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Freilag den 7. Off ober
Mr. 285
Lokales.
Hanau, 7. Oktober.
Kandel u Gewerbe im September 1921
Die Berichte, die die Preußischen Handelskammern über den Geschäftsgang in Handel und Industrie im Monat September dem Handelsministerium erstattet haben, zeigen starke Umsätze wie im Börsenhandel so im Warengroßhandel und im Einzelhandel und lassen erkennen, daß die Industrie fast durchweg gut beschäftigt ist und zum Teil auf eine Reihe von Monaten ihre Erzeugung ausver- kouft hat. Gleichwohl spricht aus fast allen Berichten die Besorgnis, daß der gegenwärtige lebhafte Geschäftsgang, hervorgerufen durch die Entwertung der Mark, keine wirtschaftliche .Gesundung bedeute, sondern im Wesentlichen aus die Angst aller gewerblichen und privaten Abnehmer vor weiteren Preissteigerungen zurückzuführen sei. Die „Eindeckungskonjunktur" hat zunächst die Beschäftigung der Arbeiterschaft auf eine Reihe von Monaten gesichert und zahlreiche Verdienstmöglichkeiten eröffnet. Beides würde in noch größerem Umfange geschehen sein, wenn nicht Mangel an Qualitäst- kohlen und ein fast noch fühlbarerer Mangel an Eisenbahnwagen Produktion und Verkehr behinderten. Andererseits haben die Löhne, über die in den meisten Fällen zwischen Arbeit- gebern und Arbeitnehmern ohne Kämpfe eine Verständigung erzielt wurde, und die Warenpreise eine Richtung eingeschlagen, die einen schweren Rückschlag für den Zeitpunkt nicht ausgeschlossen erscheinen läßt, an dem der Eindeckungsbedarf befriedigt ist. — Die Erwartung, daß nach der Bezahlung der ersten Goldmilliarde die Markvaluta eine Verbesse- rung erfahren würde, erfüllte sich nicht. Auch das Angebot des Reichsverbandes der Deutschen Industrie und der Bankwelt, dem Reich unter Ausnutzung des Privatkredits für die nächsten Reparationszahlungen eine ausländische Goldanleihe zu beschaffen, brachte nur eine ganz vorübergehende Abschwächung der fremden Devisen, da es fraglich schien, ob und bis zu welcher Höhe das Ausland Kredit geben werde, und da die deutsche Industrie und Bankwelt ihre Kreditfähigkeit nur soweit werden zur Verfügung stellen können, daß sie noch die im laufenden Geschäftsverkehr benötigten Kredite erlangen. Der Niedergang der Markvaluta war wieder auf dem Effektenmarkt von einer starken Haussebewegung begleitet. — Auch der Warengroßhandel war sehr belebt. Im Textilgroßhandel war ein Mangel an greifbarer Ware wie im Frühjahr 1920 fühl
Zanaus neuer Oberbürgermeister
bar. Die Einkaufspreise lagen 40 bis 100 v. H. über den niedrigsten Notierungen des Jahres. Der Eisengroßhandel klagte über Rohmaterial- mangel infolge starker Exporte und infolge Wagenmangels sowie darüber/ daß einzelne Industriezweige wieder dazu übergehen, Auf
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In gemeinsamer, nichtöffentlicher Sitzung der Stadtverordneten und der unbesoldeten INagistratsmilglieder wurde gestern Herr Regierungsrat Dr. V l a u m, Stuttgart, Vortragender Rat im "württembergifchen Ministerium des Innern, zum Oberbürgermeister der Stadl Hanau gewählt.
Nach der über ein Jahr währenden ober- mrgermeisterlosen Zeit, die mit Tagen voller Aufregung zusammenfällt, ist die Stelle des obersten Gemeindebeamten unserer Stadt gestern wieder besetzt worden. Am 6. September v. Js. war es, als Herr Oberbürgermeister Hild infolge der dauernden Aufregungen und insbesondere der ungerechtfertigten Angriffe auf seine persönliche Ehre in den Stadtverordnetenversammlungen sich zu einer vorzeitigen Niederlegung seines Amtes gezwungen sah, das er vier Jahre hindurch unter den schwierigsten Verhältnissen verwaltet. Die weitere Folge der bekannten Vorgänge aus dem Rathause war die Auflösung der Stadtverordnetenversammlung Ende November und die Berufung des Herrn Regierungsrat Coßmann, Cassel, mit der Vertretung des beurlaubten Oberbürgermeisters. Etwa 4 Monate führte Herr Coßmann die Verwaltungsgeschäfte, bis er unter Ernennung zum Ober-Regierungsrat zur Verfügung des Oberpräsidiums für Hessen- Nassau nach Cassel zurückgerufen wurde. Nunmehr wurde die Stelle des Oberbürgermeisters öffentlich ausgeschrieben, nachdem zuvor die Stadtverordneten einem Abkommen zugestimmt hatten, nach welchem Herr Hild mit dem 1. April d. I. aus dem Dienst der Stadt Hanan ausschied, unter Wahrung gewisser, ihm aus seinem Anstellungsverhältnis zustehender Rechte. Auf das Ausschreiben für den wiederzubesetzenden Oberbürgermeisterposten liefen 44 Bewerbungsgesuche ein: Bürgermeister größerer und kleinerer Städte, Regierungsräte, Landräte, Rechtsanwälte, Verwaltungsbeamte usw. befanden sich unter den Bewerbern, von denen durch die dazu bestimmte Kommission drei zur engeren Wahl gestellt wurden und zwar die Herren Regierungsrat Dr. Bla u m, Stuttgart, erster Bürgermeister Dr. Bus ch, Sommerfeld und Regierungsrat Heine, Cassel. Diese Herren stellten sich anfangs September den städtischen Körperschaften unter Darlegung ihrer Stellungnahme zu den wichtigeren Problemen der Kommunalverwaltung vor. Darauf wurde in den einzelnen Fraktionen zu der Personenfrage Stellung genommen — Herr Regierungsrat Heine hatte mittlerweile sein Bewerbungsgesuch zurückgezogen — und gestern in nichtöffentlicher Sitzung der Stadt- mb der undesvkdBenMWWWSM mitglieder die Wahl vorgenommen, aus der als Oberbürgermeister von Hanau
Herr Regierungsrat Dr. Blaum hervorging.
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In der Sitzung waren 39 Stadtverordnete und 9 Magistratsmitglieder anwesend. Abgegeben wurden 34 gültige Stimmzettel, 14 waren unbeschrieben und zwar von der kommunistischen Fraktion abgegeben worden. Von den 34 gültigen Stimmen entfielen 27 auf Dr. Blaum und 7 auf Bürgermeister Dr. Müller, der sich, nebenbei bemerkt, nicht um den Oberbürgermeisterposten beworben hatte.
' Wir wollen hoffen und wünschen, daß es unserem neuen Oberbürgermeister gelingt, als vermittelnde, über den Parteien stehende Zentralstelle die Geschäfte in raschem, gedeihlichen Fluß zu halten. Dazu aber ist gegenseitiges Vertrauen unbedingtes Erfordernis. Möge er deshalb bei Erledigung der feiner harrenden Aufgaben verständnisvolle Unterstützung aller Breite finden, möge er die Arbeit leisten in dem Bewußtsein, daß er sie als Sachwalter der gesamten Einwohnerschaft zu leisten hat, zum Wohl und Nutzen der Stadt!
Der neue Oberbürgermeister
ist am 10. April 1884 in Straßburg i. E. als Sohn des Gymnasialprofessors Dr. R. Blaum geboren. Er studierte in Straßburg und Kiel Rechtswissenschaften, Nationalökonomie und Geschichte, trat 1908, in welchem Jahre er zum Doktor der Nationalökonomie promovierte, als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter in die Straßburger Stadtverwaltung ein und wurde der sozialpolitischen Abteilung der Verwaltung zugeteilt, die damals unter der Leitung des Beigeordneten, jetzigen Ober-Regierungsrats Coßmann, Cassel stand. Nachdem er im Februar 1912 die zweite höhere Staatsprüfung bestand, wurde er zum Direktor des Armenwesens der Stadt Straßburg gewählt. Bei Ausbruch des Krieges rückte er ins Feld, kehrte im Jahre 1916 zurück und wurde mit der Oberleitung der sozialpolitischen, hygienischen selbständigen Verwaltungen Straßburgs betraut. Im Januar 1919 von der französischen Militärbehörde ausgewiesen, wurde er Ende April desselben Jahres als vortragender Rat in das württem- bergische Ministerium des Innern mit dem Auftrag berufen, eine Neuordnung der Wohlfahrtspflege in Württemberg nach Art der von ihm in Straßburg durchgeführten RefornUn einzuleiten. Weiter entwarf er dort ein Jü- gendamtgefetz und ein Berufvormundschafts- gefetz, war auch auf volkswirtschaftlichem Gebiet tätig und wurde mit der Vertretung des württembergischen Staates im Reichsrat bei den Beratungen über das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz ^nd anderer <8^etze ^beauftragt- ^^^^^^^^^^olkshochfchu le "Vorlesungen über kommunale und wirtschaftspolitische Fragen und wurde zum Vorsitzenden der Gesellschaft für soziale Reform, Ortsgruppe Württem-
* Start verrechnet hat sich ein Maikäfer, der sog. Redaktions-Maikäfer, dessen Eintreffen wir erst in den ersten Monaten des nächsten Jahres erwarteten. Die liebe Herbstsonne und die milde Witterung ließen diesen gefräßigen Pflanzenschädling schon jetzt seine schützende Hülle verlassen, und einen Blick in die Weltenwirrnis werfen. Dabei geriet er gestern in der Sickingenstraße in Gefangen- schaft, von wo aus man ihn in einem Streich- Holzkästchen auf unsere Redaktion brachte.
* Stadtthealer. Heute Freitag abend 7^ Uhr (2. Vorstellung im Freitags-Abonnement) „Kö n t g Lea r", Trauerspiel in 5 Auszügen von Shakespeare. — Samstag 7^ Uhr zum Z. Male „Die Frau im Hermelin " von Schanzer und Welisch. — Sonntag den 9. Oktober, abends 7 Uhr, „D i e Zar i n", Schauspiel in 3 Akten von Lengyel und Biro.
* Hebung der Ziegenzucht. In unserem Schaufenster in der Hammerstraße sind 2 Bilder ausgestellt von einem Saanenbock „Fritz" und einer Ziege „Polizei". Diese sowie der Saanenbock „Peter" wurden auf der hiesigen Ziegenausstellung am 21. August ds. Js. als außerordentlich gutes Zuchtmaterial mit dem höchsten Preise la ausgezeichnet. Der Bock „Fritz" und die Ziege „Polizei" sind von dem Besitzer Herrn Jean Dirlam, Fasanerieweg 6, dem auch von der Stadt Hanau eine Bockstation ibertragen worden ist, gezüchtet. Wer von den Ziegenhaltern auf gute Nachzucht reflektiert, der wird auf die beiden Böcke besonders auf-
berg, gewählt.
träge für Frühjahrsbedarf nur zu gleitenden Preisen (Tagespreis) hereinzunehmen.
Im Einzelhandel hat das Geschäft in fast allen Artikeln einen stürmischen Aufschwung genommen. Es wird aber angenommen, daß die Einkäufe des Publikums der Erwerbung von Vorräten dienen und daß deshalb in absehbarer Zeit ein Rückschlag zu erwarten ist. Der Einzelhandel berichtet einerseits von lebhaftem Absatz, andererseits von mangelnder Belieferung seitens der Fabrikanten und Grossisten. Bisweilen wird behauptet, daß diese die Ware in Erwartung höherer Preise
zurückhielten, um so die bei dem letzten Konjunkturenumschwung erlittenen Verluste wettzumachen. Am stärksten wirkte sich die Preissteigerung bei fast allen Waren des Textil- und Lebensmitteleinzelhandels aus.
* Preußische Klassenlotterie. Den Spielern zur gefl. Nachricht, daß morgen Samstag der letzte Erneuerungstag ist. Aus diesem Grunde bleiben an diesem Tage die Lotterieeinnahmen bis 6 Uhr abends geöffnet.
* Theaterabtlg. der 21T. I. K. Heute abend 8 Uhr Chorprobe des Schauspiels „Muttersegen".
merksam gemacht.
* Menschen, die sich selbst verkaufen. Es gibt auch heute noch Leute, so schreibt der „Gießener Anzeiger", die glauben, den eigenen Körper schon bei Lebzeiten zu wissenschaftlichenZwecken verkaufen zu können. Wie mir vom hiesigen Anatomischen Institut erfahren, melden sich, wenn auch nicht allzu häufig, Leute, teils brieflich, teils mündlich. Meist werden diese Menschen wohl durch bitterste Not zu diesem Schritt getrieben worden sein. Die persönlich ihren Körper anbieten, geben in der Regel an, sie hätten von einem Freund oder sonst wem erfahren, daß die Anatomie Menschen ankaufe. Einer meinte sogar empfehlend, er lebe ja doch nicht mehr lange, und die Anatomie werde bald die Freude haben, ihn zu bekommen. — Aus Marburg wird hierzu gemeldet, daß sich immer häufiger Leute an das dortige Anatomische Institut wenden und für den Todesfall ihren Körper anbieten. Fast täglich würde dort das Institut von Menschen aufgesucht, die einen solchen Eigenverkauf gleich auf der Stelle abschließen wollen. Noch zahlreicher seien die schriftlichen Angebote. Die Mehrzahl der Meldungen komme übrigens von jugendlichen Personen. Der Unfug sei in Marburg so groß, daß die Universität selbst in einer Bekanntmachung ! dagegen Stellung nehmen mutzte. — Solcher
Einen Ankauf von Menschenkörpern hat es nie gegeben und ist auch gesetzlich unmöglich. Und wie sollte die Universität auch vorgehen, um dann wirklich in den Besitz eines so gekauften Körpers zu gelangen?.
Stadttheater Hanau.
Direktion: Joh. Poetsch (Tel. 160),
Freitag den 7. Oktober, 7»/, Uhr, (2. Vorstellung im Freitag-Abonnement)
König Lear
Trauerspiel in 5 Akten von Shakespeare.
Samstag den 8. Oktober, 7'/, Uhr,
Die Frau im Hermelin I Operette in 3 Akten von Schanzer und Welisch. a»M»llU»MMIMMBMllim ■1WM—IIHH ■ MW HIMIII»
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Die Rolhersleins.
Roman von Erich Ebenstein.
43. Fortsetzung. (Nachdr. verboten.)
Zwei Tage später — es war ein Samstag — saß. Do mit dem Fürsten plaudernd auf der Terrasse, als plötzlich Magelone mit ihrem süßen Lächeln zu ihnen trat.
Sie bat ihren Schwiegervater doch zu erlauben. daß Do sie auf einem Spaziergang begleite. Es sei so wunderschön jetzt, und sie müsse immer allein gehen, was gräßlich langweilig sei. Auch würde es Do, die schon so lange im Hause herumsitze und ganz blaß darüber geworden sei, gut tun, sich endlich wieder einmal ein bißchen Bewegung zu machen.
Do wollte erschrocken protestieren. Denn Ma- gelones Worte klangen fast wie ein Vorwurf gegen den Mosten. Aber der alte Herr, der dies wohl auch herausfühlte und ganz bestürzt dreinblickte, schlug sich sogleich energisch auf Magelones Seite.
„Natürlich mußt du hinaus, Kind! Du weißt, wie oft ich dich darum gebeten habe. Nun verlange ich es geradezu. Vorwärts, geh nur! Ich habe Bücher und Zeitungen genug da. Du bringst mir dann auch endlich wieder mal einen Strauß Waldblumen, die du ja so hübsch zu arrangieren verstehst."
Es blieb Do schließlich nichts übrig, als zu gehorchen. Als sie Hut und Handschuh holen wollte, meinte Magelone:
„Dies ist nicht nötig. Wir geben bloß im Park herum, her ist ja groß genug."
Sie hing sich dann an Dos Arm und lenkte ihre Schritte nach dem entlegensten Teil des Parkes, wo sich nahe dem Parst eine Art Eremitage befand.
Als man die beiden kleinen Rindenhäuschen, ,tn denen sich Gartemnöbel aus Birkenstämmen
befanden, in Sicht hatte, blieb Magelone plötzlich stehen und sagte lachend:
„Nun muß ich es dir wohl gestehen, Dorothea, der Spaziergang war nur Vorwand, um dich von Papa überhaupt fortzubekommen. In Wahrheit habe ich Waldemar Ruhland versprochen. ihm Gelegenheit zu geben sich vor seiner Abreise von dir zu verabschieden."
„Magelone!" rief Do empört. „Wie konntest du nur? Was muß Herr Ruhland von mir denken —"
„Nur das allerbeste, du dumme. kleine Do. Denn er liebt dich rasend."
Statt aller Antwort wollte Do sich losmachen und umkehren. Aber Magelones Arm hielt den ihren wie mit Eisenklammern umfaßt.
„Nein, ausgekniffen wird nicht!" will aber nicht . . •"
„Hast du vergessen, daß es Rüdigers sehnlichster Wunsch ist du mög oft Waldemar heiraten?"
„Wenn auch. Er hat gar kein Recht, in dieser Weise über mein Schicksal zu bestimmen."
„Ach, sei doch nicht so albern! Was willst du denn anfangen, wenn Papa stirbt und — Rüdiger heiratet? Monrepos muß verkauft werden, und dann stehst du als alte Jungfer in der Welt, waS gar kein Vergnügen ist."
„Ich kann mir auch mein Brot selbst verdienen. Magelone betrachtete sie mit zwinkernden Augen. Wieder lauerte das kalte Glitzern dabei in ihrem Mick. „Es war also alles nur Spiel, das du jetzt gern verlängern mögtest ... ich dachte es mir wohl."
Do richtete sich stolz auf.
„Ich habe nie gespielt mit Herrn Ruhland!" „Wirklich nicht?" Sieh mal an, du bist ja noch viel dreister, als ich eigentlich vermutete. Und damals in der Mauerbresche von Monrepos — das war kein Spiel, wie?
Jeder Blutstropfen war aus Dos Antlitz gewichen. Wie entgeistert starte sie Magelone an.
„Das weißt du?" stammelte sie endlich fassungslos. „Wer hat . . . dir davon . . .erzählt?"
„Nun, Waldemar vermutlich. Denn du hast dich ja sehr gründlich darüber ausgeschwiegen."
„Der elende! Er hat dir verraten, daß er mich geküßt hat?" schrie Do außer sich.
Staunen und Triumph spiegelte sich in Magelones schönem Gesicht.
„So? Geküßt habt ihr euch auch?" sagte sie rasch. „Nein, davon hat er nichts verraten, beruhige dich. Ich höre bieS erst aus deinem Munde zum ersten Male. Aber gemalt hat er dich in deiner Mauerbreche als Dornröschen, und mußte zugeben, daß es nach der Natur geschah."
Sie erzählte von dem Bilde. Dann schloß sie: „Uebrigens brauchst du dich gar nicht so zu alterieren darüber. Das ist Künstlerrecht. Und Waldemar ist ein Ehrenmann, der dich aufrichtig liebt und die ernstesten Absichten hat, sonst würde ich mich nicht dazu hergegeben haben, diese Zusammenkunft zu vermitteln. Lerne ihn doch erst näher kennen, ehe du ihn verwirfst. Dein beharrliches Weigern mit ihm auch nur zu sprechen, müßte sonst notwendigerweise den Verdacht in mir wecken, bu . . ■ hegest andere Hoffnungen."
Do zuckte zusammen. Ihr Blick irrte verstört am Boden hin. Magelone zog sie mit sanfter Gewalt vorwärts.
„Komm," sagte sie nun endlich freundlich, „wir wollen tbn_ nicht länger warten lassen. Ich wette, du wirst nach dieser Aussprache mit Ruhland ganz anders denken über ihn und die Ehancen, die er dir bietet, als jetzt."
Do widersprach nicht mehr. Willenlos ließ sie sich weiter führen. Sie war noch ganz betäubt durch das gehörte und am meisten durch Magelones Anspiegelungen auf „andere Hoffnungen".
Großer Gott — ahnte denn Magelone, was in ihr vorging? Aber sie hatte noch nie Hofs»
nungen daran geknüpft! Sie wußte doch, daß Rüdiger Magelone liebte ...
Da trat ihnen Waldemar schon entgegen. Verwirrt erwiderte sie seinen Gruß. Sie betraten die Eremitage. Und auf einmal merkte Do, daß Maglone vetschwunden tvar
In namenloser Verlegenheit wagte sie kaum den Blick vom Boden zu heben. Das Herz schlug ihr bis in die Schläfen, in ihren Ohren war ein Brausen, und irgend etwas preßte ihr die Kehle zusammen, daß sie kaum atmen konnte.
Aber allmählich wurde sie ruhiger. Waldemar Ruhland sprach so ernst und liebevoll auf sie ein.
Er erzählte ihr von seinem Leben, von Wil- helminenruhe, von seiner Familie und wie er ein anderer Mensch geworden sei seit jenem Nachmittag, bä er sie an der Mouerbreche gesehen.
Einer, dem alles gleichgültig geworden fei bis auf den einen Wunsch: sic glücklich machen zu dürfen? Er wollte sic nicht drängen ihm heute schon ein Versprechen zu geben. Nur Vertrauen sollte sie ihm schenken. Nicht vergessen, daß sie keinen treueren Freund auf Erden habe als ihn- Wenn seine stürmische Leidenschaft sie anfangs erschreckt habe — und er fürchte, dies sei der Fall — so würde er sich in Zukunft beherrschen.
Er sprach auch von Frau Wenk, deren Bekanntschaft er später gesucht und die ihm viel aus Dos Leben erzählt habe. Stundenlang hätten sie in Monrepos auf der Hausbank gesessen und nur von ihr gesprochen . . .
Do hörte aus allen seinen Worten den warmen Herzenston heraus. Ja, er war doch wohl anders, als sie gedacht hatte. Kein dreister, sondern ein impulsiver, sehr, sehr guter Mensch.
Wie rührend, daß er Mau Wenk ausgesucht und Monrepos als den schönsten Ort erklärte, den er kenne!
(Fortsetzung folgt.)