Veneral-Anzeiger
Amtliches Organ für Stadt- und Landkreis Kanan a. M. /MD
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Nr. 56
Mittwoch Sen 7. März
1923
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Widerstand bis zur Befreiung vom Zwange des Gegners. — Keine Unterschrift ohne Erfüllungsmöglichkeil.
K war die höchste Zeit, daß die Reichs- règierung sich dazu entschloß, an Stelle der zu BeMn häufenden diplomatischen Noten und schriftlichen Verwahrungen, die saunt noch Beachtung finden, durch den Mund des Reichskanzlers in nachdrücklichster Form der gesamten Welt die unzähligen Rechts. Küche, Uebergriffe, Plünderungen, Mord und Erausamkeiten, die von den Franzosen und Belgiern im Einbruchsgebiet seit nunmehr zwei Monaten täglich und stündlich begangen »erden, vorzuführen, und damit der Welt das wahre Antlitz der Ruhrakt i o n zu offenbaren. Der deutsche Kanzler hat dies gestern getan, der Eindruck seiner bedeutenden Rede wird nicht ausbleiben, wenn wir uns auch vorläufig noch keinen positiven Erfolg von ihr versprechen. Wir haben ge. nugsam gelernt, aus nichts zu hoffen, dessen Wurzeln nicht in unserem eigenen Wesen lägen. Dennoch befände sich derjenige im Irrtum, der da glaubt, daß dann die Kanzler, rede völlig wertlos gewesen wäre. Just daran hat er dem deutschen Volke immer und am meisten gefehlt, daß er das Ohr der Welt besessen hätte. Northcliffe hätte umsonst gearbeitet oder wenigstens nur ver. hältnirmäßig bescheidene Erfolge erzielt, wennmran das deutsche Volk, seine Lage und seine Absichten gekannt hätte. Hier ist vieles, wenn nicht Nes nachzuholen. Richtig ist, daß das deutsche Boll in dem gegenwärtigen waffenlosen Kriege nur durch sich selbst obsiegen kann, und es befindet sich ja kraft der bewundernswerten Haltung der betroffenen Volksteile auf dem Wege, der zum Scheitern des französischen Raubzuges führen wird. Doch die aus seiner eigenen Seele stammenden, von seinem Rechte ständig genährten Kräfte bedürfen der Hilfe des Verständniffes des Auslandes, wie seine Wirtschaft den Güteraustausch mit ihm braucht. Die Wahrheit über dar deutsche Recht, über den französischen Frevel, über die deutsche Not und über den deutschen Willen muß in die Welt hinaus- getragen werden, so wie es gestern ge- Ichehen ist.
Der Schwerpunkt der Rede des Kanzlers liegt in dem starken und unzweideutigen Bekenntnis zur Fortsetzung des passiven Widerstandes, liegt in der Versicherung, daß all die ausländischen Meldungen von einer Widerstandsmüdigkeit Deutschlands eitel Erfindung sind, liegt in der einhelligen Auffassung, daß nicht Deutschland es sein kann, das in dieser Stunde wiederum die Hand Verhandlungen zuerst reicht. Deutschland hat letztere nur zu oft besudelt zurückziehen "lüsien. Jetzt mag der Appell zum Verhandeln an die andere Seite übergehen. Deutschland steht im Kampfe für sein ver- öewaltigtes Recht gegen brutale Macht und es wird diesen Kampf nicht abbrechen, lolange nicht das Recht gesiegt hat. Hinter Vieser Auffassung steht das gesamte deutsche und das Ausland mag erkennen, daß nicht ein einzelner Mann war, der gestern Nl Reichstag seine Stimme erhoben und le Not seines Herzens, wie die Festigkeit leines Enschluffes hinausgerufen hat, sondern es das deutsche Volk war, das geschloffen Wer der Reichsregierung und hinter den ^vlksgenoffen am Rhein und Ruhr im Abwehrkampf steht gegen Frankreich, das den »Neden und die wirtschaftliche Entwicklung Europas und der ganzen Welt aufs Schwerste umdroht. Das deutsche Volk hat die Wahr- gesprochen — Welt, an dir liegt es, hören!
Sitzungsbericht.
Die Tribünen des Reichstags sind schon lange vor Beginn der Sitzung bis auf den letzten Platz besetzt. Auch draußen vor den Zugängen drängt sich die Menge. Um ö1^ ” betritt der Reichskanzler den Saal.
Präsident Löbe eröffnet die Sitzung Die frühere Einberufung des Reichstags sei notwendig geworden angesichts der immer ungeheuerlicherwerdendenHerausforderungen und Quälereien unserer Bevölkerung im Ruhrgebiet durch die Besatzungsarmee. Ein Mord folge auf den andern, eine Brutalität werde durch die andere abgelöst. Selbst Kinder würden von französischen Soldaten mit dem Bajonett verjagt. (Stürmische Pfuirufe und Rufe: Diese Halunken!) Unsere pflichttreuen Beamten würden mit dem Tode bedroht. (Neue Pfuirufe.) Die Reichrregierung und der Reichstag müßten jetzt ihre Stimme erheben vor der ganzen Welt gegen diese Brutalitäten, die nur zu einer wachsenden Flut des Haffes führen könnten. (Lebhafter Beifall.) Der Präsident widmet dann, während sich die Abgeordneten erhoben haben, dem verstorbenen Botschafter in Paris, Dr. Mayer, einen herrlichen Nachruf. Er bemerkt dabei, dem Verstorbenen sei eine undankbare Aufgabe gestellt gewesen in einem Lande, wo die Gefühle des Haffes und der Vergeltung am wenigsten abgestorben seien.
Dann nimmt der Reichskanzler Dr. E u n o das Wort. Er verweist auf den neuen Ein- bruch der Franzosen vom 3. März ins rechtsrheinische Gebiet. Würde das fgnji irgendwo unter zivilisierten Staaten geschehen, so wäre die Welt voll der Entrüstung über einen solchen Friedensbruch. (Lebhafte Zustimmung.) Da er an Deutschland begangen wird als eine Erweiterung der Ruhrbesetzung, ist es der Welt nicht des Aufhebens wert. Dieser Rechtsbruch reiht sich an den Einbruch in Offenburg an. Die Androhung der Todesstrafe für diejenigen Eisenbahner, die den Befehlen der vorgesetzten Reichsbehörde nachkommen, bedeutet unerhörten Terror. (Lebhafte Zustimmung.) Bisher hat die französische Regierung mit allen wirtschaftlichen Berechnungen im Ruhrgebiet Enttäuschungen erlitten und mit allen politischen Kombinationen Fehlschläge erlebt. Es setzt aber trotzdem sein Vorgehen fort mit brutaler Konsequenz. Ich stelle diese Brutalitäten fest, um
ein Warnungssignal vor der ganzen Welt aufzurichten.
Diese sieben Wochen sind nicht spurlos an unserem Volke vorübergegangen. Ein friedfertiges Volk wird mitten im Frieden gegen alles Recht von Frankreich mit Füßen getreten, ohne daß bei den anderen Kulturnationen auch nur ein Finger gerührt wird. (Hört, hört!) Soll das Recht im Völkerleben nicht zur Phrase werden, so haben wir heute die Pflicht festzuhalten, was unserem Volke angetan wird, daß von Frankreich Unrecht auf Unrecht bis zur Unerträglichkeit gehäuft wird. Das ist nicht mit diplomatischen Noten getan und durch keinen Aufschub. Darum habe ich die längst geplante Reise nach Süddeutschland aufgeschoben, um hier vor dem Vertreter über diese Dinge zu reden. Unser Schild ist blank. Wir haben nichts zu verheimlichen. (Rufe bei den Kommunisten, Lärm von verschiedenen Seiten.) Wir brauchen uns nicht nach Rechnungsstellung hinter verschlossene Türen und hinter Vertagungen zurückzuziehen. Siebeneinhalb Wochen sind vergangen, seitdem das Ruhrgebiet nach dem Worte Poincarès von Ingenieuren mit militärischer Begleitung zu rein wirtschaftlichen Zwecken besetzt wurde. Ziehen wir jetzt
die Bilanz dieser Aktion.
Der Reichskanzler schilderte im einzelnen die von den Franzosen im Ruhrgebret begangenen Brutalitäten. Die Kundgebungen der Empörung und des Abscheues steigerten sich bei jedem neuen Fall. Die von den
Franzosen schimpflich gefangen genommenen Deutschen werden dadurch in ihrem Ansehen nicht vermindert, sondern steigen in der Achtung. (Lebhafter Beifall.) Aber wo bleibt da die Ehre des französischen Volkes? (Abg. Quartz, D. Vpt.: „Das größte Verbrechervolk der Welt!" — Abg. Höllein, K., macht Eegenrufe. Von rechts wird zu den Kommunisten gerufen: „Ihr Vaterlandsverräter!" Nach beschwichtigenden Worten des Präsidenten legt sich der Lärm). Der Reichskanzler fährt fort: Man wagt in Frankreich nicht, der Welt und dem eigenen Volke die Wahrheit zu sagen. Darum sagen wir: Heraus mit den Tatsachen des Rechtsbruches und der Greuel vor die Welt, damit sie ihr unparteiisches Urteil fällt, wo Recht und Unrecht liegt, und sich nicht von der Verantwortung durch Nichtwiffen zu befreien vermag. Frankreich glaubte, seine Reparationsansprüche von einem freien Volke erzwingen zu dürfen. Das Ergebnis ist, daß es vom 11. Januar bis 15. Februar statt 21/io Millionen Tonnen Kohle, die es sonst erhalten hätte, im ganzen 7400 Tonnen erhalten hat. Dasselbe Defizit besteht bei den anderen Reparationsleistungen. Dazu kommen die gewaltigen Kosten der militärischen Besetzung, die nur zum geringen Teil von den Franzosen durch Raub und Diebstahl ersetzt werden konnten. So sieht die Passivseite des französischen Unternehmens aus, und damit ist die Bilanz zu Ende; denn eine Aktivseite hat sie nicht. (Lebhafter Beifall). Unproduktivität auf der ganzen Linie. Das 41t. das Kennzeichen
nehmung zur Beschaffung produktiver Pfänder. Trotzdem ist Poincarö zufrieden.. (Lachen.) Weniger zufrieden werden die 'Aktionäre seines Unternehmens sein; denn sie werden keine Dividenden erhalten. Wenn Poincarè die Hand ergriffen hätte, die wir schon im Dezember entgegengestreckt haben, indem wir eine sofort
auf dem Weltmarkt zu plazierende Anleihe für die französischen Reparations- forderungrn
mit einem festen Satz der Amortisation und Verzinsung vorschlugen, dann wäre die Bilanz freilich eine andere geworden. Das gewalttätige Vorgehen Frankreichs hat aber bisher keinen Erfolg gehabt, und so wird es bleiben. Dis erste Etappe der Invasion und die zweite Etappe der Installation haben Frankreich nichts genutzt, und ebenso wird es sein mit der dritten Etappe der Abschnürung und des Terrors. Damit wird ein wirtschaftliches Ziel nicht erreicht. Eine andere Wirkung ist aber eingetreten. Starrer und entschlossener ist der Wille der Bevölkerung an Ruhr und Rhein zur Abwehr geworden. (Lebhafte Zustimmung.) Tanks und Maschinengewehre haben ihren Sinn verloren, wo sich ihnen niemand entgegenstellt. (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Es ist eine Mißachtung des Geistes, wenn man glaubt, die bloße Besitzergreifung sei entscheidend.
Wir bekennen uns heute erneut zum passiven Widerstand
(lebhafter Beifall), der Gewaltlosigkeit und des Friedens im Kampfe gegen Unrecht und Gewalt (Beifall). Wir werden nicht müde werden in diesem Widerstand bis zu einem ehrlichen, einen wahrhaften Frieden sicherstellenden Ende. (Lebhafter Beifall.) Wäre der entschlossene Widerstand am Rhein nur ein von der Regierung befohlener oder würde er nur im Interesse einer bestimmten Klaffe geübt, so wäre er längst zusammengebrochen. (Sehr wahr!) Nein, die Kraft dieses Widerstandes liegt tiefer als die Flöze des Ruhrgebietes. Sie stammt aus dem Wiffen des Volkes um das, was es geht. (Lebhafter Beifall.) Der Widerstand wird fortgesetzt werden bis zum Tage der Befreiung vom Zwange des Gegners. (Lebhafter Beifall.) Die Bevölkerung am Rhein und an der Ruhr ist in diesem Kampfe eins mit der ganzen Nation. Wir haben jetzt alles auf diesen Kampf eingestellt. Wir müssen darum mit aller Schärfe
gegen diejenigen vorgehen, die dem Gegner Spionendien ste leisten. (Abg. Koenen, Komm.: Wie der früher« Minister Müller! Unruhe.) Wir werden die Stützung der Mark fortsetzen, ebenso den Kampf gegen den Wucher. An die Besitzenden richten wir die dringende Mahnung, unsere Goldanleihe zu zeichnen.
Wir erleben jetzt den Geist der Einigkeit an Ruhr und Rhein. Ist es eine vermessene Hoffnung, daß dieser Geist von den Grenzmarken aus sich durchsetzt im ganzen Volke über die Parteiunterschiede? (Beifall.) Kein Korrigieren der Wahrheit wird an der Tatsache etwas ändern, daß
Deutschland eine Reparationsleistung von 45,6 Goldmilliarden oder 285 Billionen Papiermark aufgebracht hat.
(Hört, Hört!) Den gegnerischen Staats* männern sind diese Zahlen bekannt, aber die fremden Völker kennen sie nicht. Die gegenwärtige Regierung hat, wie alle ihre Vorgänger, einen ehrlichen Erfüllungswillen bekundet. Die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft darf aber nicht nach dem Willen des Gläubigers, sondern muß nach dem Urteil der Sachverständigen bemessen werden. Ich habe mein Amt übernommen mit dem
Deine Waffe im Kampf gegen Frankreich sei Dein Seilrag zum Deutschen Volksopfer. Spenden nimmt unsere Geschäftsstelle an.
MBhma. - -41ÜM&T- ,r.ütf , ^ Willen als ehrlicher Kaufmann und Wirtschaftler durch offene Verhandlungen von Mann zu Mann unsere Verpflichtungen auf ein erträgliches und erfüllbares Maß festzustellen. Unsere weitgehenden Vorschläge sind aber in Paris nicht einmal geprüft worden. (Hört, Hört! Rufe links: Wer kennt sie? Heraus damit!) Hinter ihnen standen die Garantien der deutschen Regierung und der deutschen Wirtschaft. Wenn diese Vorschläge nicht geprüft wurden, so war der Grund einfach der, daß
die Ruhrbesetzung schon vorher beschloffen war. (Hört, Hört!) Frankreich wollte unseren Kredit vernichten. Es will die Zerstörung Deutschlands. Frankreich sollte aus der Geschichte wiffen, daß ein solcher Ehrgeiz niemals dem eigenen Volke zum Segen ausschlägt. Frankreichs Politik bringt auch Unheil und Friedlosigkeit über Europa. Die Verständigung ist gescheitert, weil zwar wir, aber nicht Frankreich verhandeln wollte. Darum sagen wir jetzt:
Fort mit dem Gerede über Verhandlungen! (Lebhafter Beifall bei der Mehrheit, Unruhe bei den Sozialisten) Diese Mahnungen sind nicht an die deutsche, sondern an die fran zösische Adresse zu richten. Angebote fini nicht unsere Sache und zahlenmäßig auch unmöglich, solange die Besetzung des Ruhrgebietes uns ein Urteil über die eigene Leistungsfähigkeit unmöglich macht. Wenn uns ein Weg geöffnet wird, der uns die Möglichkeit zur offenen Aussprache als Gleichberechtigter gibt, dann wird die Regierung diesen Weg gehen. Dabei wird es kein« Unterschrift dieser Regierung geben untei einer Vereinbarung, die wir nicht einhalten können. Wir werden keinerlei Regelung zustimmen, die widerrechtlich besetztes Gebiet von Deutschland trennt oder den zu.Unrecht bestraften Deutschen nicht die Freiheit wiedergibt. (Beifall) Will Frankreich die Kapitulation, so setzt Deutschland dem den un- erschütterlichen Willen entgegen, nicht zu kapitulieren; will Fraukr-.lch die Vernichtung Deutschlands, so will Deutschland leben. Das ist sein Recht und seine Pflicht dem eigenen Volke wie der Welt gegenüber!
Was aber sagt die Welt dazu?
Was sagen jene Mächte, deren Namen unter
Fortsetzung auf Seite 5._________ —BMWwaiwni—IIBMW ■^itWI' —MIM
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