Einzelnummer 13 Gel-pfennig
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General-Amzeiger / AmMches Organ für Skadl- und Landkreis Kanan a. W.
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Nr. 49 Mittwoch den 27. Februar 1924
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Der erste Tag der großen politischen Aussprache.
Altersschwach wie es ist, nahm das hohe Haus des Reichstages gestern nachmittag auch die Erklärung der Reichsregierung über die politische Lage mit einer gewissen müden Re- signation hin, die mehr von Schicksalsergebenheit, als von Kampfwillen zeugt. Dr. Marx trat an das Rednerpult und sprach ruhig gemessen, eng ans Manuskript gelehnt. Nur gegen Ende seiner Rede nahm seine Stimme einen schärferen Klang an, als er die Erklärung abgab: Entweder der Reichstag stimmt dem Ermächtigungsgesetz zu oder es kommt die Auflösung. Der Reichstag steht also tatsächlich vor einem Entweder—Oder. Die Lage ist so, daß die Deutschnationalen die Aufhebung der Steuernotverordnung beantragt haben. Dies entspricht den Vorausfetzungen des Ermächtigungsgesetzes und wenn der Antrag Annahme fände, so würde das Auflösungsdekret die sofortige Antwort sein. Sie Dinge liegen aber nicht so einfach, da die sozialdemokratische Reichstagsfraktion es nicht wagt, ebenso offenes Visier zu zeigen wie die Deutschnationalen. Sie wird deshalb auch nicht fiir den Leutschnationalen Aushebungsantrag stimmen. Ihre Methode besteht darin, die Situation durch eine Anzahl von Abänderungsanträgen zu verschleiern, mit denen sie auf die Wählerschaft Eindruck zu machen hofft, ohne daß sie gezwungen ist, genau Farbe zu bekennen. In dieses Schleiergewebe hat der Kanzler aber mit kräftiger Hand einge-
Es das Dringendste, daß man die sozialdemokratischen Abänderungsanträge nicht an Ausschüsse überweise. Er ging dabei von der richtigen Ueberzeugung aus, daß eine solche Beratung nur Beunruhigung stiften kann, ohne daß sie sachlich etwas nützt. Nur zu interfraktionellen Besprechungen ist die Regierung bereit, weil nur bei diesen Verfahren eine Verständigungsmöglichkeit gegeben ist. Alles andere betrachtet die Regierung als eine Kampfansage.
Sitzungsbericht.
Der Reichstag bot vor seiner Vollsitzung nur in mäßig bewegten Linien das verhültnis- wäßige ruhige Bild eines großen Tages.. Erst kurz nach 2 Uhr nachmittags, als die Glocken den Beginn der Sitzung verkündeten, füllten sich langsam Sitzungssaal und Tribünen. Nachdem Präsident Löbe in warmen Worten des verstorbenen deutschnationalen Abgeordneten Dr. Roesicke gedacht hatte, den das Haus durch Erheben von den Sitzen ehrte, erteilte der Präsident dem Reichskanzler das Wort.
Auf der Tagesordnung steht die erste Lesung des Notetats, mit dem zahlreiche Anträge auf Aufhebung und Aenderung der Notverordnungen der Regierung verbunden sind.
Reichskanzler Marx
ergreift sofort das Wort: Als am 8. Dezember vorigen Jahres der Reichstag durch das Ermächtigungsgesetz der Reichsregierung die Vollmachten erteilte, Maßnahmen zu treffen, die im Hinblick auf die wachsende Not von Volk und Keich erforderlich waren, waren es drei Ziele, Ms als erstrebenswert vor Augen standen: Bei- Haltung des Währungsftandes, ferner die Ba- ^onzierung des 1924 vorzulegenden Etats und ^stolich die Wiederbelebung der Wirtschaft. Die ^eutungsvollste Tatsache für unser Wirtschafts-
ist, daß die Mark seit Mitte November auf derselben Werthöhe geblieben ist. Ausgerüstet mir diesem Ermächtigungsgesetz, hat dann die Regierung eine große Zahl von Verordnungen flauen, die sich fast aus alle Aufgabenkreise des Maates erstrecken. Neben tief eingreifenden M Muerverordnungen berührten sie die Sozial- Wif, die Wirtschaft, die Rechtspflege und zahl- 'che Zweige unseres vielgestaltigen öffentlichen ^-ns. Trotz dieser Mannigfaltigkeit ist von r Negierung keine Verordnung erlassen wor- 3 ohne daß ihr dabei die oben gekennzeich- «en Ziele vorgeschwebt hätten. Das gilt auch den Verordnungen geringerer Bedeutung.
-^er Haushalt, wie er wenigstens in Umrissen den von der Reparationskom- M'Ision entsandten Sachverständigen vorgelegt vcrden konnte, balanciert hinsichtlich der Eueren Ausgaben des Reichs, freilich nur unter mehreren Voraussetzungen, deren wichtigste nie Verfügung über die Steuern und Zölle
auch des Rhein- und Ruhrgebietes ist. Den Ländern und den Gemeinden sind die erforderlichen Steuerquellen zur Balancierung auch ihrer Haushalte zugewiefen. Die Wirffchaft erholt sich langsam, aber sichtlich, wie insbesondere aus der Abnahme der Zahl der Erwerbslosen und Kurzarbeiter zu erkennen ist. Allerdings muß unser Wirtschaftsleben immer noch als unsicher angesehen werden, namentlich, solange die Schlagader unserer Wirtschaft an Rhein und Ruhr von fremder Militärgewalt abgebunden ist. Trotz der durch diese Bedrückung fortbestehenden Unsicherheit ist das Vertrauen der Bevölkerung zum Staate wieder erstarkt, und die Hoffnung, daß die Reparationsfrage endgültig doch noch einer erträglichen Lösung zugeführt wird, hat sich neu belebt.
Der Weg, den die Regierung zurückgelgt hat, war an Arbeit und Schwierigkeiten reich, aber er hat nicht abwärts geführt. Leider konnten
Reichskanzler Dr. Marx.
die Erfolge, die wir aufzuweisen haben, nur erreicht werden durch ungemein harte, ja man kann sagen
rücksichtslose und tiefgreifende Maßnahmen.
Maßnahmen, die unzweifelhaft für manche Familien schwere Not, harte Entbehrungen und trübe Sorgenstunden mit sich gebracht haben. Ich denke hier in erster Linie an die Personal- abbauverordnung, ferner an die Festsetzung außerordentlich geringer Goldgehälter für die Beamten, an die Verlängerung der Arbeitszeit, an die Frage der Aufwertung, ferner an gewisse Einschränkungen der sozialen Leistungen, insbesondere an die gerade in dieser Zeit umfangreicher Erwerbslosigkeit bedauerliche Verminderung der Erwerbslosenunterstützung, an die schwer treffenden Steuern mannigfacher Art, die in weitem Umfange die Substanz der Vermögen vieler angreifen, die namentlich auch die Landwirtschaft schwer belasten und damit Gefahren für die Volksernährung auslösen. Hart, außerordentlich hart, haben die Maßnahmen der Regierung in das Vermögen und die Rechtssphäre des einzelnen Staatsbürgers gegriffen. In der Tat gibt es aber nach der Ueberzeugung der Reichsregierung keinen anderen Weg: Errtweder beißen wir die Zähne zusammen, oder wir gehen unaufhaltsam dem endgültigen finanziellen und wirtschaftlicher Zusammenbruch unseres ganzen Volkswesens entgegen. Dessen sönnen wir uns versichert halten:
Geraten wir noch »einmal in eine Inflation, dann ist unser wirtschaftlicher Ruin und damit das Schicksal unseres Volkes besiegelt.
Freilich wird ohne eine Besserung unserer außenpolitischen Lage Mühe und Arbeit nur Stückwert bleiben. Wir appellieren in der Reparationsfrage nicht an das Mitleid der anderen Völker, wir appellieren an die Vernunft der Welt, an den gefunden Menschenverstand, der allein den Zusammenbruch Europas verhindern kann. Fast will es mir scheinen, als wenn spät, sehr spät, aber vielleicht doch noch nicht zu spät, die Vernunft auf dem Marsche ist. Sa über die Entwicklung der außenpolitischen Lage der Herr Reichsminister des Auswärtigen noch eingehenden Bericht er
statten wird, darf ich mich in diesem Zusammenhänge darauf beschränken, auf die bedeutungsvolle Wendung hinzuweisen, welche die Reparationsfrage in den letzten Monaten erfahren hat.
Ich bin gewiß, daß auch der Leidensweg, den wir jetzt gehen müssen, in eine lichte Zukunft führt, wenn wir nur starkmütig und entsagend die Opfer bringen, die doch nur dem Wiederan- stieg, der Errettung und dem Glück unserer Kinder gebracht werden. Insbesondere erwarte ich von dem deutschen Beamten, den die Not des Vaterlandes besonders schmerzlich trifft, daß er in treuer Pflichterfüllung aushält und dem Staate in feiner Bedrängnis durch Hingabe und Treue feine unentbehrliche Hilfe gewährt. Auch in
die Volksvertretung
setze ich das Vertrauen, daß sie das Vorgehen der Regierung billigen wird, wenn sie ohne Vorurteil die von der Regierung erlassenen Verordnungen unter dem Gesichtspunkte der großen Ziele, die ich darlegen konnte, betrachtet und beurteilt. Auf Einzelheiten wird im Laufe der Debatte von den zuständigen Resiortministern näher eingegangen werden. Namentlich wird die F r a g e d e r A u f w e r t u n g, die mit zu den schwierigsten gehört, näher geklärt und die Art der Regelung begründet werden, die sie in der Dritten Steuernotverordnung erfahren hat. Nur von Aufhebung der von der Regierung auf Grund des Ermächtigungsgesetzes erlassenen Verordnung ist im Gesetz die Rede, nicht von einer Abänderung. Nach dem Wortlaut des Ermächtigungsgesetzes sind also zu den erlassenen Verordnungen
Abänderungen ausgeschlossen.
Eine Abänderung der Verordnung kann demnach nur auf dem Wege neuer Gesetzesvorlagen oder vom Reichstag auf Grund der Annahme von Initiativanträgen herbeigeführt werden.
Es ist nicht eine Laune der Regierung,'sondern ein Ausfluß ernsten und starken Pflichtwillens, wenn die Reichsregierung hiermit durch mich die Erklärung abgeben läßt, daß sie den
Bestand ihres ganzen Reformwesens gefährdet und gar vernichtet sieht, wenn eine von diesen seitens der Reichsregierung als unumgänglich bezeichneten Verordnungen durch den Reichstag aufgehoben oder wesentlich verändert würde.
Die Reichsregierung erklärt, daß sie angesichts der Bedeutung dessen, was auf dem Spiele steht, bei der Annahme eines Aufhebungsantrages sich genötigt sehen wurde, die nach ihrer Ansicht pflichtmäßigen Folgerungen daraus zu ziehen, um beim Herrn Reichspräsidenten
die Auflösung des Reichstags zu beantragen,
in der Ueberzeugung, daß es sich in einem solchen Falle für das wirtschaftliche und nationale Leben des Volkes um unentbehrliche Maßnahmen handeln wurde. Dasselbe gilt auch von der Annahme von Initiativanträgen, die eine wesentliche Abschwächung der von der Reichsregierung als lebenswichtig bezeichneten Verordnungen bedeuten würden.
Die Regierung fordert mit aller Entschiedenheit das Hohe Haus auf, solche Anträge, die bereits gestellt sind z u r z e i t abzulehnen. Ich sage ausdrücklich zurzeit, denn es handelt sich bei allen auf Grund des Ermächtigungsgesetzes erlassenen Verordnungen um sogenannte Rotverordnungen, die bestimmt sind, der durch die Lnk- nncklung der innen- und außenpolitischen Verhältnisse in Deutschland geschaffenen Roklage unverzüglich abzuhelfen.
Ihre Geltungsdauer ist naturgemäß nur so lange bemessen, bis diese Not einigermaßen behoben ist und die durch eine Abänderung naturgemäß hervorgerufene Beunruhigung und Ungewißheit ertragen werden kann. Dann ist die Regierung durchaus gewillt, die Aufhebung oder auch die Verbesserung der lebenswichtigen Notverordnungen entweder selbst vorzunehmen oder auch zuzulassen, weil sie dann beides nicht mehr für das Staals wohl bedenklich und gefährlich anfieht. . u ~ „
Zurzeit aber muß siè rede Veränderung des durch den Erlaß der Verordnungen geschaffenen Zustandes als für das Gesamtwohl von Reich und Volk bedrohlich und deshalb unmöglich ab- lehnen, die das erreichte Ziel: Die Stabilisierung unserer Währung und die Balanzierung des Etats in Frage stellt. Die Reichsregierung wird sich mit Entschiedenheit einem dahin gebenden
Beginnen widersetzen und alles, was in ihreq Kräften sieht, tun, um es zu verhindern.
Einige Verordnungen tragen freilich ihrer Natur nach endgültigen Charakter. Dies giß insbesondere für die Aufwertung.
Die Reichsregrerung muß ferner auf das dringendste verlangen, daß von der Beratung der einzelnen auf die Abänderung lebenswichtiger Verordnungen gerichteten Anträge in Reichstagsausschüssen Abstand genommen wird. Unsere finanzielle und wirtschaftliche Lage ist noch immer eine so überaus unsichere, daß jeder Schritt hier bedenklich werden kann. Wie eine Feder auch vom leichtesten Lufthauch in Bewegung gefetzt wird, so wird der noch immer durchaus
stabile Stand unserer Währung auch durch verhältnismäßig kleine Unsicher» heiten und Vorkommnisse in Gefahr gebracht werden können, eine Gefährdung, die unübersehbare Folgen nach sich ziehen kann, und die die Reichsregierung unter keinen Umständen zuzulassen entschlossen ist. Eine langwierige Ver. Handlung zum Beispiel der Steuernotverordnun. gen würde sofort eine überaus verderbliche Stockung in der Veranlagung und im Flusse lebensnotwendiger Steuern zur Folge haben, da z. B. auch die Länder auf größte Schwierig, feiten bei Ausheben ihrer Steuern stoßen werden, wenn durch Ueberweisung einer Steuerver- Ordnung an eine Kommission die von der Regierung beschlossene Fassung dieser Verordnung in Frage oder doch wenigstens in Zweifel gezogen würde.
Aus diesen überaus wichtigen und bedeutungsvollen Gründen bitte ich deshalb namens der Reichsregierng, insoweit von jeder Uebe r- Weisung von Anträgen an eine Kommission Abstand nehmen zu wollen. Mit den Grundsätzen der Demokratie ist dieser Wunsch der Regierung durchaus vereinbar. Denn ebenso wie die durch das Ermächtigungsgesetz der Regierung erts'ften ^besonderen Vollmachten nach der bur<h die Abstimmung zum Ausdruck gebrachten Willenskundgebung des Reichstages im Einklang mit unserer Verfassung stehen, so muß auch die gewollte und folgerichtige Auswirkung dieser Vollmachten in gleicher Weise die Billigung und den Schutz des Parlaments finden. Andernfalls würde -er Sinn dieses grundlegenden Gesetzes nachträglich gefälscht.
Die Reichsregierung erstatt sich jedoch bereit, in eingehenden interfraktionellen Derhand- kungeck mit den Parteien über die einzelnen Bestimmungen der Vorlagen zu beraten.
Regierung, Reichstag und Volk müssen einig sein in der Erkenntnis, daß in der Bedrängnis und Gefahr, in der wir leben, alles Sorgen und Streiten um einzelne Maßnahmen und Härten, untergehen muß in dem starken Willen, das Reich unddasLebenzuretten. Das steht höher als Parteidoktrin und Wahlakt. (Lebhafter Beifall.)
Die Rede des Reichskanzlers wuxde vom Hause im ganzen ruhig ausgenommen. Sie Worte des Kanzlers über die drohende Gefahr einer Auflösung des Reichstages wurden bei der Mehrheit mit besonders starkem Beifall begleitet, in den die äußerste Rechte beifällig ein- stimmte.
Auf Vorschlag des Präsidenten wird, um dem Wunsch mehrerer Parteien zu entsprechen, die Redezeit auf fünfviertel Stunden verlängert.
Abg. Müller-Franken (Soz.): Ich möchte vorweg bemerken, daß, wenn der Reichskanzler in diesem Zusammenhang von der Möglichkeit eines Konflikts und einer Reichstagsauslösung gesprochen hat, die Regierung wohl selbst annimmt, daß sich dadurch keine Partei von der Sachlichkeit ihrer Aeußerungen abbringen lassen wird. (Zufttmmung links.) Wenn wir jetzt nach Monaten wieder zusammenkommen, haben wir alle Ursache, uns nicht nur allein über das Ermächtigungsgesetz zu unterhalten, es muß auch auf die Art der Handhabung der Außenpolitik eingegangen werden. Ser Kanzler hat das nur an einer einzigen Stelle getan. Keine Regierung, meld)er politischen Richtung sie auch angehören mag, wird die Erfüllungspolitik vermeiden können. Die Politiker der Rechten wollen die Lasten der Reparationen auf die Arbeiter abwälzen. Die beabsichtigte Herbeiführung einer Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich begrüßen wir. Die Handhabung des Ausnahmezustandes und des Ermächtigungsgesetzes bietet Anlaß zu schärfster Kn^k. Der Redner wünscht, daß für die Ab-,