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Frettan Nen 8. Februar
Ät. 88
Lokales.
Hanau, 2. Februar.
Ueber die Aussichten im Obst- und Gemüsebau
entwarf der geschäftsführepde Vorsitzende des Reichsbundes für Obst- und Gemüsebau gelegentlich einer kürzlich in Berlin mit Vertretern der Reichs- und Staatsbehörden, der Landwirtschaft und des Handels stattgefundenen Besprechung, der auch der neue Ernährungsminister Dr. Luther anwohnte, ein ziemlich trübes Bild. Der deutsche Ob st bau sei erschüttert und stelle vor dem Zusammenbruch, so daß, wenn nicht wirksame Gegenmaßnahmen getroffen würden, Obst aufgehört haben werde, ein wohlfeiles Volksnahrungsmittel zu fein. Dabei habe der Obstbau einen großen volkswirtschaftlichen und Ernährungswert, betrage doch die jährliche Gesamternte an Baum- und Beerenobst etwa 2^ Millionen Tonnen. Der deutsche Obstbau sei in der Lage, den gesamten vernünftigen Bedarf — 60 Kilo pro Kopf der deutschen Bevölkerung — zu decken, wenn es den Züchtern ermöglicht werde, die Anlagen in guter Kultur zu halten. Dazu seien sie jetzt aber nicht in der Lage; es fehlten ihnen die Mittel zur Düngerbeschaffung, zur Schädlingsbekämpfung usw. Ein Obstbaum stelle heute nicht mehr ein Wertobjekt dar, sondern eine Belastung des Bodens. Die Folge sei, daß der Obstanbau zurückgehe. Als Hauptursachen für die ungünstige Lage im Obstbau sowie auch im Gemüsebau bezeichnete der Redner zu niedrige Erzeugerpreise, die Zwangswirtschaft, die Frachtpolitik der Eisenbahn, die Getreideumlage. Der Anteil der Zinsen an den von den Verbrauchern gezahlten Preisen sei unverhältnismäßig gering; der Hauptanteil entfalle auf Fracht und den Zwischenhandel. Für diese Behauptung wurde ein Reihe von zahlenmäßigen Beispielen angeführt. Die außer- orbentiid) hohen Frachten hätten in vielen Fällen die Versendung von Obst verhindert, so daß große Mengen Obst in den Großanbaugebieten verderben mußten. Unter dem Druck der ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse sei die Abwanderung sowohl aus dem Obst- wie Gemüsebau außerordentlich stark.
Dr. Ebert van der Landwirtschaftskammer Berlin schildert die Verhältnisse im Gemüse- b a u als ebenso ungünstig und machte dazu die gleichen Gründe geltend. Die Gemüsezüchter seien eher noch schlechter daran, da Gemüse wegen seiner leichten Verderblichkeit dem Preisdruck viel mehr unterliege als Obst. Die Belastung durch die Fracht auch bei Ausnahmetarifen sei deshalb so außergewöhnlich groß, weil bei der Versendung der Raum nicht ausgenutzt werden könne. Würde z. B. bei der Versendung von Spinat der Waggonladeraum bis zu 200 Zentner ausgenutzt werden können, so wären pro Zentner 765 Mark Fracht zu zahlen. Da aber nicht mehr als 30 Zentner Spinat geladen werden könnten, entfallen auf den Zentner 3000 Mark Fracht. Aehnlich sei es bei Kohlrabi, Bohnen, Frühkohl usw. Wie beim Obst, so sei auch beim Gemüse die Anbaufläche erheblich zurückgegangen. Die Gemüseanbaufläche werde unter den gegenwärtigen ungünstigen Verhältnissen sich noch mehr verringern als im Obstbau, als die Gemüsezüchter ihren Betrieb viel leichter und früher umstellen können. Zur Hebung des Anbaues und des Absatzes sowie der Verwertung erheben die Obst- und Gemüsezüchter u. a." folgende Forderungen:
Keine Neuauflage von Zwangsmaßnahmen, Kreditgewährung seitens des Reiches zur Be-
' affung von Betriebsmitteln und Dünger, Ver- 'nllignng der Düngerfransten imb Düngermeife, Ermäßigung der Frackten, Verhinderung der Einfuhr, Ausfuhrfreiheit für im Lande nicht absetzbares hochwertiges Obst, Gewäbrung ausreichender Erzeugerpreise und Freilassung obstbaulicher Kulturen von der Getreideumlage, solange der Reingewinn nicht höher ist als in der Landwirtschaft.
* Kinzig-Hochwasser. Durch das anhaltende Regenwetter der letzten Tage ist die Kinzig an verschiedenen Stellen aus ihren Ufern getreten und hat weite Strecken unter Wasser gesetzt. Namentlich bei W i r t h e i m und Wächtersbach gleichen weite Talstrecken einem See. Auch die Bevölkerung von Langenselbold und Rückingen ist durch das Hochwasser wieder von dem Verkehr mit der Staatsbahn abgeschnitten. Gute Geschäfte macht dadurch die Hanauer Kleinbahn, welche den gesamtem Verkehr der beiden Orte zu bewältigen hat.
* Der Skeu"r?urszckk-'l "'r die ^^-""lagung zur Vermögenssteuer und Zwangsanleihe liegt auf der Handelskammer zur Einsichtnahme auf.
* Bei der Ablieferung der Steuerbücher 1922 hat sich herausgestellt, so schreibt uns das Finanzamt, daß von zahlreichen Steuerpflichtigen Steuermarken für 1920 und 1921 noch im Besitze der Lohnempfänger sind. Durch die Säumigkeit der Steuerpflichtigen mußten viele Steuerpflichtige aufgefordert werden, diese Steuermarken abzugeben. Durch diesen Schriftwechsel entsteht dem Finanzamt eine bedeutende Mehrarbeit, die vermieden werden kann, wenn jeder Steuerpflichtige die noch in seinem Besitz befindlichen Steuerwarten unverzüglich beim Finanzamt Lamboystraße abliefert.
* Die Verpflegungssätze in den Landkranken- Häusern. Der Landeshauptmann in Cassel hat infolge des immer weiter sinkenden Geldwertes die Verpflegungssätze in den Landkranken- bäusern des Regierungsbezirks Cassel vom 1. Februar d. Js. ab wie folgt festgesetzt: 1. Klasse 5400 Mk. 2. Klasse 3600 Mk., 3. Klasse 2400 Mark. Die Krankenkassen zahlen außerdem für Operationsaufwendungen, Verbandsstoffe usw. einen vereinbarten Pauschalsatz. Minderbemittelten Kranken gegenüber können die Sätze bis auf einen ganz geringen Satz ermäßigt werden; völlig unvermögende Kranke werden unentgelt- lick verpflegt und behandelt.
* Schwerer Anfall. Einem bei einem hiesigen Sefduiftsmann zu Besuch weilenden jungen Mädchen wurde am Mittwoch morgen beim Hantieren mit einer Betriebsmaschine die rechte Hand abgerissen.
* 25 Jahre im Dienste der Polizei. Herr Polizei-Betriebsassisient Haas, ein befähigter Beamter unserer
auf eine 2Zjährige Tätigkeit im Polizeidienst zurückblicken.
* Denn der Staun einkaufen geht. Nachstehende trau ' 'e Betrachtung finden wir im „Heidelb. Tagebl.": In den meisten Familien herrsckt chronischer Geldmangel; die Frau, die das Bestreben hat, die Familie anständig durchs Leben zu schleppen, kommt mit dem Wirtschaftsgeld nicht aus. Der Mann schimpft und zahlt Zuschüsse, oder er schimyft-und zahlt keine Zuschüsse. Die notwendige Folge in diesem zweiten Falle ist ein karger Mittagstisck, und ein unbefriedigter Magen wiederum ist reizbar. Der Magen steht, was die wenigsten wissen, in direkter Verbindung mit der geistigen Zentrale, mit der Vernunft. Hunger ist nicht immer der beste Koch, sondern viel öfter ein ganz rabiates Wesen, ein Revolutionär. Hatte
ich neulich nicht auch Krach geschlagen, als das Mittagbrot dürftiger als sonst ausgefallen war? Hatte ich nicht auch getobt und mit Sperr- maßnahmen gedroht. als das Sßirtfchnftsgelb vor der ausgerechneten Frist zu Ende war? Unter allerlei Umschweifen erklärte vh icklisß- lich zu Hause, daß mich gewisse Gründe veranlaßten. einmal selbst die Einkäufe zu besorgen. In Wirklichkeit wollte ich mich davon überzeugen, was eigentlich der durckickn'^icke Lebensunterhalt eines Tages kostet. Ick wollte an der Hand der Tatsachen beweisen, daß das von mir bewilligte Wirtschaftsgeld ausreichend, mehr als ausreichend sei, und daß keinerlei Anlaß bestände, mir Knauserigkeit und wirtschaftliches Unverständnis vorzuwerfen. Ich begann beim Bäcker und kaufte ein markenfreies Brot, weil ich mit der Brotkartenration nicht auskommen kann. Ich ging zum Kaufmann, zum Margarine- nnd Grünkramhändler und sah mit Schrecken, wie bei aller Svarsamkest ein Tausender nach dem andern zerrann. Und endlich kam ich in den Fleischerladen. Wie prangten da an den gekachelten Wänden die appetitlichen Würste! Wie lockte der rohe und gekochte Schinken, und welche Göttermahl^eiten verrieten die geviertelten Schweine und Ochsen, die an kräftigen Eisenhaken zur allgemeinen — zgenweide auf gehängt waren! Ja, wie regten ück alle kulinarischen Gefühle in fordernder Solidarität! Ich überlegte. Der Laden war überfüllt. Die Kunden fausten zumeist nur Kleinigkeiten: ein halbes Pfund Fleisch, ein viertel Pfund Wurst, zwei Paar Würmchen usw. Eine alte Dame mußte sogar den Laden verlassen, weil sie billige Landleberwurst kaufen wollte und nur noch sogenannte feine Leberwurst vorfand, zu der ihre Barmittel nicht mehr ausreichten. Ein dicker Herr mit glänzenden Wannen eahst» 11 000 Mark für ein leidliches Päckchen. Der Fleischer- meister und seine wackere Frau hatten hinter sich einen nonzen Berg von Hundert- und ^au* sendmarksckeinen liefen, mehr. als man früher in einer Großbankfiliale sehen konnte . . . Meine hochgeschwollenen Hauswirtschafts- und Reformpläne sanken fäll zusammen. Ich verzichtete auf Eisbein, Schnitzel und Schweinebauch und ließ es bei einem Viertelpfund Leberwurst und ein Paar Liliputanerwürstchen bewenden. Meine Kaffs war dem Sterben nahe. Ich habe daher die Wirffchaftskührung unter entsprechender Erhöhung des Haushaltplanes wieder an die bessere Hälfte abgetreten. Ich habe dabei eine sehr ernste Miene aufgesteckt, sie aber hat gelacht. Zur Scheidung wird es jedenfalls nicht kommen."
* Mit einem frassen Fall von Hehlerei hatte sich gestern das hiesige Schöffengericht zu beschäftigen. Im November v. Js. wurden dem Oekonom H. von seinem Lagerplatz zwei fast neue Pfluge una ëine" Wiesenegge gestohlen. Die landwirtschaftlichen Geräte hatten damals einen Wert von je 70 000 Mk. Der Althändler Wilhelm K. von Rückingen, der hier in Hanau zu tun hatte, kaufte die Egge von zwei unbekannten jungen Leuten auf der Straße und zahlte ihnen ganze 2000 Mk. dafür. Noch an demselben Vormittag, kurz nachdem K. die Egge erworben, verkaufte er sie weiter an den Althändler Wilhelm B. von Groß-Umstadt für 3100 Mk. Die Egge ist dann jedenfalls zertrümmert und an eine Gießerei verkauft worden. So hat wenigstens B. dem geschädigten Oekonom mitgeteilt, während er in der Verhandlung gestern erklärte, daß die Egge unversehrt an eine hiesige Großhandlung weiteroertauft worden sei. Das Gericht hielt die Hehlerei des Angeklagten K. für erwiesen, während es bei B. die Schuld nickt als zweifelsfrei festge-
üdlt hielt. Der letztere wurde frrigesproch^ während K. an Stelle einer verwirkten 'änanisstrot« von zwei Monaten zu einer E^ strafe von 60 000 Mk. verurteilt wurde. 5^ die Diebe find und wo die beiden Pflüge blieben, konnte bisher nicht ermrftdt werden.
* Mit der Ausgabe von 50- und 100 O00. Markscheinen, und zwar vorerst mit 50 OOOer^ Markscheinen, und zwar vorerst mit 50 OOOe^ wird die Reichsbank noch anfangs Februar beginnen..
* Sladklheaker. Heute Freitag. 7% H (5. Vorstllg. im Freitagabonn.) „Die säM Galathee,,, „Brüderlein fein". — Samstag, 3. Februar, 7% Uhr findet zu ermäßigt^ Preisen eine nochmalige Wiederholung bet Operette „Der ersten Liebe goldne Zeit" statt — Sonntag vormittag 11 Uhr Mattes Kunstpflegevereins, Rezitationen von Professor Ludwig Wüllner. Kartenverkauf zu diese: Morgenfeier für Mitglieder des Kunsivsleye- Vereins Frestag und Samstag von 4—6 Uhr, — Sonntag abends 7% Uhr 25jähriges Biih- nenjubiläum von Alide Ballin; Erstaufführung des Legendenspiels „Mutterlegende" von Hellmuth Unger.
* Freibank-Verkauf Samstag, 3. Februar, von 8—9 Uhr, für die Nr. 1551—1800, Prä; pro Pfund Rindfleisch 1100 Mk.; Höchstgewicht 4 Pfund.
* Wegen Diebstahls wurde der 27jährige Arbeiter Siegmund R. von hier gestern vom Schöffengericht an Stelle einer verwirkten Gefängnisstrafe von 14 Tagen zu 42uu Mk. Gâ strafe verurteilt. R. hatte von einem Eisenbahnwaggon, der für eine hiesige Firma bestimmt war, 5 Sack Koks entwendet, die er durch den Fuhrmann Damian Z. abfahren ließ und in einem Hause der Neuen Anlage ver. kaufte. Der mitangeklagte Fuhrmann wuch freigesprochen, da das Moment, daß er seines Vorteils weaen gehandelt, nicht nachzuweisen war. — Am 10. Januar entwendeten die Arbeiter Hermann Dickmann non Frankfurt und Wilhelm Kalowini von St. Pauls in Tirol von dem Lagerplatz einer hiesigen Alteisen- Handlung einen Bauträger und ein Stück Rohr. Sie hatten sich gestern vor dem Schöffengericht zu verantworten, das den Dickmann wegen Diebstahls im Rückfalle zu 6 Monaten. Kalowini wegen einfachen Diebstahls zu 6 Wochen Gefängnis verurteilte. Beiden wurden je 3 Wochen der Unteriitdrmgsßafi auf die Strafe anneredmet.
* Der israelitische Gottesdienst Hübet wegen der Gassperrstunden bis auf weiteres in bei Hauptsynagoge (Nordstraße) statt. (Siehe Jn- serar.)
Wetterbericht.
Wetterdienststelle Frankfurt a. M
Die milde, regnerische Witterung hält an den nächsten Tagen weiter an.
Vorhersage bis Samstag abend : Bewölkt, einzeln!
Regenfälle, mild, Sildwestwind.
StadUhcater 69 a» au
Direktion- Joh. Poetsch. — Telephon 160.
Freitag den 2. Februar, 7^ Uhr
(5. Vorstellung nu Freitag - Abonnement»
Die schöne Galathee
Komisch »mythol. Oper in 1 Akt von Supps.
Brüderlein fein
Altwiener Singspiel in 1 Akt von L. Fall.
Samstag den 3. Febr., 7% Uhr
Der ersten Liebe goldne Zett
Singspiel ui 3 Akten von I. Gilbert.
Ai IyWg^^&tMWCTä^MOT MBWFilSl■ll■lllll■nlll^■l■ im ■wwm« III»-^
Das Haus auf dem Berge.
Roman von Fritz Gantzer.
SL Fortsetzung. (Nachdr. verboten.)
Konrad Gesevius hatte das Gefühl, von einer kalten Welle überspült zu werden und danach in einen Glutmantel gehüllt zu fein. Er wußte nicht, was er erwidern sollte, hätte auch übdgtns keine Gelegenheit mehr dazu gehabt. Denn Ludwig Hartmann verneigte sich vor den Zuhörern und sagte: „Ich werde nun, nachdem ich Ihnen von meinen Eigenen gab, ein Geigenkonzert des italienischen Meisters Paganini zum Vortag bringen." Es folgten noch einige das Werk betreffende Daten und ein paar Fingerzeige zum besseren Verständnis der charakteristischen Eigentümlichkeiten der Komposition.
Und nun schwang der erste Ton auf.
Konrad hatte, während der Künstler sprach, die Züge des Sprechenden mit einer förmlichen Gier studiert und ... Ja, allerdings — er mußte sich einen Augenblick zusammenducken, so gewaltig legte sich die Erkenntnis auf ihn — es war eine unleugbare Aehnlich- keit vorhanden.
Im nächsten Augenblick fühlte er sich von einer befreienden Klarheit erfüllt, die ihn tief aufatmen ließ. Das also war es gewesen, das ihm die peinigende Unruhe ins Blut geschüttet, die ihn immer wieder getrieben, dem Fremden suchend, prüfend in das Gesicht zu schauen: die ihm so lange nicht zum Bewußtsein gekommene AehnNchkest mit ihm. Nun, da sie ihm als eine Gewißheit vermittelt worden war, fühlte er sich wie von einer Krankheit genesen. Es war alles gut. Der Bann war gebrochen. Der Fremde dort hatte ihn beunruhigt, weil er nicht imstmcke gewesen war, seinen Doppelgänger in ihm zu erkennen. Wie wunderlich Die Zufälle in der Welt waren! Konrad Gesevius mußte läckeln.
Frei, fast fröhlich geworden, neigte er sich seiner Frau zu, als habe er plötzlich das Bedürfnis, ihr körperlich näher zu kommen. Und als Ludwig Hartmann den Vortrag des Geigenkonzerts von Paganini beendet hatte, fragte er, feinen Mund dickt an ihr Ohr bringend, mit einer weichen Zärtlichkeit in der Stimme:
„Gefällt es Dir, Marianne?"
Sie schrak innerlich zusammen. Das Zärtliche in seiner Stimme, überhaupt die von ihr nicht erwartete Frage scheuchte sie auf . . . Dunkelte nicht ein leiser Scyatten über ihre Seele hin? ... Sie zwang sich in Hast zurecht und wandte das Gesicht ihrem Manne zu, ein Lächeln hineinbringend. „Ja, sehr Konrad. Ich freue mich, daß wir dem Konzert nicht fernblieben."
„Ich auch, Marianne." Er legte seine Rechte auf die Lehne ihres Stuhls und ließ sie dort.
Ludwig Hartmann bot nach dem schweren feurigen Wein der Musik Paganinis in der Folge das kristallklare Quellwasser des deutschen Volksliedes. Er variierte die schlichten, gemütstiefen Melodien mit der Souveränität des Meisters in Technik und Vortrag und erreichte nach der Meinung seiner Zuhörer mit diesen Darbietungen die Höhe seines Könnens.
Man war wie berauscht. „Nun nichts mehr!" dachte man. „Diesen letzten Eindruck wollen wir als den tiefsten mit hinwegnehmen."
Man glaubte auch, daß der Künstler nicht mehr spielen würde, denn er legte die Geige auf den Tisch und trat, sich verneigend, ein paar Schritte nach vorn, bis an den Rand des Podiums.
Aber man sah sich getäuscht.
„Als letztes nun noch die Uebertragung eines Gedichtes in Musik. Was der Dichter mit Worten zum Ausdruck brachte, das möchte ich versuchen, Ihnen meine Geige sagen zu ' lassen. 3d) will zunächst das Gedicht sprechen:
„Du bist wie eine Blume,
So hold und schön und rein. Ich schau dich an, und Wehmut Schleicht mir ins Herz hinein.
Mir ist, als ob ich die Hände Aufs Haupt dir legen sollt', Betend, daß Gott dich erhalte So reist und schön und hold."
Konrad Gesevius hatte sich während des Vortrages leicht nach vorn geneigt und seine Augen gesenkt. Es war ihm so wunderlich zu Sinn ... als wenn ihm jemand etwas gesagt das ihn ganz allein, ganz persönlich anginge und das so vorwurfsvoll aufrüttelnd an sein Ohr geklungen. Die Vergangenheit aufschreckend . . . Und da kroch sie auch schon heran . . . und stand vor ihm . . . Johanna Werth — war sie nicht auch wie eine schöne, holde und reine Blume gewesen, die er in den Schmutz getreten? . . .
Konrad Gesevius schüttelte sich . . . Und dann riß er sich mit einer Art wütenden Aufbegehrens zurecht. Er wollte nichts mehr von dieser Erinnerung wissen . . . Der Teufel möcht sie holen!
Während er sich energisch hochrichtete, verließen die Augen Ludwig Hartmanns das Gesicht Marianne Gesevius, auf das sie sich gesenkt hatten, als die beiden letzten Zeilen des Gedichtes durch den Saal geklungen waren.
Sie hatte das Gefühl gehabt, als spinne sie ein Traum ein — so überwältigend war der Blick seiner Augen gewesen. Sie hatte unwillkürlich denken müssen: „Er spricht nur zu dir. Es gilt dir ganz allein." Und dann: „Mein Gott, was droht mir, daß ich nicht rein und gut bleiben soll?"
In ihrer Seele zitterte es noch gleich dem Wehen eines kalten Windes nach, als Ludwig Hartmann schon die Geige unter das Kinn ge- noinmen hatte und mit der musikalffchen Interpretation des Textes begann.
Und das war die Quintessenz des Urteils
über diese Interpretation: die Göttin der SniH hatte ihren Jünger mit zwiefachem Segen überschüttet.
Pfarrer Crudelius verlieh diesem Gedanken Ausdruck, als er zum Schluß Worte der wunderung und es Dankes an den Künstler richtete und von der Hoffnung redete, ihn nicht zum letztenmal in Jlfingen, das die Ehre seines Besuches zu würdigen wisse, gehört zu haben
Das Auseinandergehen schien nicht leicht zu sein. Es war, als wenn das Spiel Ludwig Hartmanns einen zusammenschließenden Ring um seine Zuhörer gelegt hätte. Und als Apen- das unschlüssige Beieinanderstehen beobachtend- sich den Vorschlag erlaubte, Kreuzinger now um einige Flaschen von seinem Besten ärmer zu machen, fand er fast allseitige Zustimmung Nur Pfarrer Crudelius bat, es ihm nicht zu verübeln, wenn er heimginge; fein Gesundheit zustand erfordere allerhand Rücksichtnahme.
Konrad Gesevius stand unschlüssig. Er war dem Kreise dieser Menschen fremd geworden- Was sollte er hier noch? Aber ehe er dazu kaN i ein Wort der Entscheidung zu sagen, führte c seinen Arm ergriffen. Apelt sprach auf ein. Daß man sich freue, ihn auch einmal uMe sich zu sehen, und daß man ihn ganz bestimn nicht meglassen würde. Er lachte Marianne am „Ich glaube, gnädige Frau, Sie haben de Herrn Gemahl zu streng unter dem Pantoiff und geben ihm nie den Hausschlüssel."
Marianne gefiel der übermütig-heitere Tom Das war endlich frische Luft, die Nebelschl^ zerriß und die Sonne sehen ließ. Sie lam zurück: „Umgekehrt ists, Herr Referendar. werde regiert."
Konrad stand mit einem griesgrämigen icht daneben. Er lavierte noch im Suchen na - )em wieder einmal verloren gegangen. eelischen Gleichgewicht, fand dann aber do' o viel davon zusammen, daß er sich mit eine« halben Lächeln zum Bleiben bereit erklärte.
(Fortsetzung folgt)