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SamuerS Anzeiger

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Ar. 100

Samstag den 29. April

1922

Barthou reift nach Paris.

Sie Plenarsitzung auf Mittwoch verschoben. - Bedingungen für die Gottesruhe". Keine SanktionsKonferenz?

Barlhou reist nach Paris.

Genua, 29. April. Der Führer der fran- Mchen Delegation Barthou begibt sich heute Samstag vormittag nach Paris, wo er bis Dienstag bleiben wird, um mit den Mitgliedern der Regierung über die durch die Entwicklung in Genua und die jüngsten von Lloyd George aufgeworfenen Probleme zu konferieren. Der Wunsch nach einer solchen Aussprache ist von Herrn PoincarL im Laufe der letzten 8 Tage bereits mehrmals nach Genua übermittelt wor­den, und es war nicht ausschließlich sachliches 3nfereffe, wenn Herr Darthou dieser Aufforde­rung bisher nicht nachgekommen ist. und erst der Ministerrat in Bewegung gesetzt werden mußte, um ihn zu dieser Reise zu veranlassen. Die trotz aller Dementis nicht verstummenden Serückke von sehr weitgehenden Mei - aungsverschsede «Heiken zwischen dem Lhef der französischen Regierung und der Dele­gation in Genua erfahren dadurch eine Be­stätigung, die für die nächsten Tage Meber- raschungen nicht ausgeschlossen erscheinen lassen.

Die öffentliche Vollsitzung der Konferenz, die am Montag slattfinden sollte, ist auf eng- lischen Vorschlag auf Mittwoch verlegt worden.

Das gestern auch in nuferer Stadt kur­fierende Gerücht von der bereits er­folgten Abreise der französischen Dele­gation von Genua scheint auf obige Meldung mrückzuführen zu sein, zumal es zunächst in

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ckend reisen. Die ______,_ . ..

Paris mitten in der Konferenz erinnert nur Alzu sehr an Briands Abreise von Cannes.

Auch Briand wollte nur zu Besprechungen mit feinen Kollegen nach Paris reifen ohne wieder zurückzukehren. Die heutige Situation ist fast die gleiche und man kann wohl mit der Möglichkeit rechnen, daß auch Barthou nicht wieder nach Genua zurückkehrt. DerTemps" erklärte gestern abend, daß seit einigen Tagen auf eine Rückberufung der französischen Dele­gation hingeacbettet werde und fügte hinzu, daß der einzige Vorwurf, den man Barthou machen könne, der sei, warum er jetzt erst komme.

Seine persönliche Spannung zwischen Darthou und Poincar«?

Paris, 29. April. Pertinax warnt imEcho be Paris" vor der Annahme, daß aus der Pa­riser Reise Barthous eine persönliche Spannung zwischen Poincarè und Barthou zu schließen sei.

Die Forderungen an Rußland.

Genua, 29. April. Gestern hat in Genua eine Sitzung der ersten Unterkommission der ersten Kommission der politischen Kommission siattgefunden. Zu dieser Sitzung waren die Russen nicht zugelassen. Die Situation ist im Augenblick so, daß ein Plan für ein Schreiben en die Russen vorgelegt wird. Der Plan ist von Italien und England ausgearbeitet. Bel­gien und Frankreich sind also nicht an der Aus­arbeitung dieses Planes beteiligt. Die Bitte, die an die Russen gestellt werden wird, ist nickst ultimativ begrenzt. Das Schreiben soll drei Forderungen enthalten, die in der Hauptsache bekannt sind:

1 . Die Forderung der grundsätzlichen Aner­kennung der Vorkriegsschulden und deren Her­absetzung;

2 die gegenseitige Aufrechnung der Kriegs­schulden;

_ 3. Schadenersatz für die nationalisierten Werte und zwar durch Konzessionen mit 99« iährigem Nießbrauch.

In der Nachmittagssitzung wurde ein fran­zösisches Memorandum überreicht, das, wie es heißt, leicht mit dem englischen Vorschlag ver­einigt werden kann. Man betraute mit dieser Angelegenheit einen besonderen Ausschuß, der aus Vertretern Italiens, Frankreichs, Eng- mnds und der Schweiz zusammengesetzt ist.

Aeußerungen RokowsNs.

Genua, 29. April. Das neue französische Rußland-Memorandum stellt einen großen Schritt vorwärts in der Richtung einer Eini- » sowohl mit England als au-h mit Ruß- dar. Rakowski erklärte, daß Rußland be« reit ist, die Schuldverschreibungen bis zum Jahre 1917 anzuerkennen und daß das Erbrecht für Ausländer in Rußland wiederhergestellt werde. Ferner sollen die Ausländer, die früher Besitz in Rußland hatten, entschädigt werden. Rußland sei zu weitgehenden Zugeständnissen in Dingen bereit, über welche sich jetzt noch die 2tlliierten streiten. Die Kapitalisten, die zu­künftig nach Rußland kommen, würden alle Garantien dafür erhalten, daß sie nicht bloß ihr Besitzrecht voll ausüben können, sondern daß auch ihren Kindern das Erbrecht zuerkannt werde. Rakowski führte weiter aus, Rußland fei gewillt, einem Bur"°riedensvertrag beizu­treten, aber nur, wenn es de jure anerkannt werde.

Französische Konzessionen gegenüber Rußland?

Paris, 29. April. 3mEcho de Parts" gibt Marcel Hukin eine Auffassung wieder, die dazu berechtigk, die französische Politik gegen­über der Sowjetdelenation optimistisch anzu­sehen. Hukin sagt, Barlhou habe seine Reife nach Paris so lange verschoben, bis das Memo­randum der Sorojefbeleqatlon überreicht sein dürfte. Barlhou hak gestern mit der englischen Delegation verhandelt und in der Frage der Krieysschulden und des fremden Eigentums in

eitern

ms

fin, verstehen zu dürfen, daß Darthou dam neigt, gewisse Konzessionen gegenüber den Bol­schewisten und zwar in der Frage der Kriegs­schulden anzunesimen. Es handelt sich dabei um Konzessionen, wie sie von den Engländern for­muliert worden sind. Barthou soll nämlich die Zusicherung erhalten haben, daß die enalllck^ Regierung zu Gegendiensten bereit wäre, im selben Umfange bi» französischen Kriegsschulden aeaenüber England zu ermäßigen oder zu an­nullieren.

Die Nevireren über Rutzla«-.

Genua, 28. April. Am heutigen Vormittage traten die Neutralen zu einer Besprechung über den Stand der russischen Frage zusammen. Sie befaßten sich besonders mit dem von England und Italien neu ausgestellten neuen Memoran­dum, das gegenüber der Londoner Denkschrift eine Reihe von Milderungen enthält und gegen­über Frankreich und Belgien in Obstruktion sich befindet. Wie aus den Besprechungen her­vorgeht, scheint es, daß auch ein Teil der Neu- traten sich mehr und mehr dem französisch­belgischen Standpunkt annähere und die unbe­dingte Respektierung der Ansvrüche ihrer Staatsangehörigen verlangen wolle. Man ist in Kreisen der Neutralen abgeneigt, Bestim­mungen zu unterschreiben, die auf eine Aner­kennung des gegenwärtigen in Rußland herr­schenden Systems gedeutet werden können. Die Besprechungen wurden heute nachmittag fort­gesetzt.

Der ^Gollesfriede".

Genua, 28. April. Es wird immer deutlicher, daß jetzt die Schicksalsstunde für die Konferenz geschlagen hat. Lloyd Georges Rede hat auf die Teilnehmer des Banketts einen außerordent­lichen Eindruck gemacht und allgemein herrschte die Ueberzeugung, daß auch diese Worte an die Adresse Poinearès gerichtet waren.

Ueber den Inhalt des Vorschlages Lloyd Georges über den Burgfriedenspakt sind zuver­lässige Einzelheiten bisher nur schwer zu er­fahren. Immerhin verlautet so viel, daß ur­sprünglich zwei verschiedene Entwürfe vorge- legen haben, und zwar einer von englischer und einer von italienischer Seite. Der englische Originalvorschlag enthält keim«Sank­tionen" und keine Zeitbegrenzung

der Dauer nach, während der italienische für den Fall Geuâtmaßnahmen vorsieht, daß eine böswillige Verletzung des Burgfriedens vor. liegt. In den von Lloyd George und Schanzer hierüber geführten Besprechungen soll nun ein Kompromiß entstanden sein, Lloyd George habe dem italienischen Vorschlag der Einführung von Sanktionen" bei böswilligen Derleinmaen zu­gestimmt, während der Schanzers die Frage der Geltungsdauer dieserTreuga Dei" der eng­lischen Anregung nachgegeben habe, keine Zeit- begrenzung vorläufig sestzusetzen, sondern diese dem Beschluß der Konferenz zu überlassen. Von einschneidender Wichtigkeit wäre der Passus, der in dem Entwurf enthalten sein soll, und der als erste Voraussetzung für die Errichtung eines solchen GoUesfneden's die Anerkennung des Bestandes der Staatsgrenzen einer jeden Macht fordert.

Zu dem Plan liegen bereits mehrfache Vor­behalte vor, die von Frankreich und der kleinen Entente ausgehen. Die französischen Vorbehalte gehen dahin:

1. Frankreich will vorher eine Militär- allianz mit England.

2. Aufrechterhaltung des Rechts auf selb- ständige Sanktionen.

3. Feierliche Anerkennung der im Versailler Vertrag festgelegten Grenzen.

Die Vorbehalte der kleinen En­tente verlangen:

1. Die Möglichkeit einer Militärkonventton zwischen der kleinen und großen Entente.

2. will die kleine Entente auch fernerhin das Recht, ultimative Forderungen irgend welcher Art zu stellen, behalten. Dabei darf wohl an das bekannte Ultimatum an Ungarn gedacht werden.

3. Ablehnung der Wi-che^mke^ung der Habsburger und Hohenzollern. Es braucht nicht erwähnt zu werden, daß Ungarn gegen diese

Die deutsche Abordnung ist weder amtlich noch halbamtlich bis zur Stunde von den Ver­handlungen über obige Fri^e unterrichtet wor­den, die bisher geführten Erörterungen stellen vielmehr eine Parallele zu den Bergungen bar, durch die sich letzten Endes die deutsche Abord-

g vor kurzem zum schleunigen Abschluß des ßch-rnssischen Vertrages gedrängt gefühlt

nun

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hatte. Auch diesmal wird dieser europäische Gottesfriede im engsten Derbandskreife erör­tert, obwohl gerade Deutschland an einem ent­sprechenden Vertrag in ganz besonderer Weise interessiert ist. Wir sind es ja, die tätlich und stündlich mit den zur Erörterung stehenden Sanktionen" bedroht werden und heute noch unter ungerechten Zwangsmaßnahmen leiden. Wenn nun die Vebandsmâchte über diesen Gottesfriedensverlrag unter sich verhandeln, so ist uns in einem späteren Zeitpunkt kaum mehr die Möglichkeit gegeben, auf einen solchen Vertrag einen irgendwie in Be­tracht kommenden Einfluß zu nehmen. Soll­ten mir auch formell zu einer Erörterung über den Vertrag nachträglich guaefaffen wer en, so ist doch anzunehmen, daß die Verbandsmächte unter sich bereits eine ganz bestimmte Einigung gefunden haben werden mit einem festen Plan und mit einer festen Mehrheit, gegen die wir nicht aufzukommen vermöchten. Man kann von dieser Betrachtungsweise noch zu einer beson­deren nacksträgllchen Rechtfertigung des deutsch­russischen Abkommens kommen, wenn wir den unbedingten Willen der vèrbandsmächte sehen, sich vorerst einmal auf einer Konferenz, bet der ohne vorhergegangene bestimmte Bindung loyal verhandelt werden sollte, zu einigen, ohne uns mit heranzuziehen. Wir sehen also wieder, daß mir Konferenzteilnehmer zweiter Klasse sind. Wir werden nicht al» Subjekt, sondern als O b fest der europäischen Politik be­trachtet, beftenfa'fs al« ein Instrument, das dem einen o^er dem anderen Mächtigen zum eigenen Gebrauch zeitweilig gut genug er­scheint. Es ist durchaus verfehlt und töricht, in dem Wahn zu leben, als ob jemand von der ©egenfeite uns tatsächlich aus unserer Not helfen und vor ungerechtfertigter Bedrohung schützen wollte. Unser einziger Trost ist, daß SU Andern trachten müssen, di« Not, von der sie selbst bedroht sind, HA aus ihr Herauszu- ziehen. Daß es in dieser Hinsicht ihrem Inter­esse entspricht, hier und da auch unsere Not zu

lindern, ist vielleicht der einzige Trost, der uns dabei beschieden ist.

Keine SanKNons-Konferenz P

Genua, 29. April. In englischen Kresse« scheint man sich damit obgefunden zu habe«, daß Frankreich den Zusammentritt der Signa­tarmöchte ablehnt, da Paris den Wunsch zu er­kennen gegeben ' ' * ' " "

Wal direkt mit:

daß es sich über den 31. George auseinaichersetzen

möchte.

Rach dieser Meldung scheinen wir es wieder einmal mit einem Umfall Lloyd Georges zu tun zu haben, trotz der großen Töne, die letz- terer noch vorgestern gesprochen hat. Wrr machen damit immer und immer wieder bis Erfahrung, daß Lloyd George zunächst mit sehr scharfen Worten vorgeht, dann aber klein zu- gibt, um es mit der stärksten Militärmacht Europas nicht zu verderben.

Der Betrug am deutschen Dolke»

Die Elsnersthen Geschichtsfälschungen.

allen bisherigen Friedensverträgen scheide, daß er nicht auf Grund er

Der zweite Derhandlunastag beginnt mit einigen einleitenden Worten des Vorsitzenden, Gerichtsrats Fränkel Dann erscheint Der erste Zeuge dieses Inges, Professor der Geschichte Dr. Alexander von Muller. Er gibt zunäckfft Aufschluß darüber, wie er zu dem verlesenen Artikel gekommen ist. Dann erklärt er, daß her Vertrag von Versailles sich von allen bisherigen Friedensverträgen dadurch unter­scheide, daß er nicht auf Grund einer militärischen Ueberlegenheit, sondern auf Grund eines moralt schon Urteils aufgebaut sei. Der Vertrag sei abgeschlossen als mit einem, der einer Schuld über­führt sei. Dies fei ausführlich in dem Berichte be­gründet, den der Unterausschuß bei den Versailler Verhandlungen abgegeben habe. Dieser Bericht bild« die Grundlage für den Vertrag von Versailles, und für diesen Bericht der Unterkommission bilde wieder die Eisnersche Veröffentlichung eine Grundlage. Das fei also Der Grund, weshalb er auf die Cisn erseh« Veröffentlichung in seinem Artikel zurückgegrisfen be. Er sie als eine Fälschung bezeichnet, und

wesentliche Aenderungen und S ganz anderes Bild ergebe.Ich bin heute der glei­chen Ueberzeugung, wie ich es in meinem Artikel

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war, denn wenn man die beiden Texte miteinander man sagen: Der zweite stellt eine lschung des ersten dar. Ich bin also der Meinung, daß nicht nur eine objektive, son- dern auch eine subjektive "Fälschung vorliegt, und zwar zu dem Zwecke, Deutschland vor der Welt als schuldig am Kriege hinzu, st e l l e n Ueber die Motive dazu will ich mich nicht verbreiten, denn die kenne ich nicht. Der Bericht ist zu einer Bezichtigung für Deutschlands Schuld am

Kriege verwendet worden, und dies hätte nicht ge­schehen können, wenn er nicht in solcher W eif« e n ! st e l l t u"d vollständig veröffentlicht worden wäre. Nachdem Prof. Coßmann meinen Artikel- lesen hat!«, las er mir die Anmerkung vor, mit Der er veröffentlicht worden war." Der Zeug« bezeichnet Coßmann dann als einen wahrheitsliebenden Menschen.

Der seinerzeitige bayerische Legationssekretär in Berlin, Gras Soden, berichtet über eine Aus- Sprache in der bayerischen Gesandtschaft in Berlin, wobei Eimer mitteilte, daß ihn Clemenceau Hobe wissen lassen, daß die rücksichtsloseste Bloß- stellung der früheren Machthabern« erste Vorbedingung der Dölkerversöhnung fei und daß dabei Eisner erklärte, Clemenceau, Lloyd ®e« orae und Wilson seien die größten Idea- listen, die nicht daran dachten, das deutsche Volk zu vernichten.

Der bayerische Staatsrat im Ministerium des Aeußeren v. Lössel erklär', daß er nach Revo­lutionsausbruch drei Aktenstücke vernichtet hab«, ober nickt, weil sie etwa einen Beweis für eine Schuld Deutschlands enthielten, sondern damit sie nicht in unrechte Hände kamen. Cs seien später neue An'ertigunaen der Aktenstücke in Berlin be­stellt worden. Eisner habe damals den v. Schön- scheu Bericht veröffentlicht, in dem Wahne, dadurch günstigere Friedensbedinoungen zu erzielen.

Der damalige bayerische Gesandte in Bersin, »raf Lerchenseld, stellt fest, daß durch die Weg­lassung der auf die ßoMiforuna des österreichisch­serbischen Konfliktes bezüglichen Stellen der Schön- sche Bericht eine ganz andere Fassung erlitten habe.

Freiherr v. Sersner, damals Vorsitzender der deutschen Friedensdelegatton in Versailles, betont, daß die Behandlung der Deutschen in Versailles schseckn war und daß bei den Franzosen von einem versöhnlichen Gcdanken nickt» zu merken war und doß oie Beröiientsi^nng Ei-ners der Entente ein Mittel gab, Deutsch!« nd di« Schuld am Stiege zuzuschreibe«.

(Wettere Politische Nachrichten Seite 5.)

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