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General-Anzeiger
Amtliches Organ für Statt- und Landkreis Sana»
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage
BS
K3
J!r. 263
Mittwoch den 8. November
1922
Das Neueste.
— Der Reichsregierung wurde gestern von einigen zur Zeit in Berlin weilenden ausländischen Sachverständigen ein finanzpolitisches Gutachten überreicht.
— In Aachen hat gestern die Unterzeichnung der von der Grenzkommission festgesetzten Drenzbestimmungen und Grenzverträge durch die Bevollmächtigten beider Regierungen statt- gesunden. Damit gelten die deutsch-belgischen Grenzverhandlungen als abgeschlossen.
— Zum Vorsitzenden des deutschen Landwirtschaftsrates ist Dr. Brandes (Althoff) gewählt worden.
— Loucheur hat gestern erneut betont, daß Deutschland sofort für bankrott erklärt werden müsse.
— Poincarö hat mit Foch über die Ereignisse im Orient beraten.
Das Sachverftän-igen-GuSachren überreichi.
B e r l i n, 8. Rov. Aus den Kreisen der von der deutschen Regierung nach Berlin berufenen ausländischen Sachverständigen ist gestern der Reichsregierung von den Herren Cassel, Brand, Zenks und Keynes das erste finänrpolilifchc Gutachten überreicht worden. Es wird der deutschen Oeffentlichkeit unmittelbar nach seiner llebersehung zugänglich gemacht werden. Weitere Sachverständigengutachten werden erwartet.
Auf Grund dieser Gutachten wird die Regierung nach erneuter Stellungnahme im Laufe des heutigen Tages der Reparationskommüsion
eine Antwort in Gestalt detaillierter Vorschläge auf ihre Rückfrage erteilen. In politischen Krei
sm hegt man die Hoffnung, daß es aeliauen uM?ud „Schutzchoten ^........_........
könne, aus dem internationalen Dankkrsise falls die Türken irgendwelche Angriffe auf die unter Mitwirkung der Reichsbank ein inter- alliierten Truppen in Konstantinopel machen
nationales Finanzsyndikat zusammenzubringen, dem die Stützung der Mark obliegen würde.
Voraussetzung hierfür wäre, daß die Repara- tionskommission auf Grund der Bereitschaft Deutschlands, aktiv an der Sanierung mikzu- wirken, ihrerseits gewisse Sicherheiten für diese Aktion frcigibk und daß baldigst eine internationale Bankierkommission zusammenberufen wird, die die notwendigen Maßnahmen frei und un- Snderk beschließt. Damit würde die Rotwen- eil eines weitgehenden Moratoriums schon selbst mit zur Diskussion gestellt sein. Rach Auf- sassung maßgebender politischer Kreise ist Vor- aussehung für das Gelingen irgend eines internationalen Bankkredites die ruhige Entwicklung der innerpolitisckrsn Lage in Deutschland und auch die Verbreiterung der Regie- rungsbasis durch Hereinnehmen der V o l k s p a r t e i in die Regierung.
Vertagung und Fartsetzung der Verhandlungen in Paris.
Berlin, 8. Nov, Aus gut unterrichteten diplomatischen Kreisen erfährt das „Berliner Tageblatt", daß Piermont Morgan, der sich gegenwärtig in Rom aufhält, spätestens am 26. November nach Amerika zurückzukehren gedenkt. Dieser Nachricht kommt darum besondere Bedeutung zu, weil bekanntlich seit geraumer Zeit schon Bestrebungen im Gange sind, eine Zweite Bankierkonferenz zur Diskussion der Reparationsfrage nach Brüssel oder Paris einzuberufen. Morgan hätte wiederum den Vorsitz zu übernehmen und man ist daran, chn hierzu noch während seines diesmaligen Aufenthaltes in Europa zu bewegen, da sonst die Einberufung einer zweiten Bankierkonferenz erhebliche Verzögerung erleiden müßte. Da die große Brüsseler Konferenz voraussichtlich erst Mangs Dezember stattfinden kann, würde wohl Paris in erster Linie als Tagungsort für die Konferenz in Frage kommen. Selbstverständlich wären auch diesmal umfangreiche Arbeiten kotig; dies ist auch der Grund, weshalb die Reparationskommission möglichst rasch nach Paris Zurückkehren möchte. Weiter will das „Berliner Tageblatt" wissen, daß die Kommission gestern abend noch den heutigen Tag als Termin sur ihre Abreisein Aussicht nahm. Dies würde aber keinesfalls etwa einen Abbruch der Parhandlungen mit der deutschen Regierung bedeuten, sondern lediglich durch die Derpflich- wngen zu erklären sein, die der Kommission in Paris harren. Es wäre ja auch nicht das erste Mal, daß Verhandlungen, die in Berlin aufge- uonnnen wurden, in Paris fortgesetzt werden.
ist aber auch nicht ausgeschlossen, daß die Kommission ihren Berliner Aufenthalt noch um ainen oder zwei Tage verlängert, wenn sie zu aer Ueberzeugung kommt, daß der für heute erwartete neue deutsche Vorschlag Aussichten biete, "ie Beivreckrunaen über die Frage der Mark-
Die neue Verschärfung im Orient
Die französische Regierung ist durch die Haltung der Regierung von Angora zweifellos in schwere Verlegenheit geraten. Man hatte in Paris darauf gerechnet, nach den Verhandlungen mit Mustapha Kemal würden die Türken Mäßigung beweisen, und daß sie sich namentlich an das unter so großen Schwierigkeiten zustande gekommene Waffenstillstandsabkommen von Mudania halten würden. Aber nicht nur, daß die Türken, wie es ihre den alliierten Oberkommissaren übergebenen drei Noten (siehe unsere gestrige Ausgabe) beweisen,
ar dieses Abkommen sich nicht schlossen sind, betreiben sie eine
zu halten ent- Politik, welche
direkt gegen Frankreich selbst gerichtet ist. Sie verbot nicht nur, die Erteilung des französischen Sprachunterrichts in den anâtolischen Schulen, sondern unternahm auch Eingriffe in französische Banken und Fabriken und beschlagnahmte die Eisenbahnen. Alles Schädigung französischer Interessen un§ des französischen Nationalstolzes. Es läßt sich begreifen, daß es der französischen Presse heute außerordentlich schwer wird, diese Haltung der gestern noch über den grünen Klee gelobten türkrschen Freunde vor der französischen Oeffentlichkeit zu rechtfertigen. Die Zeitungen bemühen sich deshalb, den Türken nahezulegen, doch Mäßigung zu beweisen, um die Erfolge, die sie bisher errangen, nicht aufs Spiel zu setzen.
Gestern nachmittag fand zwischen Poincarö und Foch eine lange Konferenz statt. Es scheint, daß Foch weiterhin seinen bisher vertretenen Standpunkt verteidigt, daß die Meerengen ge=
Truppen
sollten. Denn vergessen dürfe nicht werden, daß Frankreich nach den bekannten Verletzungen der neutralen Zone in Kleinasien sich ausdrücklich verpflichtete, falls Angriffe der Türken auf Konstantinopel selbst erfolgten, mit den Engländern zusammenzustehen, um den Anschlag abzuwehren. Die Möglichkeit ist nicht mehr durchaus ausgeschlossen, da Refit Pascha den Abzug der alliierten Truppen aus Konstantinopel fordert und dieses Verlangen von den alliierten Oberkommissaren und Generälen in Konstantinopel abgelehnt wurde, daß die Türken irgendwelchen Gewaltstreich versuchen werden. In der Hauptstadt scheint jedenfalls nach den unten folgenden Meldungen vollkommene Anarchie zu herrschen, und die interalliierten Truppen sind nicht mehr in der Lage, dieser zu steuern.
Die französische Presse, die noch vor wenigen Tagen die Entfesselung eines neuen Krieges wegen der orientalischen Frage als eine Frivolität bezeichnet hat, redet heute, da französische Interessen auf dem Spiele stehen, eine wesentlich andere Sprache. Frankreich werde ficK Heft es in den Kommentaren der Blätter, die Früchte seines Sieges nicht rauben lassen, und die Ke- malisten müßten sich, wenn sie nicht bald zur Vernunft kämen, sehr bald davon überzeugen, daß ès weniger leicht sei, über eine französischenglisch-italienische Armee zu siegen als über
stabilisierurw noch wesentlich zu fördern. Sollte dies nach Meinung der Reparationskommission nicht der Fall sein, so würde sie nach unseren Informationen gleichwohl zur Fortsetzung der Diskusion in Paris bereit sein.
(Wir können uns dem Optimismus, der aus diesen Meldungen herausspricht, vorläufig noch nicht anschließen. Für uns steht zunächst no h fest, daß die Denkschrift der deutschen Regierung für die Repko eine starke Enttäuschung darstellt und mit dieser Enttäuschung dürfte sie auch Berlin verlassen, so daß auch diese Konferenz ausgehen wird, wie ihre Vorgänger. Etwas anderes haben wir ja auch nicht erwartet, denn es war für uns von vornherein klar, daß Barthou mit keinem deutschen Vorschläge „zufrieden" sein würde. Und wenn die deutsche Regierung das ganze Gold der Reichsbank auf den Tisch gelegt hätte, so hätten immer noch das linke Rheinufer und das Ruhrgebiet gefehlt — und das ist doch die Hauptsache. U. E. werden die mit großem Aufwand eingeleit-ten Berliner Verhandlungen sehr bald ein e r g e b - nisloses Ende erfahren und stimmen da dem „Berl. Tagebl." bei, daß dies heute oder morgen geschehen wird. An eine Fortsetzung glauben wir vor der Hand nicht — zum mindesten werden ihr einige Drohnoten voraus- aeben. D. Red.t
griechische Banden. Selbst der „Temps" meint heute, man habe den Eindruck, daß
die Flinken jeden Augenblick von selbst losgehen könnten. Die Entwicklung habe eine Wendung genommen, die Frankreich unter allen Umständen habe vermeiden wollen. Die Haltung der Regierung von Angora erklärt das Blatt damit, daß die Türkei angesichts der Gefahr der Errichtung eines neuen Balkanbundes zwischen Griechenland, Südslawien und Bulgarien und angesichts der Widerstände, die sie auf der Friedenskonferenz zu finden fürchte, offenbar die Av^-c habe, auf dem Balkan vollzogene Tatsachen zu schaffen und sich Pfänder zu sichern Das „Journal des Debats" fordert, daß die Kabinette von Paris und London sich unverzüglich über eine gemeinsame Politik verständigen und die Achtung vor dieser Politik mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln einer Regierung aufnötigen, die alle bei der Unterzeichung des Waffenstillstandsvertrags übernommenen Verpflichtungen verletzt habe,
Panik in ” rfwfinopel.
Konstantinopel, 8. Rov. Die alliierten Oberkommlsssre haben von ihren Regierungen Vollmachten zur Verhängung des Belagerungszustandes erbeten, da ein solcher in den nächsten Tagen notwendig werden könnte. Die berstest w'-d fff es in sSrnst'^en Vorstädten von Konstantinopel zu Unruhen gekommen. Fenster der von Christen bewohnten Häuser wurden ein^eschlao-n und freiste Soldaten durch Messerstiche verwundet. Die euro- "ischen ,Zolsbe''mkon g-d oufaefordsrt worden,
woro
MagnahtUk und der Zöllta einoefübrk. In Smyrna wurden mehrere Mitglieder der französischen Kolonie belästigt und
der französische Konsul in Lrussa ausgewiesen, später allerdings wieder zugelassen. Resat ÖaHi« hat den Alliierten eine Roke unterbreitet, in der die Ausweisung der britischen Untertanen aus der Kauptstadk gefnr- dert wird. Viele Hunderte Mohamedaner, darunter der vormalige Scheid ül Islam haben in der britischen Botschaft Zuflucht genommen.
Miniskerrat in Paris.
Pari«, 8. Nov. Der Ministerrat, der gest vormittag im Elysee unter Millerands Borsitz stattfand, hat sich in erster Linie mit der Lage im Orient beschäftigt. Das amtliche Communi- qué berichtet, daß Bompard, der frühere Bot
lern
schafter in Konstantinopel und der Botschafter in Rom Barriere, zu Delegierten für die Orientkonferenz ernannt worden sind. Das Commum- qué besagt im übrigen nur, der Ministerpräsident habe seine Kollegen über die auswärtige Lage unterrichtet. Nach anderen Informationen haben die von Poincarö erlassenen Berichte über das Vorgehen der türkischen Nationalisten den Ministerrat von der Notwendigkeit überzeugt, den türkischen Uebergriffen mit aller Energie entgegenzutreten. Frankreich wird damit in engem Zusammenwirken mit England und Italien handeln.
Die Beratungen über die Holzlieferungen vertagt.
Berlin, 8. Nov. Vorläufig ist noch keine Vereinbarung darüber getroffen worden, wann die nächste Sitzung der deutschen Regierungsvertreter mit den Mitgliedern der Reparationskommission stattfinden wird. Die Verhandlungen über die Holzlieferungen werden zunächst vertagt werden müssen. Der Präsident der Reparationskommission, Herr Barthou, hat daraufhin der deutschen Regierung nahegelegt, die Beverungen zweckmäßi-
ratungen über die gerweise demnächst
uns abzuhallen.
Phanlasttsche Sanierungspläne.
Paris, 8. Rov. Die französische Kammer beschäftigte sich gestern mit der Prüfung des Haushalts. L o u ch e u r hielt eine Rede, in der er die Auffassung bekämpfte, die Franzosen hätten bei den Friedensverhandiungen die deutsche Zahlungsfähigkeit überschätzt. Er beschäftigte sich dann eingehend mit der deutsck^en Finanzlage und kommt zu dem Schluß, daß Deutschland sofort für bankrott erklärt werden müsse, um auf diese Weise die deutschen Finanzen einer Gesundung entgegenzuführen. heute an eine Festigung der Mark zu denken, sei ein Unding, denn
Deutschland befinde sich am
e
des Abgrundes, Es liege in feinem eigenen Interesse und in dem Europas, den Bankrott des deutschen Reiches zu erklären. An dein künftigen Wiederaufbau Deutschlands müsse nicht nur von Deutschland selbst, sondern auch von allen anderen Ländern gearbeitet werden. Durch internationale Solidarität müsse man 5—6 Milliarden Goldmark aufzubringen suchen und damit die neue Valuta schaffen. Es handle sich überhaupt nicht allgemein um die Wiederherstellung der Währung Deutschlands, sondern auch um die der entwerteten Valuta aller übrigen Staaten. Eine unerläßliche Vorbedingung für den Wiederaufbau Europas sei die Festigung des Friedens. Diese Bedingung könne aber nur erzielt werden, wenn die Sicherheit Frankreichs gewährleistet werde. Rach Ansicht Loucheurs kann dies nur in der Weise geschehen, daß dem 2k h e i n - land sein rheinischer Charakter wiedergegeben werde. Es handele sich hier um keine Annektion und keine politische oder wirtschaftliche Kontrolle, es könne aber auch keinepreußische Kontrolle zu- gelassen werden. Der Grundsatz muß laufen: Das freie Rheinland dein freien Rhein. Schon auf der Friedenskonferenz fei erwogen worden, daß für das Rheinland ein Regime zu schaffen sei, das ihm politische und wirtschaftliche Freiheit gewähre, ihm dabei aber doch die Verbindung mit Deutschland belasse. Es müsse ein militärisches Regime geschaffen werden, das es verhindere, daß das Rheinland in Zukunft als Sprungbrett zu neuen Invasionen diene. Loucheur befürwortete eine internationale Schuhtruppe mit überwiegend französischem Einschlag (Also dauernde Besetzung, darin liegt des Pudels Kern.
D. Red.) und fordert, daß dieser Vertrag iM
Kosten für diese Truppe zu übernehmen habe.
Der Dollar 8300,
Der ungünstige Verlaus der V e r h c n d» langen über die Stabilisierung des Markkurses mit der Reparationskommission und sehr lebhafte Befürchtungen wegen einer heftigen inneren Krise wegen der letzt- tägigen Steigerung des Dollars führten gestern zu einer weiteren stürmischen Aufwärtsbewegung der Devisen, wie sie bisher noch nicht beobachtet worden ist. Ohne daß es zu großen Umsätzen kam, zog der Dollar, der gestern früh mit etwa 7300 Mark genannt wurde, da voll^ kommen Mangel an Abgebern herrschte, sprunghaft in verhältnismäßig kurzer Zeit bis auf 8500 Mark an. Heute morgen wurde er mit 8300 notiert.
Die Entwertung der Reichsmark macht wei* tere ungeheuerliche Fortschritte und droht, sich schnell zu einer Katastrophe nicht allein für unsere Allgemeinwirtscyaft, sondern für unser ganzes außen- und nicht zuletzt für unser inner» politisches Leben auszuwachsen. Wie früher die Brandreden des Herrn Poincarö, so ist es jetzt die auf der einen Seite fordernde und auf der anderen Seite völlig verneinende Haltung der Reparationskommission, die das leider zu luftig gebaute Gebäude der deutschen Valuta zum völligen Einsturz zu bringen scheint. Die Amerikaner wollen angeblich Milliardenverluste an der deutschen Mork erlitten haben, und auch holländische Stimmen werden laut, daß dort infolge des deutschen Marknotenimports Schädi» gungen von 2—3 Milliarden holländischen Gulden entstanden seien. Man muß beides unter dem üblichen Vorbehalt hinnehmen. Jedenfalls zeigt es sich leider, wie bisher, weiter, daß das Ausland, koste es, was es auch wolle, sich der deutschen Mark zu entledigen sucht. War e» bisher vornehmlich Holland, so ist es jetzt Amerika, das unter allen Umständen die Abstoßung seiner Marknotenbeslänüe anstrebt. Die Rekordzisfern des letzten Reichsbankausweises, die eine Zunahme des Notenumlaufs um 59% Milliar» den Mark und der diskontierten Schatzanweisungen um 24% Milliarden erbracht haben, zeigen zwar dem Auslande mit erschreckender Deutlichkeit, wohin wir steuern, aber die ablehnende Haltung der Reparationskommissio» gegenüber den deutschen Vorschlägen bekräftigen den schlechten Willen, der dort unseren Vorschlägen entgegengebracht wird. So ist es den« auch nicht zu verwundern, daß die Mark den Weg geht, der ihr von feindlicher Seite gewiese« wird.
Dollar (10 Ahr vorm.) 8300