Hanauer L Anzeiger
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General-Anzeiger
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Nr. 239
Mittwoch den 11. Oktober
1922
Das Neueste.
— In der gestrigen Kabinettssitzung ist die Besoldungsvorlage beraten und angenommen worden.
— In Mud am a ist man zu einer Einigung gekommen. Das Abkommen ist gestern unterzeichnet worden.
— Die Reparationskommission wird sich demnächst mit dem außerordentlichen Anwachsen der schwebenden Schuld Deutschlands be- fassen._____________________________________________________
Die schwebende Schuld Deutschlands.
Lin Vorstoß gegen das Moratorium.
Paris, 10. Okt. Heute vormittag hat sich der ehemalige Präsident Louis Dubois von seinen Kollegen in der Reparationskommission verabschiedet. In einer langen Rede versicherte er sie, daß er immer von dem Geist der Gerechtigkeit, der Billigkeit und des guten Willens geleitet gewesen sei, wie dies der Versailler Vertrag ihm vorgeschrieben habe und auch von der berechtigten Sorge, den Angreifer von 1914 in dem Maße seiner Leistungsfähigkeit zur Reparation zu zwingen. Sein Bedauern sei aber zu seiner Freude verringert durch die Genugtuung, daß seine Regierung zu seinem Nachfolger Bar- thou ernannt habe, der besser als jeder andere die oft heiklen Beziehungen zwischen der französischen Regierung auf der einen und der Reparationskommission auf der anderen Seite zu verbinden wisse.
Unter dem Vorsitz von Sir John Bradbury an Stelle des abwesenden Vizepräsidenten Raggi wählte die Kommission sodann aufgrund der zwischen den alliierten Kabinetten bestehenden Vereinbarung, wonach da- PiMMn ch. der Kommission Frankreich zustehe,' Herrn Barthou zum Vorsitzenden.
Die Reparationskemmission wird sich demnächst mit der Erhöhung derschweben- den Schuld Deutschlands befassen. Unter den Bedingungen, unter denen die Kommission am 31. März ds. Js. das von Deutschland nachgesuchte Moratorium bewilligt hat, befand sich u. a. auch die, daß die schwebende Schuld Deutschlands, über den Betrag, den sie in diesen Tagen erreicht hatte, lediglich um den Gegenwert der von Deutschland an die Alliierten zu leistenden Barzahlungen erhöht werden dürfe. Der Stand der schwebenden Schuld am 31. März 1922 betrug 281 Milliarden Mark. Er ist nach dem letzten Ausweis am 30. September auf 451 Milliarden gestiegen. Ein Antrag Frankreichs ersucht die Kommission angesichts dieser starken Vermehrung, die in der letzten Septemberwoche allein 72 Milliarden betragen har, zu prüfen, ob Deutschland noch im Rahmen der ihm auferlegten Bedingung geblieben ist, oder ob es bereits dagegen verstoßen hat. Herr Poincarè sucht offenbar aufs neue nach einem Vorwand zur Feststellung einer vorsätzlichen Verfehlung Deutschlands durch die Reparationskommission. Die Barzahlungen, die Deutschland seit dem 31. März an die Entente leisten mußte, belaufen sich auf zirka 200 Millionen für die Reparationen, sowie auf vier Monatsraten in Höhe von je etwa 40 Millionen Goldmark für den Ausgleich der Vorkriegsschulden. Das sind zusammen etwa 350 Millionen Goldmark oder zum heutigen Kurs etwa 240 Milliarden Papiermark.
Sin Vorstoß der französischen Rationalisten.
, Bari», 11. Okt. Im Presseamt des Quai d'Orsay war gestern abend von einer Absicht der französischen Regierung, Barthou mit der Wieder- lluirollung der Moratoriumsfrage zu betrauen, nichts bekannt. Die Nachricht wurde aber auch nicht unzweideutig dementiert. Bei der Beurteilung der Frage ist zu beachten, daß dieMora- teriumssrage während der bevorstehenden Jnter- vellgtionsdedatte in der Kammer eine Rolle spielen "ird und Psincarö daraus gefaßt sein muß. von ovoofitioneller Seite sesragt zu werden, was er wr Wahrung der Interessen Frankreichs getan dudr. Extremnationalistische Organe, wie die -Action Francaise" und die „Liberte" haben den neuen Martsturz gestern bereits als Beweis für
angeblichen Mißerfolge der Schonungsvolitik aesenuber Deutschland hingestellt. Unter diesen Umständen mutz damit gerechnet werden, daß h to161* schon in allernächster Zeit etwas bei oer Reparationskommission unternimmt, um Maß- nabmeii zur Sanierung der deutschen Finanzen vurchzusetzen.
^pskulvtionsvrrlusls an der Mark.
Die „Neuyork World"- hat vor einigen Ta- Sen eine Berechnung angestellt, nach der Ame
rika die ungeheuere Summe von 960 Millionen Dollars feit Kriegsausbruch in deutschem Papiergeld angelegt hat, das jetzt nahezu wertlos sei. Die Opfer der Spekulation in deutscher Mark, „der gigantesten finanziellen Täuschung in der Weltgeschichte", hätten 904 Millionen Dollars auf diese Weise verloren. Der Berliner Vertreter der „Neuyork World" hat Gelegenheit genommen, einige bekannte Persönlichkeiten der deutschen Wirtschaft um ihre Stellungnahme zu dieser Berechnung zu bitten. Vizepräsident der Reichsbank v. Glasenapp erklärte: „Ich kann es nicht glauben, daß die Amerikaner tatsächlich fast eine Milliarde Dollar an dem Fallen der Mark verloren haben. Große Ankäufe in Mark wurden nicht getätigt, um deutsche Waren und deutsche Jndustriepapiere dafür zu erwerben. Wer. Mark gekauft hat um sie in Industriepapieren anzulegen, hat in der Tat einen bedeutenden Verlust erlitten, da die Papiere nicht so schnell gestiegen sind, wie der Kurs der Mark gefallen ist. Hunderttausende Amerikaner, die bis zum Kriegsausbruch in Deutschland lebten, kamen nach Friedensschluß wieder nach Deutschland zurück und brachten von Neuyork in vielen Fällen deutsche Mark mit. Diese legten sie in Deutschland in deutschen Sachwerten an, die sie für einen Preis erhielten, der gegenüber dem amerikanischen Preise für diese Ware unverhältnismäßig billig war. Wahr ist, daß amerikanische, englische und andere ausländische Investierungen uns beträchtlich geholfen haben, da wir dadurch in der Lage waren, Rohmaterial und Brotgetreide zu kaufen und einen Teil der Reparationsverpflichtungen zu begleichen. Hätte Amerika in den Jahren 1918 und 1919 unsere Papiermark nicht gekauft, so wären wir damals schon dorthin gekommen, wo wir heute stehen, zu kaufen, so ist die Lage für uns äußerst ernst Wir sehen einenWinterohneBrotvor uns und ohne Mittel, um auf dem Auslandsmarkts etwas anzukaufen. Wir wissen nicht, wie Deutschland den kommenden Winter überstehen wird. Es ist keine Frage, daß Amerika Verluste in deutscher Mark erlitten hat, aber denken Sie daran, welche schweren Verluste Deutschland zu tragen hat."
Auch der Direktor der Dresdener Bank, Herbert Gutmann, erklärte: Ich glaube nicht, daß Amerika 960 Millionen Dollar durch die Entwertung der Mark eingebüßt hat. Es ist ein Unterschied zwischen dem Verlust des einzelnen und dem Verlust des Volkes. Den größten Verlust haben die Spekulanten in Luftgeschäften in Mark untereinander gehabt. Millionen von Papiermark wurden in Wallstreet für solche Geschäfte gekauft. Die Banken kauften Mark in Bündeln von Millionen, wobei sie wußten, daß keine Deckung vorhanden war. Der größte Teil des Gesamtverlustes von 960 Millionen Dollar war eigentlich ein Gewinn für Wallstreet. Amerikas Reichtum hat dadurch sicher nicht abgenommen.
Teilnahme Amerikas an der nächsten Finanzkonferenz.
Haag, 11. Okt. Die „Neuyork World" erfährt von gut unterrichteter Seite in Washington, daß die amerikanische Regierung sehr ernsthaft erwäge, die Einladung zur Teilnahme an der nächsten Finanzkonferenz, die wahrscheinlich in London (?) tagen werde, anzunehmen. Die Regierung halte jedenfalls die Zeit jetzt für gekommen, um einen Versuch zur Ordnung der Weltfinanzen zu unternehmen. Weiter erfährt das Blatt, daß die amerikanische Schuldenkommission beabsichtige, den Kongreß, wenn nötig zu bitten eine Anzahl von Beschränkungen, die ihr durch das Gesetz betreffend die Konsolidierung der Schulden auferlegt seien, aufzuheben, um zu einer Einigung mit Sir Robert Horne über die englischen Schulden zu kommen. „Daily Chronicle" hält einen Aufschub der Reise Sir Robert Hornes nach Amerika infolge der inneren Krise für wahrscheinlich.
Die Besolduvgsvorlage vom Kabinett angenommen.
In der gestrigen Kabincttssitzung wurde die vom Rcichsfinanzmmisterium aulgearbeitete Besoldungsvor- lage beraten und angenommen. In der Vorlage sind die bisherigen Teuerungszulagen in die Grundgehälter und Ortszuschläge eingebaut.
Die OrtSzuschläge sind mit Rücksicht auf ba? in« zwischen in Kraft getretene Reichrinietengesetz und al» Ersatz für die bisherigen Widerruflichen Wirtschaft»- beihilfen entsprechend erhöht warben. Dem wiederholten Wunsche des Reichstage» nach vermehrter Berücksichti- gung der sozialen Besoldungsbestandteile gemäß sind die Kinderzuschläge stärker erhöht all die Grundgehälter.
Außerdem ist für die verheirateten Beamten die Gewährung eines um 8 v. H. höheren TeuerungSzuschlag» vom Grundgehalt und Ortrzuschlag in Aursicht genommen. Die Kinderzuschläge bleiben nach wie vor für alle Beamtengruppen gleichmäßig hoch. Für die Pensionäre sind die entsprechenden Folgerungen gezogen worden. Das gesetzliche Witwengeld soll von Vierzehnte! auf SechSzcbntel der Ruhegehalt» bei Manne» erhöht worden. Dafür sollen die Witwen in Zukun nur den allgemeinen Teuernng»zuschlag zu ihrem Witwengeld erhalten. Die Vorlage geht noch heute dem Reichrrat zu und soll dem Reichstag bei seinem Znsammentreten am 17. b. M. bereit» borliegen.
Der Ralhenaumord.Prozeh.
Berlin, 10. Oktbr. Nach Eröffnung der heutige Sitzung wurde als erste Zeugin Helene Kaiser an gerufen. Sie ist Krankenschwester und wartet« au de KönigSallee auf ihre Straßenbahn, all dort das Attentat erfolgte. So wurde sie Zeugin bei Morde» und schilderte zunächst den schon bekannten Hergang. Der nächste Zeuge ist Rathenau» Chauffeur Bro- zell er. Der Wagen, in welchem Rathenau er« schossen wurde, gehörte der N. E. G., bei der der Chauffeur angestellt war. Er schilderte den Vorgang, wie er sich hinter seinem Rücken abspielte. Er hörte zunächst 3 Schüsse stoppte den Wagen und in dies«»! Augenblick kam noch eine Serie von Schüssen, wie «u» einem Maschinengewehr und danach die Detonation der Handgranate. Durch den Rauch sah er das Mörderauto nur vorbeiflihen und einen Mann darin mit der Maschinenpistole in der Hand. Derselbe kehrte sich gerade um und setzte sich im Wagen nieder. Im Kreuzverhör bekundete der Chauffeur, daß er um 10‘/3 Uhr bei Rathenau hätte vorfahren sollen, daß er fid aber etwas verspätet habe. Der nächste Zeuge i der Chauffeur des Fabrikanten Küchenmeister aus Freiberg i. S. Buchner. Er fuhr den alten Herrn Küchenmeister nach Dresden, wo er den jungen Küchenmeister in dem zweiten Wagen traf, der Techow über« lauen wurde. Techow erkannte den Chauffenr sofort toterer.
Al» weiterer Zeuge wird der Erfinder bei Mord- plane», der Gymnasiast Sani Stubenrauch vernommen. Der Achtzehnjährige wird vom Präsidenten mit der Frage emptangen: „Sie sind wohl der Ur« Heber bei Mordplanes ?" — Stubenrauch: „Das wird so hingestellt, in Wirklichkeit ist e» nicht der Fall." — Stubenrauch spricht sich über den Bund der Aufrechten, dem er «»gekört, folgender» niaßeu au»: „Das ist ein Bund, beut alle die angchören, die den alten deutschen Geist in Deutschland hochhalten und pflegen." — Der Präsident: „Hat der Bund auch die Tendenz, das Judentum zu bekämpfen ?" — Stubenrauch: „Ich habe schon gesagt, daß ich nicht Vorstand und nicht so genau orientiert bin." — Der Präsident: „Lie haben aber Minister Rathenau für einen Schädling am deutschen Volke gehalten!" — Stubenrauch: „Wegen seiner Broschüre „Testament Friedrichs bei Großen" und bann vom Wiesbadener Abkommen bis zum Rapallo-Vertrag," — Der Präsident: „Also wegen dieser Schrillen. Die haben Sie gelesen?" — Ktubeurauch: „Ja ich habe das Testament hier." — Ler Präsident: „Haben Sie mit Günther auch über Rathenau gesprochen? — Stubenrauch: „Jawohl." — Der Präsident: „Wer sing davon an? Stubenrauch: „Von Rothenan speziell ich, von der Regierung int allgemeinen Günther". — Der Präsident: „Haben Sie denn gesagt, daß Rathenau beseitigt werden müßte?" — Stubenrauch: „Ja, ich habe da» theoretisch erörtert. 2m Falle einer Beseitigung durch Mord, sollte der Täter dann di« Waffen gegen sich selbst kehren. Aber el war nicht von mir bie Rede". — Der Präsident: „Sie haben aber gesagt, daß Sie Rathenau tm Reichstag nieder- schießen wollten?" — Stubenrauch: „Wir haben nur davon gesprochen, daß man c» so machen konnte. Ich habe nur gesagt, wenn eine Ermordung ßattfindcn sollte, daß sie dann so stattsindcn müßte." — Der Präsident: „Günther hat aber die Ansicht gehabt, daß el Ihnen vollständig ernst gewesen wäre". — Stubenrauch: „Das verstehe ich nicht!" — Der Präsident: „Sie haben aber auch in der Voruntersuchung getagt, »aß Sie der Ansicht waren, daß Günther Sie offenbar ernst nahm." —'"Stubenrauch: „Das ist ein Irrtum." — Der Präsident: „Haben Ihnen Ihre Eltern von dem Verkehr mit Günther abgeraten?" — Stubenrauch: „Ja." Ueber die Organisation Consul gefragt, führt er aus, daß Günther ihm davon erzählt habe. — Der Präsident: „Aber das hat Sie doch veranlaßt, mit der Organisation C in Verbindung zu treten. Sie haben doch einen Brief an Günther geschrieben?" — Ich habe nur geschrieben, ob ich bei der eventuellen Ausführung von der Organi- ation 0 unterstützt werden würde. Der Hauptgrund war die Erlangung eines Revolver». Daß er bet der Dat Verwendung finden sollte, war ganz ausgeschlossen, »a Günther mir bereits gesagt hatte, daß zur Auk- ührung nur solche Personen in Frage kämen, die eine Probezeit von zwei Jahren hinter sich haben." Stubenrauch erzählt nunmehr, daß er von Günther hingchalttn Worten ist. — Der Präsident: „Sagt« man zu Ihnen, daß Si« bei kleineren Aufgaben Verwendung finden könnten?" — Stubenrauch: „Ja. — Ich antwortete darauf: „Das wärst ich mir aber noch überlegen." — Der Präsident: „Dann haben Sie Güutyer noch am Montag, 25. Juni, gesehen?" — Stubenrauch: „Dir haben uns kurz gesprochen, man war der Ansicht, daß die Mörder bereit? über alle Berge seien, und ich suchte Günther bald wieder los« zuwerden." — Der Präsident liest best Angeklagten seine früheren Aussagen über bie Organisation vor.
Günther wird nochmals vernommen. Günther: „Ich habe dem Zengen Mitteilung über die Organisation C gemacht." — Der Präsident: „Haben Sie ihm gesagt, die Täter werden ausgelost?" — Günther: „Ja, bei irgendwelchen Unternehmungen." — Der Präsident: „Bei welchen Unternehmungen?" — Günther: „Bei der blufnahme!" — Der Präsident: „Sie haben doch eben gesagt, bei irgendwelchen Unter» nebinungen?" — Günther: „Nein, bei Unternehmungen nicht. Nur bei der Aufnahme meinte ich."
Rechtsanwalt Bloch: „Ihr Herr Vater und Ihre Frau Mutter sind auch Mitglieder de» Bunde» der Aufrechten?" — Stubenrauch: „Jawohl." — R.-A. Bloch: „Sie sind dann also zusammen mit Ihren Eltern al» Haursohn Mitglied bei Bunde» der Aufrechten geworden?" — Stubenrauch: „Jawobl." — Stubenrauch bezeichnet fein Verlangen, den Revolver zu einem bestimmten Vorhaben haben zu wollen, nur als eine Finte, um überhaupt einen Revolver zu be« kommcu, den er zur Sicherheit für feine Radtouren haben wollte. Günther habe ihm gesagt, auf diese Weise könne er den Revolver erlangen. — Die Vereidigung bei Zengen wird zunächst nicht vorgenommen.
Im Falle Tillessen wird der Zeuge Brüdigam aus Frankfurt a. M. vernommen. Vorsitzender: „Was wollten Sie bei Tillessen?" Zeuge: „Ich wollte ihn kennen lernen.. Er fragte mich, ob ich zuverlässig fei. Al» ich das bejahte, sagte er: Dann können wir offen sein. Es handelt sich um die Organisation C. Er erklärte, man könn« die Verhältnisse nur bessern, wenn die Arbeiterschaft provoziert wird. Dann ging er zum Schreibtisch, holte das Bild seine» Binders und sagte: „Da» ist mein Brüderchen, der hat das erste Schwein gekillt." Darauf machte er mir das Angebot,' als Spitzel tätig zu sein. Ich erhielt 2000 Mk. In München suchte ich den Kapitänlcutnant Hoffnian» auf. Er sagte: Wenn Tillessen Sie schickt, wissen Sic ja, warum es sich handelt. Ihre Tätigkeit würde darin bestehen, die Slrbeiterfdjaft zu provozieren. Nur auf diesem Wege ist ein Umsturz herbeizuführeu. Die Arbeiterschaft würde gereizt werden, wenn Scheidemann, Rathenau, von Gerlach und andere ermordet würden. Ich erhielt dann 2000 oder 8000 Mk., fuhr nach slrankfurt a. M. zurück und begab mich darauf laui .^alueilMäiÜMitto , sxx, {rMärte, varlänste erfahren. Damit begann meine Spitzelrolle. Ich übernahm sie, weil mir der Polizeipräsident moralische Deckung versprach. Fortsetzung der Verhandlung Mittwoch 9 Uhr.
Die Lage im Orient
Paris, 10. Okt. Nach einer HavaS-Meldnng aus
London verlautet aus Mudania vom 9. Okt.: General Harrington hat Jsmed Pascha die mit den Generälen Charpy und Mondelli geschlossene Konvention mitgc- teilt. Diese sehe die Wiederabtretung Thrazien» unter gewissen Bedingungen vor, namentlich unter der Voraussetzung, daß durch eine gemischte Kommission eine neutrale Zone festgesetzt wird, damit die Sicherheit der Truppen gewahrt und bie Freiheit bet Meerengen gewährleistet ist. In einer Rede, die General Harrington gehalten hat, stellte er fest, daß die Türken im Begriffe seien, ihre nationalen Ziele ohne neues Blutvergießen zu verwirklichen. J»mcd Pascha hat in seiner Llnttvort erklärt, er habe die Konvention in dem gleichen versöhnlichen und loyalen Geiste geprüft, den die Alliierten an den Tag legten. Er müsse jedoch wegen gewisser neuhinzngckommener, sowie wegen ge« wiffer fortgefallener Punkte die Bedingungen der Regierung von Angora unterbreiten. Jsmed Pascha habe versprochen, ihm seine Antwort am 10. Oktober um 5 Uhr nachmittag» mitzuteilen.
Genevalvoümacht für VeniseloS.
80«6»u, 11. Okt. Veniselos hat gestern Lord Curzon davon in Kenntnis gesetzt, daß er den Posten eines außerordentlichen griechischen Bevollmächtigten in Europa angenommen habe. Gleichzeitig erklärte er, daß die RevolutionSregierung alle seine Vorschläge angenommen habe. Instruktionen seien von Athen aus an die griechischen Delegierten in Mudania abgegaugcu, die sie ausfordern, entsprechend den Wünsche» der Alliierten zu handeln.
Widerstand in Thrazien ?
London, 11. Olt. AuS Athen wird gemeldet: In Thrazien macht sich ein immer stärkerer Widerstand gegen die Mänmungsbefehle der Regierung geltend, bereit Autorität sich von Tag zu Tag verringert. Die Verbündeten sind daher gebeten worden, die Räu- mungssrist von 30 auf 60 Tage zu verlängern.
Abda.-kung des Sultans.
London, 11. Okt. Wie die „Morningpost" aus Konstantinopel meldet, hat der Sultan eine Demission angeboren. Die Abdankung wurde von der Nationalversammlung in Angora angenommen, sie soll aber erst nach dem Abschluß der Konferenz von Mudania in Wirk- amkeit treten. Sein Nachfolger wird Abdul M e d j i d sein.
Dollar (10 Ahr oorm.) 2800-2900,