Sanauer S Anzeiger
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Nr. 259
Freitag den 4. November
1921
Für eine „große Koalition".
Sie Fraktionen -er bürgerlichen Parteien sortiern Sèe „große Koalition" - ll. S. P. und K. P. D. treten für eine rein sozialistische Regierung ein — Die Stellung der Sozialdemokraten noch ungeklärt.
Berlin steht im Zeichen einer schon geschehenen und einer sich vorbereitenden Regierungsneubildung. Das erstere Ereignis hat uns schwer enttäuscht und bedenklich gestimmt und gleichzeitig aber auch in dem Wunsch bestärkt, daß man in Preußen die Lösung des Rätsels finden möge, die man im Reiche nicht gesehen hat, nämlich die „breite Koalition". Und dieser Lösung scheint man sich in Preußen endlich zu nähern, jedenfalls haben sämtliche bürgerlichen Parteien klipp und klar zum Aus- brud gebracht, daß die große Koalition anzustreben sei. Wir freuen uns über diesen Entschluß der Parteien, zeigt er doch, daß man ge- rvillt ist, den Weg zu beschreiten, der uns wieder zu gesunden politischen Verhältnissen führen und uns vor den uns umdräuenden Gefahren eines nie geahnten völkischen Zusammenbruches retten kann. Wie gesagt, die Fraktionen der bürgerlichen Parteien haben sich für die große Koalition ausgesprochen, nur die Mehrheitssozialisten sind sich über ihr weiteres Verhalten noch nicht ganz klar. Don ihnen hängt es jetzt ab, ob in Preußen schon heute die langersehnte breite Koalition geboren wird, oder ob weiterhin mehr oder weniger schwache, lebensunfähige Kabinette über das Schicksal des Landes entscheiden werden.
Ueber die einzelnen Fraktionsbeschlüsse liegen folgende Meldungen vor:
- Die DeulscheMoÄW^ÄM-
Berlin, 4. Novbr. Die Fraktion der Deutschen Dolkspartei beschloß, die Bildung preußischen Regierung auf der Grundlage
der der
großen Koalition zu fordern.
Die Demokraten.
Berlin, 4. Novbr. Wie verlautet, ist in der gestrigen Sitzung der Demokratischen Fraktion des Reichstages der Standpunkt durchge- drtngen, unbedingt auf eine große Koalition hinzuarbeiten, um endlich einmal zu einer großen Koalition und damit zu einer trag- fähigen Regierung zu gelangen. Man erwartet, daß auch die demokratische Fraktion des preußischen Landtages sich diesem Standpunkt anschließen wird.
Das Zentrum.
Berlin, 4. Novbr. Die Zentrumsfraktion des Landtages hält sowohl in der Einbeziehung der Sozialdemokratie wie der Deutschen Volkspartei in die Regierung für die staatspolitische Notwendigkeit der Stunde.
Die Deutschnakionalen.
Berlin, 4. Novbr. Die Landtagsfraktion der Deutschnationalen Volkspartei hat beschlossen, mit den anderen bürgerlichen Fraktionen^ des preußischen Landtages Fühlung in der Frage der Regierungsumbildung in Preußen zu nehmen. Die Fraktion wird dahin trachten, daß die Bildung der neuen Regierung möglichst schnell erfolgt, ^amit nicht der größte deutsche Bundesstaat führerlos ist und die gesetzgebe- rif^en Arbeiten des Landtages, die durch die Haltung der Mehrheitssozialisten bisher emp- fütdlich geschädigt wurden, endlich durchgeführt werden können, wie das Interesse des Landes es erfordert. Die preußische Landtagsfraktion der Deutschnationalen Volkspartei wird alles tun, um zu verhindern, daß zur Leitung der preußischen Staatsgeschäfte ein Sozialdemokra berufen und damit das Ergebnis der letzter Landtagswahlen in das Gegenteil gebracht wird.
Die Sozialdemokraten.
Der Präsident des preußischen Landtags Leinert empfing gestern nachmittag die Frak tionsvorfitzenden der Reihe nach, um sich mi ihnen über die politische Lage auszusprechen. Dabei erklärten sich die Vertreter sämtlicher bürgerlichen Parteien für die Notwendigkeit, eine große Koalition herzustellen. Die So zr al- d e m o k r a t e n hielten dagegen daran fest, daß nach den jüngsten Vorkommnissen im Reiche ihnen die große Koalition im Augenblicknichtmöglich erscheint. Die Verhandlungen sollen heute vormittag sortge- jührt werden.
Unabhängige und Kommunisten für eine sozialistische Regierung.
Berlin, 4. Novbr. Die Fraktionen der U. S, P. und der K. V. D. des vreußischen
Landtags veröffentlichen zur Regierungskrise in Preußen Erklärungen, in denen sie sich für die Bildung einer rein sozialistischen Regierung aussprechen. Sowohl die Unabhängigen auch die Kommunisten stellen eine Reihe Forderungen auf und die kommunistische '
als
eihe von
ion fragt die S. P. D. und die U. S. P., ob sie bereit seien, unter den von ihnen angegebenen Bedingungen die Regierung in Preußen zu bilden, die sie parlamentarisch und außerparlamentarisch unterstützen würden.
Die 11. 5. P. hat folgende Mindestforderungen des kommenden Kabinetts aufgestellt:
Demokratisierung der Verwaltung, Kommunalisierung des gesamten Polizeiwesens, Auf- Lsung aller Privatvereinigungen militärischen Charakters, Umwandlung unseres Schulwesens zur Einheitsschule, Einstellung aller Zahlungen an religiöse Gemeinschaften aus Staatsmitteln, Enteignung des Vermögens der Hohenzollern zugunsten der Allgemeinheit, Selbstbewirtschaf- tung der Domänen und dessen Ausgestaltung zu landwirtschaftlichen Mustergütern, wirksamer Ausbau der gesamten Wohlfahrtspflege, Sicherstellung des Existenz-Minimums der Arbeiter, Angestellten und Beamten.
Die gestrige Landtagsfihung.
Die -estrige Sitzung des preußischen Landtages stand ganz im Zeichen des Provisoriums. Präsident Leinert gab dem stark besetzten
Staatsministerümls,
Linken mit lauten Bravorüfsn begrüßt wurde.
— Ein Antrag des Abg. Herold (Ztr.), mit Rücksicht auf den Rücktritt des Ministeriums die Besprechung mit dem Ministerpräsidenten Stegerwald einstweilen von der Tagesordnung abzusetzen, wurde gegen den Widerspruch der Kommunisten angenommen. (Stürmische Zurufe links: Einheitsfront, Einheitskoalition!) — Heuke nachmittag 3 Uhr soll die Wahl des Ministerpräsidenten stalkfinden. — Ein Antrag des Ausschusses, für die Opfer des Oppauer Unglücks 6 Millionen Mark zu bewilligen, wurde einstimmig ohne Debatte angenommen.
Sleaerwald über die Gründe seines Rücktritts.
Gegenüber einem Vertreter des W. T.-B äußerte sich der preußische Ministerpräsident Stegerwald über den Rücktritt der preu-
ßischen Regierung wie folgt:
1. Ein Berliner Blatt schrieb dieser Tage: „Das Kabinett Stsgerwald ist zurückgetreten weil es seine innerpolitische Aufgabe (Schaffung einer breiten Koalition) nicht gelöst hat."
Damit ist nicht der Kern der preußischen Regierungskrise getroffen Der Rücktritt der preußischen Regierung if vielmehr und letzten Endes nicht auf Vorgänge in Preußen, sondern auf solche im Reiche zurückzuführen. In Preußen war eine große Koalition schon seit vier Wochen möglich. Mit ihrer Verwirklichung wurde zurückgehalten, um durch Preußen gleichzeitig auch für das Reich eins Gesundung der parlamentarisch-politischen Verhältnisse herbeizuführen. In Preußen waren die Parteien, die in die Regierungskoalition einbezogen werden sollten, die Nehmenden (Anteilnehmen an der Verwaltung des größten Landes), im Reich dagegen waren sie die Gebenden (Bewilligen von Besitz- und Massenverbrauchssteuern), und nun sind es wieder Vorgänge im Reich (ich erinnere an den Brie der Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei an den Reichspräsidenten), welche die Gesundung der politisch-parlamentarischen Verhältnisse in Preußen gefährden. In Zukunft wird Preußen bei der Gestaltung seiner parlamentarischen Verhältnisse nach eigener Rezepten arbeiten müssen, ohne au
zepten arbeiten müssen, ohne au die Vorgänge im Reich Rücksicht nehmen zu können. In anderen Ländern arbeiten die Gegner der Demokratie und des Parlamentarismus an der Unterhöhlung, in Deutschland tun dies die demokratisch orientierten Parieren selbst. Die Häufigkeit der Regierungswechsel Deutschland und ganz besonders die Art und Weise, in der sie vor sich gehen, sind nicht geeignet, das parlamentarische System den breiten Volksschichten begehrenswert zu machen. Vor allem ist die Obstruktion ein un- demokratisches Mittel, gleichgültig,
ob es auf der Straße oder in Parlamenten angewendet wird. In England kennt man solche Hilfsmittel der Demokratie in dieser Form nicht.
2. Die Erfahrungen der letzten Tage haben bewiesen, daß der preußische Ministerpräsident wohl bei der Neubildung der Regierung, nicht aber bei der Regierungsumbildung ausreichende Initiative entwickeln kann. Bei Regierungsumbildungen ist er eingeklemmt zwischen den Parteien auf der einen und dem Kabinett auf der anderen Seite. Eine größere Beweglichkeit auf der Kabinettsseite verhindert die Verfassung. Verfassungsgemäß kann der Ministerpräsident keinen Minister zum Rücktritt anhalten. Im Reich steht über diesen Dingen noch der Regierungspräsident.
3. Zu dieser Sachlage kam noch ein persönlicher Umstand: Ich bin im April bei der endgültigen Wahl zum Ministerpräsidenten gegen die Sozialdemokratie gewählt worden, und konnte darum, wenn ich weiterhin auf politische Folgerichtigkeit Wert legen wollte, nun nicht durch bloße Einbeziehung der Sozi albemokratie eine Regierung bilden, die als alte Koalition angesprochen werden könnte. Für diesen Umstand, sollten auch die Kreise der Deutsch-demokratischen Partei Verständnis zeigen, die jetzt in Zuschriften an die Presse an meinem Verhalten herumzumäkeln suchen.
Die Kre-ithilse tier Industrie.
Der Reichsverband der deutschen Industrie hat sich heute mit der Kredithilfe der Industrie beschäftigt. Ueber den Stand der bisherigen Bestechungen mit ausländischen Finanzgruppen teilt der „Lokalanzeiger" mit: Zwischen verschiedenen amerikanischen Finanz-
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Frage einer Jndustrieanleihe genommen, ohne daß bisher ein greifbares Angebot herausgekommen wäre. Nur von einem sehr kapitalkräftigen englischen Finanzkonzern liegt ein Angebot vor, das sich auf 25 Milliarden Papiermark beläuft.
Für eine Golöreservebank.
Brüssel, 3. Novbr. In einem Interview mit einem Vertreter der belgischen . Telegraphenagentur setzte der amerikanische Finanzmann V a n d e r l i p auseinander, in welcher Weise mit Hilfe der europäischen Staaten sein Plan der Errichtung einer Goldreservebank verwirklicht werden kann. Diese Bank wird dazu bestimmt sein, die Nationen Mitteleuropas aus ihrer chaotischen Lage zu retten. Die Bank könnte nach Errichtung eines Garantiefonds von einer Milliarde Goldmark fünf Milliarden Dollars Vankbilletts ausgeben. Vanderlip ist überzeugt, daß diese Bankbillets als vollkommen sicher angesehen werden, daß die Vereinigten Staaten der Bank ihr Vertrauen schenken und daß der Umlauf des Papiergeldes der einzelnen S>< aten, auch wenn er nicht verboten werde, sich doch nach und nach vermindern werde.
Sicherung Frankreichs gegen Deutschland.
Paris, 3. Novbr. Pertinax meldet aus New- Nork, daß die amerikanischen Staatslenker die Absicht hätten, in Zukunft eine engere internationale Zusammenarbeit herbeizuführen. Natürlich denke man nicht daran, daß Amerika in den Völkerbund eintreten solle; doch glaube man, daß der Völkerbund den europäischen Bedürfnissen entspreche und infolgedessen am Leben bleiben solle. Die Verbindung zwischen Washington und den anderen Regierungen könnte durch internationale Verhandlungen erfolgen, die etwa alljährlich stattfinden könnten. Die gegenwärtige Konferenz wäre die erste einer ganzen Anzahl von Konferenzen.
Was die Abrüstung anlangt, so würde man den Zustand der Abrüstung Deutschlands gründlich prüfen, ebenso die verschiedenen Ursachen, welche die französische Unruhe rechtfertigen könnten. Frankreich solle das Gefühl haben, daß es in Sicherheit leben könne. An den einst versprochenen Allianz- oder Garantievertrag denke man nicht mehr und werde ihn nicht wieder aufleben lassen. Man glaube daß der moralische Druck, den Amerika aw' Deutschland bezüglich der Durchführung des Versailler Friedensvertrages ausübe, die gewünschten Ergebnisse haben werde. „
Die Einschränkungen der Ru stungen zur See könne mit Aussicht au Erfolg nur unternommen werden, wenn man sich über die besondere Lage der einzelnen Mächte klar sei. Alle Anstrengungen, ein Un
abhängiges China wiederherzustellen, müßten mit der Notwendigkeit einer gewissen Ausdehnung Japans in Einklang gebracht werden. Die m Jahre 1920 geschaffene finanzielle Organi- ation habe das Recht, daß ohne sie keine offizielle chinesische Anleihe ausgegeben werden kann. Aber den privaten Unternehmungen toll dennoch voller Spielraum für Betätigung gewährt werden. Die Neutralisierung der ostchinesischen Eisenbahn solle vollbracht werden, doch soll den Japanern das Recht zustehen, die südmandschurische Eisenbahn zu dirigieren. Ob die Finanzfragen auf der Konferenz erörtert werden, ist noch nicht sicher.
Die Driganlen-Meihoden.
Rom, 2. Novbr. Expräsident Nitti lech artikelt in Jl Paese gegen die Entente wegen ihrer finanziellenAnforderunger an Deutschland. Dummköpfe wiederholten die Behauptung einer zynischen und unwissenden Presse, wonach der Niedergang der deutschen Valuta dem deutschen Wirtschaftsleben förderlich sei. Schon während des Krieges habe man über Deutschlands vorgebliche finstere Absichten allerlei Dummheiten verbreitet, welche auch heute aus Vorurteil oder Mala Fides kolportiert würden. Deutschland könne unmöglich weiter solche Reparationen zahlen, welche ihm auferlegt würden, um es zu ruinieren. Die Entente wolle DeutMand nicht leben lassen, wie die Kontrollkommissionen und die ungeheueren Vesatzungskosten zeigten und nicht zuletzt dieungerechte Zuteilung Oberschlesiens an Polen. Die Entente habe zuerst versucht, auf die Volksabstimmung durch Vrigantenmethoden einzuwirken und setzt gegen das Abstimmungsresultat gehandell. Deutschland habe bisher die Ententeschläge leidlich ausgehalten, aber so dürfe der Krieg
Aus dem Reichsral.
Notstandsmaßnahmen für die Invaliden« rentner.
Der Reichtrat nahm gestern einen Gesetz entwurf an über die Notstandsmaßnahmen für die Unterstützung der Rentenempfänger aus der Invalidenversicherung nach den Beschlüßen der Ausschüße, jedoch mit einer Abänderung auf einen Antrag Preußens, die Kostenverteilung auf die Weise zu regeln, daß die Gemeinden 10 und das Reich 90 Prozent ,u tragen haben. In Betracht kommen nur die Altrentner. Hier soll ein Fürsorgesystem eingerichtet werden, ihre Eesamtbezüge sollen zusammengefaßt und aus einen gewißen Mindestsatz abgestellt werden, der auf die doppelte Nähe der bisherigen Bezug, festgesetzt ist. Wo die Mindestgrenze nicht er reicht wird, wird die Differenz als Unterstützunz gewährt.
Angenommen wurde dann auch ein Gesetzentwurf, nach welchem entsprechend der Geldentwertung der Mindestsatz von Geldstrafen durchschnittlich auf das Zehnfache erhöht wird. Die Bestimmungen der Regierung, daß bei Verbrechen und Vergehen die Mindestrafe 20000 Mark betragen soll, wurde abgeändert und an deren Stelle 100000 Mark eingesetzt.
Der jugoslawische Einfall in Albanien.
London, 3. Novbr. Im Unterhaus wurde von Regierungsseite mitgeteilt, die englische Regierung habe ihren Botschafter in Paris beauftragt, der Botschafterkonferenz nahezulegen, Haß sie die Festlegung der albanischen Grenze nach Möglichkeit beschleunige und die südslawische Regierung auffordern soll, ihre Truppen aus jugoslawisches Gebiet zurückzuführen.
London. 3. Novbr. Reuter glaubt zu wissen, daß die alliierten Regierungen bei d§r Regie- rung in Belgrad wegen des Einfalles jugosla Wischer Soldaten auf albanisches Gebiet Vor- stellungen erhoben haben.
— Das Attentat auf Auer. Wie aus München gemeldet wird, hat der bayerische Landtagsabgeordnete Auer eine Anzahl weiterer Drohbriefe erhalten. In einem der Briefe heißt es, daß Auer Weihnachten nicht mehr Kleben werde. Gegen den früheren Einwohnerwehrführer Kanzler ist ein Ermittelungsverfahren wegen Aufforderung zum Morde eingeleitet worden.
— Reus Unruhen in Jerusalem. Reuter meldet: Privaten Nachrichten aus Kairo zu« folge, haben sich in Jerusalem neue Unruhen ereignet. Es wurden Bomben geworfen. Vier Juden und ein Araber wurden getötet, drei« zehn Personen sind verletzt worden. Die Unruhen entstanden während eines Versuches den Araber, ein jüdisches Stadtviertel anzugreisen,'