Der Volksfreund.
Nr. L so: Verlage LUM VonlfalmZidoren. ^>- Fulda, den 1. Januar 1922.
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Vom Fuldaer Laritastag.
Moderne Aufgaben der MMervereine.
(Vortrag des Herrn Pfarrer H a f e n e i e r-Obernborf.)
Als im Jahre 1896 der Caritasverband durch den hochverdienten, leider allzufrüh Heimgegangenen Prälaten Lorenz Werthmann ins Leben gerufen wurde, handelte es sich nicht um die Gründung eines neuen Vereins, sondern lediglich um die Schaffung einer großen, alle Zweige katholischer medestätigkeit zusammenfassenden Organisation. Sie katholische Caritas, jene Wunderblume, die im milden Lichts göttlicher Gnade aus gottlisbenden Aenschenherzen sprießt, sollte nicht losgerissen wer- oen von ihrem Mutterboden, um in einem Treib- rause zu verkümmern, sie, die freie Himmelstochter Mitte nicht eingezwängt werden in die Fesseln star- rer Verordnungen und ausgetüftelter Paragraphen, sie sollte weiter leben und weiter blühen, wie seither, nur neue Begeisterung und Kraft und Lsbensenergie sollte sie aus der Gemeinschaft schöp- kn. Der Caritasverband wollte nur all die Flammen und Flümmchen werktätiger Liebe, die in den hierzen deutscher Katholiken glühten, zufammenfas- sen zu einem weithin leuchtenden Fanal, nicht wei- rerhin sollte das Licht katholischer Caritas unter den Scheffel gestellt werden.
Keinem der bestehenden caritativen Vereine sollte Konkurrenz gemacht werden. Klar und deutlich sagt das die Bischöfliche Verordnung, durch I welche die Caritas-Organisation im Jahre 1917 in unserer Diözese eingeführt wurde. „Dem Ortsaus- i lchuß fällt die Aufgabe zu, dafür zu sorgen, daß in jeder Gemeinde, die nach ihren Verhältnissen not« wendigen caritativen Veranstaltungen getroffen : werden. Der Ortsausschuß wird deshalb auch die > Gründung entsprechender caritativer Vereine an* regen und nur das selbständig leisten, was besonders Vereine nicht tun. Er wird ferner ein geordnetes Zusammenwirken der Vereine herbeiführen, damit nichts unterlassen wird, was not* wendig ist, nichts doppelt ausgeführt, vor allem ein Gegeneinanderarbeiten von Personen und Vereinen ausgeschlossen wird".
I Also keine Konkurrenz, wohl aber Zusammenschluß und Ausnutzung aller Kräfte! Auch diese Absicht des Caritasverbandes spricht sich in der er« wähnten Divzefanverordnung deutlich aus: Die Vorstände aller caritativen Vereine bilden mit dem Pfarrer den Ortsausschuß, aber auch die Vorsitzenden der religiösen und sozialen Vereine sollen darin Sitz und Stimme haben. Weshalb? Weil alle katholischen Vereine sich in den Dienst der Caritas ; stellen sollen.
। Mein Referat soll zeigen, wie einer der notwen- isten Vereine einer jeden Pfarrei, wie der Müt- '”erein zur Lösung dieser Aufgabe befähigt und berufen ist.
Der besseren Uebersicht halber schicke ich die meinen Ausführungen zu Grunde liegenden Leitsätze voraus:
1. Die Not der Zeit fordert die Einstellung aller kirchlichen Vereine auf sozial-caritative Tätig-
2. Insbesondere sollen die Müttervereine nicht ! reine Gebetsvereine, sondern Mütterbildungsver- eine sein.
_ 3. Ihr ureigenstes Gebiet sozial-caritativer Be» tatigung ist die Wöchnerinnen- und Säuglings- pstege, die Pflege kranker Mütter und die Unterstützung notleidender und kinderreicher Familien.
Der schlimmste Feind alles Guten und damit auch jeder Seelsorge irgend welcher Art ist die Not. Ei? weckt Mißgunst und Neid gegen jeden ver- j meintlich Glücklicheren und schürt den Klassenhaß, ste treibt den Menschen glaubenslosen und glau- vensseindlichen Gesellschaften in die Arme, die cor* geben ein Allheilmittel für alle Menschennot zu kennen, sie dient als Entschuldigung für die ver- ichledensten Handlungen, die hart an die Grenze ws sittlich Erlaubten streifen, in ihrem Gefolge JW der „weiße Tod" verheerend durch unser und auch der Kamps gegen die §§ 218—220 Strafgesetzbuches — eine wahre Kulturschmach
unserer Zeit — wird im Namen der Not geführt. Sie ist der fruchtbare Nährboden des skrupxellosen Verbrechertums unserer Tage.
Wer könnte diese materielle und seelische Not so zahlreicher Volksgenossen mit ansehen und teilnahmslos vorübergehen, eine Not, die oft noch größer ist, wie die des Armen, der krank und zerschlagen an der Straße lag, die von Jerusalem führt nach Jericho? Eilt nicht uns allen das Gebot des Herrn: „Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie dich selbst"? Wenn je, so gilt heute das Wort des Apostels: „Das ist reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott und dem Vater: Die Witwen und Waisen besuchen in ihrer Trübsal." Mit schönen Worten und frommen Seufzern über die Verderbtheit der Welt ist nichts getan. Werktätige Liebe verlangt derselbe Apostel: „Wenn aber ein Bruder oder eine Schwester nackt sind und des täglichen Unterhaltes ermangeln, es sagt aber einer von euch zu ihnen: „Gehet hin in Frieden, wärmet und sättigt euch; ihr geut ihnen aber nicht die Notdurft des Leibes, was wird es helfen?"
Wenn das einem jeden Christen gilt, dann gilt es vor allem denen, die in religiösen Vereinen zusammengeschlossen sind. Diese gelten nun einmal in den Augen der Lauen, der halb oder ganz Abgestandenen für die berufenen Vertreter des Christentums und nach dem Maße chrer werktätigen Liebe werden sie beurteilt. Nicht mit Unrecht, denn der Herr selbst hat ja die Liebe zum Kennzeichen seiner Jünger gemacht: „Daran wird die Welt erkennen, daß ihr meine Jünger seid, daß ihr einander lie* bet."
An diesem Worte kommt in diesen Zeiten allgemeiner Not kein Einzelner, aber auch keine reli* giöse Vereinigung vorüber, sie muß ihre Existenzberechtigung in den Augen der Menschen und die Kraft und Wahrheit ihres Glaubens beweisen durch werktätige Liebe.
„Aber", denkt vielleicht jemand, „was brauchen denn die kirchlichen Vereine einzuspringen? Wir haben doch auch so lüele kirchliche Bedürfnisse in unserer Zeit zu befriedigen. Zur Linderung der materiellen Not unseres Volkes haben wir unsere soziale Gesetzgebung, auf die wir stolz sind, was bedarf es da noch der kirchlichen Vereine mit ihren so beschränkten Mitteln?"
Gewiß, auf unseren Caritaspfaden werden wir vielfach Halt machen können und müssen vor hervorragenden Veranstaltungen und gewaltigen Unternehmungen ,die für das Volkswohl und zur Bekämpfung des materiellen, sittlichen und sozialen Elendes des Volksganzen nicht von der kirchlichen Caritas geschaffen sind. In eindrucksvoller Größe treten uns die staatliche Arbeiterversicherung, die Krievsinvalidèn- und Hinterbliebenenfürsorge, die staatliche Jugendfürsorge ,das Rote Kreuz, der Na- Honale Frauendienft entgegen. In jeder größeren Stadt sehen wir eine mustergültige Armenpflege, und andere Wohlfahrtseinrichtungen der Gemeinde, in jeder Provinz Anstalten für Blinde, Taubstumme, für die gefährdete Jugend. Alfo Staat, Gemeinde, Provinz und gar manche paritätifdjen Verbände treten der katholischen Caritas auf dem Felde der Not als Mitstreiter zur Seite und übertreffen sie oft durch die Fülle der Geldmittel, die Zahl der geschulten Hilfskräfte und die Vollkommenheit ihrer Einrichtungen.
Aber das alles macht unsere caritative Betätigung nicht überflüssig. Wir sind sie unserer eigenen Sache schuldig. Denn bei der großen Scheidung der Geister müssen wir das Kennzeichen der Jünger Christi Nachweisen: nie darf die katholische Caritas sterben, das wäre der Tod unseres Bekenntnisses. Aber wir sind sie auch schuldig allen Armen und Leidenden.
Es gibt so manche Not, die auf das Eingreifen des Staates nicht warten kann.. Wer immer in der Wohlfahrtspflege gearbeitet hat ,der weiß es, daß der liebe alte hl. Bürokratismus immer noch nicht überall ganz tot ist. Die Not jagt durch das Land auf den fahlen Rossen der apokalyptischen Reiter — und der Amtsschimmel trottet immer noch gemächlich feinen Instanzenweg, wie zu den
seligen Zeiten, da der Großvater die Großmutter nahm. Da kann die freie Liebestätigkeit be$ religiösen Vereine erste Hilfe leisten und wirksame.
Dann vergessen wir eines nicht: Alle öffentlicher Wohlfahrtspflege kann wohl Löcher stopfen, Risst flicken, Wunden heilen, Elend lindern, aber dir Quellen verschließen, aus denen das Elend fließt, die letzten Ursachen aller sozialen Uebel abstellen, das kann sie nicht! Pflichtvergessenhsit, Ungehörigkeit, Lieblosigkeit, Bequemlichkeit ausrotten, dafür Liebe und Gerechtigkeit, Pflichtbewußtsein und Opferfreudigkeit einpflanzen, das kann kein Wohlfahrtsamt und keine Polizei, das kann nur die Religion, und diese nicht durch im Sande verrinnende Liebestätigkeit des Einzelnen, sondern durch das geschlossene Eintreten aller religiösen Vereine.
(Fortsetzung folgt.)
Aiänsgedcmkm für Hausangestellte und Herrschaften.
Hausangestellte, — sagen wir auch schon einmal Dienstmädchen, weil wirklich nichts Entehrendes in dem Namen liegt, — kamen vor einigen Wochen zum siebenten Verbandstag der katholischen Haus-, angestellten und Dienstboten-Vereine (Sitz München) nach Frankfurt, um über Fragen ihres Berufes und Verbandes zu beraten. In einer Festversammlung am Sontnag in der Stadthalle erhielt die Tagung ihre Weihe und ihre Bedeutung. Der verdienstvolle Ehrenpräses des Verbandes, Geistlicher Rai Bruckmeyer (München) sprach in seiner Festrede mit packender Wärme von der Bedeutung des Dienst« botenstandes für die Familie ,aus welcher das Mädchen kommt, für die Familie, in welcher das Mädchen dient, und endlich für die Familie, welche das Mädchen gründet. Sodann sprach Redner von der Bedeutung der Dienstbotenvereine als SchutzvereinS gegen die Feinds des Glaubens und der guten Sitten, Hilssvereine gegen die Not und in der Not, als Friedensvereins für die Familien. Der bischöfliche Kommissar Geistlicher Rat Stadtpfarrer Dr. Herr (Frankfurt) unterstrich unter begeisterter Zustim-. mung der vielhundertköpfigen Versammlung war Geistlicher Rat Bruckmeyer aus feinem erfahrungs- reichen Leben und aus feinem von Liebe zum Disnstbotenstand überfprubeinden Herzen heraus gesagt. Hätten es nur mehrere Tausend Mädchen u. Herrschaften gehört, der Friedensvertrag für das häusliche Leben würde bald unterschrieben sein.
Der Montag war der Beratung der Verbands und Standesfragen gewidmet. Ein erfreuliches Bild besonders von der inneren Erstarkung und Belebung des Verbandes bot der vom Verbandspräses, D. M u ß n e r (München), erstattete Jahresbericht. Wir sind weitergekommen, haben vieles geleistet, weur auch manche Kriegsschäden noch nicht ausaebcsser sind. Tausende aus allen Kreisen, Staatsmänner Politiker, Herrschaften und Mädchen wenden sich an den Verband und fragen an ,wie er sich zu ikn schwebenden Fragen des Hausangestelltenoerufes stelle.
Das erste Referat: Unsere Stellung in der Ge- werkschaftsfcage und die Schaffung einer Arbeit-»-, gemeinschaft mit dem Reichsverband weiblicher Hausangestellten, hatte Pfarrer Dr. Hüfner (Wiesbaden) übernommen. Er konnte Mitteilen, daß die auf christlichem Boden stehenden Hausangestellten in Zukunft in allen wirtschaftlichen Fragen Hand in Hand gehen, ohne daß die Gewerkschaft oder die Standesoereine ihre Eigenart aufgeben.; Auf dem Boden der Gleichberechtigung, in Anerkennung, daß bei der Eigenart der häuslichen Verhältnisse auch die Stondesvereine zur Lösung von wirtschaftlichen Fragen des Dienstvertrages mitbs- rufen sind, wird eine Arbeitsgemeinschaft (Kartell) der ans christlichem Boden stehenden Berufsvereine der Hausangestellten und des Reichsverbandes weiblicher HwusangestelU"n gegründet. Die einzelnen vom Referenten mit den Beauftragten des Reichs« Verbandes vusLearbeiteten Satzungen wurden im