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Anzeiger
General-Anzeiger
AmMches Organ für Stadt- «ad Landkreis Sana«
Erscheint täglich mü Ausnahme der Sonn- und Feiertage
Verlagsleitung: Ad. Inderm Lhle. Verantwortlich: für politischen und allgemeinen Teil Richard Hultsch: für lokalen und provinziellen Teil sowie Sport Wilhelm Moritz: Mr Anzeigen und Reklamen August Brodt, alle in Hanau a. Main. Rotationsdruck der Waisenhausbuchdruckerei Hana«. Fernsprechanschlüsse Nr. 1237 und 1238.
Nr. 236
Samstag den 8. Oktober
1921
Das Neueste.
— Gestern wurden in Wiesbaden die Nebenabkommen, die sich auf die Pauschale der Ablösung von den Restitutionsverpflichtungen aus dem Versailler Vertrag und die Regelung der Kohlenlieferungen beziehen, unterzeichnet.
— In Thüringen ist eine rein sozialistische
Regierung gebildet worden. — In Griesheim a. M. '
zahl der Arbeiter für die Arbeit aus.
. sprach sich die Mehr- Wiederaufnahme der
— Nach einer Meldung der „Chicago Tribune"' ist der erste japanische Delegierte für die Abrüstungskonferenz in den Vereinigten Staaten eingetroffen.
— Wie aus Dresden gemeldet wird, soll in Sachsen in den Eisenbahnwerkstätten die Akkordarbeit wieder eingeführt werden.
Das Wiesbadener Abkommen.
Die von Rachenau und Loucheuer unterzeichneten Nebenabkommen haben folgenden wesentlichen Inhalt:
Drei Abkommen beziehen sich auf die Ablösung der Frankreich gegenüber geschuldeten Restitutionen. Die Rücklieferung von Industrie- material hört am 6. Dezember auf. Danach werden lediglich diejenigen Maschinen noch zurückgeliefert, die vorher abgerufen wurden. Uebrigens bleibt das auf deutschem Gebiet noch vorhandene aus Frankreich Weggefährte Material endgültig in deutschem Besitz. Dafür l i e - fert Deutschland an Frankreich binnen 8 Monaten 120 000 Tonnen Industrie- material, die nach Art und Gewicht dem bereits zurückgelieferten Material entsprechen. Frankreich wählt sich dieses Material unter den Vorräten und in den Lägern der deutschen Regierung aus. Das Material soll nach Möglichkeit neu, kann aber auch gebraucht sein, muß iedlâm vollkommen betriebsfähigem Zustande pryvefinden. Falls dort entsprechendes Material nicht vorhanden ist, hat die deutsche Regie- tung neues Material zu liefern. Auf die 120 000 Tonnen wird das seit dem 1. Mai 1920 zurückgelieferte Material mengenmäßig angerechnet, desgleichen weitere 20 000 Tonnen, als Ausgleich für das in Elsaß-Lothringen verbliebene Material. Außerdem bekennt sich DeutschlandFrankreich gegenüber alsSchuldner der Summe von 158 Millionen Goldmark, die im Verlaufe von
plus Transportkosten. Deutschland hat das Recht der freien Ausfuhr feiner Kohlen, wenn es die Anforderungen der Reparationskommission erfüllt. Dabei werden jedes Kohlen- evier und jede Kohlenart besonders betrachtet.
Werden also Kohlen eines bestimmten Reviers der einer bestimmten Art nicht angefordert, so t Deutschland in der Verfügung über diese tohlen vollkommen frei. In Höhe des Wertes von so ausgeführten Kohlen, berechnet nach dem deutschen Inlandspreis, wird Deutschland a conto-Zahlungen auf feine Zahlungsver- )fiid)hingen machen. Die Alliierten verpflichten ich, die von Deutschland gelieferten Kohlen nur ür den eigenen Sebarf und den ihrer Kolonien mb Protektorate zu verwenden. Deutschland ann bei etwaiger Ausführung der unter Ar- ikel 299 aufrechterhaltenen Vorkriegsverträge ns 150 000 Tonnen monatlich der so gelieferten Mengen auf die anderen Pflichtlieferungen an Frankreich anrechnen. Der Erlös solcher Lieferungen wird auf das Reparationskonto eingezahlt. Außerdem wird das im Juli zwischen deutschen und französischen Sachverständigen über den Transport von Kohlen auf dem Wasserwege geschlossene Abkommen von den beiden Regierungen genehmigt.
Rathenau befriedigt.
Gestern nachmittag erklärte Rathenau Ver- tretern der Presse zu dem mit Loucheur abgeschlossenen Uebeinkommen u. a.:
Seit Jahren sind zum ersten Male Verhandlungen zustande gekommen, deren Ergebnis ein freies, nicht diktiertes Abkommen war. Vielleicht liegt eine symbolische Bedeutung darin, daß die beiden Nationen, die sich in vielen Kriegen bitter bekämpft haben, zumerstenMal ich zu einem wirklichen Friedens- werk vereinigen. Deutschland bringt, um dieses Werk zu ermöglichen, ein schweres Opfer, und gerade dieses wird dem Vertrag von jedem, der nicht tiefer in das Abkommen eingedrungen acuiadM. werden M^L wenn
fünf Jahren, beginnend am 1. Mai 1926 in gleichen Jahresraten im Wege der Aufrechnung gegen die Verpflichtungen Frankreichs gegenüber Deutschland und m Ermangelung solcher Verpflichtungen durch Barzahlung zu tilgen sind. Die Restitution von rollendem Eisenbahnmaterialwird auf 6200 Wagen beschränkt, die in gutem Unterhaltungszustande abzuliefern sind. Zur Ablösung der weitergehenden Restituttonsverpflichtungen wird Deutschland an Frankreich 4500 neueFahr- zeuge liefern, deren. Typen in den Abkom-
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men im einzelnen bestimmt sind. Eine aus französischen und deutschen Sachverständigen bestehende Kommission tritt demnächst in Paris zusammen, um die Einzelheiten der Lieferfristen und Lieferbedingungen zu vereinbaren. Die Restitution der von Deutschland aus Frankreich nach Deutschland verbrachten Tiere wird durch die Lieferung von 62 000 Pferden, 25 000 Rindern, 25 000 Schafen und 40 000 Bienenvölkern abgelöst. Daneben sind nur diejenigen Tiere zurückzuliefern, die unter namentlicher Angabe der deutschen Besitzer in den bereits von der französischen Regierung übermittelten Listen aufgeführt sind. Außerdem hat Deutsch- —™ Gutschrift auf das Reparations
man berücksichtigt, daß die Goldleistungen chwerer auf Deutschland lasten als irgendeine andere Bürde, und daß mit der Fortdauer der Goldlei stungen die Entwer - ung der Mark und damit die Unordnung der Staatsfinanzen verknüpft ist, so kommt man zu dem Schluß, daß die teilweisen Vorleistungen von vier Jahren, finanziell betrachtet, das weitaus kleinere Uebel sind. Ferner wird auch für die deutsche Produktion ein Absatzgebiet erschlossen, das vermutlich niemals wieder der deutschen Tätigkeit entzogen werden wird. Es besteht die Hoffnung, daß durch diese erste grundsätzlich auf stiedlicher und wirtschaftlicher Basis zu- tande gekommene Verständigung eine europä- sche Gemeinschaftsarbeit und das Wieder- erwachen der weltwirtschaftlichen Solidarität eingeleitet werden wird.
Verhandlungen mit der Industrie.
Wie der „Lokal-Anzeiger" erfährt, sollen die Verhandlungen zwischen dem Reichskanzler und den Vertretern der Industrie über die Frage der finanziellen Regelung der Bestimmungen des Wiesbadener Abkommens nächsten Donnerstag beginnen.
Aus der Pariser Presse.
Liften
land gegen
konto weitere 13 000 Pferde an Frankreich zu liefern. Dafür wird Frankreich keine weiteren Viehlieferungen au Grund der Anlage IV zu Teil 8 des Friedensvertrages von Versailles verlangen.
In allen drei die Restitution betreffenden Abkommen ist ausdrücklich bestimmt, daß nack der Ausführruig der darin vorgesehenen Liefe rungen Deutschland Frankreich gegenüber seine Verpflichtungen aus Artikel 238 des Friedensvertrages erfüllt hat. Frankreich wird das Personal der im Restitutionsdienst verwendeten Kommissionen auf das unbedingt notwendige Maß beschränken und nach Maßgabe der Durchführung der verbleibenden Lieferungen weiter herabsetzen.
Das vierte Abkommen bezieht sich au Kohlenlieferungen und bedarf, da es teilweise auch Lieferungen an Belgien, Italien und Luxemburg betrifft, der Zustimmung bei Reparationskommission. Deutschland verzichtet
Frankreich gegenüber für Lieferungen über Rotterdam, Antwerpen, Gent und anders nichtdeutsche Häfen auf fob. Preise. Es erhält für diese Lieferungen den deutschen Inlandspreis
Paris, 7. Oktbr. Zum Abschluß des Wres- badener Abkommens schreibt der „Temps : Gewiß bedeutet das Abkommen einen Fortschritt in Frankreichs Beziehungen zu Deutschland, aber es könne in keiner Weise an der französischen Politik der Vertragsausführung etwas ändern. Es beweise, daß Frankreich, wenn es jede Sicherheit für die Wahrung seiner Interessen und seines Rechts habe, keineswegs von vornherein den Anstrengungen entgegenarbeite, die Deutschland mache, um sich wirtschaftlich wieder zu erheben, und daß Frankreich, in dem Maße wie feine Sicherheit und feine eigene Wiedererhebung es gestatteten, geneig sei, jeder republikanischen deutschen Regierung, die entschlossen fei, ehrlich ihre Verpflichtungen zu erfüllen, ihre Aufgabe zu erleichtern An anderer Stelle sagt das Blatt im Hinblick auf gewisse Einwände von englischer Seite, selbst ein betrügerischer Bankerott Deutschlands könne die Alliierten nicht hindern, ihr Guthaben restlos einzutreiben dadurch, daß sie sich an den Werten Deutschlands schadlos hielten, deren Kontrolle zu übernehmen sie berechtigt waren. Das Blatt toill nicht annehmen, daß es einige alliierte Regierungen gebe, die von vornherein entschlossen wären, auf die Rechte, die im Friedensvertrag festgelegt seien, im Falle eines endgültigen deutschen Bankerotts zu verzichten
Das „I o u r n a l d e s D e b a t s' halt es ' ‘' zum ersten
für das wichtigste, daß Frankreich z
Male einer greifbaren Anstrengung uer oem- schen Regierung, ihre Verpflichtungen zu halten, gegenüberstehe. Es erscheine schwierig, das
Wiesbadener Abkommen und feinen praktischen Geist nicht zu billigen. Wer sich in Deutschland )em Abkommen widersetze, das seien die, die )en Hintergedanken hegten, nie und in keiner Form etwas zu bezahlemDiejenigen, die es chies ansehen würden unter Frankreichs Ver- mndeten. würden den Eindruck erwecken, als ieße der Wiederaufbau der verwüsteten Gebiete ie zum mindesten gleichgültig. Aber nichts be- :ed)tige zu der Annahme, daß es solche Verbündete gebe. In Frankreich würden diejenigen, die etwa behaupteten, daß die Interessen der nationalen Industrie denjenigen der verwüsteten Gebiete vorgingen, den Protektionismus bis zu einem noch nicht erreichten Grade treiben.
Die Weltwirrfchafiskrife.
Die Befestigung der deutschen Mark Vorbedingung.
London, 7. Oktbr. Reuter meldet aus Neuyork: Auf einem Festmahle der amerikanischen Export manusactures association hielt Handelssekretär Hoover eine Rede, in der er sagte, die amerikanische Industrie befinde sich in den ersten Vorstadien ihrer Erholung, da eine Zeit leichtester Kredite ein getreten sei, doch betonte Hoover, hätten die Vereinigten Staaten noch einen weiten Weg zurückzulegen, um zur wirtschaftlichen Befestigung zu gelangen. Sie befanden sich bestimmt auf diesem Wege. Die zerstörende Wirkung der wilden Schwankungen ausländischer Valuten sei das größte Hemmnis des amerikanischen Außenhandels. Solange nicht eine gewisse Stabilisierung erreichbar sei, bestände wenig Hoffnung, daß derAußenhandelAmerikas oder irgend eines anderen Landes wieder normal werde. Hoover fuhr fort: Es ist keine Stabilität in irgend einer europäischen Währung zu erhoffen, solange in einem beträchtlichen Teile der Welt die Inflation andauert. Wenn unsere Handelswelt nicht willens ist, ihr Interesse in irgendeiner Weise für die SäWSÄS IS lüften auf dem Ausfuhrmarkte und in der Beschäftigung unserer Bevölkerung tausendfach dafür zu bezahlen. Es sollte der menschlichen Intelligenz doch nicht zu schwer sein, eine , Lösung der Frage zu finden und eine Befestigung der deutschen Mark herbeizuführen. Die Regelung dieser Frage müsse zuerst stattfinden, wenn man eine Stabilität in irgend einem anderen europäischen Lande sehen wolle. Es scheint mir, daß die großen Notenbanken, die ©eneralreferoeji ant, die Bank von England, die Bank von Frankreich, die Bank von Amsterdam, die Bank von Italien und die Bank von Spanien es als zu ihrem Bereich betrachten sollten, einen Plan für die B e f e ft i g u n g derMarkzu organisieren. Ein solcher Plan würde zur ersten Vorbedingung der Wiederherstellung des wirtschaftlichen Lebens, führen. Die Führerschaft dieser Banken würde vielleicht ausländisches Kapital ermutigen, um die gewünschte Stabilität zu verschaffen.
Deutschland der Schlüssel zur wirtschaftlichen Lage.
London, 6. Oktbr. Die Oktobernummer der Zeitschrift „Worlds Work" enthält einen Artikel des amerikanischen Oberst House über die Lage in Europa im Jahre 1921, in dem es über Deutschland heißt, Deutschland sei der Schlüssel der wirtschaftlichen Lage. Die augenblickliche deutsche Regierung sei die sicherste und vernünftigste, die Deutschland seit dem Kriege gehabt habe. House hofft, daß Frankreich der deutschen Regierung ermöglichen werde, die Unterstützung des Reichstags dadurch zu gewinnen, daß sie gute Ergebnisse aufweisen könne.
Der amerikanische Gläubiger.
Amerika fordert sofortige Begleichung der alliierten Schulden.
London, 8. Oktbr. Einer Meldung der „Mor- ningpost" aus Washington zufolge, erklärte der demokratische Senator M a c K e l l a r im amerikanischen Senat, die europäischen Nationen müßten ihre Schulden an Amerika bellen und müßten ohne Verzug mit der Bezahlung beginnen. Das amerikanische Volk werde mit mchts anderem einverstanden sein. Mac Kellar sagte noch, das Geld des amerikanischen Volkes sei Großbritannien geliehen worden, um das britische Reich zu schützen. Man lieh Frankreich das amerikanische Geld, damit es eine große Nation werde. England habe letztes Jahr für, seine Flotte 760 Millionen Dollar und 300 bis 500 Millionen Dollar für den Ankauf für Petnleum- gebiete in allen Teilen der Welt ausgegeben. ■ Während Engkanh zu diesem Zweck Geld zur ! Verfügung stehe, glaube es für die Begleichung : der Schulden an Amerika nichts übrig zu haben. . Statt zu zahlen mache England den amerikani- ' sitzen Geschätten Konkurrenz.
Der amerikanische Senator Lenroai erklärte in einer kürzlich gehaltenen Rede, wenn England einer Rüstungsverringerung nicht zustimme, müsse Amerika England ersuchen, Mj es nicht gestattet ist, das amerikanische Geld zum Aushau der englischen Flotte zu benützen.
London, 8. Oktbr. Das Organ der amerika» nischen Regierung, die „Washingtoner Polst", schreibt, wenn auf der Washingtoner Konferenz kein Uebereinkommen erzielt werde, so werde die Folge davon sein, daß die Vereinigten Staaten auf der Begleichung der ausstehenden Schulden beständen, von denen ein Teil zu Rüstungszwecken ausgegeben worden sei.
Der Reichskanzler über Oberschlesien.
Der Reichskanzler empfing den Koroespon- denten der „Basler Nationalzeitung" und gewährte ihm eine Unterredung, die folgenden Verlaus nahm:
Frage: „Wie steht es mit Oberschle« s ie n?" „Ueber den Stand der oberschlesischen Angelegenheit kann ich Ihnen bestimmte Angaben nicht machen. Wir wissen weder, ob die Meldungen zutreffend sind, daß der Spruch des Völkerbundes in den nächsten Tagen bekannt gegeben wird, noch wissen wir, welchen Vorschlag sich der Völkerbundsrat zu eigen machen wird. Ich kann mich weder pessimistisch noch optimistisch äußern; für uns gibt es nur eins: unser fester unbeirrbarer Glaube an das Recht."
Frager „Wie denken Sie, Herr Reichskanzler, über die Zukunst des Landes, wenn das Gebiet bei Deutschland bleiben sollte?" „Was die staatsrechtliche Seite Ihrer Frage betrifft, so kann ich Sie nur auf die Antwort verweisen, die der Reichsminister des Innern am letzten Freitag auf eine Anstage der schlesischen Abgeordneten abgegeben hat. Minister Grodnauer erklärte im Einvernehmen mit der preußischen Regierung, daß das Gesetz betreffend Oberschlesien vom 27. November 1920, das sogenannte Autonomiegesetz unter allen Umständen durchgeführt wird, Maß Jn Mm Falle die oerschlesischzBe- völkerung selbst durch Abstimmung über die Bildung des Landes Oberschlesien entscheiden wird. Ich kann das nur nochmals unterstreichen: Was durch Gesetz Oberschlesien zugesagt ist, wird auf jeden Fall gehalten werden. Das Schicksal des Landes ist somit in die Hände der Bevölkerung selbst gelegt. Die Bestimmungen her Weimarer Verfassung bieten ja bereits die Gewähr, daß in Oberschlesien die natürlichen Rechte der Bevölkerung erhalten bleiben, die sich aus den Sonderheiten des Landes ergeben. Niemand wird im Gebrauch feiner Muttersprache, sei es deutsch oder polnisch, behindert werden. SeMverständ- lich ist auch die völlige Freiheit der Religionsausübung. In einem Lande wie Oberschlesien kann die Bevölkerung überdies ja noch Maßnahmen in gesetzgeberischer Form zur Durchführung bringen, die sie für die Erhaltung der kulturellen Eigenart Oberschlefiens für notwendig erachtet."
Frage: „Was halten Sie, Herr Reichskanzler, von der Versöhnungsbewegung in Oberschlesien?" „Ich glaube fest daran, daß die Politik der Versöhnung die allerbeste Lösung der oberschlesischen Frage, wie sie sich jetzt darstellt, sein wird. Ich glaube auch daran, daß eine solche Politik, die einzige, die wir betreiben können, Erfolg hat, weil sie Erfolg haben muß. Nur die Versöhnung kann diesem Lande denn langersehnten Frieden geben. Die deutschen Kreise in Oberschlesien sind ehrliche Anhänger des Ver- söhnungsgedankens. Sie boten nach dem Plebiszit ihren polnischen Gegnern die Hand. Da kam der Ausstand, der zunächst jede Versöhnung zunichte machte und der neues Blutvergießen über das Land brachte. Aber die Ergebnisse des dritten polnischen Aufstandes zeigten doch, daß nur die Versöhnung das Heilmittel ist, das allen helfen kann. Die oberschlesische Bevölkerung darf überzeugt sein, daß niemandem aus seiner Haltung vor, während oder nach der Abstimmung irgendwie Schaden oder Nachteil erwachsen wird. Wir müssen aber auch von den OBerschlesiern erwarten, die am 20. März ihre Stimme für Polen ab- gaben, daß sie, wenn die Entscheidung über Oberschlesien gefallen ist, ehrlich und loyal am Wiederaufbau Oberschlesiens mitarbeiten. Wir glauben das auch erwarten zu dürfen, da die gemeinsame Wied eraufbauarbeit aller Bevötke« rungskreise dringend von nöten ist, wenn die furchtbaren Wunden geheilt werden sollen, die die Abstimmungszeit dem Lande geschlagen hat. Inzwischen blicken alle Augen in Deutschland nach Genf. Eine Entscheidung, die unserem guten Rechte nicht entspricht, würde nicht nur jede Möglichkeit des Wiederaufstiegs für das unglückliche Oberschlesien vernichten, sie würde auch das demokratische friedliche Deutschland ins treffen. Gebe Gott, daß sich diese deutsche und auch europäische Lebensfrage zum Guten wende! _