Hanauer S Anzeiger
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Ar. 84
Mittwoch den 11. April
1623
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Deutschlanös Trauer um Essen
Eunos Gedächtnisrede. — „Die Schuld trifft die Franzosen". — Die Deifetzungsfeier^
Zur Stunde, da gestern die Opfer angemaß- jer französischer Kriegsgewalt in Essen in das gemeinsame Grab gesenkt wurden, vereinte auf Einladung der Reichsregierung im Plenarsaal des Reichstages, auf dessen Dach die Fahnen fchwarz-rot-gold Halbstocks die Trauer des deutschen Volkshauses bekundeten, eine Trauerversammlung, die die Sitze des Saales und der Tribünen bis auf den letzten Platz füllte, die Vertreter sämtlicher gewerkschaftlichen und Beamtenverbände, die Spitzen der Berufsstände, Vertreter der Länder, Kirchen, Parlamente und Behörden. Der Saal war unter Leitung des Reichskunstwarts Dr. Redslob nach den Entwürfen des Bildhauers Alfred Bocks-Berlin in schwarze Volerten und mit Tannengrün gekleidet. Der Präsidentensitz mar r mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne überdacht, über ihm an der Wand hing der Reichsadler. Auf den Sitzen der Reichsregierung hatten unter Führung des Reichskanzlers die Mitglieder des Reichskabinetts Platz genommen. Auf den Sitzen der Ländervertreter neben anderen die Mitglieder der preußischen Regierung mit dem Ministerpräsidenten Braun, die Minister Severing, Siering, Bölitz, der sächsische Minister Fleißner, Bürgermeister Ritter-Berlin u. a. Reben dem Reichskanzler hatte der Reichstagspräsident Löbe Platz genommen. Punkt 10 Uhr erschien der Reichspräsident, ehrfurchtsvoll von der Trauerversammlung, die sich erhob, begrüßt
mag ihr eigenes Gewissen darauf anworten. Nicht sie klage ich'in dieser Stunde an. Sie waren vielleicht Unwillige, jedoch gefügiae Werkzeuge rechtloser Gewalt. Die Schuld trifft die französischen Machthaber, die zur Durchsetzung ihrer rechtlosen und erfolglosen Politik Tausende Deutscher, weil sie nicht Gehilfen des Unrechts fein wollten, von ihren Heimstätten vertrieben, Hunderte eingekerkert und zahlreiche Menschenleben vernichtet haben, und auf deren Gewissen nun auch dieses Massensterben fällt, dessen Opfer heute bestattet werden. Richt ein Wort des Bedauerns über diese Vernichtung deutscher Menschenleben habe ich aus dem Munde der amtlichen Vertreter des französischen Volkes vernommen. Gern hätte ich geglaubt, daß Scham und Gewissen den französischen Gewalthabern Schweigen geboten hätten. Ist es Scham und Gewissen des französischen Volkes, daß man beruhigen will, indem auch hier eine Iustizkomödie Unrecht in Recht, Recht in Verbrechen umfälschen will? Kein Richterspruch gegen Unschuldige wird den Schrei des verbrecherisch begossenen Blutes dämpfen, kein Urteil der Welt über die wahren Schuldigen täuschen und die Tatsache beseitigen, daß zum Raub ausgezogene französische Soldaten waffenlose deutsche Arbeiter, ohne ein Leid von ihnen erfahren zu haben, mit der Waffe getötet haben.
Gedanken des Leides, aber auch Gedanken der Dankbarkeit bewegen uns in dieser Stunde. Die Toten, die heute zur ewigen Ruhe bestattet werden, haben nicht die ihrige gesucht. Von jedem von ihnen muß es heißen:
3m Kampfe für Dein Volk hast Du Dein ehrlich Haupt niedergelegt.
und Sicherheit aus freiem Willen zum Frieden. Man hörte nicht, selbst dann noch, als der Feind im Lande stand, ließen wir wiederholt erkennen,
daß wir zu freier, ehrlicher und aleichberechligker Verhandlung bereit sind,
ja, wir wiesen einen praktischen Weg, wie das durch den Ruhreinfall fast unentwirrbar gewordene Reparationsproblem zu lösen ist, indem wir uns zu dem Vorschlag des Leiters der amerikanischen Außenpolitik bekannten. Man hörte nicht. Alles geschah, um den Ruhreinmarsch zu vermeiden oder abzukürzen. So wird auch künftig nichts unterbleiben. was unserem Volke und Lände Freiheit und Frieden geben kann. Aber Freiheit und Frieden müssen gesichert sein, wenn anders nicht die Opfer nutzlos gebracht fein sollen, die wir an Rhein und Ruhr beklagen.
Die Reparationspflicht muß auf das Maß des Erfüllbaren zurückgeführt werden.
Die Erde, in die wir heute die elf Braven bestatten, muß frei werden von dem Fuß und der Hand des Feindes. Den in Gefangenschaft und Verbannung Leidenden müssen Freiheit und Heimat wiedergegeben werden. Keiner Regelung kann zugestimmt werden, die Ruhr und Rhein territorial verfassungsmäßig antastet.
Solange der Gegner zu einer solchen Regelung nicht bereit ist, muß der passive Widerstand vom ganzen Volke mit voller Entschlossenheit und der gleichen Besonnenheit wie bisher fortgesetzt werden. Fester wollen wir zusammenstehen als jemals zuvor, und ein Wille soll uns einem die wir alle nichts sein wollen als Arbeiter am Wohle des Volkes. Wie heute alle Stände und Berufe sich ' -reinigt haben in einer Trauer und einer Treue, so soll auch dieses Haus nur mehr den einen Wettstreit der Parteien kennen, zu einen, zu tragen und zu opfern.
Alle fitaff zur Erreichung des Friedens und bis dahin einen großen Abwchrkampf!
Die Toten haben ihre ganze Berson für das Vater
Sie standen in Reih und Glied, der Waffengewalt preisgegeben, ohne Befehl und^ ohne Zwang, in freiem deutschem Opferwillen. Sie haben damit ein
land eingesetzt. So wollen wir es tun, indem wir uns im Geiste mit der Trauergemeinde am Grabe der deutschen Arbeiter vereinigen und ihre Seele und unser Vaterland Gott befehlen. Lassen Sie uns
Leitung des Generalmusikdirektors Leo Blech leitete die Feier mit dem Trauermarsch aus der Veethovenschen Eroica ein. Der Reichskanzler betrat sodann die Rednertribüne und nahm das Wort zu folgender Gedächtnisrede:
. Zu dieser Stunde, die uns zur Andacht hier vereinigt, soll sich in Essen das Grab schließen über dem, was sterblich ist an den elf schlichten deutschen Männern, die zwischen Karfreitag und dem Auferstehungstage von französischer Kugel durchbohrt, >hr Leben lassen mußten. Den stillen Zug der teueren Toten umschweben bte Gedanken des ganzen Volkes, Gedanken des Leides, der Dankbarkeit und des Gelöbnisses. Weitere deutsche Leben sind am Karsams- tag gewaltsam ausgelöscht, dreizehn Menschen sind hinweggenommen worden, die in schwerer Arbeit ’ijr hartes Brot verzehrten. Wahllos riß sie die fränkische Kugel aus der Menge Gleicher. Nichts unterschied sie von den anderen als der Zufall, der sie französischen Blutbefehl zum Opfer mas, diese deutschen Leben, die nur karg an Freuen gewesen sein mögen in dem grauen Einerlei des arbeitsreichen Tages, bedrängt von all den Sorgen und Fragen, die landauf, landab im Deutschen Reich s??es Haupt bedrücken. Sind diese Märtyrer von Essen nicht
das Symbol unseres gemeinsamen deutschen Schicksals?
Quillt nicht, wenn wir ihrer gedenken, all das um fauche Leiden dieser Zeit und dieses Landes unstillbar in uns auf? Sehen wir nicht die lange Reihe Blutzeugen, Gemarterten, Gequälten, Beleidigen, Verfolgten, Ausgewiesenen, Verurteilten und die vcyar derer, die in unwürdigem Gefängnis leiden, all der Mütter und Kinder, die im Frieden ein Leid neben, das im Kriege zu beseitigen seit Menschen- anern das Bestreben aller Kulturnationen war? Mir '. als sähe ich hinter den Särgen die schmerzens- reiche Schar der vielen den Weg des Leids in Essen r^han, die der Toten, wie der im Kerker Schmach- n und in der Verbannung Leidenden, die keine andere Schuld zu büßen hatten und haben, als das Schicksal, Deutsche zu sein, die Schuld, Wissen und Willen zu sein.
nicht ein Wehschrei der gepeinigten deutschen "de durch die Glockenklänge, diè in dieser Stunde ha,eir^un^ercm Vaterlands schwingen? Dreizehn rutsche Menschenleben von dem gleichen Leid ge- äsnet, aber von demselben Willen erfüllt! Auch Männer und Jünglinge leitete der eine, ein- und große Gedanken, der unseren Abwehr- w M vom ersten Tage beherrschte. Sie standen in und Glied, nicht um Gewalt mit Gewalt zu be- Men, sondern um ihr den waffenlosen Widerstand des Rechts entgegenzusetzen. Sie nanden vor den französischen Mordwaffen' als die jè^ager und Schützer jenes Rechts, das zu einer ^sacht geworden ist, weil ein gemeinsamer ^llle es trägt. Klar und eindeutig ist das furcht* Ea Bild dieses Blutopfers.
EâÄÄSMM! Ä?^ Bolle in »SS ÄÄ rechnen hat. Maschinengewehre können diese Ent- der Glocken — als Gelöbnis und Mahn
schlossenheit in einzelnen ihrer Träger vernichten, sie aber niemals im ganzen Volke brechen. Indem sie dies bewiesen, leisteten die Toten auf 1 ~
Arbeitsehre nicht nur ihren Arbeitsqenossen in dem bedrohten Gebiet, sondern der Gesamtheit der kämpfenden Bevölkerung und dem ganzen Vaterlande den höchsten Dienst, mit der Hingabe des eigenen Lebens. Etwas unendlich Hohes, aber auch ein furchtbarer Ernst liegen in diesem Kampfe. Er greift an die Wurzeln aller menschlichen und staatlichen Existenz. Die Frage wird ausgekämpft, ob die grausame Zeit des Altertums wiederkehren soll, daß fremde Herren über ganze Völker wie über S k l a -
dem Felde der
Leinen aus dem
t den Klängen
-------- — --------------Mahnung zugleich — die Worte zurmen und befolgen: Und handeln sollst Du, als hinge von Dir und Deinem Tun allein das Schicksal der deutschen Dinge ab!
Recht und Arbeit auf der einen, Gervalt und Unrecht auf der anderen Seite.
Wichts sann diese geschichtlich klare Scheidung ver-
"Uchen. Keinem französischen Soldaten ist ein Haar »kUNt worden; aber 50 t
™ ihrem Blute. Ob jene frai grauen vor her ihr Recht f)i , , Wie, ob sie iblind einem blinden Beiebl aebortben.
her 50 deutsche Arbeiter liegen jene französische Soldaten ein stecht heischenoen Masse anwan
venhorden schalten, daß an die Stelle der in Jahrhunderte langer Entwicklung erworbenen Freiheit der Arbeit neue Hörigkeit treten soll — die Hörigkeit von Nation zu Nation. Vielleicht befinden wir uns auf dem Höhepunkt dieses Kampfes. Sicherlich hat heute niemand mehr die Entschuldi- Sung, nicht zu wissen, worum es geht. Hat im deut- hen Volk noch jemand zweifeln können, so müssen alle Augen jetzt geöffnet sein. Hat in Frankreich jemand leichten Herzens die Tragweite des am 11. Januar begonnenen Unternehmens erkannt, so kann und muß auch dort hewe jeder wissen, zu welchem Abgrunde dieses Beginnen führte. Hat (ie Welt bisher mehr oder weniger interessiert in der Zuschauerrolle dem Schauspiel am Rhein und an der Ruhr zugesehen, so muß sie heute sehen, wo Krieg ist, wo Frieden, wo Sicherheit, wo Ueberantwortung an die fremde Willkür. Und namens der Toten frage ich die Völker der Erde, wie lange noch wollens ie warten,
ehe diesem wahnwitzig, grauenvollen Mißbrauch der Gewalt ein Ende geboten wird?
DankundTreuedes gesamten Volkes, dessen Dolmetsch wir hier sein wollen, begleiten die teuren Toten auf ihrem letzten Gange mit dem heißen Wunsche, daß ihre Hingabe fürs Vaterland ein Segen werden möge, ihnen, ihren Hinterbliebenen und der deutschen Sache. Wie sie auf dem Ehrenfriedhof die letzte Ruhe finden, fo sollen sie in unserem Herzen unvergessen bleiben als deutsche Helden, die ihr Vaterland mehr liebten als ihr eigenes Leben. Mit dem gleichen Empfinden gedenken wir aller derer, die ihnen an Rhein und Ruhr mit dem Opfer ihres Lebens, ihrer Gesundheit und Freiheit voran- unfer Gedenken. Wie ärmlich klingen unsere Worte unser Gedenken. Wie ärmlich klingen unsere Worte im Vergleich zu dem, was diese Märtyrer der deutschen Sache getan! Es ist, als ob uns aus der Schar der Toten, Verwundeten und Gefangenen die vorwurfsvolle Mahnung entgegenklingt: Das alles taten wir für Euch, auf daß Ihr t n Freiheit und Arbeit leben könnt. Und was tut Ihr?
Es ist, als ob diese Frage ausgenommen und zu uns getragen wird von Millionen von Kämpfern am Rhein und an der Ruhr, die täglich zu gewärtigen haben, was jenen geschehen ist, und doch nicht müde werden in ihrer besonnenen passiven Abwehr feindlicher Uebergriffe. Ihnen allen, denen unsere Gedanken heute besonders nahe sind, lassen sie uns antworten mit dem Gelöbnis, alles zu tun, was in unseren Kräften steht, um sie zu stützen und zu stärken in dem Abwehrstreit und ihnen zu einer baldigen Befreiung zu verhelfen. Verständigung boten wir an, Geld und Gut, den Ertrag der Arbeit langer Jahre
Die Beisetzung in Essen
Essen, 10. April. Das Schweigen einer bedrückten Stadt, die zehn Tage lang teuren Entschlafenen stumme Totenwacht hielt, löste sich heute in ein Grabgeleite von Hunderttausenden. Am Vortag schwere Wolken über der Landschaft, die den Horizont mit Schleiern verhängten, eisige Schneeschauer, Boten des Winters, fegten durch die Lust, ein düsterer Rahmen für die ernste Stimmung. Zahllose Schleifen in allen Blumengeschäften der Stadt, von Neugierigen bestaunt, waren das einzige, was gestern noch sichtbar an die letzte Fahrt der Heimgegangenen mahnte. Heute aber strahlte, wie am Tage der entsetzlichen Ereignisse, leuchtende Frühlingssonne über den offenen Gräbern.
Das äußere Gesicht der Stadt spiegelt das Bewußtsein wieder, daß diese Toten uns allen gehören. Sämtliche Geschäfte, Büros und Wirtschaften der Stadt hielten geschlossen, die Straßenbahn stellte eine Stunde lang den Betrieb ein, in den Kruppschen Werken ruhte die Arbeit heute gänzlich in allen Betrieben eine Stunde lang. Auf den Straßen war kein Franzose zu sehen. Die Wachen hatten strengen Befehl, beim Passieren des Zuges in die Häuser zu treten. Von 6 Uhr früh an traten Vereine und Abgeordnete mit Kränzen und umflorten Fahnen auf den von Ordnern bestimmten Plätzen im Hauptverwaltunasnebäude der Kruppschen Fabrik an, in dem die Leichen aufgebahrt waren. Den Eingang flankierten zwei mächtige Pylone, die Kruppschen Fahnen waren auf Halbmast gesetzt. Der hohe Lichthof des Verwaltungsgebäudes nahm die Traueroersammlung auf. Im Hintergründe ein Hain von Palmen und anderen immergrünen Pflanzen, an den Längsseiten kugelige Lorbeerbäume auf viereckigen schwarzen Fundamenten, die Estraden mit schwarzen Teppichen behangen, in den Füllungen schlichte grüne Kränze mit schwarzem Flor. Die vier großen elektrischen Kronleuchter mit Flor umhüllt, gaben dem Raum gedämpftes Licht. Vor dem Palmenhain in zwei breiten Reihen hintereinander angeordnet, standen auf hoher Bahre die schweren, dunkelgebeizten Eichenholzsärge, zwischen den Särgen Kerzenkandelaber. Am Sarge des ermordeten Bergmanns Mannertz hielten unbeweglich fedy: Mann in der schwulen Knappenuniform, die Mütze mit dem schwarz-weißen Federbusch auf dem Kopf, brennende Grubenlaternen in der Hand, die Ehrenwache. Auf jedem Sarg war ein Kranz der Stadt Essen, seitlich und davor bauten sich Berge von Kränzen aller öffentlichen Körperschaften, Vereine, öffentlicher und privater
Stellen auf. Besonders ins Gesicht fiel ein mächtiger Eichenkranz der Reichsregierung, der die Aufschrift: „Den Opfern für Reich und Treue* trug.
Kurz nach %10 Uhr betraten die Aussichts- ratsmitpOeher und Mitglieder des Kruppschen Direktoriums, soweit es nicht verhaftet war, an der Spitze Herr Krupp v. Bohlen und Halbach, die Halle. Ein Männerchor: Ecce quo modo moritur justus eröffnete die kurze Feier des Hauses Kruop. Darauf trat Herr Krupp v Bohlen-Halbach lanafam, fast zögern! vor und sprach folgende Abschiedsworte:
Aus dem Herzen der Gußstahlfabrik, der in deutscher Treue ihrer Hände und ihrer Köpfe schaffende Arbeit gewidmet war, wollen mir, ihre um sie tief trauernden Mitarbeiter, unsere lieben Kameraden und unvergeßlichen Toten zur letzten Ruhestätte begleiten. Schmerzlich bewegt und unaussprechlich betroffen drücken wir den Angehörigen in dieser ernsten Stunde des Leides die Hand. Uns allen aber, die wir zur Kruppschen Werkgemeinschaft gehören, möge diese gemeinsame Trauer dazu dienen, daß wir enge zusammenstehen, um die schwere Gegenwart zu tragen und zu überwinden. Ehre dem Andenken der Gefallenen! Auch sie starben für die deutsche Freiheit, deutsche Würde, deutsche Arbeit und Verantwortung. Ihr Leben und Sterben bleibe ein Baustein zur deutschen Zukunft. Das walte Gott!
Der Männerchor: „Heilig, heilig, heilig, heilig ist der Herr" von Schubert bildete den Schluß. Eine kurze stumme Pause, dann wurden die ersten Kränze aukgehoben, die Kranzträger wandten sich zum Gehen. In diesem Augenblick durchgellte ein markerschütternder Aufschrei aus gequälter Frauenbrust den Raum: „Vater, bleibe hier!" und gleich darauf: „Vater, komm —," das letzte Wort brach auf den Sippen. Dis Angehörigen, von Werksmitglie- dern zum Teil sorglich gestützt, wankten hinaus. Die Musik intonierte und die Särge wurden hinaus^-tragen auf mit Tannen gepolsterten und mit immergrünen Pflanzen geschmückten unser Haupst nun begann die letzte Fahrt. Rund 60 000 Mann der Krupp'schen Belegschaft schritten den drei Leichenwagen voraus. Die Spitze bildete die Fahnengruppe mit vielen Hunderten Fahnen. Danach folgten die Scharen der Kranzträger. Hinter den Leichenwagen schritten die Familienangehörigen. Dann folgten der Betriebsausschuß, der Betriebsrat, der Aufsichtsrat, das Direktorium, darunter Krupp von Bohlen-Halbach, Vertreter der Reichs- und Staatsbehörden und der Verbände, die Abteilungsdirektoren der Gußstahlfabrik, die Direktoren der Außenwerke und Abordnungen der Belegschaften der Außenwerke, schließlich Abordnungen anderer Vereine und Vereinigungen. Die Bevölkerung der Stadt Essen hatte sich zu Tausenden in den Straßen, die der Trauerzug berührte, ausgestellt. Am Friedbofstor wurden die Toten von geistlichen beider Konfessionen in Empfang genommen und zur Kapelle geleitet. Die Trauerfeier im Freien wurde durch Vorträge des Essener Volkschors umrahmt. Ansprachen hielten Superintendent Becker und Prälat E u s k l r ch e n, der mit der Vertretung des Kardinalerzbischofs Schulte, Köln, beauftragt war.
Als Vertreter des Kruppschen Direktoriums rief Dr. Wendt namens der Leitung der Kruppwerke den Toten ein letztes Lebewohl zu. Dann nahm Schlosser Paul Brehme für den Betriebsrat das Wort zu einer Ansprache, in der er u. a. sagte: Die Kruppsche Arbeiterschaft hat stets die Ansicht vertreten, nichtunterBa- jonetten zu arbeiten. Ich will nicht unterlassen, auch an dieser Stelle zu sagen, daß die Franzosen sich schon vor dem 31. März Eingriffe in das Gelände der Fabrik erlaubt haben. Unsere Kollegen haben alles versucht, um Zusammenstöße mit dem französischen Militär zu vermeiden, aber blinder Militärgehorsam hat 13 in den blühendsten, hoffnungsvollsten Jahren stehende Kollegen dahingerafft. Bei euch älteren Kollegen ist es ein tragisches Geschick, daß gerade ihr es ward, die die tödliche Kugel traf, ihr, die ihr euch bemüht habt, Unbesonnenheiten einzelner Personen zu vermeiden. Nicht mit Hast, nicht mit Kanonen und Gewehren, sondern auch ferner werden wir bestrebt sein, durch friedliche Kulturfördernna der Arbeit und Volksver- söhm'nq zu dienen. Im Namen der Arbeitnehmer sämtlicher Kruppschen Werke, des Christlichen und des Deutschen ^>etallarbeiterverban- des, der anderen Gewerkschaften, Korporationen, Einzelpersonen und Parteien, sprach Redner lodann den Hinterbliebenen das herzlichste Beileid aus.' Für die Stadt Essen sprach der stellvertretende Bürgermeister Beigeordneter B a a - s e l. Danach erfolgte im Be>se!n der Familien-
DoUar (10 Uhr oormj 21000