonntag mittag hat Reichspräsident Ebert den Staatssekretär Hughes zum Frühstück eingeladen. Voraussichtlich wird Hughes am Montag noch in Berlin bleiben.
SlaNflik der ReparaUonskommifflvn über die deuischen Leistungen.
Berlin, 1. Aug. Die Repko hat wieder einmal eine Statistik über die deutschen Leistungen veröffentlicht. Diese letzte Statistik soll die Leistungen bis 30. Juni 1924 umfassen. Die Berechnungsmethoden der Repko sind bekannt. Sie berücksichtigen gemäß den Vorschriften des Versailler Vertrages nur einen Teil der deutschen Leistungen, die Deutschland in Ausführungdes Versailler Vertrages zu machen hat. Erhebliche Teile der deutschen Leistungen, z. V. das gesamte im Ausland liquidierte deutsche Eigentum sind in der Statistik der Repko nicht enthalten. Nach einer von deutscher Seite aufgestellten Berechnung haben die deutschen Leistungen, wie von Professor Brentano eingehend dargelegt ist, schon am 31. Dezember 1922 über 41h, Milliarden Goldmark betragen.Seit Abschluß dieser Statistik hat Deutschland weitere erhebliche Leistungen bewirkt. Die freiwilligen Leistungen, insbesondere die Sachlieferungen aller Art und Leistungen an England gemäß dem Reco- very Act haben vom 1. Januar 1923 bis 30. Juni 1924 die Höhe von 540 Millionen Goldmark erreicht. Nebenher liefen die von den Einbruchsmächten im Rheinland und Ruhrgebiet erpreßten Lieferungen. Diese Lieferungen können auf annähernd eine Milliarde Goldmark geschätzt werden. Ein im vergangenen Jahre vom Institute of Economies in Washington herausgegebenes Buch über die Zahlungsfähigkeit Deutschlands beziffert bekanntlich die an greifbaren Werten von Deutschland seit dem Waffenstillstände bis zum 30. September 1922 in Gestalt von anrechnungsfähigen Reparationszahlungen gemachten Leistungen auf 26 Milliarden Mark als Mindestbetrag, wobei aber besonders hervorgehoben ist, daß nach Ansicht der Verfaffer Deutschland mit Recht den Anspruch erheben kann, daß ihm noch weitere Beträge gutgeschrieben werden Zu den gleichen runden Ztffern gelangt Prof. Keynes für die Zeit vom Waffenstillstand bis 10. Januar 1923
Das Ergebnis des Personalabbaues im Reiche.
Nach einer dankenswerten Feststellung, die soeben in der Deutschen Juristen-Zestun-g Dr. Moll veröffentlicht hat, war die Kopfzahl der am 1. Oktober 1923 im Reichsdienst befindlich gewesenen Beamten, Angestellten und Arbeiter (einschl. Reichsbank, Post und Reichsdruckerei) 1592 214, davon Beamten 825 955, Angestellte 60 747 und Arbeiter 705 512. Während nach § 1 der Abbauverordnun" nur 5 Prozent dieser Zahl bis 1. Februar 1924 und weitere je 5 Prozent zum 1. März und L April 1924 ab- geb-aut werden sollten, befaftos; die Reichsregierung wegen der finanziellen Not bis Ende Januar 1924 10 Prozent, bis März 1924 20 Prozent abzubauen, Tatsächlich sind bis 31. März
In den vergangenen zehn Jahren haben wir oft genug Gelegenheit gehabt das wahre Gesicht der Leute jenseits der deutschen Grenzpfähle kennen zu lernen, ziehen wir daraus die Lehre und üben wir Selbstbesinnung. Im deutschen Volk muß wieder ein Geist erstehen, der dem gleicht, der vor 10 Jahren wie ein Frühlingsföhn über uns gebraust kam, ein Geist wahren Heldentums. Die Zeit, die diesen Geist neu gebiert, ist noch nicht gekommen und es wird wohl noch lange währen ehe uns wieder ein Geschlecht ersteht in der Kraft und Stärke wie es das Deutsche Reich in den Augusttagen 1914 fand. Aber die Zeit muß kommen und wird kommen. Unsere Aufgabe aber muß es fein, den Geist des Idealismus hochzuhalten, auf daß dereinst Deutschland wieder erblühe im Zeichen von Einigkeit und Recht und Freiheit. Rü.
1924 abgebaut: 396 868 Beamte, Angestellte und Arbeiter. Von den am 1. April 1924 noch im Reichsdienst befindlichen 54 555 weiblichen Beamten entfallen allein auf die Poft 51 752; jetzt sind nur noch 54 weibliche Beamte verheiratet. Die Zahl der weiblichen Angestellten war am 1. April 1924 9284 und noch am 17 Oktober 1923 19 192. Unter Zugrundelegung des Personalbestandes vom 1. Oktober 1923 werden nach Abzug der Ruhegehälter an Personalausgaben jährlich insgesamt gespart 434 Millionen Goldmark. Das sind 15,3 Prozent der Ge'samtaufwendungen; dazu kommen noch nicht genau schätzbare Ersparnisse an fachlichen Aufwendungen für Räume, Licht, HeizmW Material. Im ganzen, sagt die ^urijpen^eii tung, ist das sinantzielle Ergebnis recht beträchtlich. Noch erwünschter aber wäre es freilich, wenn endlich auch einmal amtliches Zahlenmaterial über die durch die Altersgrenzen- gefetze in den Ländern erhielten Ersparnisse mitgeteilt werden würden. Erst dann wäre es möglich, zu beurteilen, ob und inwieweit den durch diese Maßnahmen gerade auf dem Gebiete der Rechtspflege verursachten ^wäden entsprechende Vorteile wirklich gegenüberstehen.
Dr. Schach! in Zürich.
Basel, 1. Aug. Wie den „Baseler Nachrichten" aus Zürich gemeldet wird, soll sich Reichsbankpräsident Schacht in den letzten Tagen in Zürich aufgehalten haben, um mit den Behörden der Nationalbank über die Bestimmung des schweizerischen Vertreters im Verwaltungsrat der künftigen deutschen Emissionsbank zu unterhandeln. Ursprünglich waren in Aussicht genommen von schweizerischer Seite die Bankiers Dubois und Julius Frey. Es scheint, so schreibt das Blatt, beschlossen worden zu sein, im Jn- tereffe d-esVerwaitunasrais der künftigen Emissionsbank, dieausländsichen Bert.
Kreisen der Staatsnotenbank zu bezeichnen. Unter diesen Umständen sei es dem Vernehmen nach wahrscheinlich, daß Generaldirektor Bachmann von der schweizerischen Nationalbank als schweizerisches Mitglied im Derwaltungsrat der deutschen Emissionsbank bezeichnet werden wird. Die Bezeichnung liege den deutschen Organen ob. Es ist zweifellos, fügt dos Blatt hinzu, daß die Bezeichnung eines maßgebenden schweizerischen Fachmanns im Verwaltungsrat her Emissionsbank für die schweizerischen Jnteresß von erster Bedeutung sein werde.
Bayerischer Landlag.
München, 1. Aug. Der Bayerische Landtag hat in seiner letzten Sitzung alle Anträge, die gesetzlichen Beschränkungen für die Juden bei -der Zulassung zu öffentlichen Aemtern fordern, mit erheblicher Mehrheit abgelehnt. In Beantwortung einer Interpellation des Völkischen Blocks, in der die Aufhebung des Verbots der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei und der Kampforganisationen gefordert wird, erklärte der Minister des Innern, Stiftel, die bayerische Regierung stehe auf dem Standpunkt, daß der betreffende Reichstagsbeschluß eine Ueberschrei- tung der Zuständigkeit des Reichstags darstelle und daß die bayerische Regierung nicht verpflichtet sei, diesem Verlangen nachzukommen. Es liege Anlaß vor, diesen Standpunkt einzunehmen, damit nicht etwa Konsequenzen für die Zukunft daraus gezogen wurden und der Reichstag öfters derartige Beschlüsse fasse, die zu einem Konflikt zwischen Bayern und dem Reiche führen müßten, was Bayern vermieden sehen möchte. Ein kommunistischer Antrag auf Aufhebung des Verbots der kommunistischen Presse wurde abgelehnt. Das Haus vertagte sich hierauf auf unbestimmte Zeit.
Bundeskanzler Seipel tritt fein Ami wieder an.
Wien, 1. August. Bundeskanzler Seipel wird am 2. September wiederum fein Amt antreten, nachdem er von den Folgen des auf ihn verübten Attentates wieder genesen ist.
Macdonald droht mit Auflösung des Parlaments.
London, 1. August. Den Blättern zufolge er« klärte Macdonald bei der Besprechung der irischen Lage, die er gestern vormittag mit den Führern der verschiedenen parlamentarischen Parteien hatte, er werde zwecks Regelung der Grenzfragen ein Gesetz einbringen. Sollte es von einem der Häuser des Parlamentes abgelehnt werden, so werde die Regierung dem Könige den Rat geben, das Parlament aufzu, lösen und Neuwahlen stattfinden zu lassen. Den „Daily Telegraph' zufolge wird das Gesetz eingebracht, bevor das Parlament in Ferien geht; die Besprechung der Gesetze» soll aber erst nach den Ferien erdigen.