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Bienstan den 2. Januar

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Lokales.

Hanau, 2. Januar.

Ins neue Jahr!

Es war diesmal ein angenehmes Zusammen­treffen, daß es nicht nur über Weihnachten drei zusammenhängende Ruhetage gab, sondern auch die Jahreswende einen Doppelseiertag brachte.

Der Zug zur Kirche, in welcher wie üblich der Jahresschluß-Gottesdienst abgehalten wurde, war die erste Erscheinung, welche auf die Nähe des scheidenden und auf die des kommenden Jahres deutete. Die Zahl derjenigen, die in den letzten Stunden des Jahres ihrem Gott nod) etwas anzuvertrauen hatten, oder geistiges Rüstzeug für das Weiterwandern suchten, war eine recht große. Knüpfen wir daran den Wunsch, daß diesem Verlangen die innere Be­friedigung folge.

Nach vielen Wünschen und kräftigem Hände­drücken sind wir nun im neuen Jahr gelandet. Die Silvesternacht sah das übliche geräuschvolle Leben. Die Straßen waren trotz des feuchten Wetters von heiteren Neujahrsbummlern belebt, allmählich setzte der unvermeidliche Feuerwerks­spektakel ein und erreichte seinen Höhepunkt, als von den Kirchtürmen die Glocken das Ende des alten Jahres verkündeten und den Beginn des neuen bei dem üblichen FreudengeschreiProsit Neujahr!" einläuteten. In den Familien ginge stimmungsvoller zu. Noch einmal flammten die Lichter des Christbaumes auf und bei fröhlichen Aeußerungen des Lebens- und Zukunstsmutes, den wir uns trotz alledem nicht nehmen lassen dürfen, ging man der neuen Zeit entgegen, hoffend, daß sie endlich erfüllen werde, was wir alle so sehnlich wünschen und erwarten: Echten, wirklichen Frieden!

Am Neujahrstag selbst war bei grauem Him­mel die Temperatur sehr milde. Hoffen wir, daß des Himmels trübes Dreinschauen nicht richtunggebend werde für die Zukunft und daß bald die Sonne hervorbricht und alles Düsters aus der so hoffnungs- und glücksarm gewor­denen Welt verscheucht.

Das neue Jahr ist ein gemeines Jahr, d. h. der Februar hat nur 28 und das Jahr dem­gemäß nur 365 Tage. Der Ostersonntag, nach dem sich die beweglichen kirchlichen Feste richten, fällt auf den 1. April. Demgemäß wird der Sonntag Estomihi (Herrenfastnacht) am 11. Februar begangen. Aschermittwoch am 14. und der erste Fastenfonntag (Jnvocavit) am 18. Februar. Am 30. März ist Karfreitag, am 10. Mai Himmelfahrtstag und am 20. Mai Pfingst­sonntag.

Kimmelser^cheivungen im Januar.

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/einer vollen Entfaltung; in wundervollem Glanze strahlt die majestätische Konstellation Orions hoch am Südhimmel, gefolgt vom Großen Hund mit dem glänzendsten der Sterne, Sirius. Fast zu unseren Häupten breitet sich in überwältigender Lichtfülle das große Tierkreis­bild des Stiers mit den beiden feit alters be­rühmten Sternhaufen der Hyaden und Pleja- den. In unmittelbarer Nachbarschaft finden wir weitere glanzvolle Gruppen: Das Sechseck des Fuhrmanns mit Kapella, den sternhaufen­reichen Perseus mit dem veränderlichen Algol. Den Südwesthimmel füllen die lichtschwächeren, aber ausgedehnten Konstellationen Eridanus und Walfisch. Von neuen Winterbildern taucht der Große Löwe mit Regulus im Osten auf. Die Planeten sind in der Hauptsache am Mor-

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genhimmel versammelt. Merkur kommt am 17. in seine größte östliche Elongation und kann zwischen dem 7. u. 20. Januar am Westhimmel in der Abenddämmerung gesucht werden. Am 28. kommt er in untere Konjunktion zur Sonne. Venus ist Morgenstern. Sie entfernt sich weiter von der Sonne. Ihr scheinbarer Durch­messer beträgt um die Monatsmitte über eine halbe Bogenminute. Mars, im Sternbild der Fische, steht bei Beginn der Dunkelheit am abendlichen Südwestbimmsl. Jupiter und Sa­turn gehen in den ersten Frühstunden auf und sind dann die ganze Nacht über zu beobachten. Ihr Stand ist in der Wage bezw. in der Jung- frau. An besonderen Konstellationen sind zu beachten: Am 9. Januar Saturn in Konjunk­tion mit dem Monde (Saturn zehn Bogen­minuten nördlich vom Erdtrabanten, am 11. Januar Jupiter in Mondkonjunktion (3 Grad südlich), am 13. Januar Venus in der Nähe des abnehmenden Mondes (31 Minuten südlich von diesem), am 21. Januar Mars 29 Minuten nördlich vom zunehmenden Monde. Eine Bedeckung des Firllerns Aldebaran findet am 28. Januar nach Mitternacht statt. Von den astronomischen Erscheinungen des Jahres 1923 sind erwähnenswert die vier Finsternisse, von denen leider nur eine Mondfinsternis in Europa sichtbar ist. Es handelt sich um zwei Mond- und zwei Sonnenverfinsterungen, die auf folgende Daten fallen: 2. März 1923: Par­tielle Mondverfinsterung (auch in Europa sicht­bar), am 16. und 17. März 1923- eine bei uns nicht zu beobachtende ringförmige Sonnenver­finsterung. die in Europa unsichtbar ist wie die vierte Finsternis des Jahres 1923 (totale Sonnenverfinsterung am 10. September). Das Auffinden eines neuen Sternes im Stern­bild der Leier (etwa 10 Grad südlich Wegas wird nach einer Depesche aus Rumänien durch die Kopenhagener Telegrommstelle gemeldet.

* Ein Kalender für das Jahr 1923 ist in der heutigen Nummer abgedruckt. Wir wünschen, daß unsere Leser recht viele, gute Tage darauf verzeichnen möchten. Es empfiehlt sich, den Kalender auszuschneiden und auf Karton auf­zuziehen.

* In einer amtlichen Bekanntgabe der heu­tigen Nummer ist auf Grund der § 160 der Reichsversicherungsordnung ff. der Wert der beh Versicherten bezw. den Steuervflichtigen ge­währten Sachbezüge für den Stadt- und Land­kreis Hanau (vom 1. Januar ab gültig) sest- gelegt, worauf wir Interessenten hiermit beson­ders Hinweisen.

* Meister Lampe als Tokenwächter. Am Samstag stieß ein hiesiger Weidmann während eines Pirfchganges im Dörnigheimer Wald auf einen Hafen, der bei einem infolge einer

Schußverletzung eingegangenen Kameraden . __..,. .. .... die Totenwache hielt. Längere Zeit beobachtete n-kt geworden: rr der Weidmann das von treuer Kameradschaft

zeugende rührende Bildchen und verließ dann seinen Standort, die dem Langohr zugedachte Kugel im Lauf stecken lassend.

* Schnell wiederbefchafft hat der Kriminal- betriebsassistent Haas hier ein einem hiesigen Fabrikanten gestohlenes Motor- und Herren­rad und damit einen guten Abschluß des alten Jahres für sich verbucht. Die fraglichen, nahe­zu 2 Millionen Mark repräsentierenden Räder waren in der Nacht vom Samstag zum Sonn­tag von bis jetzt noch nicht ermittelten Spitz­buben dem Fabrikanten aus einem verschlosse­nen Raum seines Anwesens geholt worden. Schon am Silvesterabend fand sie der Beamte auf einem Lagerplatz in der Nähe des Ostbahn­hofes zwischen Brettern verstaut vor und konnte sie dem Besitzer wieder zustellen.

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Kreistag ües Landkreises Kanan

Die Abgeordneten des Kreistages des Land­kreises Hanau waren am Samstag nachmittag zu einer Sitzung zusammenberufen, deren Tagesordnungspunkte zum weitaus größten Teil mit der fortschreitenden Geldentwertung in engstem Zusammenhang standen.

Herr Landrat Kaiser reöffnete mit län­geren Ausführungen die Sitzung, in denen er darauf hinwies, daß sich die Einberufung des Kreistages notwendig gemacht habe, da sich die wirtschaftlichen und finanziellen Verhält­niße in den letzten Wochen geradezu kata­strophal entwickelt hätten. Der Wert unseres Geldes sei gleill null, das Deutsche Reich nähere sich in seiner Schuldenlast der ersten Billion, die Länder folgten in rascher Weise dem Reich. In den Gemeinden sehe es auf finanziellem Ge­biet trostlos aus, einzelne Kommunen ständen vor dem Zusammenbruch, dabei sei es kaum möglich, Anleihen zu erhalten. Man gehe jetzt sogar dazu über, Grundbesitz in Pfand zu geben, Zinsen würden in Höhe von 27 Proz. gefordert und trotzdem halte es schwer, Geld zu bekommen. Trostlos wie in den Gemeinden sehe es auch im Kreise aus. Die Not weiter Bevölkerungsdichten greife mehr und mehr um sich, fürchterlich fei die Not der Kleinrent­ner, der Erwerbslosen und Kriegshinterbliebe­nen. Die Not dieser Armen nach Kräften zu lindern, sei Aufgabe all derer, die dazu im Stande seien. Von diesem Gedanken aus­gehend sei im November auch die Sammlung Kinder in Not" veranstaltet worden, deren Ertrag 1% Millionen Mark gebracht habe, wofür er besonders der Industrie und Arbeiterschaft Dank sage. Berücksichtige man, daß eine Firma allein 1 Million gespendet, so bleibe als Ergebnis der eigentlichen Samm­lung verhältnismäßig wenig übrig.

Der Redner kam dann auf die Kaufoer­handlungen mit der Mühle in Oberrodenbach zwecks Beschaffung eines Kinderheims zu sprechen, die nach seinen Mitteilungen resultat­los verlaufen sind, wie die Bemühungen, ein anderes Besitztum hierfür zu erwerben, bisher ohne Erfolg waren. Die Frage des Kinder­heims fei damit ober nicht erledigt, sondern nach wie vor bestehe die Pflicht, das Unter­nehmen zur Durchführung zu bringen.

Auf den vorliegenden Nachtragsetat über­gehend, versicherte der Redner, so lange er dem Landratsposten vorstehe, darauf zu halten, daß laufende Ausgaben durch laufende Einnahmen gedeckt werden. Der Kreis dürfe nicht ins Uferlose Schulden machen. Der Verkauf der Wasenmei'

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aber auch den Gerüchten entgegentreten, die da besagen, daß die Sammelwasenmeisterei mit Defizit gearbeitet und der Kreis Gelder zuge­schossen habe. Der Betrieb sei nicht zusammen­gebrochen, sondern abgegeben, weil der Kreis nicht in der Lage war, die Mittel aufzubringen, die zur Erneuerung des Maschinenparks not­wendig waren.

Auch die Kreisjungviehweide sei man gezwungen gewesen, aufzugeben, nicht etwa aber, weil sich diese kommunale Einrich­tung nicht rentiert, sondern weil das Interesse der Hauptbeteiligten hierfür ständig zurückge­gangen sei. Der Kreisausschuß habe seine Zu­stimmung zur Rückgabe des Geländes an die Gemeinde Langendiebach gegeben, welche für das darauf stehende Häuschen 350 000 Mark, für die Einfriedigung 750 000 Mark, weiter

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noch 70 Rmtr. Holz und als Abfindungssumme aus dem Pachtvertrag 1,9 Millionen Mark zahlt. Diese Veräußerung bringe dem Kreis rund 41^ Millionen Mark, wenn man das Holz mit einrechne.

Anschließend leitete der Landrat zum ersten Punkt der Tagesordnung über, der die

Uebernahme einer Haftung in Hohe von 24,50 Mill. Mk. zur Herstellung des Großkraft­werkes Main-Deser und die Umwandlung des Elektroverbandes Mitteldeutschland G. m. b. H.

in einen kommunalen Zweckverband vorsah. Zur Begründung der Vorlage führte er aus, daß der Kreis wie der ganze Reg.-Bez. Cassel sowie angrenzende Kreise Mitglied des Elektroverbandes feien. Die vorhandenen Kraftquellen reichten bei weitem nicht aus, den Bedarf an Elektrizität zu decken. Um die Sicherstellung des Stromverbrauchs zu garan­tieren, sei der Bau des Großkraftwerkes Main- Weser bei Borken in Angriff genommen, das für 120 Jahre den Kreis mit elektrischer Ener­gie versorgen solle. Der Voranschlag, der bei Beginn des Baues 200 Millionen Mark vor­gesehen, sei gewaltig überholt und man rechne nunmehr mit einer Summe von 1 Milliarde 660 Millionen Mark, die das Werk bei seiner im Sommer 1923 vorgesehenen Fertigstellung kosten werde. Trotzdem werde Borken, da das Werk mit eigener Kohle arbeite, den Strom zu einem Preise von 10 Mk. die Kilowattstunde abgeben können. Für die Kommunalver­bände sei nun die Frage, ob sie sich weiter an dem Unternehmen beteiligen wollten. Es wäre ein Fehler, wenn sie sich hierbei ausschalten würden. Er ersuche deshalb, die vorge­schlagene Haftung zu übernehmen. Gleichzeitig fei die etwas schwerfällige Organisation der G. m. b. H. in die beweglichere Form des Zweckverbandes umzuwandeln.

In der Diskussion sprachen sich in befür­wortendem Sinne die Herren Bürgermeister Lind und Stein- Hochstadt aus, während Herr Clauß Bedenken bezüglich der Um­wandlung in einen Zweckverband äußerte, da dort der Einfluß der Kreise ausgeschaltet sei. Der Kreistag stimmte schließlich der Vorlage einstimmig zu und bestimmte als ständigen Abgeordneten im Ausschuß des Elektro-Zweck- verbandes Herrn Direktor Koch und als Stell­vertreter Herrn Ingenieur Wolfgarten-Fechen­heim. Der zweite Punkt der Tagesordnung regelte die

Festsetzung der Reisekosten für die Mitglieder

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neu. In Zukunft werden neben freier Eifen­bahnfahrt (3. Kl.) und Ersatz des Lohnausfalls 600 Mk. Tagegeld gewährt. Der weitere Punkt betraf eine

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Direktion Joh. Poetsch. Telephon 160.

Heute Dienstag den 2. Januar, 71/, Uhr (1. Vorstellung int Dienstag - Abonnement) Verwechselt, verwechselt das Frauchen

Schwank in 8 Akten von Otto Härting.

Mittwsch den 3. Januar, 7-/- Uhr: (1. Vorstellung int Mittwoch - Abonnement)

Der ersten Liebe goldne Zeit

Overelte in 3 Akten von J. Gilbert.

Das Haus auf dem Berge

Roman von Fritz G a n tz e r.

4. Fortsetzung.

(Nachdr. verboten.)

Da war er sich vorgekommen wie einer, der sich nun wieder hinzuschleichen darf, weil die Gefahr vorübergezogen.

Der Ginster hatte noch Zeit, aber die Weiß­dornhecken waren von Weiß überschüttet ge­wesen, als er Jlfingen wiedergesehen. Ostern war in dem Jahre nicht zu früh gewesen.

Gemach sickerte es ihm zu: des Niklas Werth Tochter, die schöne Johanna, hätte im vorigen Herbst, Anfang des Weinmonats war es ge­wesen, heimlich das Weite gesucht und wäre seitdem verschollen. Niemand wisse, aus wel­chem Gründe sie gegangen. In der Türmer­wohnung fei das Herzeleid seitdem daheim. Und Niklas Werth habe graues Haar bekom­men. Von feinem Weibe gar nicht zu reden.

Da hatte es Konrad Gesevius krallend in die Seele gefaßt, weil er gewiß gewesen, daß Johanna das Sterben dem Leben vorgezogen. Und er hatte damals gemeint ... Ja, was war Konrad Gesevius damals nicht alles durch den Sinn gegangen!

Die Jahre sind gute Pflaster. Sie kleben über alles eine heilende Binde, sorgen, daß die grellende Klarheit in ein mattes Durch­einander verschwimmt und ziehen auch die tief sitzenden Stachel aus.

Zehn Jahre. . . fünfzehn Jahre . . . bei­nahe Ewigkeiten.

Niklas Werth war längst gestorben, sieben Jahre nach Johannas Verschwinden. Seine Frau hatte das Leid nur fünf Jahre zu er­tragen vermocht.

Ihre gramgebeugten Gestalten waren für Konrad Gesevius harte Ankläger gewesen, und er hatte fast das Empfinden einer Befriedi­gung genossen, als er von ihrem Dahinkahren gehört,

Ganz verblaßt hatte schließlich nur noch alles in seiner Erinnerung gelebt. Nur wenn der Ginster in Blüte gestanden, hatte es ihm jedesmal einen Stich gegeben,' und die Ver­gangenheit hatte an seine Seele gepocht.

Und dann plötzlich ein grelles Aufflammen. Wiederkehr wie Wirklichkeit . . .

Konrad Gesevius, ganz in sich zusammen­gesunken, erhob sich jäh und begann das Auf- und Abwandern von neuem.

Vor drei Jahren war es gewesen. Ein Mädchen, das Mutter geworden und das Kind im v . ertränkt hatte, war ihm zum ersten Verhör vorgeführt worden.

Er erinnerte sich der Seelenregungen, die ihn an jenem Tage erschüttert, immer wieder mit dem Gefühl eines heimlichen Grauens. Die Vergangenheit war aus ihrem Grabe, das er so fest verschlossen gewähnt, mit einer Art Gewalt­tätigkeit erstanden, hatte sich neben ihn gestellt und mit starren Augen in sein Gesicht geblickt. Und war nicht wieder in das Grab zurückge­sunken, sondern geblieben. Auferstehung war gewesen, ohne Osterlicht. Satan hatte die Gruft gesprengt.

Von dem Tage an war ihm sein Beruf ver­leidet gewesen, und damals hatte er den Vor­satz gefaßt, sein Amt niederzulegen.

Und damals hatte er gedacht: Ich muß es wieder tot kriegen, ich muß die Ruhe zurückge­winnen. Wie nur?Ich will ganz kühn fein", hatte er sich gesagt.Ich will den Ort meiner Verfehlung verwandeln, ich will ihn hinweg­räumen. Der Ginster soll verschwinden. Ich will mich mit festen Füßen in die Gegenwart stellen und die ledige Erinnerung mit den schweren Mauern eines Hauses totdrücken. Wenn ich da oben wohnen kann, dann wird es sein, als wenn ich einem Gespenst zu Leibe gehe. Die Vergangenheit wird vor der Wirklichkeit flüchten, wird verfliegen wie Schall und Rauch. Ich wag's, es muß gelingen."

Und da hatte er das Haus auf dem Berge gebaut.

Aber wenn er nun an den Erfolg dachte? War die Erinnerung tot? Hatte das Haus auf dem Berge den gewollten Zweck erfüllt?

Jener vergilbte Brief dort, der ihn förmlich anzugrinsen schien, bewies das Gegenteil.

Er hatte sich nie von ihm zu trennen ver­mocht. Wie oft war ihm, damals, vor einem Vierteljahrhundert schon, der Gedanke gekom­men, ihn zu verbrennen. Und seitdem so manch­mal noch. Aber immer wieder hatte ihn eine heimliche Scheu davon zurückgehalten. Es war ihm stets gewesen, als wenn er sich mit dem Vernichten dieses Briefes eines zweiten Ver­brechens an Johanna Werth schuldig machen würde. Jahrelang hatte er sich seiner dann kaum noch erinnert. Bis es nun, seitdem er im Hause auf dem Berge wohnte, so ganz anders gewor­den war.

Seit Tagen hatte es ihn besonders hart ge- packt. Er verging kaum eine Nacht mehr, in der er die Kastele nicht hervorgeholt und den Brief nicht gelesen hätte. Eine nagende Unruhe fraß an ihm und setzte ihm zu. Die zuletzt begonnene Arbeit er hatte sich, um eine Beschäitwung zu haben, der Fachschriftstellerei zugewandt nahm keinen Fortgang. Heute strich er, was er gestern geschrieben. Und Brigitte haderte mit ihm, weil er verdrossen und mürrisch war.

Er war sich seit längerem klar darüber ge­worden, daß die ihn jetzt beherrschenden Seelen­zustände unmöglich zu etivas Dauerndem wer­den durften. Sie zermürbten seine Spannkraft, machten ihn zu einem Sklaven seiner Stim­mungen und raubten ihm die Freude am Le­ben. Den letzten Rest. Denn viel von dieser Freude war ohnehin nicht mehr vorhanden. Irgend etwas mußte geschehen, um eine Aen­derung herbeizuführen. Und bald mußte das sein.

Er nahm sich vor, wenn irgendmöglich, in dieser Nacht zu einem Entschluß zu kommen.

Vielleicht gelang es ihm, in der Dunkelheit besser, etwas herauszugrübeln, als beim un­bestimmten Licht der dem Verlöschen nahen Lamps.

Er hüllte sich in Finsternis und tastete sich zu einem der beiden weitspannenden Ledersessel, in dem er sich, tief aufatmend, niederließ.

Lange starrte er in die Dunkelheit, lauschte dem Sturm, der mit orkanähnlichem Wüten um das Haus brauste, und vermochte zunächst nicht, eine Konzentration seiner Gedanken her» beizuführen. Sie liefen noch zerstreut durch die Gärten der Vergangenheit, suchend und fraaend oder hatten sich unter einem vollaubigen Baume, der besonders tiefgetönte Schatten der Erinne­rung warf, seßhaft gemacht und waren in den Bann seines erzählenden Rauschens geschlagen. Es machte Mühe, ihrer habhaft zu werden, sie zu binden und ihre Kräfte in den Dienst einer neuen Tätigkeit zu stellen.

Aber allmählich gelang es dem Herrn und Gebieter der auseinandergelaufenen Schar, sich ihrer zu bemächtigen. Und nun waren sie wie­der ganz fein und taten ihre Schuldigkeit.

Die Behäbigen und Besonnenen unter ihnen, die wie ehrsame, würdige Greise waren und das Leben kannten, traten mit gemessenem Schreiten aus den Reihen hervor und fegten: Das ist unser Rat: Verlaß das Haus auf dem Berge und kehre in die Stadt zurück. Die alten Bäume der spitzgiebligen Wohnstätte in der Fischergasse warten auf dich, wollen dich in ihren Frieden hüllen, der in ihrem Gebälk seine Heimstatt hat, und werden dich gesungen lassen. Hier auf der Höhe wird dich die Erinnerung nie zur Ruhe kommen lassen. Sie ist wie ein buhlerisches Weib, das immer sein verzehrendes Begehren nach dir hat. Du unterschätztest ihre Kräfte, als du das Haus auf der Höhe bautest, und deine Stärke setztest du zu hoch an. Dein« Rechnung war falsch. Komm zur Einsicht unt halte Umkehr. Wir raten dir gut."

(Fortsetzung folgt)