Einrückungsgebü br:Die8ge!v.Kolonelzeileod. deren Raum 1.— Mk^ die 4gefp. Zeile i. Reklame- teil 3.— Alk., L5°!->Teuerungszukchl. Offertaebübr 30 Pfg. Besuaspreis: Vierteljährlich 12.90 Mk., monatl. 4.30 Mk.. Hit Postbezug vierteljährl. 12.90 Mark, monatl. 4.30 Mk. Die Nummer 20 Psg.
Pwtickeck-Konto Nr. 26659. Frankfurt a. M.
General-Anzeiger
AmMches Organ Wr SlüZ!- und LanZkreis Kamu
Erscheint täglich ml! Ausnahme ba Sonn« und Feiertags
!* Verlagsleitung: Ad. Indermüble.
Verantwortlich: für oolttiiäen und allgemeinen TerlRich.Sulischrfur lokalen und provinzielle« Teil lotote Sport W. Montz: für Anzeigen und Reklamen A. Brodt. alle in Hanau L M.
J Rotationsdruckd.Waisenhausbuchdruckerei öanau L_ Fernsprechanschlüsse Nr. 1237 und 1288
^
•^JT^-^**^'- '.-""I^r'hL: -/ $®®j&Ä5&ttfi£^^ WD£?;(ifJl^*5w?^^Xil ^-i^^r •- ■ ^y^^*^*^;;^^ ‘^v. ^^^ ^ ’ - '/^^:1‘*^'" T^^J^Lt?^’;*^?!?^^ '"^^"'' ^'^' ^^^^^ " - '' " '"i^^‘‘~**t^*^‘?y^®^'~*^^**'^^^^ **-&J fF'-t^+ZSR&Sfö'./ t^i.^£-%^ t^-a.' ^NDi.^?^»^ ^-^ ^^^'^^..'?^^^^tz^g^
Nr. 238 Samstag den 9. Oktober 192@
——.—».^M»aiit~-<«»---^»iMMiM«.«i»M«m»M^UM.aM»^uiMJMMit»Mimw^gLMW3w^^
Das Neueste.
— Die Finanzkonferenz Brüssel hat gestern ihren Abschluß gefunden.
->- Der Streit im Berliner Zeitungsgewerbe dauert weiter an-
— Eine Ententekommission teilte einer AugS- burger Fabrik mit, daß voraussichtlich alle Diesel- motore zerstört werden müßten.
— In London finden Verhandlungen russischer Politiker der früheren Zarenregierung statt, um eine neue russische Regierung zu bilden.
— Der Friede zwischen Polen-Litauen ist ,Unterzeichnet worden.
Es dämmert
Ein neues Bekenntnis, das uns zeigt, daß die Einsicht zu tagen beginnt, hat soeben der sächsische Wrtschastsminister Schwarz, der der f 0 = zialdemokratischen Partei angehört, und möglicherweise nach den Neuwahlen Ministerpcä-' fibent werden wird, abgelegt. In einem Vortrag in einem Dresdener Vorort betonte er, daß die heutige Lebenshaltung trotz höherer Löhne gegen- * über dem Frieden wesenttich schlechter sei. Die wirtschaftliche Krise sei international. Auf die Solidarität der französischen Arbeiter zu rechnen, fei ein Trugschluß, weil selbst die radikalen fran- zösischen Arbeitergruppen nur der demokratischen Partei in Deutschland gleichkommen. Gerüchte über die marschierende Weltrevolution seien falsch. Deutschland habe von Rußland nichts zu erwarten. Das Sowjetsystem werde über kurz oder lang zusammenbrechen. Deutschland sei völlig auf sich selbst angewiesen. Die Sozialisterung, zu der im übrigen die deutsche Arbeiterschaft noch gar nicht reif sei, könne vorläufig keine Besserung des Wirtschaftslebens k .bringe Sie müsse MnzKM Mfetzen,,M^L ' Kohlen-, Kali- und Stickstoffgewinnung. Dre Enteignung der übrigen wichtigen Betriebe ergebe sich dann von selbst. Die Kartoffelpreise seien viel zu hoch. Die Schuld daran trage lediglich die Anreiznngspolitik her Reichsregierung. I Ein Machtwort in der Kartoffelpreisftage zu sprechen, sei ihm, dem Minister, unmöglich, da er seinen Worten nicht den nötigen Nachdruck verleihen könne. Das Einheitsbrot, das demnächst in Sachsen eingeführt werde, habe er gegen die Vor- vürfe und • Beschwerden der Arbeiterschaft aus sen Ueberschußgebieten durchsetzen müssen. Daran erkenne man, daß auch unter der deutschen bezw. sächsischen Arbeiterschaft von Solidarität e i g e n t l i ch w e n i g d i e R e d e sei. Dasselbe L zeige sich bei den landwirtschaftlichen Arbeitern.
Ihm hätten z. B. Verträge Vorgelegen, wonach in manchen Bezirken landwirtschaftliche Arbeiter jährlich 52 Zentner Getreide als Deputat erhalten. Daß dieses Getteide nur den Weg des Schleichhandels gehe, sei klar. Mit Milch usw. sei es nicht anders. Zum Schluß meinte er, daß eine neue Revolution keine Lebensfähigkeit haben würde. Nach vier Wochen -vürde sie zusammenbrechen, da das internationale Kapital dafür sorgen würde, daß Deutschland wirtschaftlich vollständig zugrunde gehe.
Regierung und Sozialisterung.
In der gestrigen Sitzung des wirtschaftspoli- tischen Ausschusses des Reichs Wirtschaftsrates beantwortete der Reichsschatzministec die Anfrage !>es Verlagsdirektors Bernhard über die derzeitige Stellung zur Sozialisierungs- 'rage folgendermaßen: Die Frage ist wohl verursacht durch die Diskussion, die in den letzten Tagen sich in der Presse über die Stellung ein- stlner Regierungsmitglieder zur Sozialisierungs- stage entsponnen hat. Ich benutze die Gelegenheit gern, um hier die Stellung der Regierung und der betteffenden Kabinettsmitglieder einwandfrei slarzustellen. Das Kabinett hat seine Stellung gegenüber bem Sozialisierungsproblem in der vorher genau vorbereiteten Erklärung festgelegt, die der Reichsarbeitsminister in der Reichstags- vtzung vom 5. August abgegeben hat. In der Er- i.ärung ist gesagt worden: der Redner der U. S. P. und seine Fraktionsgenossen mögen nur ja ^jcht glauben, daß die Regierung von heute der Frage der So-ialisierung aus dem Wege gehe, ^er Rcichswirtschastsrat hat sich bereits in der Atzung vom 24. Juni fast einstimmig auf den ~ Endpunkt gestellt, daß die Kohlen Wirtschaft nach sZnemwtttschaftlichen Gesichtspunkten zu ordnen ^V unter gleichzeitiger Heranziehung der Berg- s '-^ter und Angestellten zu den mitverantwort- ' en Trägern dieser Wirtschaft. Ich bin nun k uoeytigt zu erklären, daß die Reich^regierung stlls auf dem Boden dieses Beschlusses steht.
e hat den Reichswirtschaftsminister unverzüg- > । v raustragt, die Weiterverfolgung der Ange- ^«cheit zu betreiben, sobald der im Laufe des Uuabers zu erwartende Bericht der Soziali-
sterungskommissiou vorliegt, Art und Form der Sozialisterung werden sich aus der Notwendigkeit ergeben, die deutsche Kohlenwirtschaft in der Richtung größter Produrtionssteigerung und Wirtschaftlichkeit zu entwickeln- Mit der Hervorhebung dieses Gesichtspunktes befindet sich die Reichsrogierung ebenfalls in völliger Uebereinstimmung mit dem Beschluß des Reichswirtschaftsrates vom 24. Juni. Das Kabinett faßte dann den Beschluß vom 22. September, dessen Wortlaut amtlich wie folgt mitgeteilt worden ist: Schließlich trat das Kabinett in die Erörterung der Sozialisterungsftagen ein und beschloß einstimmig, den Reichswirtschaftsminister zu beauftragen, auf der nun vorliegenden Grundlage W Berichtes der Sozialisierungskommission, umgehend den Entwurf eines Gesetzes über die Soziali- sierung des Bergbaues vorzulegen. Der Kabinettsbeschluß ist vollkommen klar. Er beauftragte, nachdem nunmehr die Berichte der Sozialisierungskommission Vorlagen, im Einklang mit der Erklärung vom 5- August den Reichswirtschaftsminister, einen Gesetzentwurf über die Soziali- fierung des Bergbaues vorzulegen. Die Worte „auf der nun vorliegenden Grundlage des Berichtes der Sozialisierungskommission" bedeuten selbstverständlich nicht eine Identifizierung mit den Beschlüssen dieser Kommission. Das wäre auch logisch ausgeschlossen, weil zwei divergierende Vorschläge und vier Sondervoten vorliegen. Was die Regierung bringen wird, wird eine durchaus selbständige Vorlage sein. Es wurde nun versucht, aufgrund der Weimarer Leitsätze der Deutschen Volkspartei einen- Gegensatz zwischen den aus dieser Partei hervorgegangenen Ministern zu -dem Gesamtkabinett zu konstruieren. Auch das ist verfehlt. Die Leitsätze sagen im wesentlichen lediglich folgendes: 1. Die Fraktion steht auf dem Boden der Regierungserklärung vom 5. August. 2. .^Hw, iezUiüert wexden, Sozialisievung Wirtschafts fördernd wirkt. 3. D:e Foattion ist bereit, jede produktionsfördernde Maßnahme zu unterstützen und tritt mit positiven Vorschlägen hervor, sobald die Vorlage der Regierung vorliegt. Diese Leitsätze bringen die aus meiner Partei hervorgegangenen Minister nach unserer Ueberzeugung in keinerlei Gegensatz zu dem Kabinettsbeschluß. Das Kabinett steht auch heute nach wie vor geschlossen auf dem Boden der Erklärung vom 5. August und seines Beschlusses vom 22. September.
Berlin, 8. Oktbr. In der Nachmittagssitzung des Wirtschaftspolitischen Ausschusses des Reichs- Wirtschaftsrates wurde zunächst ein ständiger Unterar^schuß' für Außenhandels fragen ^eingesetzt. Sodann begründete Zeitlin vom Schrift- stellerverband einen Antrag, der Maßnahmen zur Behebung der Notlage der deutschen Wissenschaft fordert. Der Vorsitzende Direktor Krämer teilt mit, daß die deutsche Industrie beschlossen habe, zugunsten der deutschen Industrie einzugreifen. Schließlich würde ein besonderer Ausschuß für den erörterten Zweck eingesetzt. Beim Reiche soll beantragt werden, anstatt 20 Millionen 40 Millionen in den Reichsetat einzustellem
Industrie und Sozialisterung.
Der Vorstand des Reichsverbandes der deutschen Industrie hat in seiner letzten Sitzung zu den Vorschlägen der Sozialisierungskommission nach eingehender Prüfung in folgender Entschließung Stellung genommen:
Beide Vorschläge entsprechen nicht den Haupterfordernissen, daß durch sie die Hebung der Förderung mit Sicherheit erreicht und auf jeden Fall die Erzeugnisse der deutschen Volkswirtschaft vor fremdländischer Beeinflussung geschützt werden.
Der Reichsverband der deutschen Jndusttie hält dafür, daß durch Beratung der Frage in den sachverständigen und zuständigen Körperschaften des Reichswirtschaftsvats und des Reichskohlen- rats Grundlagen für eine Ausgestaltung der Kohlenwirtschaft gefunden werden können, die vor allen Dingen dem für die deutsche Volkswirtschaft unerträglichen K 0 h l e n m a n g e l in kürzester Frist abzuhelfen geeignet sind.
Die Stimmung der Ruhrbergleute
Duisburg, 8. Oktbr. Aus Bergarbeiterkreisen wird der sozialistischen „V 0 I k s st i m m e" geschrieben: In der Werkspresse bringt man in den letzten Tagen bald aus diesem, bald aus jenem Ort Nachrichten, die einen baldigen Vutsch von feiten der Bergleute ankündigen. Diese Meldungen verkünden, daß sich augenblicklich viele Russen und Polen im Industriegebiet aufbalten, die aus dem bolsibewikischen Propagandafonds unterhalten würden und die Bergleute zu neuen Unruhen aufzuputschen versuchten. Von „vielen" Russen und Polen kann gar keine Rede sein, wohl von einigen moskowitischen Wanderrednern, die kommunistischen und moskowitischen Irrwahn
verzapfen möchten, die jedoch keinerlei Anklang finden. Wo sie eigne Versammlungen zu veran- stalten suchen, bleiben- die Besucher aus. Selbst in Hamborn, der einzigen Stadt, in welcher nach dem Urteil Klara Zetkins das Proletariat „reif" ist, ernten sie nur noch Hohngelächter. Für Moskau und erst recht für Putsche herrscht unter den Bergarbeitern absolut keine Stimmung, und auch die übrige Arbeiterschaft will von dem Wortradikalismus, den revolutionären Maulhelden nichts mehr wissen. In Sterkrade haben die christlichen Gewerkschaften bei den Gewerbegerichtswahlen nur deshalb so glänzend abgeschnitten, weil von selten der .freien Gewerkschaften „Märzhelden" als Kandidaten ausgestellt wurden. Arbeiter, die nicht zu den christlichen Gewerki^-^ten gehörten, erklärten, man könne ihnen nicht zinnuten, Leute zu Richtern zu wählen, die im März jegliches Recht mit Füßen getreten hätten. Es bestehe unter den Bergarbeitern nicht die mindeste Stteikstim- mung. Um so notwendiger ist eS, den 'russisch- polnischen Enten in der Werkspresse möglichst schnell den Hals umzudrehen-, damit keine unnötige Beunruhigung entsteht.
Derrlsch-französischs Verhandlungen.
Berlin, 8. Okt. An unterrichteter Stelle wird über die deutsch-französischen Verhandlungen, wozu verschiedene Aeußerungen der ftanzösischen Presse bor« liegen, folgendes mitgeteilt:
Dem französischen Botschafter Laurent wurde bei seiner Abreise nach PariS durch Minister Simons eine Aufzeichnung übergeben, die vorschlägt, inoffizielle Besprechungen zwischen deutschen und französischen technischen Sachverständigen über die Frage der Reparationen und die Finanzprobleme stattfinden zu lassen. Entgegen anderslautenden Mitteilungen ist bisher mit den Verhandlungen noch nicht begonnen worden. Franzöfischerseits erfolgte auch noch keine Mitteilung über eine etwaige Stellungnahme su den deutschen Anregungen. Deutsche feste Vorschläge für die Er- n^erung des Problems, die man schon jetzt als um oiZ.ütabel bezeichnen Hintr, liegen nicht vor. Zu der deutschen Aufzeichnung find lediglich die äußeren Formen der Besprechungen skizziert und die Unterlagen bezeichnet, wovon dabei'ausgegangen werden könnte. Wenn franzöfischerseits andere Vorsch äge gemacht werden sollten, werden diese geprüft. Es heißt den Geist der deutschen Vorschläge verkennen, wenn man sie sich gewissermaßen als Vorbereitung des Spruches der ReparationSkommission bentt. Deutscherseits ist wiederholt betont worden, daß die Erörterungen nur der VorbereitungderinternationaleuKon- f e r e n z dienen sollen, auf die Deutschland nach den Zusicherungen in Spa Anspruch hat.
PariS, 8. Oft. (Havas.) Der ftanzösische Botschafter Laurent hatte gestern mit dem Ministerpräsidenten Leygues eine Unterredung über die deutschen Vorschläge in der WiedergutmachungSfrage. Laut „Petit Parisien" soll am Schluss: der Unterredung Leygues gesagt haben, es sei richtig, daß die deutsche Regierung dem französischen Botschafter ein Schema des Programms unterbreitet habe, das sie für die Wiederherstellung der verwüsteten Gebiete in Frankreich ausgestellt habe, sowie über ihre Entschließung, die Entschädigung in Natura zu bezahlen. Dieie Vorschläge seien aber nicht annehmbarer als die in Spa gemachten, denen sie sich übrigens sehr nähertem
Der „Petit Parisien" berichtet ferner, Bergmann stehe augenblicklich mit der Wiedergntmachungskommis- sion in Fühlung. Er werde wahrscheinlich in Kürze von Leygues empfangen werden und man dürfe die Vermutung aussprechen, daß seine Vorschläge von dem Schema, welches Laurent in Berlin unterbreitet wurde, wenig, verschieden seien. Nichtsdestoweniger dauerten die -Verhandlungen an, um zu einem praktischen Ergebnis zu gelangen. Es sei wahrscheinlich, dast-man in allen strittigen Punkten das System der Befragung technischer Delegierter in Anspruch nehmen werde, deren Ergebnis der WiedcrgutmachnngSkommission vorgelegt werde.
Die WieSergulMachungsfrage.
Paris, 8. Okt. Wie das „Echo de Paris" mit» teilt, hat die französische Regierung von der englischen Regierung eine Note erhalten, in der Lloyd George erklärt, die Mächte hätten sich verpflichtet, sich Sei einer kommenden Konferenz, die sich mit der Wiedergut- machungSfrage beschäftigen solle, durch Sachverständige vertreten zu lassen. Sie billigten auch den Vorschlag, diese Konferenz auf den 12. Dezember festzusetzen. Weiterhin wird in der Note vorgeschlagen, eine technische Konferenz abzuhalten, und zwar sollte diese den Charakter einer internationalen Kongresses Habcu. Diesem Kongreß solle die Konferenz von Genf auf dem Fuße folgen, auf der die Pläne für ein endgültiger Abkommen fertig.reff eilt werden könnten.
Zu diesen englisch-französischen Verhandlungen hin- sichilich der Senser Stonfereng und hinsichtlich einer Zusammenkunft des englischen Dkinisterpräsidenten mit Delacroix, hebt die „Deutsche Allgemeine Zeitung" in einer eigenen Drahtmeldung hervor, daß die Pariser Blätter hoffen, daß sich Delacroix vor dieser Zusammenkunft mit dem Quai d'Orsay in Verbindung setzen werde. Die französische Negieruug, so heißt es weiter, werde dem Konferenzplan wahrscheinlich keinen un« überivindlichcn Widerstand entgegensetzen, werde jedoch vermutlich zwei Bedingungen für ihre Einwilligung formulieren:
1. Jede Vereinbarung mit Deutschland hinsichtlich der Entschädigung müsse die Möglichkeit des Zurück- greifens auf Zwangsmaßnahmen umfassen für den Fall, daß Deutschlcuiü die Vercinbarunaeu nicht erfüllt.
2. Bevor die Verhandlungen in Genf beginnen, müßten sich die alliierten Regierungen auf ei« gemeinsamer Programm einigen.
Der Totentanz der Mittrarden.
Es tanzt einem vor den Augen — schreiüt ein Volkswirt im Luzerner „Vaterland", wenn man das Finanzexposee- liest, das neulich der deutsche Finanzministec Wirth im Kabinettsrate vorgetragen hat. Es sind so ungeheuerliche Ziffern, daß einem unwillkürlich das Wort Staatsba-nkeroü in den Mund kommt. Wein der Staats bankerott hätte keinen Sinn, weil alle dies« Milliarden dem Volke selbst geschuldet sind, weil der Staats- bankerott nicht wie Vorgängen dieser Art auswärtige Gläubiger trifft sondern das eigene Volk, alle Kassen öffentlicher und gemeinnütziger Art, den ganzen Versicherungsapparat zum Beispiel ruinieren würde. Deutsche Blätter schreiben: Des Horror bacui erfaßte den Minister bei dem Stic in den Abgrund, und er schrie auf. Er versuchte die Ausgabe zu bremsen, aber neue Einnahmequellen stehen, soweit er auch um sich schaut, kaum offen. Selbst die teilweise Einziehung des Reichsnotopfers in Verbindung mit einer Zwangsanleihe kann das Tempo der Wwärtsentwicklung vielleicht um wenige Grade verlangsamen, aber keineswegs aufhalten. Die Notenpresse wird weiter bei Tag und bei Nacht arbeiten müssen, um das notwendige „Geld" für die Ausgaben des Reiches zu schaffen. Die dafür hinterleaten Schatz- anweifungen, weitere schwebende Kredite, fuib ja nur eine fingierte Deckung.
Der Papiergeldumlauf betrug am 30. Juni 1914 2,7 Milliarden Mark, am 31. Oktober 1918 26,7 Milliarden Mark, am 23. April 1920 60,3 Milliarden Mark
am 15. September 1920 72,0 Milliarden Mark
Auch hier dasselbe zunehmende Geschwindtempo ohne Aufenthalt, nachdem der Karren einmal der Berg abwärts zu.roll ew besonnen hat. ^
Und man fragt: Was nun? — Und man hat keine Antwort, da der Staatsbankerott eine Antwort eben nicht geben kann. Wie es schon gesagt worden ist, ein deutscher Staatsbankeroft würde nicht nur Hunderttausende, sondern Millionen kleiner und tleinftec Existenzen zur Strecke bringen, würde die meisten Gemeinte-Provinzial- Verwaltungen, die Sparkassen und Banken, die ihre Lager mit lttiegsanleihc und Schatzanwei- fungen vollgestopft haben, finanziell vernichten und einen Wirrwarr und ein Elend hervorrufen, von dem man sich nur schwer eine Vorstellung machen kann. Das Ausland dagegen würde, mi; dem Versailler Friedensinsttument in der Hand, auch den letzten Pfennig herauspcessen und, um das und die Bezahlung der Wiedergutnmchungs- leistungen zu erzwingen, nicht nur die gesamte Finanzverwaltung Deutschlands in die Hand nehmen, sondern sich auch durch die Besetzung des Ruhrgebiets und die Uebernahme des Eisenbahnbetriebs Faustpfänder schaffen.
Und so gibt die öffentliche Meinung dem Finanzminister recht, daß nur die äußerste Einschränkung in den öffentlichen Ausgaben, besonders aucMn den seit der Revolution ungeheuerlich angewachsenen Besoldungen, und die äußerste Sparsamkeit helfen kann. Allein gerade bei den Bsamienlöhnungen wird man in ein Wespennest greifen. Nur die Reichtzeisenbahnverwaltung verlangt für dieses Jahr einen Zuschuß von 16 Milliarden, .wobei die Nachteuerungszulagen mit nahezu 10 Milliarden in begriffen sind. Würde nicht die Herabspannung die Revolution auslösen?
Der Milliardentanz! — Viele, sehr viele, die an Deutschlands Zukunft längst verzweifelten, sprechen von einem Totentanz. Und in der Tat, nie war der Leichtsinn und die Vergnügungs- und Genußsucht in der rohesten und tierischsten Form größer als heute. Den Menschen schwindelt vor den Milliarden — aber das Leben schwindelt munter weiter. Das ist vielleicht das größte Defizit, das der Moral. Alle, die heute aus Deutschland nach der Schweiz Zurückkehren — berichtet das dem Deutschen Reiche immer freundlich gesinnte deutschschweizer Blatt — erzählen von der' unglaublichen Vermaterialisierung der VaW- seele, die einmal so hochgemut und ebelfinnig war.
PoMrfche Tagesberichte.
— Aus dem Kärntener Gebiet- Der neuest« Versuch der Jugoslawen, auswärtig Stimmberechtigte von der Abreise abzuhalten, ist die Verbreitung der Nachricht, Körnten werde ohne^Ab^ stimmunz Oesterreich zugesprochen. Ein Telegramm solchen Inhalts mit fingierter Unterschrift ging sogar der Bezirkshauptmannschaft in . St. Veit zu. Im Abstimmungsgebiete fordern Flugschriften, die mit der falschen Unterschrift „Heimatdienst Kärnten!" versehen sind, auf, sich zum Proteste gegen den jugoslawischen Terrors sich der Abüimmuna zu enthalte»..