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Hanauer « Anzeiger

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General-Anzeiger

Verlagsleitung: Ad. Jndermühle.

Verantwortlich: für politischen und allgemeinen Teil Richard Hultsch: für lokalen und provinziellen Teil

AmMches Organ Wr SleSt- « Lvnökreks Samm Reklamen August ^Brodt, all/in ^Sanau^Maim

z " Rotationsdruck der Waisenhausbuchdruckerei Hanau.

Ak. 238

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn« und Feiertage

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Dienstag den 11. Oktober

Fernivrechanschlüffe Nr. 1237 und 1238.

1921

Die Woche Ser Enlscheiömg.

Um Ktttlowitz und Königshülle Besorgnis um das Schicksal des Beichs- kabinells AusstandsVorbereilungen Ler Polen.

Doll heftiger Erwartung klopft in diesen Tagen unser Herz. Ein Machtspruch, der morgen oder übermorgen fallen soll, foltert unsere Nerven. Wie ein Trommelfeuer prasseln die Nachrichten aus Genf auf unser Volk, jene Nachrichten, die sämtlich von einer für Deutsch­land ungünstigen Entscheidung über O b e r - schlesien sprechen. Der Ernst der dadurch entstandenen Lage kann nicht verkannt werden und es wäre gefrevelt, heute noch mit einem Optimismus den kommenden Dingen entgegen­zusehen. Die politischen Wolken hängen augen­blicklich tiefer denn je, wofür neben anderen Symptomen auch die Tatsache spricht, daß der Reichsminister des Aeußern den deutschen Bot­schafter in London telegraphisch nach Berlin be­

rufen und mit ihm eine längere Konferenz über die oberschlesische Frage gehabt hat, worauf letz­terer sofort wieder auf seinen Londoner Posten zurückgekehrt ist. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die ernste Besorgnis in Regie­rungskreisen sich gesteigert hat. Denn darüber wollen wir uns klar sein, daß ein für uns un­günstiger Entscheid über Oberschlesien auch mnerpolitische Auswertungen mit sich bringen wird, deren Tragweite heute noch nicht abzu­sehen ist. Wir erinnern nur daran, daß unser gegenwärtiges Kabinett sich auf die oberschle­sische Frage mehr oder weniger festgelegt hat, daß die Erfüllung des -Londoner Ultimatums von der Lösung der oberschlesischen Frage ab­hängt. Nach Berliner Blättermeldungen heißt es bereits, daß die Regierung entschlossen sei, au^iner ungunstiaen Entscheidung die Folgen M ziehen, was eine Verwirrung unserer inner- politischen Struktur bedeuten würde. Es gilt daher in den gegenwärtigen Tagen klaren Kopf zu behalten und sich nicht zu unbesonnenen Handlungen hinreißen zu lassen, die uns schwer schädigen könnten. Wir verweisen besonders auf die weiter unten wiedergegebene Meldung, nach der die Polen Vorbereitungen für einen neuen Aufstand treffen, Vorbereitungen, die darauf hinausgehen, die Schuld an dem neuen Aufstand den Deutschen zuzuschieben. Hier heißt es, die Augen aufgemacht, denn wir alle er­innern uns noch der Entfesselung der letzten beiden sogenannten Aufstände und der scham­losen Begünstigung der polnischen Räuber durch die Franzosen Le Ronds. Klaren Kopf und ab­wartende Ruhe fordern die kommenden Stun­den von unserem Volke!

Von den heute vorliegenden

Genfer Meldungen

feien folgende wtedergegeben:

Genf, 10. Oktbr. Der Korrespondent des Temps" teilte mit, daß die vier Mitglieder des VMerbundsrates, die mit der Vorlage des Be­richtes über die Teilung Oberschlesiens beauftragt seien, daß die belgischen, brasiliani­schen, chinesischen und japanischen Vertreter ihre Ar beiten ununterbrochen fortsetz- t en. Gestern, Sonntag, seien sie zweimal zusam­men gewesen. Die zweite Sitzung habe sich bis Fegen 3 Uhr morgens hingezogen. Indessen habe ein vollständiges Einvernehmen unter den vier Mitgliedern nicht hergestellt werden können. Die Vorlage des von den vier ausge­arbeiteten Entwurfs im Völkerbund hätte heute vormittag stattfinden sollen: sie sei auf Mittwoch verschoben worden. Der Völkerbund habe sich also noch nicht mit Oberschlefien beschirf- tig t. Er wird am Mittwoch unter dem Vorsitz von Baron Jshi zu einer außerordentlichen Sitzung zusammentketen, um von dem Ergebnis der Beratungen der Viererkommission Kenntnis zu nennen. Am selben Abend werde er sich über die dem Obersten Rat zwecks Teilung Oberschlesienszu empfehlende Lösung" einigen. Das Gutachten des Völkerbundsrates werde tele- zraphisch dem Vorsitzenden des Obersten Rates, Briand, mitgeteilt werden.

(Wir sehen also, es wird nur von der Teilung Oberschlesiens aesprochen, aber nicht von der Unteilbarkeit. D. Red.)

Paris, 10. Oktbr. Zu den gestrigen Ent­hüllungen desNewyork Herald" über die Vor- länge in Genf schreibt die rechtsstehendeLibre Varole": Die Meinungsverschiedenheiten erstrcck- ien sich auf zwei Punkte, zunächst auf die Zutei­lung von KattoWitz und Königshütte an Polen und dann auf die Einsetzung einer internationalen Kommission für die wirtschaftliche Kontrolle, die eine der barocksten Schöpfungen wäre, die die Wut Diplomatie zur Welt brachte. Die Vater­

schaft werde dem Belgier Hymans zugeschrieben. Sie wäre das würdige Gegenstück zu der unwahr scheinlichen Kombination von Wilna.

Berlin, 10. Oktbr. Der in Genf weilende Vorsitzende der oberschlesischen Zentrumspartei, Pfarrer N l i z k a, erklärte einem Korresponden­ten desB. T.", der von dem Tschechen Kovac und dem Schweizer Herold ausgearbeitete Ent­wurf sei von dem Bestreben diktiert, in der ober­schlesischen Frage eine Einigung der Engländer und Franzosen herbeizusühren, und habe alle Fehler eines Kompromisses in höchster Potenz. Man glaubt, eine versöhnende Lösung darin ge­funden zu haben, daß man politisch das ober­schlesische Industriegebiet zu seinem größten Teil zu Polen schlagen, diesen polnisch gewordenen Teil aber gemeinsam mit dem deutsch gebliebenen als wirtschaftliche Einheit erhalten will. In dem naturnotwendig gegebenen Konflikt um die wirt­schaftliche Vorherrschaft wird die deutsche wie die polnische Bevölkerung Oberschlesiens gleichmäßig leiden. Der Plan ist praktisch undurchführbar. Von der oberschesischen BevölkerMg und der deutschen Regierung muß klar und entschieden die Undurchführbarkeit dieses Projektes erklärt wer­den. Das fragliche Projekt hat die oberschlesische Frage nicht gefördert, sondern um ein großes Stück zurückgeschleudert.

Paris, ii. Oktbr. Wie derPetit Parisien" mitteilt, soll die Diskussion im Völkerbundsvat in Genf erst in ein oder zwei Tagen beendet sein. Allem Anschein nach kann man bestätigen, daß die Lösung, zu der man sich orientiere, darin bestehe, Oberschlesien einschließlich des Jnduiit-rieqevM^- gemäß des arithmetischen Ergebnisses der Volks­abstimmung zu teilen und provisorisch durch eine Zivilorganisation die wirtschaftliche Einheit des Landes aufrechtzuerhalten.

Das Blatt behauptet angeblich nach Berliner Nachrichten, England habe in Genf interveniert, um sich einer polnischen Lösung zu widersetzen.

Schwierige Lage Les Beichskabinetts

Reichskanzler Dr. Wirth ist gestern abend gegen 10 Uhr von feiner Erholungsreise nach Berlin zurückgekehrt. DemBerliner Tagebl." zufolge ist für heute vormittag eine Kabinetts­sitzung anberaumt worden, in der das ober- "chlesische Problem und die sich aus der Ent­scheidung ergebenden Folgen beraten werden sollen. In dieser Sitzung wird, wie das Blatt berichtet, Reichsminister des Aeußern Dr. Rosen über seine Besprechungen mit dem deutschen Botschafter in London Stahmer berichten.

Nach einer anderen, von den Blättern wie­dergegebenen Version soll das Reichskabinett bereits gestern abend nach der Rückkehr des Reichskanzlers über das oberschlesische Problem beraten haben.

DerVorwärts" ist infolge der für Deutsch­land ungünstig lautenden Nachrichten aus Genf um das Schicksal des Kabinetts Wirth äußerst besorgt. Das Blatt schreibt: Die Sozialdemo­kratie steht in Verteidigungsstellung zum Schutze des Kabinetts Wirth und feiner bisherigen Politik. Sie ist von vorn angegriffen durch die Nationalisten Deutschlands und sie ist im Rücken bedroht durch die Entscheidung über Ober­schlesien. Ob sie imstande sein wird, ihre Stel­lung zu halten, das wird von der Entscheidung über Oberschlesien abhüngen. Fällt diese so ungünstig aus, wie befürchtet wird, so werfen wir deshalb noch nicht die Flinte ins Korn. Aber wir dürfen uns auch nicht verhehlen, daß dann die Zukunft sehr dunkel vor uns liegt.

Wie die Blätter aus parlamentarischen Kreisen erfahren, wird der Reichstagsausschuß für auswärtige Angelegenheiten am Mittwoch zusammentreten, um über die oberschlesische Frage zu beraten.

Vorbereitungen zum Neuen polnischen Aufstand.

Beuchen, 9. Oktbr. Wenn man die Ereignisse der letzten Tage etwas näher betrachtet, so kann man sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß eine neue grohpolnische Erhebung in allernäch­ster Zeit erfolgen muß. Alle Anzeichen sprechen dafür. Wer die Vorbereitungen zu den letzten beiden Aufständen, besonders durch die Presse, miterlebt hat, erkennt sofort an den jüngsten Ereignissen und an der gegenwärtigen Hetz­arbeit der allpolnischen Presse dieselbe Methode wieder. Danach sollen natürlich nicht die Polen diejenigen sein, die zum Ausstand treiben, son­dern die Deutschen. Tatsächlich ist auch alles durch die Polen so offen angelegt, daß mit Leich­

Das Londoner Abkommen schwinde! .

London, 10. Ost. Der Pariser Berichterstatter derWestminster Gazette" nennt das Wiesbadener Abkommen die bei weitem wichtigste Maßnahme seit dem Versailler FriedenSvertrag. Es bestehe alle Aus­sicht darauf, daß die Reparation-kommission das Ab­kommen schließlich genehmigen werde. Die Lage fei einfach, da Deutschland nicht in bar zahlen kann. Frankreich habe daher mit Deutschland vereinbart, daß <-, in Waren zahlen soll. Deutschland zahle in War-n nicht an die Alliierten im allgemeinen, sondern hur an Frankreich; die Solidarität der Allianzen, die die Erfüllung des Friedensvertrages fordere, sei «uf- ^cgeben worden. Der Vertrag sei gerichtet, Frankreich chandele außerhalb des Obersten Rates und außerhalb der Reparationskommission. DieReparationskommission müsse ihr eigenes Todesurteil genehmigen. Jedermann wisse jetzt, daß die Bemühungen Deutschlands, Geld anfzubringen, um die Alliierten in annehmbaren ans- ländischen Werten bezahlen zu können, die mit deut­scher Mark angekauft werden mußten, verhängnisvoll waren. Die Mark fiel und mit der Mark der Franken. Im allgemeinen wurde eingesehen, daß diese Zahlungen unmöglich fortdauern. Die anderen Alliierten, insbesondere England, körnten deutsche Waren nicht annehmen. Englands besserer Teil sei, die hoffnungslos« Echuldeneintreibung zu Gunsten einer Politik der Wiederherstellung des Handels in Europa autzugeben. Das Londoner Abkommen verschwinde nach und nach. Die gesamte europäische Politik »erde jetzt in neue Kanäle geleitet. Das Wiesbadener Abkommen bedeute, daß das Londoner Abkommen preisgegeben werde und daß England nach 7 Jahren keine weiteren deutschen Zahlungen erwarten könne. Englands verwüstete Gebiete seien seine ver­lorenen ausländischen Märkte.

Italien# Reid üben daS Wiesbadener Adk-mmen.

Rom, 10. Okt. AuchJdea Nationale" schlägt Alarm gegen das Wiesbadener Abkommen. Der Vor­behalt Italiens, gleichfalls ein derartiges Abkommen mit Deutschland schließen zu dürfen, genüge nicht, vielmehr müsse Italien entweder an dem entstehenden französisch-deutschen Montantrust teilnehmen, oder sein Veto einlegen. Das Blatt nimmt an, daß neben dem offenen ein Geheimabkommen abgeschlossen sei. Frank­reich sichere sich die Vorberechtigung seiner Reparationen zum Schaden der anderen Miierten. In Deutschland beginne durch diese Gratisleistungen geradezu ein industrielles goldenes Zeitalter. Italien dagegen sei vom Wiederaufbau ausaelâSra.

tigkeit alles den Deutschen in die Schuhe gescho­ben werden könnte, wenn nicht soviel belasten­des Material in unsere Hände gefallen wäre. Danach haben die polnischen Stoßtruppler die Anweisung erhalten, in ehemaligen deutschen Uniformen mit deutschen Auszeichnungen An- remplungen mit Besetzungstruppen herbeizu­führen, um diese gegen die deutsche Bevölkerung scharf zu machen. Sodann darf der Geschäfts­verkehr zwischen dem polnischen Oberkommando und den Jnsurgentenführern nur in deutscher Sprache erfolgen. Polnische Dienstsiegel und Kopfstempel dürfen nur bei Ausweisen ver­wandt werden; dagegen muß jedes polnische Schriftstück mit der Abkürzung S. S. (Selbst­schutz) versehen sein. Die polnischen Kampf­organisationen erhielten neue Decknamen nach deutschen Führern. Neuerdings sind auch viele polnische Waffen verteilt worden, so am 6. Ok­tober in Roßberg. In den kommenden Nächten sollten weitere Transporte folgen. In den größeren Städten treffen fortgesetzt Flüchtlinge aus den Landgemeinden ein, da hier wieder großer polnischer Terror herrscht. Schießereien sind wieder an der Tagesordnung. Gestern abend kamen Flüchtlinge aus Friedenshütte und Neudorf in Beuchen an. In dem nahege­legenen Halemba hatte wie in verschiedenen anderen umliegenden Ortschaften eine polnische Versammlung stattgefunden, in welcher der Redner ausführte, daß die Zeit der Abrechnung mit den Deutschen nicht mehr fern sei. Darauf­hin flüchteten viele deutschen Familien. In Glei- witz fand gestern eine Sitzung der polnischen Führer statt. In dieser wurde bekanntgegeben, daß der Termin zum Losschlagen habe ver­schoben werden müßen, da fast alle Geheimpläne sich in den Händen der Deutschen befänden; je­doch handle es sich nur um kurze Zeit.

Berlin, 11. Oktbr. Wie derLokalanzeiger" aus Kattowitz meldet, trafen am Samstag in deutiwe Männer .aus Friedrichs- hütte ein, die durch Bedrohung seitens der Polen zur Flucht genötigt waren. Auch aus Lipine und anderen Orten kamen deutsche Flüchtlinge nach Beuthen.

Ein Zeilungsverbok der interalliierten Kommission.

Die interalliierte Kommission in Oppeln hat dieDeutsche Allgemeine Zeitung" in Oberschle- fien für die Zeit vom 11. bis 25. Oktober ohne Angabe von Gründen verboten.

Stresemann über die Politik Les Kompromisses.

Der Abg. Dr. Stresemann sprach am Sonn» tag auf der Versammlung der Deutschen Volks- partei im Reichstagswahlkreis Düsseldorf-West (Niederrhein) über die politische Lage und führte u. a. aus:

Wenn wir, was ich nicht weiß, in eine neue Regierung eintreten werden feit Görlitz hat die Sozialdemokratie Angst vor der eigenen Ku- rage bekommen, so geben wir nicht das ge- ringste auf. Ich habe, schon ehe ich etwas von Görlitz wußte, neulich in Lüdenscheid gesagt, daß wir, wenn wir in der Regierung sind, nicht um eine Nuance in unserer Politck anders handeln. In den Versuchen einer Verständigung sind wir jetzt mit dem Zentrum und den Demokraten aus allen Gebieten einig geworden, jedoch nicht mit der Sozialdemokratie. Es wird ohne eine B e s i tz st e u e r nicht gehen, aber wogegen wir uns wehren, das ist ein Eingriff in die Sub­stanz der deutschen Industrie, ehe eine Stabilisierung der Mark erfolgt ist. In die Substanz der Industrie einzugreifen und dann nach einem oder eineinhalb Jahr doch erklären zu müssen, daß wir nicht in der Lage sind zu zahlen,das machen wir nicht mit. Geradedie deutschen Arbeiter sollten sich mit uns auf diesen Standpunkt stellen. Das hat nichts mit Kapitalismus zu tun,, sondern es handelt sich nur, um die Frage, wie wir uns das Beste und Einzige, was wir noch haben, erhalten. Ich. hoffe, daß wir auch darüber zu einer Verständi­gung kommen. Sollte es zu dieser Verständi­gung kommen, dann bitte ich Sie, uns und un­sere Partei nicht unter dem Gesichtspunkt an­zusehen, ob uns die Parteien und die Persön­lichkeiten passen, mit denen wir zusammen ar­beiten, sondern nur unter dem Gesichtspunkt, ob es dem deutschen Volk und dem Reich frommt. Die Not schafft seltsame Schlafgenossen, und man muß zur E * re ichung des Zietes mit manchem zusammengehen, von dem uns eine ganze Weltanschauung trennt. Wir dürfen auch nicht fragen, ob einem der andere sym­pathisch ist oder nicht. Es ist uns nicht leicht geworden, das sage ich ganz offen, uns zu die­ser Politik durchzuringen. Aber wir haben uns gesagt, daß es unbedingte Notwendigkeit ist.

Bei der auswärtigen Politik kam Dr. Stresemann auch auf das W i e s b a d e- nerAbkommenzu sprechen mit der Schluß­erklärung, daß das Wiesbadener Abkommen von der Deutschen Volkspartei gebilligt werden könne. Im wesentlichen sagte er folgen­des dazu: Das Wiesbadener Abkommen unter­liegt einer lebhaften Kritik. Der Reichsverband der deutschen Industrie, dem ein großes Sach­verständnis auf diesem Gebiet zuzutrauen ist, hat den Darlegungen des Ministers Rathenau mit ziemlichem Beifall zugestimmt, wenn er es auch an Kritik nicht hat fehlen lassen. Das Wiesbadener Abkomsmn in Bausch und Vogen zu nerfberfen, halte ich nicht für richtig. Rathe­nau stellt sich auf den Standpunkt, daß alles Arbeiten der Noteilpresse unsere Mark nicht so entwertet habe, wie es der Ankauf der Devisen in den letzten Monaten getan habe. Dann sagt Rathenau, daß wir versuchen wollten, an Stelle des Ankaufs von Devisen, der unsere Valuta ruiniere, mit Sachleistungen unsere Entschädi­gung zu bezahlen. Dieser Gedanke ist richtig. Mann könnte den Einwurf machen, daß der gegenwärtige Stand der deutschen Mark zu einer Exporthausse führe. Ich halte aber diesen Zustand für innerlich krank; unsere wirtschast- liche Lage darf nicht aus Schwankungen gestellt werden. Was wir jetzt sehen, ist eine tropische, ungesunde Entwickelung. Durch die Entwertung unserer Valuta leidet am meisten die Mit­te l s ch i ch t u n s e r e s V o l k e s, d a s be st e, waswirnochhaben. Diese Kreise, die am meisten ringen müssen, stehen vor der Gefahr von Verhältnissen, wie in Wien und im übrigen Oesterreich, wo allmählich ein Verhungern der geistigen Mittelschicht vor sich geht. Wir m ü s- sen zu einer Stabilisierung der Mark kommen. Dazu können Sachleistun­gen an Stelle des Devisenkaufs dienen. Frank­reich hat erklärt, daß es selber so sehr in Sor­gen sei, wie es seinen Franken halten könne, und fordert, daß uns unsere Sachleistungen, wenigstens für die ersten Jahre, nur zum Teil gutgeschrieben würden. Man begrüßt bei uns die Tendenz des Wiesbadener Abkommens, aber man kritisiert die Nichtanrechnung der überwiegenden Mehrzahl dieser Sachleistungen. Ich bezweifle, daß diese Bestellungen alle in Deutschland gemacht werden, besonders bei der großen allgemeinen Arbeitslosigkeit in Frank­reich. Doch das ist die Sache des Herrn Lou- cheur. Das Wiesbadener Abkommen, das sich bemüht, den Verhältnissen gerecht zu werden, um eine weitere Entwertung der Mark zu-ver­hindern. kann von uns gebilligt werden.