Hanauer
meiner
General-Anzeiger / Amtliches Organ für Sladl- und Landkreis Sanau a. M
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Ar. 27
Donnerstag den 1. Februar
1923
ins unbesetzte Deutschland.
Paris» 31. Jan. Die französische Regierung überreichte am späten Nachmittag dem deutschen Geschäftsträger in Paris eine Verbalnote» in der auf die angeblichen Verfehlungen Deutschlands gegen Frankreich und Belgien» die die Reparationskommission am 16. und 26. Januar festgestellt haben will» hingewiesen wird. Im Anschluß daran wird mitgeteilt» daß ab 1. Februar keine Kohlen- und Kokssendungen aus dem besetzten in das übrige Deutschland ausgeführt werden könnten und daß die alliierten Regierungen sich die Anwendung weiterer Sanktionen Vorbehalten.
Paris» 31. Jan. Wie Sanas meldet» tritt die Einstellung der Kohlen- md Kokslieferungen aus dem Ruhrgebiet nach dem übrigen Deutfchtand noch heute Mitternacht in Kraft. Von 12 Uhr ab werden nur noch Kohten- jendungen nach Italien durch das unbesetzte Deutschland gehen. Bei Abgang und Ankunft der Züge werden Kontrollen ausgeübt» um Anregel- mäßigkeilen» die vorkommen könnten» feslzustellen.
Der Schrei nach der Rheingrenze.
Bei jedem Schritt, den der französische Militarismus vorwärts schreitet, fällt ein weiteres Stuck von der Maske, die sich die französische Regierung heuchlerisch vor das Erficht gebunden hat. Die „friedliche Jn- renieurexpedition unter Bedeckung einiger
HWMv" enthüllt sich immer mehr als das, tons sie von Anfang an war: Der Versuch, Deutschland zu zerstückeln. Bedurfte es noch eines Beweises für die Richtigkeit dieser Behauptung, so würde sie ein Artikel liefern, den Camille Ayniard in der Pariser Tageszeitung »La Liberte" wenige Tage vor der Ruhrbe- setzung veröffentlicht hat. Der Artikel hat die Form eines offenen Briefes an Poincarè, den ilymard als letzte Hoffnung Frankreichs feiert, als einzigen Mann, der die Fähigkeit besitze, die französische Politik aus der Sackgasse, in die sie geraten ist, hinauszuführen.
„Ein Jahr lang", so führt Aymard aus, „hat Frankreich Ihnen, Herr Ministerpräsident, sein Vertrauen geschenkt. Denjenigen, die angesichts der Langsamkeit der Ergebnisse ungeduldig vurden, haben Sie erwidert, daß Sie durch die Politik Ihrer Vorgänger gebunden seien. Das französische Volk beugte sich diesen Gründen und erwartete geduldig die Stunde der Tat.
Diese Stunde ist jetzt gekommen. Frankreich 'rwartet von Ihnen die gerechte und feste Ent- cheidung, die seinen Sieg fruchtbar machen soll, erste Schritt ist die (inzwischen erfolgte.
Besetzung des Ruhrgebiets. Der zweite desteht darin, an Stelle des Geld- und Wirt- lchaftsfriedens, den uns unsere Verbündeten üufgenötigt haben, einen politischen, einen mili- f3'1 chen Frieden zu setzen. Deutschland entzieht der Verpflichtung, die Reparationszahlun- zu leisten. Brauchen wir unsern Sieg, um wenigstens unsere Sicherheit zu garantieren! ^ffen wir zwischen Frankreich und Deutsch- wnd einen Pufferstaat. Geben wir dem Rhein- anüe seine Unabhängigkeit wieder, wie die Ver- 1919 Polen und den österreichischen ‘styfolgeftaaten ihre Freiheit wiedergegeben wwen. Reißen wir, um den europäischen Frie- bn zu sichern, das Rheinland von Preußen los M geben wir ihm die Freiheit zurück, die man \toOr hundert Jahren geraubt hat.
n.xrv nn Sie auf ^"^ Weise, Herr Minister- K We Zukunft des französischen Volkes ^wjtilien, dann können Sie ohne großen auf den größten Teil der Reparations- L„HnSen verzichten, die uns Deutschland ! YM2et, und die doch nur ein Truggebilde sind. riW* andere Lösung wäre nur vorläufig, illuso- .â und eitel. Frankreich braucht eine end- Lösung, um sich endlich dem Wiederauf- „u Ittner Ruinen zuwenden zu können. Be- ^ie durch Ihre Entscheidungen, Herr Merpräsident, daß Frankreich sich nicht ge- v^ ^at als es auf Sie als den letzten uungsanker seine ganze Hoffnung fester
:olen und den österreichischen
Ausführungen bedürfen keines Kom- ntars. Sie beweisen auf das klarste, daß die ij^^^ung der Ruhrbesetzung mit wirtschaft- ' âotiven lügnerisch ist, und daß das End- französischen Politik nicht darauf hin- . 8fyi, sich bezahlt zu machen, sondern, wie unserem gestrigen Leitartikel sagten, zu jy p?n, die Einheit des Deutschen Reiches
Waffen aus weif ungen.
Koblenz, 31. Jan. Die Rheinlandkommission hat ausgewiesen: Oberzollinspektor Winkelman n/ Zollinspektor Köpf, Zollsekretär I a - kobsen, alle in Mün^en-Kla^back,, Oberzoll- inspektor Hoyer in Rheydt, Zollrat Su erhol t und Zollamtmann de la Motte in Erefeld, Oberzollfekretär' R e i m a n n in Me^^e, „MietMar .^o r . W^ M AMMjâ amten müssen das besetzte Gebiet sofort verlassen, die Familien innerhalb vier Tagen. Angeordnet wurde die sofortige Ausweisung der folgenden Beamten und ihrer Familien binnen vier Tagen: Regierungsrat S ch w i d d e n, Obersekretär P a st e l t und Sekretär L e i n p e l in Aachen, weil sie aufreizende Reden gehalten haben sollen.
Bürgermeister W u l f in Eleve wurde feines Amtes enthoben und ausgewiesen, weil er es unterlassen haben soll, Kundgebungen gegen die Belgier durch die städtische Polizei unterdrücke! zu lassen. Bürgermeister A l d e h o f in Uer- dingen a. Rh. ist gestern aus dem besetzten Gebiet ausgewiesen worden, weil er einen Requisitionsbefehl für die Ruhrarmee nicht ausgeführt hat, außerdem Gewerkfchafisfekretär K l e i n, Führer der Eisenbahner in Cleve, weil er die Abfahrt eines Zuges verhindert bat, in dem firb verhaftete deuttâ Bea^t-- b?ffmv<»r>. ^, misten dieser Herren müssen ebenfalls binnen vier Tagen das besetzte Gebiet verlassen. Weiter wurden ausgewiesen: v. H a m m e r st e,i n, Oberforftmeifter in Wiesbaden und Seelig. Oberzollinsvektor in Wiesbaden, ferner v. Kem- p i s, Oberförster in Katzenellenbogen, M ü Her, Oberförster in Nassau, Krösch, Oberförster in Diez a. d. Lahn, S ch e u r e n, Landrat des Unterlahnkreises, R o s e b r o ck, Zollrat in Düren, Voß, Zollinspektor am Hauptrollamt Trier, Wagner, Forstrat in Trier, K o - t y r b a und Sommer, Oberzollinspektoren in Prüm, Dörr, Zollrat in Worms, Bäumer, Oberzollinspektor in Worms, Rüger, Direktor des Hauptzollamtes in Ludwigshafen, K o st, Direktor des Hauptzöllamtes Kaiserslautern, Stern, Direktor des Hauptzollamtes in Landau. Die Familien dieser Beamten müssen innerhalb vier Tagen das besetzte Gebiet verlassen.
Aachen, 31. Jan. Die Rheinlandkommission hat 25 Studenten der Technischen Hochschule in Aachen, fast ausnahmslos Rheinländer, die bei den Kundgebungen für den ausgewie>enen Regierungspräsidenten Rombach verhaftet worden waren, ausgewiesen. Die Ausweisung soll vollzogen werden, sobald das noch schwebende gerichtliche Verfahren zu Ende ist.
Bochum 31. Jan. Heute sind von französischen Truppen Zollamtmann Wienhold, Oöerzouse^etur Reubold und Oberzo.riekre- tär M e r g a r d t vom hiesigen Hauptzollami verhaftet worden.
Essen, 31. Jan. Wegen Befolgung des Grußverbotes des Ministers des Innern sind bereits mehrere Beamte der hiesigen Polizei festgenommen worden. Nach Feststellung der Personalien wurden sie wieder entlassen.
Dortmund, 1. Febr. Wie aus Bochum gemeldet wird, wurden der Autofabrikant L u m e g und zwei Beamte seines Wertes verhaftet, weil sie sich weigerten Reparaturen für die Franzosen auszuführen.
Der Stieg gegen friedliche Bürger.
Düffel-orf, 31. Jan. Heute fiel eine französische Kavalleriepatrouille über mehrere Leute her, die aus einer Wirtschaft herauskamen, und griff die Ahnungslosen mit Säbeln an. Dabei erlitt der Staffierer der städtischen Gaswerke Koch eine schwere Verletzung. Koch wurde von der Kavalleriepatrouille mitgenommen und vom Bahnhof aus mit einem Panzerauto Weg- geschafft. Wohin er gebracht worden ist, weiß man noch nicht. Die Franzose« sind ferner dazu über- gegangen, sich auf eigene Faust Quattiere zu verschaffen. In dem Evangelischen Hospiz beschlagnahmten sie eine Reihe von Zimmer«; die Insassen wurden aulquartiert
Der Slreik im Mainzer Bezirk.
Mainz, 1. Febr. Der Streik der Eisenbahner im EisenbahndirektionSbezirk Mainz besteht vollständig Verhandlungen über die Beilegung des Streikes haben noch nicht stattgefunden. Die französischen Eisenbahner versuchen einen notdürftigen Verkehr herzustellen. Ueber den Versuch ist man aber noch nicht hinaus- gekommen, aber es sind einige Entgleisungen vom Wagen und Lokomotiven an verschiedenen Orten des Bezirks zu verzeichnen.
Seine Sklavendienste!
Einmütige «.unerschütterlich« Zu-Ü<k»eifttng.
Die Beamten und Angestellten des Hauptz»! l- amt« Johanniterufer (Trier) erließen folgende Kundgebung:
„Mit Entrüstung bat das deutsche Volk die Feind- forberungen der letzten Tage vernommen. Wiederum sollen deutsche Beamte, insbesondere wir Zöllner, durch Androhung von Gewaltmitteln gezwungen werden, in brn unmittelbaren Dienst unserer Unterdrücker zu treten.
freudigste, daß die ReichSregierung den ungerechten Forderungen des Fcinddunde» nicht nachkommen will und deshalb sämtliche Beamte und »«gestellte zur
Abwehr aufruft.
Einmütig und unerschütterlich werden wir die geforderten Sklavendienste zurückweisen l Allen Versuchen, uns einzeln oder insgesamt mit List »der Gewalt in fremde Dienste zu pressen, setzen wir unbeugsamen Widerstand entgegen! Komme mal kommen mag! Treu unserem Diensteid stehen wir einmütig hinter unserer Reichsregierung und unseren Vorletzten.
Dortmund, 1. Fibr. Die Arbeitsgemeinschait sämtlicher Beamten- und EtaatangesteÜtengewcrkschaften im Embruchsgebiet mit 250 000 Mitgliedern erhebt un Einvernehmen mit den Arbeiter- und Angestelltengewerkschaften schärfsten Einspruch gegen die brutalen Gcwaltmaßnahmcn der Franzosen. In einer Kundgebung heißt er u. a.: Die Haltung der Bcimten- ichaft ist tratz aller Drohungen und Ausweisungen unerschütterlich treu dem deutschen Reiche, dem ihr Treueid gehört. Niemals wird es ten Eindringlingen gelingen, die Beamtenschaft von diesem Wege adzu- bringen. Wir bilden mit der Arbeiterschaft eine eiserne Mauer, an der der Angriff oer Feinrer zerschellen wird.
Neue ArlegsmöglichkeUen im Orient.
Lausanne, 31. Jan. Die französischen Intrigen auf der Orientkonserenz, die die Türken zu heim- lichem Widerstand gegen die Engländer auffordern, sollen zu einer offenen Drohung Englands gegen Frankreich geführt haben. Auch die Nachricht, dav die französische Delegation bereit sei, zu weiteren Verhandiungen mit oen Türken in Lau,anne zu bleiben, hat großes Aufsehen erregt. Porncarè soll an Ismed Pascha ein Echreipen gerichtet haben, in dem er ihn benachrichtigte, daß die französische Regierung den Friedensoettrag, der den Trinen in Lausanne übergeben war, itichr als endgültig betrachte, lonbern daß bieder noch avgeänderr werden rönne. In Lausanne wird behauptet, daß es tir der Barschaft Pomcarès weiter yeige, ein «separat» vertrag mit der Lütter könne abgeschtosten weroen, die französische Abordnung weroe deshalb selbst nach Schlug der Konserenz dort verbrelben, um mit den Türken weiter zu verhandeln. Von englischer Seite wird dazu geäußert, daß diese Pariser Meldung bei der englischen Delegation noch keinen Glauben finden könne, da ein solches Vorgehen einen flagranten Bruch der Vereinbarung über ein einheitliches Vorgehen beider Alliierter bedeute. Auch habe weder die britische Regierung noch ihre Lausanner Delegation von der ftanzüsischen Regierung Nachricht über einen derartigen Schritt erhalten. Die Engländer würden jedenfalls von ihrer eingejchlagenen Richtung nicht abgeyen. In Londoner politischen Kreisen wird erklärt, daß, wenn Frankreich diese Absicht verwirklichen sollt«, Bonar Law seine Politik der Splendid Isolation -vollkommen durchführen würde-
Die unter diesen Umständen mit höchst« Spannung erwartete Mittwochs-Vollsitzung der Konferenz in Form einer gemeinschaftlichen Sitzung der drei Hauptausschüsse fand um 10.30 Uhr vormittags statt. Eine amtliche Mitteilung wurde noch nicht herausgegeben, doch erfährt man über den Verlauf der Sitzung folgendes: Curzon, Bom- part und Earroni wiesen in längeren Reden eingehend und nachdrücklich auf die zahlreichen Konzessionen hin, die die Alliierten in ihrem Friedensprojekt den Türken gemacht haben, und betonten, welche große Derantwottung die Türkei durch die Ablehnung auf sich nehmen würde. Curzon streifte dabei die Derantwottung der Türkei am Kriegsausbruch. Ismed Pascha rief mit seiner Antwort große Ueberraschung hervor. Er protestierte gegen das gesamte Mandatssystem und schien als Wortführer aller Mandatsvölker und aucfj. der Aegypter zu sprechen. Er beantwortete die lleber- reichung der Fttedensbedingungen mit dem Ersuchen, ihm eine Frist von 8 Tagen zu gewähren. Hierauf wurde die Sitzung geschlossen. Eezenwärtig findet zwischen den drei alliierten Delegationsführern eine Besprechung statt, in der versucht wird, ein Einvernehmen über die Ismed Pascha zu erteilende Antwott zu finden. Von französischer Seite ver- fichett man, daß eine achttägige Frist bewilligt werden wird und die Debatte sich vor allem um die Frage dreht, ob die drei alliierten Führer während dieser Frist in Lausanne bleiben sollen oder, wie ursprünglich beschlossen wurde, unter Zurücklassung von Vertretern abreisen werden. Die Franzosen treten lebhaft für die erste Lösung ein, während die Engländer offenbar auf dem früheren
's Programm bestehen wollen. Nach den bisher zur
Verfügung stehenden Informationen trat Dienstag zwischen den alliierten Delegationen der entstandene Konflikt in der Vollsitzung nicht in Erscheinung. Er beherrscht dagegen die gegenwärtigen Verhandlungen unter den drei Delegationsführern.
London, 31. Jan. Reuter meldet aus Lau- janne, die Meldung, daß die Franzosen u. Italiener angeblich in Lausanne zu bleiben beabsichtigen, um die Verhandlungen mit den Türken fottzusetzen, hat in britischen Kreisen beträchtliche Erregung hervorgerufen, da ein derartiges Vorgehen eine offenkundige Verletzung des erst vor wenigen Tagen erreichten gemeinsamen Einvernehmens darstellen würde.
„Daily News" schreibt in ihrem Leitartikel, die Nachricht über das gesonderte Vorgehen sei so ernst, daß eine eingehende Stellungnahme vorbehalten werden müsse, bis eine offizielle Bestätigung bet Meldung vottiege. Di« Sezession Frankreichs im nahen Osten komme wie ein Donnerschlag. Es lei kaum notwendig, die düsteren Aussichren der so geschaffenen Lage hervorzuheben. Auf den Abbruch oer Lausanner Unterhandlungen würde der Krieg fast eine Notwendigkeit sein.
London, 31. Jan. Reuter meldet: In Konstantinopel wird nicht daran gezweifelt, daß die allerwahrscheinlichste Folge eines völligen Bruches in Lausanne ein neuer Krieg sein würde. Die Kemalisten organisierten ihre Truppen im Hinblick auf den eventuellen Abbruch. In der Gegend von Konstantinopel stehen ungefähr 20 000 Türken unter den Waffen. In Thrazien befinden sich 30 000 Mann. Die britische Truppenmacht befindet sich m gränzender Verfassung und wird unterstützt von der ganzen Mittelmeer- und einem.Teil der atlantljchen Flotte. Auch wenn der Bruch nicht ,ofort zum Ausbruch der Feindseligkeiten führen würde, wird es doch nicht möglich sein, den gegenwärtigen Zustand in Konstantinopel aus undestimmle Zeit fortdauern zu ■ lassen. Die jüngst erfolgte Ermordung britischer Soldaten zeigte die Gefahr der Lage. Wenn derartige Zwischenfälle sich vermehren, so werden diese zu einem Vorgehen in der einen oder anderen Richtung führen.
London, 31. Jan. Aus Konstantinopel wird gemeldet, daß die türkische Presse den Friedens- Vertragsentwurf veröffentlicht und ihn allgc mein als unannehmbar erklärt. Um Unruher zu vermeiden, ist die türkische Gendarmerie ir Konstantinopel verstärkt worden .
Dollar (10 Uhr norm.) 40-43000