Einzelnummer 13 Gol-psennig
Hanauer S Anzeiger
Ge«eral-A«zeiger / Amtliches Organ für Skadl- und Landkreis Kanan a. M,
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Nr. 48
Dienstag Sen 26. Februar
1924
Der Münchener Hiller-Prozetz
Heute beginnt in München der Hochverratsprozeß gegen Hitler und Ludendorff und ihre an dem Putsch vom November 1923 beteiligten Freunde und Gesinnungsgenossen. Mag es Tragik, mag es Ironie des Schicksals, mag es Zufallstücke sein! Tatsache ist, daß der Prozeß ausgerechnet in jenem militärischen Bau statt- findet, der als Zentrale des Umsturzversuches gedacht war. Die Jnfanterieschule in München wird in den nächsten drei bis vier Wochen, so lange wird der Prozeß voraussichtlich dauern, in allen Gazetten der Welt gedruckt und in aller Munde sein. Im ehemaligen Speisesaal der Fähnriche wird über eine politische Bewegung zu Gerichte gesessen werden, die, getrieben vom Sturmfeuer der Jugend, sich berufen wähnte, in Deutschland wenigstens die Welt aus den Angeln heben zu können. Um die damaligen Ereignisse in das Gedächtnis zurückzurufen, seien sie hier noch einmal kurz geschildert:
Am 8. November des vorigen Jahres hielt Generalstaatskommiffar v. KahrimMüNch- nerBürgerbräukeller eine mehr theo- rettsche als praktisch-politische Rede, die sich gegen den Marxismus richtete und das Ideal des „neuen deutschen Menschen" aufstellte. Der Vortrag hieß „Vom Volk zur Natton" und entwickelte Kahrs Kultur- und Wirtschafts- Programm.
Zuhörer sind Angehörige der verschiedenen vaterländischen Verbände und nahezu sämtliche führenden Persönlichkeiten der nationalen Bewegung Münchens. Der Saal ist dicht be-
faßt mehrere tausend Menschen. Die Wange sind gestopft voll. Di« Spitzen der Be
hörden prangen in schwarzem Rock oder bunter Uniform am Honorattorenttsch. Dahinter steht Kahr am Rednerpult. Er hat etwa das erste Drittel seines Vortrages beendet, als am Eingang des Saales Unruhe entsteht. Der Name Hitier wurde laut. Ein paar Schwerbewaffnete, die Pistole in der Faust, dringen langsam noch vorn. Die Zuhörer springen von den Stühlen. Die Ueberraschung eines seit langem in der Lust liegenden, aber nun doch jäh hereinbrechenden Ereignisses macht sich in wirren Zurufen laut. Kahr steht, den Blick nach vorn gerichtet, stumm. Da ist auch Ad o lf Hitler, vorn am Pull. Schüsse, gegen die Decke gettchtet, sollen im tosenden Lärm das Glocken- ^ichen ersetzen, mit dem sonst dem Redner Gehör verschafft wird. „Es geht nicht gegen Kahr" ist der erste beruhigende Zuruf, der verständlich wird. Daneben fliegt als Bestätigung dessen, was man sieht, das Wort durch den Saal: „Die nationale Revolution ist ausgebrochen!"
Um Rednerpull und Honoratiorennsch ein Hin- und Herreden. Hiller bittet Herrn v. K a h r, den bayrischen Landeskomman- dontsn General v. Lossow und den Kommandeur der Lant^spolizei Oberst v. Seißer in ein Nebenzimmer. Die Herren geben. Kurz darauf werden der Ministerpräsident v. K n i l l i n g, drei andere Minister und einige höhere Staatsbeamte als Verhaftete muer Bedeckung aus dem Saal geführt. Das Gebäude ist von schwer bewaffneten Hiller- leuten umstellt.
Zehn Minuten später erscheint Hitler wieder im Saal und teilt sein Programm mit: "Das Kabinett Knilling ist ab- gesetzt". Zum bayttschen Pandesverweser schlägt er Exzellenz v. Kahr und zum Minister- präsldenten Oberlandesgerichtsrat Poehner vor. Dann ruft er weiter: „Die Regierung -»erNovemberverbrecherinBerlin -ird für abgesetzt erklärt. Ebenso 2ird Ebert für abgesetzt erklärt. deutsche nationale Regierung wird in hier in München gebildet. Es wird r^er gebildet sofort eine deutsche nationale Armee." Zum Leiter der Armee schlägt er ^udendo rff vor, zum Reichswehrminister eneral v. Lossow, zum Reichspolizeimini- den Obersten o. Seißer. Dann kennzeich- er die Aufgabe der neuen provisorischen Muttchen Rationalregierung. Sie ist: „Mit der k-nzen Kraft dieses Landes und der Herbeige- Asnen Kraft aller andern deutschen Gaue den Marsch anzutreten in das Sünden- bel Berlin." Die Frage: Sind Sie ein» mit dieser Lösung? beantwortete die *-<riammüjng mit stürmischem Jubel. Darauf $$ Hitler: „Der morgige lag findet entweder
in Deutschland eine nationale Regierung oder uns tot, eines von beiden."
Als Hitler den Saal wieder verläßt, ist es kurz nach 9 Uhr, Etwa dreiviertel Stunden später kommen mit feierlichem Schritt Kahr, Hitler, der herbeigerufene Ludendorff- Lossow, Seißer und Poehner herein. Stürmischer Jubel begrüßt die Vereinten. Jeder von chnen gibt eine kurze, den Vorgängen und Zielen zustimmende Erklärung ab, bei der sich Herr v. Kahr unter stürmischem Beifall als Statthalter der Monarchie bezeichnet.
Als die Versammlung auseinandergeht, ist die Stadt still, noch unbekannt mit den Ereignissen. Nur in den benachbarten Straßen
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Adolf Hitler, der Haupiangeâagte.
oder marschieren Hitler -Trup- Die Tausende, die den Abend im
Bürgerbräukeller erlebt haben, gehen mit dem Eindruck nach Hause, der großdetttsche Republikaner Hitler, der preußische General Ludendorff und der Sachverwalter einer künftigen bayttschen Monarchie Kahr sind einig. Sie stehen auf dem allen gemeinsamen nationalen Untergrund, die Kluft, die ihre Einzelziele trennt, ist überbrückt, ihre Ansichten über taktische Fragen sind ausgeglichen.
Aber als Hitler mit übernächtigiem Gesicht in den grauenden Morgen blickt, weiß er es 'chon, der 9. November — sein Tag —, der Jahrestag der Revolution von 1918 — hält ihm nicht, was ihm der Ausgang des 8. versprach. Die paar Nachtttunden haben alles um- gewandeü. Schon vor 3 Uhr hatten Kahr, Loffow und Seißer in einem Rundspruch an alle deutschen Funkstationen erklärt, daß ihre Stellungnahme im Bürberbräu mit Waffen- gewalt erpreßt worden fei und daß sie den Hitler-Putsch ablehnen. Die Reichswehrund die Landespolizei — schon sind auswärtige Formationen im Anmarsch auf München — stehen nicht hinter Hitler und Ludendorff.
So kam der Zusammenbruch schnell. Hiller und Subenborf hatten drei Möglichkeiten: Zu kapitulieren? Nein! Auszuwei chen, ttad) Rostnherm wurde vorgeschlagen, um sich militärisch zu stärken? Nein! Denn das wäre ein Zeichen der Schwäche. Der Sieg muß in München ersetzten werden. Also kämpfen? Gegen Uebermacht? Man beschloß einen Demo n - srrationszug, der die bange Frage entscheiden sollte, ob Reichswehr und Landes- polizei auf' die Landsleute schießen würden. Gegen Mittag wird aufgebrochen. An der ©p-ge geht Ludendorff. Zwei Trupps Lorde^olizei werden an den Brücken der Isar mühelos beiseite gedrängt und entmannet. Bern dritten Hemmnis, an der Residenz vor der Feldhsrrnhalle, vollzieht sich die Kaia- strophe. Hitler ist jetzt neben Ludendorff. Schüsse faßen, ^ott und Verwundete liegen auf dem Pflaster. 2.e Hiller-Leute weichen. Ludendorff geht nach dem Mu- seums^Qtz jy und wird dort von einem Polizei- sifiyer i n schutzhast genommen. Hit -
l e r entkommt. Aber wenige Tage später wird auch er, in Wing am Staffelsoe, verhaftet.
Das sind die Hauptereigniffe. Die ursprüngliche Anklage lautete nur gegen acht Beteiligte am Novemberputsch, inzwischen sind noch zwei weitere Angeklagte hinzugekommen, so daß im ganzen zehn Männer vor den Schranken des Gerichts erscheinen werden, und zwar: Schritt- steller Adolf Hitler, General a. D. Erich Ludendorff, Rat am Obersten Landesgericht Ernst Pöhner, Oberamtmann Dr. Wilhelm F r i ck von der MünchenerPolizeidirektton, Tierzârzt Dr. Friedrich Weber, Hauptmann a. D. Wilhelm Brückner, Leutnant Robert Wagner, Oberstleutnant a. D. Kriebel, Oberleutnant a. D. Heinz Pern èt. Elf Verteidiger werden zur Stelle sein.
München, 25. Febr. Die Angeschuldizten im Hitlerprozeß sind, soweit sie bisher in Landsberg a. L. im Gefängnis in Untersuchungshaft waren, heute nach München gebracht worden. Sie werden während der Dauer des Prozeßes in besonderen Räumen der Infanterieschule, in welcher sich der Prozeß abspielt, untergebracht.
München, 25. Febr. Die Anordnung des Staatskommisiars für München, die die Sicherheitsmaßnahmen für den Hitlerprozeß betrifft, ist im Laufe des heutigen Tages in München angeschlagen worden. Reben dem Verbot von Arffammlungen enthält die Anordnung Bestimmungen für die Sperrung des Fuhrwerk-, Radfahr- und Fußgängerverkehrs in den umliegenden Straßen.
Verhandlunßsbericht.
München, 26. Febr. Die Verhandlung im Hitler-Ludendorff-Prozeß wurde heute vor- Uhr im„ sbaude d Infanterie»
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Ernst Poehner, Rai am Obersten Landesgericht.
e i d h a r 6 t, eröffnet" Zum Schutz des Ge- ttchtsgebäudes waren umfangreich Polizei- sichrungen getroffen worden. Nach Ausruf der einzelnen Angeklagten verlas der Votttand der Staatsanwaltschaft München, Erster Staatsanwalt Dr. S t i r n b e i n, die Anklageschrift, die auf vollendeten Hochverrat lautet, der dann besteht, daß mit bewaffneter Macht vorbereitet, alfe absichtlich, die vorhandenen Regierungen in Bayern und im Reich gestürzt und eine ver- fassungswidttge Reich- und Lattdesregierung aufgerichtei worden ist.
Dis Anklageschrift umfaßt 40 Seiten. In dem letzten Ab'chnitt belaßt sich die An8atze- fchrift mit der besonderen Schuldfrags der einzelnen Angeklagten. Adolf Hitler wird als die Seels des ganzen Unternehmens bezeichnet, denn er habe den Plan ju dem Unternehmen entworfen, sich bei der Ausführung an die Spitze gestern, den Sturz der Regierung im Reich und Bayern erflärt, immer neue Aemter verteilt und für sich diè oberste Leitung der Reichspolitik allein in Anspruch genommen. Er sei bemüht gewesen, das Unternehmen zu festigen und 3u erweitern und es auch dann
Erich Ludendorff, General der Änan^e a. D.
noch kortzunrhren. als ihm die völlige Aus- fich:slosigkert vollkommen klar sein mußte.
Bei General Ludendorff sei di« An- nabme begründet, daß er über das für den 8. November geplante Unternehmen schon vorher genau unrerttchte: war. Äon der gewaltsamen verso üungswiv r igen Art des emgelei- teten Unternehmens habe er spätestens am
Abend des 8. November Kenntnis schalten, als er im Kraftwagen abgeholt und zum Bürgerbräukeller gebracht wurde. Er sei auch fo- Keich auf die Seite des Unternehmens getreten und habe sich als Führer der neu zu bildenden nationalen Armee betätigt, indem er Vorschriften über Grenzschutz, (Eintreibung der Verbände an die Reichswehr erließ, den Befehl an Hauptmann a. D. Röhm erteilte, das Wehrkreiskommando mit seinen Leuten besetzt zu hallen und indem er sich schließl-ich an die Spitze des Zuges in das St ab firmere stellte, um durch das Gewicht seines Namens und seiner Persönlichkeit dem Ganzen einen besostderen Nachdruck zu geben und Einfluß auf die Reichswehr und Landespolizei zu Gunsten des Unternehmens zu gewinnen.
Von dem Rat am Obersten Landesgettcht, Poehner, behauptet die Anklage, daß er schon einen Tag vorher von dem Plan Hitlers wußte. Ebenso habe der Oberamtmarm bei der Polizeidirektton München, Frick, schon vorher sich bereit erflärt, im Falle einer völkischen Erhebung den Posten eines Polizeipräsidenten in München anzmrehmen. Weiter habe er von den für den Abend des 8. November geplanten Ereignissen Kenntnis haben müssen.
Von Dr. Weber behauptet die Anklage, daß er die Durchführung Les Unternehmens vom 8. November erörterte, indem er als politischer Führer des Bundes „Oberlars" das Gewicht dieses Bundes zugunsten des Umerneh- mens in
Hauptmann Röhm wußte von dem ge* planten Unternehmen, indem er das Wehrktteis- fommanbo im Austrage der neuen Macht- Haber beletzre.
Oberleutnant Brückner veranlaßte die Mobilmachung des nanonalsoziaiiftt'chen Re
giments,
Leurnani Wagner die Alarmierung der Infanterieschule zu Gunsten des Unternehmens.
Oberstleutnant Kriebel war der militärische Führer des Kampfbuâs, fiep Geschütze auffahren uiw., unb Oberleutnant Ver - n e t war als Verbindungsoffizier zwischen den einzelnen Persönlichkeiten und Bevollmächtigten vor und während des Unternehmens
er-
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ittft fest, daß die Beschuldigen, gesägt auf bewaffnete Machtmiwel, in bemühtem Zusammenwirken es unternommen haben, die bayerische Regierung unb die Reichsregierung gewaltsam zu beseitigen» die Verfassung des Deutschen Reiches und Bayerns gewaltsam zu ändern und eine verfassungswidrige Regierungsgewor: in Bayern und im Reich aufxrrichten und daher die sämtlichen Angeklagten des Hochverrates zu beschuldigen seien.
Dr. Gustav Roesteke gestorben.
Der Führer der Laadbuod-Vewegung.
Breslau, 25. Febr. Der Vorsitzende des Reichslaudbuodes, Reichslagsabgeordueter Dr. Gustav Röstete, ist heute nor mit tag auf seiner Reift zur Tagung des Reichslandduades io Breslau einem Schlaganfall erlegen.
Der RerchÄanLönnd. die Vereinigung aller land- wirttchasaichen Verbände DeutschlarLs, »ediert in Rc^suke seinen Gründer und Barntz-nden, ein Lmi. 535 Sioefute dreißig Jahrs innegehabt bat Ws Organllawr und Rwaer hoch geachtet urÄ beftrdß