Einzelbild herunterladen
 
  

tzette 2

Freitag den 1. OttoLee

«t. 231

Hana«, 1. Oktober.

An unsere Leser!

Oberster Grundsatz desHanauer Anzeiger" war von jeher die reichhaltige Ausgestaltung und ediegen« Aufmachung desselben. Trotz Papier­rot, unter der wir furchtbar zu leiden hatten und auch heute noch weiter zu leiden haben, sind wir ^pn diesem Grundsatz nickt abgekommen, im Gegenteil, wir haben in der Absicht, die Lei­stungen desHanauer Anzeiger" auf allen Ge­bieten zu erhöhen, verschiedene Neuerungen Angeführt und Vorkehrungen getroffen, um unsere L^ser über alle wichtigen Tagesftag«n, sei es in der Politik, dem Lokalen, der Provinz, in Kunst und Leben, Sport usw. auf dem schnell­sten Wege zu unterrichten.

Als modern geleitete Zeitung bettachten wir diese schnelle Bedienung unserer Leserschaft unter Anwendung äußerster Sorgfalt, als eine unserer Hauptaufgaben, weshalb wir seit einiger Zeit -die einzelnen Ressorts ausgebaut und vervoll- konunnet haben. Unsere Leser werden infolge unserer drahtlichen Dienste auf schnellstem Wege über alle politischen Ereignisse im Reiche wie im Auslande unterrichtet; di« wich­tigsten Tagesftagen werden von uns in kurzen Leitartikeln beleuchtet, dabei immer das Ziel des

Aufbaues haltend.

Ebenso lokalen

unseres Vaterlandes vor Augen

sind wir mit dem Ausbau des und provinziellen Teiles

fortgefahren, sodaß wir Dank unserer vielen Mit­arbeiter auf dem Lande in der Lage sind, den Leser über all« Geschehniffe in unserer engeren und weiteren Heimat auf dein Laufenden zu "stillten. Was die Stadt anbelangt, so gilt unser höchstes Streben der Wiederaufrichtung unseres städtischen Gemeinwesens.

Der sportliche Teil steht allen Sport­arten zur Verfügung, da wir die Wiedergesun- dung unseres Volkes in der Pflege des Sportes erblichen. Dem Unterhaltungsteil so­wie dem Feuilleton wenden wir nach wie vor besonder« Aufmerksamkeit zu. So haben wir für unseren nächsten Roman einen unserer be- deutenbsten Erzähler der Jetztzeit gewonnen und im Feuilleton kommen Männer von Ruf zu Worte. Den Theater- und Konzert be- richten lassen wir besondere Sorgfalt ange­deihen; so ist es uns gelungen, für das Konzert- Wesen einen besonderen Fachmann zu gewinnen, besten Berichte dazu beitragen werden, das Kon­zertwesen unserer Stadt auf die Höhe zu bringen, die ihm zukommt.

Neu ist und mit dieser Neuerung beginnen wir heute ebenfalls in der Absicht, die Leistungen ^asHanauer Anzeiger" immer mehr zu er- Höhen die Einführung eines kleinen fachmän­nisch geleiteten Handelsteiles, besten V«r- vollkormnnung unser Bestreben sein soll, wie wir überhaupt bemüht sein werden, keine Kosten scheu­end, denHanauer Anzeiger" ständig auszu- bauen und textlich auszudehnen.

Verlag und Redaktion.

D0OOO0O00CCO00OCXXXXXXXXXXXXXXX2

* Lebensmittelausgabe. Wie uns das Lebens- mittelamt mitteilt, gelangen auf die Speisefett­marke 3 in den zuständigen Geschäften 50 Gr. Schmalz zur Ausgabe. Preis pro Pfund 16 Mk. Stuf die Lebensmittelmarke 340 werden 100 Gr. Speck verabfolgt.

* Silberne Hochzeit feiern heute die Eheleute Otto Fabricius, Heunrackt 1.

sssKassesas®

.^LkkoKorve^akaNN« ! Großer Theatern gezeigt werden und hat überall nullten Beifall gefunden. Ein köst- Der Reformbund der Gutshöfe ersucht uns,! liches Lustspiel in 3 AltenAlfreds Techtel- bekanntzugeben, daß infolge der außergewöhn-! nrcchtel" vervollständigt das Programm. Eine

lichen diesjährigen Verhältnisse die gesamte Pro­duktion, welche dem R. b. G. zur Verfügung steht, längst vergeben ist. Leider müssen daher bereits seit längerer Zeit die zahlreichen Nachfragen nach Kartoffeln abschlägig beschieden lverden, welche beim R. d. G. täglich mündlich und schriftlich vocgebracht werden Auch erscheint es ausge­schlossen, daß späterhin noch die eine oder andere Bestellung jüngeren Datums befriedigt werden könnte, weil zahlreiche GutShöfe entgegen der ur­sprünglichen Annahme gezwungen werden, auch erhebliche Kortoffelmengen an die eigene Ge­meinde oder an Nachbargemeinden abzugeben. Es hat sich leider unter den diesjährigen Ver­hältnissen der vom Reformbund der Gutshöfe stets verttetene Grundgedanke nicht ausnahmslos verwirklichen lassen, daß die Produktton der größeren Betriebe den Verbraucherzentren Vorbe­halten werden müsse, während die Landgemein­den durch die Erzeugung der kleineren und mitt­leren Betrieb« zu versorgen wären. Unter diesen Umständen sind weitere mündliche oder schrift­liche Nachfragen bei der Geschäftsstelle, des R, d. G. leider völlig aussichtslos. Ferner ersucht der R. d- G., die Oeffentlichkeit darauf hinzu­weisen, daß er naturgemäß nicht in der Lage ist, auf die Verteilung der von ihm den vccschie- denen Vcrbraucherorgaiiisationen, Kommunen usw. angedienten Kartoffeln einen bindenden Einfluß auszuüben, und er gibt der Erwartung Ausdruck, daß nicht er für tatsächliche oder ver- nieintliche Härten verantwortlich gemacht wird, welche völlig außerhalb feines Einflußbereiches liegen und unter den diesjährigen Verhältnissen wohl kaum gänzlich vermeidbar sind. Schon nach den vorläufigen Feftstellungen läßt sich über» sehen, daß die im R. d. G. vereinigten Hofgüter vom Morgen Anbaufläche niehr als 40 Zentner Sbartoffeln zum Erzeugerpreise von 20 Mark den Verbrauchern zukommen lassen. In geradezu empörendem Gegensatze zu dieser Preisbemessung steht die Tatsache, daß zur Zeit Aufläufer unge­stört die hessischen Gemeinden abklopfen und sich erbieten, jedes Quantum Kartoffeln mit bis zu 35 Mark je Zentner zu bezahlen.

Der Volkswirtschaftliche Ausschuß des Reichs­tags hat von einem Antrag der Unabhängigen den dritten Absatz angenommen, nach dem die Behörden bei Ueberschrcitung des Erzeugerhöchst- pre-iscs für Kartoffeln sofort w eg e^n Wuchers mit aller Schärfe einschreiten sollen, ebenso einen Antrag der bürgerlichen Parteien, nach welchem der Ausschuß den Standpunkt der Reichsregierung, insbesondere ihre Vereinbarung mit den Spitzenorganisationen der Landwirt­schaft, des Handels und der Verbraucher, über die Reichsregierung die ungestörte Ernte und die Kartoffelversorgung billigt und erwartet, daß die Reichsregierung die ungestörte Ernte und Beförderung der Kartoffeln nachdrücklichst sichert. Der Erzeugerhöchstpreis wurde auf 25 Mark festgesetzt.

* U- T^ Schnurstraße 10a» Am Samstag wird, wie schon berichtet, dasU. T" in der Schnur­straße 10a seiner Bestimmung übergeben. Der' Geschäftsleitung ist es gelungen, ein gewaltiges Filmwerk für die Eröffnungstage zu gewinnen: Der Rufaus dem Jenseits" befaßt sich mit dem Problem:Gibt es ein Leben nach dem Tode". Die 5 Akte des von Paul Rosenhayn verfaßten Mysteriums bringen eine Reihe spannender Bilder und eine interessante Auf­machung, fesselnd bis zum letzten Augenblick. Der Film konnte bisher nur in wenigen, bedeutenden

erstklassige Künstlerkapelle wird allen Aifforde- rungen genügen, sodaß einige genußreiche Stun­den in Aussicht stehen. Ein Besuch des geschmack­voll eingerichteten neuen Lichtspielhauses kann nur empfohlen werden.

* Zur Frankfurter Messe. Man schreibt uns aus Frankfurt, daß für die Unterhaltung der Meßgäste während der Herbstmesse hervorragend Gutes geboten wird. Außer zwei von der deutsch- fpanischc-n Gesellschaft und vom Meßamt veran- stalteten Ausländer-Abenden, die auf den 4. und 6. Oktober gelegt wurden, wird man Gelegenheit haben, am 3. und 7. Oktober Fest-Konzerte des Frankfurter Symphonie-Orchesters im großen Saal des Saalbaues zu hören. Aus dem aus- eclescncn Programm der städtischen Theater ver­dienen die Meffe-Festspiele des Opern- und des Schauspielhauses hervorgehoben zu werden. Das Opernhaus gibt als Festvorstellungen am Sams­tag den 2. OktoberDie Meistersinger von Nürn­berg", am Freitag den 8- OktoberHoffmanns Erzählungen", das Schauspielhaus am Dienstag den 5. OttoberMaria Stuart" und am Sams» tag den 9. OktoberCandida". Dir Zugvecbin- dungen mit Frankfurt werden zur Bewälttgung des Messeverkehrs verstärkt.

* Flugpostverbindungen zur Frankfurter Herbstmeffe. Während der Frankfurter Herbstmesse vom 3. bis 9. Oktober einschließlich erhält Frank­furt a. M. mit Berlin, Leipzig, München, Gelsen- kirchen und Bremen mit Anschluß nach Amster­dam Flugpostverbindung. Die Flugpost Bcrlin- Leipzig-Frankfurt a. M. verkehrt täglich zweimal in jeder Richtung ab Berlin 7-00 und 12.30 Uhr, ab Leipzig 8.15 und 1.45, an Frankfurt a. M- 12.00 und 5.30, zurück ab Frankfurt a. M. 7.00 und 12-00, ab Leipzig 11-00 und 4-00, an Berlin 12.00 und 5.00 Uhr. Die Flüge werden je zur Hälft« von der Deutschen Luftreederei, Berlin und den Rumpler-Werken, Berlin, ausgeführt. Die Postflüge München-Frankfurt a. M. werden täglich einmal in jeder Richtung, ab München 8.30, ab Frankfurt a. M. ebenfalls 8.30 Uhr, von den Bayerischen Rumpler-Werken, Augsburg, ausgesührt. Flugdauer 3 Stunden. Der Flug­dienst auf der Strecke Bremen-Gelfenkirchen- Frankfurt a. M- wird in jeder Richtung täglich einmal von der Sablatnig-Flugzeugbau-G. m. b. H., Berlin, betrieben. Flugplan ab Bremen 12.00 Uhr (Anschluß aus Amsterdam 11.30), ab Gelsenkirchen 2.10, an Frankfurt a. M. 4.00, zurück ab Frankfurt a. M. 9.00, ab Gelsenkirchen 11-00, an Bremen 1-00 (Anschluß nach Amster­dam 1-30). Außerdem findet am 2- Oktober ein Flug von Bremen nach Frankfurt a. M. und am 10. Oktober ein Flug von Frankfurt a. M. nach Bremen statt. Zur Flugbeförderung zugelassen sind im Jnlondsverkehr gewöhnliche IM einge- 'chriebene Posikärten, Briefe und Drucksachen so­wie Päckchen, dringende Pakete und Zeitungen, im Auslandsverkehr gewöhnliche und eingeschrie­bene Postkarten, Briefe und Drucksachen. Die Zuschlaggebühren für die Flugpostbeförderung sind durch Aushang, der auch die Flugpläne und die wichtigsten Bestimmungen im Flugpostverkehr enthält, bei den Postämtern veröffentlicht. Aus­kunft wird auch an den auf dem Aushang bezeich­neten Schaltern erteilt.

* Kaninchen- und Produktenschau. Von gro­ßem Interesse dürfte die am 13. und 14. November siattfindende 1. Allgemeine Maintal-Kaninchen» und Produktenschau sein. Es gelangen gegen 20 verschiedene Rassen, eine größere, schörrer und far­benprächtiger als die andere, dazu wunderbare Sachen aus Kaninchenfellen gearbeitet, zur Aus­stellung. Näheres wird noch im Inseratenteil be­kannt gemacht.

* Die Preistreibereien beim Kelterobst. Das Landespolizeiamt beim preußischen Staatskom» i missar für VolkSernährung, Zweigstelle Frank­furt a. M., weist aus Anlaß der vielfachen Preis- I 'treibereien bei Kelterobst darauf hin, daß nach reichsgerichtlichen Entscheidungen sowohl die Zahlung übermäßig hoher Preise seitens der Händler an sich nach der Preistren^reiverord- nung strafbar ist und daß auch die übermäßig j hohen Einstandspreise nicht der Berechnung der Selbstkosten für das fertige Erzeugnis zu Grunde gelegt werden dürfen, ohne daß der Hersteller sich des strafbaren Preiswuchers schuldig macht.

* Stadttheater. Aus dem Büro werden wir ersucht mrtzuteilen, daß die VorstellungBetti­nas Verlobung" am Samstag wegen der Gene­ralprobe zumSommernachtstraum" ausfällt und das Theater geschlossen bleibt. Die bereits gelösten Karten behalten für Sonntag zur Vor­stellungBettinas Verlobung" ihre Gültigkeit.

* Wichtig für Ziegenzüchter. Die Ziege hat in der Jetztzeit eine so hohe volkswirtschaftliche Bedeutung erlangt, daß die Regierung Maß­regeln ergreift, um es durchzusetzen, daß jeder Ziegenzüchter seine Tiere nur von zur Zucht ge­eigneten, ausgewählten sangekörtcn) Böcken decken läßt. Der hiesige Ziegenzuchtverein, welcher der Landwirtschaftskammer in Cassel angegliedert ist, stellt seine vier reinrassigen, angekörten Saanenzuchtböckc daher allen Ziegenzüchtern zur Verfügung. Die Deckstation befindet sich bei Joh. Rüb, Kinzigheimerweg 5, Zugang von der Au» heimer Landstraße aus, gegenüber dem Ostbahn- Hof.

* Abgefasit wurde gestern am Ostbahnhof ein Metzger aus Lieblos, als er sich mit einem grö­ßeren Posten Schweinefleisch und dem Gekröse und Geraupe des Tieres, das von der Rotlauf- seuche befallen war, in die benachbarte Großstadt begeben wollte.

* Stehkragen und Halsausschnitt. Im ewigen Wandel und Wechsel ihrer Darbietungen will die Mode wieder einmal zu dem hohen Stehkragen bei der Dame zurückkehren. Es läßt sich in dieser launischen Willkür eine gemisst Gesetzmäßigkeit beobachten, denn immer wieder wird der tiefe Halsausschnitt plötzlich von einer fast bis zu den Ohren gehenden Kragenhöhe abgelöst. So war es nach der Biedermciermode. die Hals und Schultern frei ließ, um die Mitte des 19. Jahr­hunderts, als die hohe Halsrüfche 'bre Herr­schaft antrat, so war es nach den sehroffen­herzigen" Moden des französischen zweiten Kaiser» reiches in den 70er und 80er Jahren, und so ist es jetzt wieder. Das Dekolle^ec bat seine letzten Möglichkeiten erschöpft, und die Mode, die stets für Abwechslung sorgen will, springt rasch ins Gegenteil über und will uns mit hohen Kragen beglücken. Bisher aber ist in Paris, wo diese Neuheit zuerst aufgetaucht ist, noch. ein starker Widerstand dagegen^ßw-Lemcrken ^ *®k.MWim» Kragen,"

schick und werden von fremden Einkäufern bevor­zugt, aber die Französin selbst will sie um teilen Preis haben. Deshalb dürften die Kraxen für diesmal wohl noch nicht siegreich fein." Die Französin weiß ganz genau, warum sie sich gegen die Zufchnürung bis wm Kinn b^aick sträubt. Der Halsausschnitt ist nicht nur kleidsam und elegant, sondern er ist auch für den Teint äußerst günstig. Die Frauen haben bemerkt, was ihnen die Aerzte bestätigen, daß eine Dame? die i^ert Hals in jedem Wetter der freien Luft aussetzt, im Alter von den Läßlichen Falten und Runzeln verschont bleibt. Frauen, die zu her Mode des Stehkragens übergehen, müssen damit rechnen, daß sie bei dem in der großen Toilette nun ein­mal unbedingt nötioen Dekollete? gegen ihre den Hals freitagenden Schwestern sehr unvorteilhaft abstechen werden. Deshalb bleiben sie hartnäckig beim Halsausschnitt.

M

betitelt sich unser neuer Roman, mit dessen Abdruck wir demnächst beginnen. Der Roman stammt aus der Feder Ewald Gerhard S e «l i g e r s, des Ver­fassers des bekannten RomansPeter Bob, der Millionendieb". Seeliger ist ein Könner von vielen Graden, der mit ebenso viel anmutiger Leichtigkeit zu erfinden wie zu formen vermag. Er­staunlich ist die Charakterisierung der einzelnen Figuren und die Anschaulich­keit. die er überall zu entfalten weib. Er versteht es ausgezeichnet, seine Leser sofort in den Bann zu schlagen und diesen Bann bis zum Schlub auf­recht zu erhalten. Unsere Leser werden all das vorstehend Gerühmte durch unseren neuen Roman bestätigt finden.

Ä --------- ---------------- ------.srzz

Die Tochter des Ministers

Roman von Ernst Georgy.

58. Fortsetzung.

(Nachdruck verboten.)

Zwanzigstes Kapitel.

Das Motorboot, kaum besetzt, hatte an der Atation Saletalp Lindner und Gertrud wieder ausgenommen und glitt jetzt, das klare Wasser aufpeitschend, durch die Fluten des selbst bei diesem blauen Maienhimmel düster erscheinenden .-res. DasSteinerne Meer" des Watzmann, das fernst mit seinen grauen zerklüfeten Felsmassen lich unheimlich abspiegelt, tvar wie die anderen einfassenden Berge noch bis tief hinab mit Schnee und Eis bedeckt, Kirche und Gebäude von Sankt

Bartholomä lagen unter noch kahlen Bäumen wie verloren in dieser Welt schweigender gigan­tischer Winterlichkeit.

Unwillkürlich verstummte die Unterhaltung. Man sah, man erlebte Schauer machtvoller, rätsel­hafter Urgröße. Erst im Malerwinkel des Sees wurden die Bilder freundlicher; aber man atmete doch wie befreit auf, als das Oertchen Königssee in der lieblichen Bucht mit seinen hübschen Gast­häusern auftauchte. Man sah Menschen, Boote, Häuser. Man kehrte aus Urwelten zurück.

Der Direktor sprang zuerst an das Land. Er reichte Gertrud die Hand und half ihr beim Aussteigen.

Sie schritt nebLN ihm dem Hotel Schiffmeister zu, in dem er bei der Ausfahrt ein Mttagesten bestellt hatte. Die Lust war zu rauh, um auf der Terraste zu sitzen. So begaben sich beide in den Saal, wo ein gedecktes Tischchen bereit stand. Lindner half ihr beim Ablegen von Mantel und Hut.

Gertrud trat vor den Spiegel, ordnete die Haare und sagte dann, neben ihm an der kleinen Quersette des Tisches Platz nehmend:Mein Sinn war vielleicht noch von Italien her ver­weichlicht und noch nicht auf dieses Panorama ungewöhnter Natur eingestellt. Ich möchte die Fahrt nicht zum zweiten Male machen."

Ich habe Ihnen angemerkt, daß Sie litten. Im Sommer, wenn der Schnee fort ist, die Luft wärmer und die Ufer voller Grün, wirkt alles lieblicher. Auch Sie werden unsern See lieben lernen."

Kaum. Diese Art Naturschönheit liegt mir nicht."

Um Sie muß'Scum«-^!nd Freude sein, das verstehe ich," sagte er warw.Sie sind solch ein begnadetes Sonnenkind!" *

»Ich?" entgegnete Gertrud bitter.Sie sind ein schlechter Menschenkenner. Mein Dasein war seit vielen Jahren nur Schatten!" Sie erschrak, daß sie so viel verraten Latte, und luür hastig

sort:Was macht es, wenn inan nur mit sich selber fertig wird!"

Saft nach Tisch machten sie sich auf den Weg zur Eisenbahn, die durch den kleinen Ort führte-

Der junge Mann schritt, ihr Reisetuch tra­gend, neben ihr. Er sah sie von der Seite an und meinte dann:Meine Eltern sind sehr glücklich, daß ich mich nun endlich selbständig machen werde."

So, haben Sie die Absicht?"

Ich erzählte Ihnen doch schon neulich abends davon, daß dies meine letzte Saison ist."

Slch ja, Herr Direktor, ich erinnere mich," sagte sie schnell-

Wir haben da ein sehr vorteilhaftes Ange­bot," erzählte er langsam und betont.Mein Münchener Chef, bei dem ich gelernt habe, will sein Hotel verkaufen. Das Haus ist gut einge­führt und hat einen alten Kreis von Stammkun­den, auch viele Vereine, die dort ihre Feste feiern. Es wäre ein vorzügliches Wintergeschäft bis zur Reisezeit, und im Sommer ginge ich nach Berchtesgaden, wo er ein hübsches Logierhaus besitzt, das viel einbringt. Ich will mich heute ganz genau erkundigen und mir die Gebäude und die ganze Einrichtung gründlich anschauen, ehe ich abschließe."

Bitte, lassen Sie sich durch mich in nichts stören, Herr Direktor, ich sehe mir mittlerweile den berühmten Ort an," sagte sie.

Im Gegenteil, Fräulein Meinhard, ich wollte Sie gerade bitten, an der Besichtigung teift zunehmen und mir Ihr Urteil nicht vorzuent- halten."

Das meine? O weh. ich verstehe wenig von dem allen!" rief sie lächelnd.

Sie sind weit gereist und haben, was ich außer allem anderen immer an Ihnen bewundere, einen seinen Geschmack. Es liegt mir daran, daß alles auch Ihnen gefällt."

Bitte, ich stehe zu Ihrer Verfügung!" er­widerte sie-

Danke verbindlichst! Meine Eltern drin­gen darauf, daß ich mir eine liebe, tüchtige Fras anschaffe," sprach er weiter, ohne sie anzusehew

Da fehlt es Ihnen gewiß nicht an Aus^ Wahl," scherzte sie etwas ängstlich nach einem schnellen Blick auf sein rotgewordenes und er­regtes Antlitz.

Die habe ich," bestätigte er kräftig,bis hübschesten und wohlhabendsten Mädels werden mir angeboten. Noch vor einem halben Jahre vielleicht hätte ich, das gebe ich zu, durchaus auf eine Mitgift gesehen. Heute tue ich es nicht mehr und verlasse mich nur auf das Vermögen meiner Eltern und meine netten Ersparnisse und auf meine eigene Tüchtigkeit!"

Sie könnten sich aber Ihr Dasein sehr er­leichtern, Herr Direktor," warnte sie.

Ich scheue den Kampf und die Arbeit nicht," entgegnete er,und will ein freier Mann bleiben und mir mein Leben nicht leicht, sondern schön gestalten. Ich will für eine Frau, die ich liebe, wirken und ihr olles schaffen, dessen sie bedarf zum wahren Glück."

Das ist recht anerkennenswert in bet heutigen Zeit."

»Ich bin immer ein Idealist gewesen," fuhr Lindner fort.Meine Eltern leben in einer

innigen Ehe, und die ist mein Vorbild!" Er sprach warm, beivegt.Sehen Sie, Fräulein Gertrud, ich bin weder Streber noch Geldrafser. Ich habe es mir folgendermaßen ausgemalt; noch zehn zwölf Jahre tüchtigen Schaffens, dann setzen wir uns zur Ruhe in irgend einet hübschen Stadt, wo wir uns einen netten Kreis

«affenS-

schaffen können. Den Sommer verbringen wir auf unserem Gut bei Murnau. Und zwischen­durch machen wir schöne Reisen."

Das ist ein schöner Plan. Hoffentlich können Sie ihn ausführen, Herr Direktor."

Was sollte das hindern, wenn ich gesund bleibe?" Hcwiderte er.

(Fortsetzung folgtL