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Dienstag Bett z. Movemver
Rr. 258
Politische Nachrichten.
Die Sowjets gegen die Gegenrevolution.
Me bet russische Korrespondent der „Jpu", der aus Moskau nach Petersburg zurückkehren mußte, infolge der inzwischen in Moskau herrschenden verschärften Kriegsstimmungen, mittelst, steht es mit der Autorität der Sowjetregierung zurzeit äußerst schlecht. Die im Lande herrschende Hungersnot ist von den Bauern provoziert und zwar auf geheime Anordnungen hin, die mit politischen Umtrieben der gegenrevolutio- nären Parteien im Zusammenhang stehen. Sowjetrußland wimmelt von ftemden Agenten, besonders von Abgesandten der Wrangelarmee, die sich meist bei den Bauern in den Steppen verborgen halten, damit sie von den Bolschewisten nicht entdeckt werden. Die Bauern sympathisieren stark mit Wrangel, der ihnen durch seine Abgesandten eine goldene Zukunft versprechen läßt. Daneben die geheime Agitation gegen die Bolschewisten ihre Wirkung und die zahlreichen Gerüchte, welche durch diese Propaganda über bolschewistische Greuel verbreitet werden, üben auf die Landbevölkerung, die den Krieg herzlich leid bat, eine geradezu frappierend« Wirkung aus. Die Bauern waren von der Sowjetregierung aufgefordert morden, wöchentlich bestimmte Mengen Getreide für die Städte und die Jndustriebevöl- kerung zur Verfügung zu stellen, das sie bis an Die nächsten Eisenbahnstationen liefern müssen, wo es von den Sowjetkommissaren in Empfang genommen wird. Die von diesen entsandten Güterzüge mußten wieder leer oder nur mit geringer Ladung zurückkehren. Die Bauern haben den größten Teil der Ernte vergraben oder in abgelegenen Wäldern versteckt. Vieh zum Schlachten lieferten sie überhaupt nicht mehr ab, sodaß dieses regelmäßig von den Sowjet-Kommissionen requiriert wird. In den von Truppen belegten Gegenden ist kein Vieh mehr vorhanden. Mancher Bauer hat die letzte Kuh hergeben müssen. Dadurch ist eine unbeschreibliche Erbitterung unter den Bauern entstanden, die noch erhöht wird durch eine geheime Agitation und deren Wirkung in politischer Hinsicht gegen Moskau. Jetzt hat die Sowjetregierung militärische Kommandos ernannt, welche im Lande umherreisen und die Bauernhöfe untersuchen, bei welchen Gelegenheiten den Bauern das Letzte, was sie noch besitzen, genommen wird. Sie erhalten dafür zwar Sowjet-Rubels, mit denen sie aber wenig anfangen können, denn war ihnen hauptsächlich fehlt, zur Viehzucht und zum Ackerbau, kann Rußland nicht liefern, sondern müßte vom Ausland durch die Sowjetregierung oder die Genossenschaften bezogen werden. Die Preise sind aber so hoch, daß kein Bauer daran denkt, derartige Anschaffungen wieder zu machen. Daher haben sich die Bauern auf den Geldschmuggel verlegt und schmuggeln die Rubel nach solchen Grenzgegenden, wosie ausländische Werte dafür erhalten können, die sie sich in Sicherheit bringen, aber keine Anschaffungen dafür machen. Auch blüht der Hantel in landwirtschaftlichen Produkten im geheimen, der ebenfalls Schmuggelhandel ist, weil die Waren sehr geheim transportiert werden müssen, damit sie nicht der Beschlanahme verfallen, wozu den Schmugglern dann noch die Todesstrafe droht. Die jungen Söhne der Bauern sind alle geflüchtet und befinden sich entweder in der Wrangel-Armee oder in Sibirien, wohin leichter zu kommen ist als von Moskau nach Petersburg oder Odessa. Dazu kommt noch die starke Korruption, die sich unter den Truppen bemerkbar macht. Umkaufbar ist heute jeder russische Soldat, wenn ihm der Preis nur verlockend erscheint. Russische Rubel muß man ihnen natürlich nicht anbieten, aber alles andere, was Wert für sie hat. Besonders versessen sind sie alle auf englische Pfund, das übrigens in ganz Rußland ' auch unter den Bauern eine geradezu geheimnisvolle Wirkung ausübt. Für drei Pfund kann man bei einem Bauern einen Monat lang leben and wird dazu noch sicher versteckt gehalten. Die Macht des fremden Geldes ist so stark, daß eben alles dafür zu haben ist. Die Sowjetregierung ist über die Lage genau orientiert und weiß auch, daß es in der Hauptsache an ihren eigenen Organen liegt, daß die gegenrevolutionäre Bewegung so stark werden konnte. Warnungen sind genügend an die Heereskommandanten wie an die örtlichen Verwaltungen ergangen, wurden aber auf beiden Seiten nicht beachtet. Nun greift man in Moskau zu Mitteln, die das geringe Ansehen der Regierung im Heere und unter den Arbeitern auch noch untergraben wird, denn die strenge Zucht ist nicht mehr beliebt. Der Sowjet-Soldat, der vor einem Jahre noch aus politischen Motiven blindlings gehorchte, hat dies verlernt, was vielfach auf di« Begleiterscheinungen im Polenkrieg zurückgeführt wird, wo die Truppen in etwas zu starker Mischung mit ftemden Elementen zusammen gebracht wurden, die ihnen andere Grundsätze lernten. Auch die übermäßige Siegesbe- wußih«it von Moskau, die bis zur Niederlage in Polen anhielt, ist Schuld daran, daß die Enttäuschung unter den Soldaten sich jetzt doppelt äußert. Die neuen Rüstungen und Einberusun- gen von Arbeitern aus den Fabriken haben die Verstimmung erhöht, weil man des Krieges müde ist und keine Aussicht sieht, daß das Ende bald bevorsteht. In Moskau wurde deshalb der verschärfte Belagerungszustand erklärt. Es ist fast unmöglich, sich auf der Straße zu zeigen, ohne angehalten zu werden. Auch die besten Ausweise helfen nichts mehr. Wer ein Gewehr tragen kann, wird eingebracht und zunächst wird seine politische Gesinnung einige Wochen lang geheim beobachtet. In Moskau befinden sich noch Kerntruppen der Sowjetregierung, die ebenso wie die Hjlwckorealwenter als die breitesten Truppen
gelten. Vor ihnen ist nichts sicher. In letzter Zeit war die Verwaltung etwas nachlässig geworden, sodaß sich auch der geheime Handel merklich ausbreiten konnte. Das ist mit einem Schlage wieder aufgehoben. Die Theater werden nur noch von Soldaten besucht. Auch alle übrigen Vergnügungslokale stehen fast ausschließlich den Truppen zur Verfügung. Die Arbeiter müssen Tag und Nacht für das Heer arbeiten, werden aber dementsprechend bezahlt, und die verfüg- baren Lebensmittel erhalten außer den Soldaten nur die Arbeiter. Um die übrigen Menschen bekümmert sich niemand Krankheiten und Seuchen gibt es in jedem Hause. Die Regierung hat ihre ganze Tätigkeit jetzt auf die Bekämpfung der Gegenrevolution gerichtet und das Mißtrauen ist so stark geworden, daß sich selber die Heerführer darüber beklagen. Von Moskau nach Petersburg verkehren nur Militärzüge, sodaß es nicht anders möglich ist, um dorthin zu gelangen, als daß man sich eine Uniform anzieht und mit dem nächsten Zuge mitfährt. In Petersburg ist es leichter, sich unter der Menge zu verbergen oder zu entkommen und an der Grenze Finnlands herrschen Verhältnisse, die vermutlich in Moskau noch nicht bekannt sind. In Petersburg halten sich auch zahlreiche Engländer und Amerikaner auf, natürlich ohne Wissen der Sowjets, da sie sonst verhaftet würden. Aber unter den ehemals bürgerlichen Familien, von denen die meisten sehr arm sind, findet man noch Unterstützung, wenn man ihnen Lebensmittel, oder Kleidung verschaffen kann, die auf Umwegen zu erhalten sind. Auch über Petersburg soll jetzt der verschärfte Belagerungszustand verhängt sein. Für Rußland erscheint als einzige Rettung die Oeffnung der Grenzen und die Wiederaufnahme des Verkehrs mit dem Aü-Sland«. Der Winter wird für Rußland schrecklich, so lautet das Urteil aller, doch menn es der Sowjetregierung gelingt, den Winter -u überstehen, wird sie auch im Frühjahr keinen Frieden annehmen, der gegen ihre Grundsatz« ist. Wrangel wird von Lenin noch sehr unterschätzt. Dieser russische Diktator sieht di« größere Gefahr noch immer im Nordwesten liegen, wo Polen nicht ruhen soll, bis es di« Nachbarstaaten unter seine Herrschaft oder Kontroll« gebracht hat. Das beunruhigt Moskau auch mehr als die Krim, wohin jetzt die von der polniscben Front kommenden Truppen gesandt werden, die Mangels weiter« Erfolge wohl aussichtslos machen werden.
Helsingfors, 1. Novbr. Man bestätigt, daß in Moskau schwere Unruhen ausgebrochen find. Mehrere rote Regimenter sollen gemeutert haben. Die Regierung in Moskau mußte aus Petersburg bolschewistische Tetackiements zur Wiederherstellung der Ordnung herbeirufen.
Eine bolschewistische Offensive?
Nach einer Meldung der Chicago Tribune aus Konstantinopel ist eine Offensive der bolschewistischen Armee auf der gesamten Front gegen General Wrangel «ingeleitet worden. Die ländlichen Bevölkerungen von Kuban und der Ukraine würden sich gegen die Bolschewisten erheben.
Deutsche Argeiler gegen den Klassenkampf.
Der am 23. Oktober 1919 gegründete Nationalverband deutscher Gewerkschaften hielt am Sonntag in Berlin seine erste Reichstagung ab, auf der der Vorsitzende des Verbandes, Herr Fritz G e i s l e r, eine Ansprache hielt, in der er u. a. aus führte:
Die bisherige Gewerkschaftspolitik war in ihrer Aufmachung gleißnerisch und anscheinend erfolgreich und war doch nichts weiter als ein großartiger Massenbetrug und als die tiefere Ursache der Versklavung und trotz aller hohen Löhne eingetretenen Verelendung der deutschen Arbeiter und Angestellten. Der 2ßeg des bisherigen Ge- werkschastswesens ist also ein Irrweg gewesen. Deshalb: los von bem falschen Wahn der Gleichheit des Wollens und des Könnens der Menschen und los von den sich darauf aufbauenden Forderungen nach Sozialisierung und Pazifismus, und los von der bisherigen Lohnpolitik, die unter dem Vorwande „sozial" den häßlichsten Gruppenegoismus ohne jegliche Rücksichtnahme auf andere Arbeiter, Angestellte und sonstige Volkskreise züchtete. Kein Zeitalter war unsozialer als das sogenannte sozialistische. Nach dem sozialistischen Metallarbeiterverband und Bauarbeiter-verband hat nun auch die „Afa" den Beschluß gefaßt, aus der Arbeitsgemeinschaft auszutreten. Die sozial- demokratischen Massen sind statt einer Masse von Brüdern ein wildes Meer von gegenseitigem Haß und von Verbitterung mit Tausenden von Gräbern aus Brüder- und Bürgerkämpsen geworden. In allem ist die sozialdemokratische Gewerkschaftsbewegung bankerott geworden. Die sogenannten „christlichen" Gewerkschaften sind stark auf dem Abrutsch zu ihnen. Neues Leben sproßt aber aus dem nicht mit der Zeit fortgeschrittenen, in seiner Wirkung reaktionär gewesenen, bisherigen Ge- werkschaftswesen. Die Arbeiter-, Angestellten- und Beamtenschaft beginnt aus den bisherigen Fehlern zu lernen.
Der Nationalverband Deutscher Gewerkschaften, bereits 150 000 Mitglieder stark, stellt als neues Gewerkschastsprogramm auf:
Der Nationalverband Deutscher Getverkschaf- ten hält grundsätzlich die Eigenwirtschaft für die den allgemeinen Kulturfortschritt, wie dem Wohle der Arbeiter und Angestellten am besten dienende Wirtschaftsform und ist beständig bemüht, diese zu größter Ergiebigkeit für das Gemeinwohl zu entwickeln, sowie zu möglichster Vollkommenheit im Sinne der christlichen Sittenlehre zu veredeln. Die angeschlossenen Verbände sind von der Erkenntnis durchdrungen, daß das Wohlergehen der deutschen Arbeiter und Angestellten von der poli- tifeben Machtstellung und -er Unabhängigkeit des
(Deutschen Reiches abhängig ist und deshalb eine nationale Gesinnung «rfordert. Die dem Nationalverband Deutscher Gewerkschaften angeschlossenen Verbände sind ferner der Ueberzeugung, daß diese die Arbeitnehmer und Arbeitgeber verbindenden gleichlaufenden nationalen und wirtschaftlichen Interessen schwerwiegender sind als Meinungsverschiedenheiten über die Verteilung des Arbeitsertrages und daß ein möglichst friedliches Zusammenarbeiten aller Erwerbsstände unter Anteilnahme der Arbeiter und Angestellten am Besitz und am Gewinn der Unternehmungen, das Wohlergehen der Arbeitnehmerschast besser fördert als der Klassenkampf. Die dem Nationalverband Deutscher Gewerkschaften angeschlossenen Verbände erstreben deshalb die Vertretung der wirtschaftlichen, geistigen und sozialen Interessen ihrer Mitglieder möglichst auf dem Wege ftied- licher Verständigung, erforderlichenfalls bedienen sie sich aber auch der anderen gesetzlichen Mittel. Der Nationalverband Deutscher Gewerkschaften ist parteipolitisch und konsessionell neutral.
Helfen kann Deutschland und seiner Acbeiter- und Angestelltenschaft nur eine geistige Erneuerung in dem Sinne, daß künftig jeder Arbeiter, Angestellte und Unternehmer, wie alle anderen Volksgenossen ihre Arbeit und ihre Interessenvertretung stets nur noch in her sozialen Erkenntnis tun: Gedenke, daß du ein Deutscher bist.
Gegen die Sozialisierung.
Der Nationalverband deutscher Gewerkschaften faßte einstimmig einen Beschluß, ber die Sozia- lisierung der Kohle oblehnt, da nicht zu" erweisen ist, daß durch sie eine Steigerung der Produktion und'eine Herabsetzung der Kohlenpreise erreicht werden könne, vielmehr ba§ Gegenteil zu befürchten sei.
Deutsche protestiert!
Me Entente verlangt von uns neuerdings: 100 000 Stiere,
11150 sonstige Rinder,
52 000 Zugochsen, 810 000 Milchkühe
sofort an Frankreich, Italien, Belgien und Serbien abzuliefern. Auf die Forderung kann es nur eine Antwort geben: Unerfüllbar! Kein Deutscher, welcher Parteirichtung er auch angehören mag, kann eine andere Antwort haben, wenn er sich und seine Volksgenossen nicht selbst hinmorden will.
Die Abgabe von 810 000 Milchkühen — bei den ersten Ablieferungen hat der Feind nur das erstklassigste Zuchtvieh übernommen, das andere ihm vorgestellte zurückgestoßen — tötet das Kind im Leibe der deutschen Mutter, gibt den durch die jahrelange Unterernährung im Mark getroffenen Nachwuchs vollends ber Vernichtung preis. Durch die Abgabe der Milchkühe würden wir um die Möglichkeit gebracht werden, unsere Rindviehbe- stände in den nächsten drei bis vier Jahren zu ergänzen.
152 000 Zugochsen und werdende Zugochsen (Stiere) sind wegen des Pferdemgngels und des Mangels an Betriebsstoff zu mechanischen Pflügen, unsere tierischen Helfer bei der Acbkrbestellukig und dem ländlichen Transport. Wir können sie als Zugtiere nicht entbehren, wenn unsere durch den notgedrungenen Raubau heruntergewirtschaf- teten Aecker nicht gänzlich veröden sollen.
Die Mengen der von uns insgesamt geforderten Rinder bedeuten aber auch eine Fleisch- und Fettreserve, die die kümmerlichen Reste unserer Fleisch- und Fettversorgung tragen hilft. Das sind unbestreitbare Tatsachen. Wenn es ein Weltgewissen gibt, von dem uns in unserer Not so häufig erzählt worden ist, dann müssen die Menschen in der Welt auf stehen gegen ein so furchtbares Ansinnen, ob Feind oder Neutral, und müssen mit uns den feindlichen Machthabern das non possumus entgegenstellen; denn wir können uns durch unsere Unterwerfung unter das Diktat nicht zum eigenen Henker an uns und unseren Kindern machen.
So stumpf können und dürfen wir noch nicht sein, daß wir uns in diesem Falle nicht aufbäumen gegen den feindlichen Verntchtungswillen. Wenn je für unser Volk eine Veranlassung war, einig zu sein in grimmiger Ablehnung, dann ist sie jetzt durch diese Forderung gegeben.
Deutsches Volk, erhalte deine Art, lasse dich nicht ausrotten. Du siehst, der Feind will nicht nur deine Arbeitskraft, dein Hab und Gut, er will, da er deinen Geist nicht toten kann, deinen Körper, deine Nachkommen morden.
Wer organisiert die deutsche Menschheit, auf daß der Abwehrruf allen Kulturträgern der Welt ins Ohr gelle?
Letzte Drahknachrichlen.
Die Wiedergutmachttnqsfraqc.
Paris, 2. Okt. Wie aus amtlicher Quelle verlautet, sind noch keine endgültigen Entscheidungen über die WiedergntmachungSfrage getroffen worden. Die Verhandlungen zwischen London und Paris werden fortgesetzt. Es scheint aber, daß in kürzester Frist wahrscheinlich in Brüssel eine Zusammenkunft zwischen den Sachverständigen desWiedergutmachungSansichusses und den deutschen Vertretern stattfinden wird. Sobald diese Sachvcrständsgenkonferenz ihre Entschließungen mitgeteilt hat, wird wahrscheinlich in Genf eine ähnliche Konferenz wie in Spa stattfinden.
Das „Journal" schreibt hierzu: Diese neue Kon ferenz besagt nichts, wenn sie nicht sagen will, daß England seinen Standpunkt verläßt. Alle anderen Fragen sind von untergeordneter Bedeutung und es interessiert lediglich, ob die Alliierten bereit sind, eine praktische Lösung zu suchen und diese Deutschland auf- zuzwingen. Alle an eren Methoden würden nur zu einer Enttäuschung führen.
Eine wichtigeErNärungDentschlandserwartet
Ipu. PariS, 2. Nov. Innerhalb der französischen Regierung besteht hartnäckig das Gerücht, als ob die deutsche Regierung sich mit dem Vorhaben^ trage, in
aller kürzester Zeit den Alliierten in einer Note die wirtschaftliche unb finanzielle Lage Deutschlands als hoffnungslos darzustellen und die Aufhebung, bezw. Abänderung des Versailler Friedensvertrages M fordern. Sowohl von Berlin als auch aus Privat- kreisen sind der französischen Regierung Mitteilungen über einen derartigen Plan zugegangen. Die A» ordnungen der Regierung, die m i l i t ä ri s ch e See stärkungen betreffen, sollen auf die Gerüchte hin erfolgt sein (natürlich liegt nichts näher als der Gedanke einer Besetzung. D. Red.) und es heißt an den betreffenden Stellen, wo sich fremde diplomatische Vertreter erkundigt haben, daß Frankreich den Gerüchten ^war keinen Glauben schenke, aber dennoch auf alle Fälle vorbereitet sei, um seine Interessen zu schützen^
Russische Protestnote an England.
London, 1. Nov. Krassin hat heute dem briti«' schen Auswärtigen Amt eine Abschrift der Note der Moskauer Regierung zngestcllt. Worin dagegen Ein. sprach erhoben wird, daß britische Kriegsschiffe Befehl erhielten, die bolschewistischen U-Boote im Schwarzen Meere und in der Ostsee amugreifeu, da sich bit Moskauer Regierung nicht als im KriegSzustand mit Großbritannien befindlich betrachte« Eine andere Note protestiert gegen die Streifzüge der Streitkräfte von Beranowitsch und Petzjura in Weißrußland und der Ukraine und verlangt, daß die englische Regierung die Operationen der Genannten nicht unterstützt oder be- günftigt
Neue Unruhen in Jrkanl».
Loudoi», 1. Nov. Renter meldet amtlich an, Dublin: Am Sonntag abend wurden auf Polizei und Militär in Irland 14 Angriffe ausgeführt. 6 Polizisten wurden ermordet, 8 verwundet, von Militär- personen wurden 2 verwundet. — Der Nieuwe Notier, damsche Eourant meldet aus London: Der 19jährige Student der Medizin, der in Dublin wegen Teilnahme an einem Angriff auf die Polizei zum Tode verurteilt worden war, ist heute vormittag gehenkt worden. Man sieht in ihm einen neuen Märtyrer für die irische Sache. Gestern abend beteten Tausende vor seinem Gefängnis.
London, 1. Nov. Zur Vergeltung von Angriffen auf die Polizei wurden gestern abend an verschiedenen Ortschaften Irlands scharfe Repressalien ausgeübt In Tralee wurde die Landeshalle niedergebrannt und zahlreiche Geschäftsläden durch Bomben und angelegtes Feuer zerstört. In Tipperary wurde die Ortschaft Bellydriff Kerry teilweise zerstört.
Paris, 2. Okt. Nach einer Times-Meldung au» Dublin wurden dort neue Attentate verübt Nach einem offiz^ellen Bericht sind in der Nacht vom Sonntag zum Aiontag 52 Polizisten angegriffen worden. In einem Bezirke wurde 1 Polizeiinspektor und 5 Polizisten getötet und 8 verwundet. Eine Gendarmerickaserne wurde genommen und die Gendarmen entwaffnet.
— Eine Weltkonferenz der Neukommunisten. Laut „Freiheit" hat die Zentralleltung der U. S. P. D. beschlossen, Vertreter von revolutionären sozialistischen Parteien der ganzen Welt, die aus der zweiten Internationale ausgetreten sind, zum 5. Dezember zu einer Konferenz nach Bern ein- zuladen.
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Aus aller Well. Ist lehrers. Einen Blick hinter die Kulissen des Groß- schiebcrtums öffnete eine Verhandlung der Strafkammer I des Landgerichts Smiberftabt gegen den katholischen VolkSschnllehrer Richardt wegen Betrugs. Er soll im Inst bis September 1919 in Halberstadt der Eisenbahnverwaltung gestohlene Waggons mit Speck, Zigarren und Zigareiten im Gesamtwerte von IVi Millionen Mark mit Hilfe anderer unbekannter Täter verschoben und den Verdienst eingesteckt haben. Rcchardt, dessen Frau ein Vermögen von 60 000 Mk. mit in die Ehe brächte, spekulierte bereits in früheren Jahren mit diesem Gelde und beteiligte sich auch an anderen Unternehmungen, wobei anscheinend das (Selb verloren ging. Durch seinen Freund, den Kaufmann Rombeck, erfuhr er, daß er durch Schiebergeschäfte seine mißliche Lage wieder heben könne. Der Angeklagte hat nun durch Fälschung von Frachtbriescu unter Beihilse ungetreuer Eisenbahnbediensteter vier große Sendungen Speck, Zigarren und Ziggretten verschoben. Der Angellagke bestatt, sich strafbar gemacht zu haben, er schob alle Schuld einem anderen, mit Namen Wittkeniper, zu. Der Staatsanwalt beantragte gegen Niamrdt 3'/» Jahre ZuchrhauS, das Gericht er» kannte nach 12 ständiger Verhandlung auf 2 Jahre Gefängnis, 12 000 Mark Geldstrafe und 5 Jahre Ehrverlust.
Der eiugeschlafene Geschworene. Ein nicht alltäglicher Zivifchensall ereignete sich in einer Sitzung »es PoiSdamer Schwurgerichts. Zur Verhandlung stand ein Antrag wegen versuchter Tötung gegen vier Angeklagte, die sich bis nach Müternacht hinzog. Rcchtsanwa'.t Schröcer-PotLdam stellte fest, daß während der Verlesung des Beschlusses der Geschworenen ein Geschwüre, er mehrmals eingenickt sei. Er bean» tragte, diesen Vorfall zu protokollieren. Der Staats- anwalt schloß sich dem Antrag an. Darauf folgte die ProtokoUicvuug des VorjalleS. Der betreffende Geschworene wurde am nächsten Tage bei der Auslosung von der Staatsanwaltschaft abgelehut.
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Die größte Höhle Deutschlands. Umnittelbüt am Kyffhäuftrgebirge, das bekanntlich von dem vom Kyffhäuftrbunde der deutschen Landes- Kriegerverbände erichteten Monumentalbau des Kaiser Wilhlem-Denlmals gekrönt wird, befindet sich in der Nähe von Ufftrungen eine seit Jahc- Hunderten bekannte Gipshöhle. Die Höhle war bisher nicht zu begehen. Umfassende Auftäu- mungsarbeiteu, die Anlage von Wegen mlv Treppen, elektrische Beleuchtung usw. haben er jetzt ermöglicht, die Höhle dem öffentlichen Ve> kehr zu erschließen. Die Höhle, die weites Aufsehen erregen wird, ist mit allen Seitengalerie« und Verzweigungen über 1000 Meter lang und bis zu 15 Meter breit und 10 Meter hoch. Sie darf als die größte und imposanteste Hbhir Deutschlands, sogar als die größte bekannt« Gipshphle der Welt augesprochen werden. Dj« Höhle führt den Namen „Heimkehle". Eine zwert« Höhle, die sich im Kyffhäusergeblrg« befindet und die dem Verkehr schon seit einer Reihe von Jahren erschlossen ist, führt den Namen „Barbarossahöhle". Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dar das monumentale Kaiser Wilhelm- (Kyffhäuseo) Denkmal am 18. Juni 1921 auf eine 2Sj2hrisi» Bestehen zurückblicken bum.