Religiöses Wochenblatt für (ne katholischen Gemeinden Kassels.
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Nr. jo.
«asset, den 5. März 1922.
- 32. Zahrg. P
Ä
wachenkaiender.
Sonntag, 5. März. Erster Fasten-Sonntag.
Ol.tag, 6. März. Perpetua u. Felizitas, M. Fridolin, Abt.
~.ai£tag, 7. März. Thomas v. Aquin, Kirchenlehrer. uttwoch, 8. März. Quatember. Joh v. Gott, Ordensstifter. Donnerstag, 9. März. Franziska, Witwe.
Freitag, 10. März, Quatember 40 Märtyrer von Sebaste.
Samstag, 11. März. Quatember. Vom Tage. EulogruS, M.
Erster zasten-Zonntag.
(Ev. Matth. 4, 1-12.)
In jener Zeit ward Jesus vom Geiste in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. DD als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet h Je, darnach hungerte ihn. Und cs trat der Versucher â : ihm, und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich
> B diese Steine Brot werden. Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: Nicht vom Brote allein lebt der Mensch, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt. Da nahm ihn der Teufel TB’t sich in die heilige Stadt, und stellte ihn auf die Zinne Les Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so stürze dich hinab; denn es steht geschrieben: Er hat seinen Engeln deinetwegen befohlen, und sie sollen dich auf den Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stoßest. Jesus aber sprach zu ihm: Es steht wieder geschrieben: Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht versuchen! Abermal nahm In der Teufel auf einen sehr hohen Berg, und zeigte ihm alle Königreiche der Welt nnd ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu Jin: Weiche Satan! denn cs sicht geschrieben: Du sollst Gott, deinen Herrn, anbeten, und ihm allein dienen. Alsdann verließ ihn der Teufel, und siehe, die Engel traten hinzu, und dienten ihm.
Schicksal, -e-®—
alten Griechen verehrten drei l'^^^ Schicksalsgöttinnen: Klotho, welche den Lebeussaden spann, Lachesis, ^ *ei"e Länge bestimmte, und Atro- pos, die ihn abschnitt. Gegen das * von ihnen bestimmte Geschick konnte niemand auskommen, und selbst die Votier konnten daran nichts ändern; ein solches „Schicksal" war unentrinnbar und unerbittlich. So wenig das Gras sich wehren kann, wenn die Sense es nieber- mäht, so wenig konnten nach dieser heidnischen Auffassung die Menschen ihres Schicksals sich erwehren; Machtlos standen sie ihm gegenüber, wehrlos waren sie ihm verfallen.
Besonders kraß war diese Schicksalslehre bei den Mohamesanern ausgebildet. Nach dieser Lehre konnte ein Soldat sich in das vorderste Kampfge- tümmel stürzen, er fiel nicht, wenn ihm das Schicksal ein längeres Leben beschieden hatte; ein anderer Soldat aber, den mußte der Tod ereilen, falls es ihm vom Schicksal vorherbestimmt war, mochte er selbst hinter dem Ofen sitzen.
Eine geradezu fürchterliche „Schicksalslehre" hat
der Jrrlehrer Kalvin aufgebracht. Nach feiner. uhö ^auu» jm ^u» mmi ytgivungcu, jvkwi» ..... unsinnigen Auffassung war ein Teil der Menschen « freiem Willen begangen hat, und daß er der Verräter von Ewigkeit her zur Seligkeit, ein Teil zur Verdammnis vorherbestimmt. Wer nun zur Seligkeit,
bestimmt ist, der wird sie unfehlbar erlangen, mochte sein Leben selbst aus einer Kette von Sünden bestehen; der Unglückliche aber, der zur Verdammnis bestimmt ist, wird von unsichtbarer Macht in den Strubel der Hölle hinabgerissen, mag er auch noch .so sehr der Tilgend sich befleißen.
Trägt nicht solche Lehre den Stempel der Unwahrheit an der Stirne? Widerspricht sie nicht ebensosehr der gesunden Vernunft als dem erleuchteten Glauben?
Unler „Schicksal" verstehe ich eine dunkle Macht nach der alle Ereignisse im Menschenleben sich richten von der Wiege bis ^t n Grab, ohne daß der Mensch irgend wichen Einfluß hätte, feine Gesch cke nach eigenem Willen zu bestimmen. Em „Schicksal" in diesem Sinne lehnen wir als Christen ab und müssen es ablehnen.
Scheint aber nicht die göttliche Allwissenheit der Schicksalslehre Recht zu geben? Alles weiß der liebe Gott zum Voraus, und daß er jemals in seinem Wissen sich irrt und daß sein Wissen jemals durch die freie Tat des Menschen eine Täuschung erfahren lön nie, das ist eine Sache der Unmöglichkeit. Nun mußt du aber unbedingt daran festhalten, daß etwas nicht deshalb geschieht, weil Gott es voraus- sieh", sondern umgekehrt: er sieht es voraus, weil es geschieht. Greifen wir zur Verdeutlichung nach einem Beispiel. Zum Voraus wußte der Heiland den Verrat des Judas. Mehrmals und mit der größten Bestimmtheit hat er vorausgesagt, daß ein Verräter erstehen würde mitten aus bent Freundeskreis der Apostel und daß dieser Verräter Judas sein würde. So ist es auch tatsächlich gekommen. Ist nun Judas in seiner Entscheidung frei gewesen? Ist er für seine Schandtat verantwortlich? Die Antwort auf diese Frage bildet ein entschiedenes Ja. $03 Judas die Tat in völliger Freiheit ausgeübt hot, dafür bietet die hl. Schrift volle Gewahr Warum, meinst du, hat der Heiland zum voraus schon auf die Tat aufmerksam gemacht? Nicht ölo? um seine Allwissenheit zu beweisen, sondern auch um den Judas zu warnen und unlzustimmen. ^o.r alle Versuche des Heilandes sind an Judas' Panzerbrust wirkungslos abgeprallt und so ging an ihm in Erfüllung das Wort des Herrn: »Der Menschen-1
sohn geht dahin, ^wie von ihm geschrieben steht; aber wehe dem Menschen, durch den der Menschenfohns verraten wird: besser wäre eS ihm, wenn dieser Mensch nicht geboren wäre!".
Zwei Wahrheiten müssen wir hier im Auge behalten: der Heiland kannte vermöge feiner gött«
licheu Allwissenheit die Tat des Judas zum voraus und es war unmöglich, daß dieses Wissen zu Schanden wurde. Ebenso sicher aber ist die zweite Wahrheit, daß Judas zur Tat nicht gezwungen, sondern mit
geworden ist, nicht weil er mußte, sondern weil er wollte. Wie aber beide Wahrheiten auszugleichen
und zu vereinigen sind, darüber, mein Christ, wollen Dir uns die Köpfe nicht zerbrechen, das hat leinen Platz in der Nußschale unseres Gehirns: hier schließen sich die Augen der menschlichen Erkenntnis unb es öffnet sich das Auge des Glaubens.
Keine Wahrheit ist in der hl. Schrift öfter wiederholt und deutlicher ausgesprochen als die Freiheit des menschlichen'Willens. Zum Volke Israel spricht der Herr: „Siehe, ich lege btr vor Leben und Tod : wähle also das Leben!* Den Bewohnern der Stadt Jerusalem ruft der Heiland zu: „Jerusalem, Jerusalem, wie oft wollte ich deine Kinder um dich sammeln wie eine Henne ihre Küchlein versammelt: du aber hast nicht gewollt*. Und die Verwerfung des unnützen, faulen Knechtes begründet der Herr mit den Worten: „Du hättest das Talent bei den Wäch tern anlegen und daraus Gewinn ziehen sollen!"
Die Lehre vom Schicksal ist grausam, entsetzlich, widersinnig, eine Quelle der Gleichgiltigkeit ober der Verzweiflung. Unser tiefes)uf liegt in unserer eigenen yand; dein Schichal kannst dn nach eigenem Willen meistern und schmieden. Es liegt ganz bei dir, einen tugendhaften Wandel zu führen unb die ewige Seligkeit an dich zu reißen. Berufe dich also nicht auf das „Schicksal", um deine Lasier^ und Fehler zu entschuldigen oder zu beschönigen. Sage nicht: ich bin nun einmal ein Trinker und ich kann es nicht mehr lassen. Das ist Teuselsiist uns Selbstbetrug: du kannst, wenn du willst. Sage nicht: id) bin nun einmal dem Jähzorn unterworfen, und da hust alte» nichts. Wenn man sogar ein Haus löschen rann, wenn man den reißenoen Stiom eindammen rann, wie vielmehr kannst du dem Zorn wehren, wenn du willst. Aber eines ist sicher, von selbst geht es nmj , kennst du nicht das Wort des Heilanses: „Das Himmelreich leidet Gewalt?" Wohlan, ote Fasten- ,cir hat begonnen; raffen wir uns wuser auf, um unsern Fehlern und Leidenschalten den Master zu eigen, mn an unserer Seele zu hobeln uns zu mel- Bein, um sie in Frömmigkeit, Enthaltsamkeit, B^ berzigkelt, Gebild und Verzeihung zu üben. Du bist keineswegs ein Sklave des „Schicksals", sondern deines eigenen Glückes Schmied.
Der Burgpsarrcr.