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General-Anzeiger

Amtliches Organ für Slad^ und Landkreis Lamm

Erscheint täglich mit Ausnahme der Gönn- und Feiertage

Verlassleituns: Ad. Jndermüble.

Verantwortlich, für volitiscksn und allgemeinen Teil Rich. Hult> ch: für lokalen und provinziellen Teil sowie Sport i.V.: R. Hultsch: für Anzeigen und Reklamen Ä. Brodt. alle in Sanau a. M. Rotationsdruckd.Waisenhausbuchdruckerei Hanau Fernsprechanschlüsse Nr. 1237 und 1238

Nr. 164

Donnerstag den 15. Juli

1920

Das Neueste.

Z» Spa teerte noch keine Verständigung erzielt. I« eine« Ultimatum soll die deutsche Delegation zur Annahme der letzten Vorschlags der Entente in der -»Plmfrage aufgefordert worden sein.

3* Anhrgediet herrscht über da» Vorgehen der Ulkmrtm in Spa große Erregung.

Der Abgeordnete Hu» sandte an den Reichsminister Dr. Simau» ein Telegramm, in dem er «amen» der Vergarbeiter gegen ein Diktat in der Kohlenfrage

Ernste Lage in Spa.

Die Krise dauert fort — Fach in Spa — Ein

DötttUttttÄr — MS 'nUgtgtvtttr —

Protest der Bergarbeiter.

Die Lage in Spa ist als äußerst ernst an» zafchea. Die Verhandlungen sind noch nicht wie­der etifoenntttmen, dagegen berichten Berliner Blätter von einem Ultimatum, das der deutschen Delegation mitgeteilt worden sei, in dem die deutsche Entscheidung auf den letzten Vorschlag der Entente in der Kohlenfrage innerhalb 24 Stunden bei zweistündiger Abfochrtszett aus Spa zu geben sei. Außerdem wird durch das Reuter- büro die Nachricht verbreitet, daß der Abbruch der Konferenz bevorstehe «ch daß die Alliierten das Rnhrgebiet besetzen wer den. Nieman d wird den Senst der Lage verkennen, dennoch aber muß erneut darauf hingewiesen werden, daß wir an bet Grenze des Möglichen längst angelangt sind. Die Zugeständnisse, die die deutsche Delegation auch « der Kohlenfvage noch glaubte machen zu

ceM über die Grenze der Er- Ä»Äm«Ä

nach dem Entwaffnungsangebot der Entente keineswegs sicher ist. Wir haben geglaubt, als «d«rtliche «ch Ähnliche Unterhändler anzubie- ben, was in unserer Kraft steht. Das UnterschrÄ- ben eines Vertrages, der nicht zu halten ist, hätte die Schritte, die die Entente jetzt erwägt, nur rufgeschoben, aber nicht ausgehalten. Wenn die Alliierten es wegen der schließlich«« Differenz ton 200 000 Tonnen Kohlen im Monat und wegen der langsamen Staffelung der Lieferung zum Abbruch der Verhandlungen kommen lassen sollte«, könnten sie jeden Tag aus irgendeinem nicht erfüllbaren Paragraphen des Vertrages die gleichen Folgerungen wie jetzt ziehen, nämlich: Berufung der Generale. Das ist keine Politik, die eine Verständigung?atmosphäre schafft. Eine Entscheidung ist nötiger als alles andere, nämlich ob endlich der Kriedßnszustand eintreten soll, oder ob die Alliierten den Krieg verewigen wollen. Vor den Folgen der Abbruch- der Ver­handlungen in Spa den Kopf in den Sand zu N6em, wäre leichtfertig und töricht, aber noch leichtfertiger wäre «S, die Folgen eines unerfüll­baren netten Vertrages auf sich zu nehmen. Denn die Franzosen meinen, auf dem Wege der Tewalt zu der benötigten Kohle zu kommen, sollen |k ihn beschreiten, bis der Augenblick gekommen ist, wo es sich zeigen wird, daß Frankreich in Spa sei««« wirtschaftlichen Ruin betrieben, als es nicht auf Vernunft, sondern auf äußerlichen politischen Erfolg sah. Die Bergarbeiter des Ruhrgebiets haben in ganz entschiedener Weise gegen die Diktatform in Spa protestiert, sie haben einen Protest gefaßt, der den Alliierten wohl zu denken geben sollte. Heißt es doch, daß sie eine Beschlagnahme der Kohlen zu Gunsten der Entente sowie die Besetzung des Ruhrgebiets zur Durchführung des Diktats nicht ruhig hin- nehmen würde. Wenn Me Politiker der Entente noch einigermaßen Verstand im Kopfe haben, mußten sie sich überlegen, wie gefahrvoll für sie selbst der Einmarsch in das Ruhrgebiet sein würde. Das Unternehmen müßte mit einem ge­waltigen Schrecken enden, und in der entstehen­den Verwirrung würden voraussichtlich ganz andere ihre Geschäfte dabei finden als die Entente vermutet.

Von hervorragender diplomatischer Seite wird uns zur Beurteilufig der Lage in Spa fol­gendes mitgeteilt: Die Reichsregieruntz kann für die Wiedergutmachung und namentlich in der Kohlenfrage keine Forderungen unterschreiben, deren Unerfüllbarkeit für jeden Sachkundigen offenbar ist. Reichstag und Präsident unterstützen diesen Standpunkt der Minister und verlangen in Spa festes Durchhalten, und sei es bis zum Abbruch. Di Aufrechterhaltung sichtlich undurch- suhrbarer Ansprüche durch die Entente kann aus politischen Hintergedanken erklärt werden. Die in französischen Blättern bei jeder Schwierigkeit in Spa sofort auftauchende Drohung mit dem Säbel Fochs bewirkt in Deutschland nachgerade das Gegenteil von dem. was von ihren Urhebern

damit erwartet wird. Sollte es tatsächlich zu einer neuen kriegerischen Verwicklung kommen, so liegt es in deutscher Hand, die Kohlenförderung für Frankreich im Ruhrgebiet herabzumindern oder ganz einzustellen.

Ein Kritischer Vormittag.

DD. Berlin, 14 Juli. Am heutigen Vormit­tag hat in Spa eine Sitzung des Kabinetts statt» gefunden, die sich mit der Stellung der deutschen Delegation zur Unterbrechung der Verhandlungen auf unbestimmte Zeit beschäftigte und einen Be­schluß über das weitere Verhalten zu fassen hatte. Eine Kabinettssitzung in Berlin hat dagegen nicht stattgefunden, und auch der Reichstag und sein Hauptausschuß haben bisher keine Gelegen- hett gehabt, sich mit der neuesten Wendung der Dinge in Spa zu beschäftigen. Jedenfalls ist der Mittwoch ber kritischste Tag. Bis zum Mittag war Foch aus Paris noch nicht in Spa einge- troffen. Die Erregung dort ist sehr groß und zwar sowohl auf der einen wie auf der anderen Seite. Nach Fochs Ankunft und seiner Bespre­chung mit den Alliierten wird die Anberaumung einer neuen Sitzung erwartet, in der di« Alliier- ten den Deutschen vermutlich ihre Kohlenb e- dingungen diktieren und ihnen ein paar Stun­den Zeit zur Unterschrist lassen wollen. Wahr­scheinlich wird die deutsche Delegation sich eine Bedenkzeit von einem Tage aus bitten, um ih re Antwort in einer neuen Sitzung zu erteilen.

Foch in Spa.

DDF. Berlin, 14. Juli. Die Situation zeigt sich in den ersten Vormittagsstunden in Spa unverändert. General Foch ist heute gegen die Mittagsstunde hier eingetroffen. Die belgische Presse hofft, daß diese Tatsache allein genügen werde, die vemscheDelegation gefügig zum General Degoutte wird in Spa erwartet.

Dr. Simons und Lloyd George.

WB. Spa, 14. Juli. Wie hier verlautet, wurde bei einer Zusammenkunft zwischen dem Reichsminister Dr. Simons und Lloyd George die Kohlenfrage besprochen. Lloyd George be­stand mit Nachdruck auf einer baldigen Ent­scheidung der deutschen Regierung.

(Aus der Tatsache, daß zwischen Dr. Simons und Lloyd George eine unmittelbare Aussprache stattgefunden hat, dürfte man schließen, daß alles versucht wird, um eine Fortsetzung der Konferenz zu ermöglichen. D. Red.).

Besetzung -es Ruhrgebietes?

WB. Spa, 14. Juli. Das Reutersche Büro verbreitet folgende Meldung: Die Alliierten kamen heute vormittag 11.30 Uhr zusammen. Die Generale Foch und Maglins erstatteten Bericht über die militärische Lage. Darauf wurde die Zusammenkunft bis 6 Uhr abends verschoben. In der Zwischenzeit hat kein Verkehr mit den Deutschen stattgefunden und es scheint, daß der Abbruch der Verhandlungen unmittelbar bevorsteht und daß die Alliierten das Ruhrgebiet be­setzen werden. Die italienischen und die englischen Generale werden heute abend eintreffen.

Ein Ultimatum?

WB. Berlin, 15. Juli. Verschiedene Blätter berichten von einem Ultimatum, das der deutschen Delegation heute von den Alli­ierten in Spa mitgeteilt worden sei und in dem die deutsche Entscheidung auf den letzten Vorschlag der Entente in der Kohlenfrage innerhalb 24Stunden bei zweistündiger Abfahrtsfrist aus Spa zu geben sei. Die Mit­teilung sei von der Drohung der Besetzung des Ruhrgebiets begleitet.

Auslan-sflimmen zur Lage.

Der „Nieuwe Rotterdam sche Cour ant" MÄk t aus London: Die englische Presse siebt die ^T^oung der Ereignisse in Spa all äußerst ernst an. ^Daily Chronicle" findet, daß Simons bei dem Kampf mit StinneS und den hinter ihm stehenden Reaktionären unterlag und daß, fall» nicht im letzten Augenblick etwas Unerwartetes -eschicht, die Alliierten zu Zwangsmaßregeln genötigt sein werden. Das Blatt fügt hinzu, daß die Bemühungen der englischen Delegation in Spa, die Konferenz zu einem guten Ende zu bringen, ernstlich bedroht werden in einem Punkte, bei dem England selbst nicht direkt in Mit­leidenschaft gezogen ist. — Pertinax drahtet dem ,Ech o de P aris" aus Spa: „Wir haben Gründe, anzunrbmen, daß die Alliierten sich nach zwei bis drei Tage gedulden werden, bevor sie Entscheidungen treffen. Der Grnnd zu dieser Zögerung liegt offensichtlich daran, daß wir uns erst nach gründlicher Prüfung fcfc legen wollen und daß die gegenwärtigen «NrM'schen Angelegenheiten unter ihrem doppelten Gesichtswinkel, so­wohl von dem militärischen, als auch von dem politischen

Standpunkt au», betrachtet werden müssen. Aber schon jetzt bat Millerand folgende These festgesetzt: Je größer die Gefahr am andern Ende Europa» und je mehr Germanismus und Bolschewismus die Absicht erkennen lassen, sich zu vereinigen, umso wichtiger ist es, daß die Alliierten ihre Festigkeit gegenüber Deutschland be­weisen und in der Kohlenftage, in der unsere Gegner ihren Widerstand konzentrieren, die einzige Lösung suchen, die mit unseren Rechten vereinbar ist.

Proteste -er Bergarbeiter.

Ein Telegrmmn Huäs.

WB. Essen, 14. Juli. Der Gewerkverein christlicher Bergarbeiter erläßt in seinem Organ „Der Bergknappe" die nachfolgende Erklärung: Die Verhandlungen in Spa nehmen eine Ent­wickelung, die unter den Bergarbeitern die stärkste Erregung hervorrufen muß. Die Forde­rungen der Entente laufen auf eine Gefährdung der gegenwärtigen, in langen schweren Kämpfen errungenen Stellung der Bergarbeiter hin und drohen, diese in ihren Grundfesten zu gefährden. Sie laufen ferner auf eine Zertrümmerung der Solidarität der Bergarbeiter mit der gesamten übrigen Arbeiterschaft Deutschlands hinaus, ja noch mehr: auf die Durchbrechung der internatio­nalen Verbindung zwischen den Bergarbeitern aller Länder. Es ist gänzlich ausgeschlossen, daß die Bergarbeiter Deutschlands über ihre Kräfte hinaus arbeiten, ihre Gesundheit übermäßig aufs Spiel setzen und ihr Leben unverantwortlich verkürzen sollen im Dienste kapitalistischer Interessen des Aus landes, während gleichseitig die deutsche Arbeiterschaft durch Kohlenmangel brotlos ge­macht wird. Von dieser Stellungnahme werden sich die deutschen Bergarbeiter auch nicht durch das dar gereichte Zuckerbrot ;r h ö htex .^efee^mU^e, 1 » £ Ute = rangen abbring'en lassen. Glaubt man im Ernst, daß man die Bergarbeiter des Ruhr­bezirks satt machen können, während die unter einem Dach mit ihnen wohnenden Arbeiter an­derer Beruf« weiter hungern sollen? Die Frage der Arbeitszeit im Bergbau ist aber auch schon längst über das Stadium der nationalen Frage hinaus. Vor dem Kriege bestanden internationale Einigungen der Bergarbeiter über die Arbeits­zeit. An diesem Prinzip der internationalen Ver­ständigung über die Arbeitszeit im Bergbau 'lassen die Bergarbeiter auch in der gegenwärtigen Lage nicht rütteln. Es wäre geradezu Verrat an der internationalen Bergarbeitersolidacität, wenn Deutschland, das Land mit der drittgröß­ten Kohlenproduktion der ganzen Welt, sich jetzt von kapitalisttsch orientierten Kreisen des Aus- landes, insbesondere Frankreichs, eine erheblich höher« Arbeitszeit diktieren lassen sollte, als die übrigen Bergarbeiter der Welt sie anzunehmen gewillt sind. Gegen einen solchen Versuch legen wir schärfsten Protest ein und sind überzeugt, daß auch die Bergarbeiter der ganzen Welt sich dem Proteste anschließen werden. Die deutschen Berg­leute sind nicht aus so weichem Holze geschnitzt, daß sie sich von den Bajonetten der »Senegalneger alle ihre Rechte rauben und sich Sklavenarbeit im Dienste frember Kapitalisten aufzwingen lassen.

Beunruhigung im Ruhrgebiet.

Sämtliche Blätter melden aus dem Ruhcge- biet, daß die Verhandlungen in Spa über das Kohlenabkommen unter der Bergarbeiters (haft lebhafte Beunruhigung hervorgerufen habe. Zahlreich« Bergarbeiter tragen sich schon jetzt mit >dem Gedanken, im Falle der Besetzung das Ruhr- gebiet zu verlassen. In einer gestern in Essen abgehaltenen Sitzung der Arbeitskammergruppe der Arbeiter im Ruhrbergbau wurde einstimmig eine Entschließung gefaßt, in der gegen ein Diktat seitens der Entente in der Kohlenftage protestiert wird und jedes Ueberschichtenab- kommen infolge dieses Diktats abgelehnt wird. Die Arbeiterschaft würde nie ihr Recht auf Freiheit und Unabhängigkeit preisgeben, selbst wenn die Regierung sich fügen würde. Der Abg. Hus sandte an den Reichsminister Dr. Simons ein Telegramm, in dem er die zunehmende Unlust der Bergarbeiter neue Ueber schichten zu verfahren, begründet mit der schlechten Ernäh­rung und besonders auf die Nachrichten aus Spa, daß Zwangsmaßnahmen gegen das Ruhrgebiet -trörtert würden.

Dom Wiederaufbau.

Eine falsche Deutung unseres Programms.

WB. Spa, 14. Juli. Von zuständiger Seite wirb uns folgendes mitgeteilt: Das auf der Konferenz von Spa von der deutschen Dele­gation unterbreitete Projekt für den Wieder­aufbau der durch den Krieg zerstörten Gebiete wird in einem Teile der französischen Presse dahin ausgelegt, daß deutscherseits beabsichtigt

werde, in den fraglichen Länderstrecken Deutsch« anzusiedeln. Diese Auffassung ist durchaus un< zutreffend und irreführend. Wie der Wottlauf des übrigens nur eine Anregung darstellend«! Dokuments erlernten läßt, handelt es sich bei dem internationalen Siedelungsunternehme«, das lediglich dem Gedanken eines gemettti schaftlichen Interesses an dem tatsächliche« Wiederaufbau der zerstörten Gebietsteile aller durch den Krieg betroffenen Länder entspringt, in erster Linie darum, neue Heimstätten für die früheren Bewohner dieser Gebiete zu schaffe«. Erst in zweiter Linie sollen auch Personen aus den übrigen Teilen der geschädigten Länder und nur dieser Länder daselbst angesiedelt werden können. Die Ansiedelung von Deutsche« außerhalb Deutschlands kommt somit bei diesen» Projett nicht in Frage, ebensowenig solle» dadurch die geschädigten Länder in der Auswahl derjenigen Arbeiter beeinflußt werden, den«» die Wiederaufbauarbeiten zu übertragen ist.

Die Witzhandlung des Journalisten.

WB. Rotterdam, 14. Juli. Der Korrespondent der „Westminst«r Gazette" in Spa berichtet seinem Blatte, daß er zusammm mit zwei anderen englische» Journalisten Augenzeuge der Mißhandlung des Ver­treters des Wolffschm Büros durch einen belgische» Offizier gewesen sei. Der Korrespondent hebt hervor, daß der tätliche Angriff ohne jeden Grund erfolgt sei und schreibt: Ich weiß nicht, ob der belgische Offizier unter dem Einfluß des Weines stand. Aber sicher ist, daß niemals ein falscherer, roherer und unanständigerer Angriff auf eine Person, die sich nicht vetteidige« konnte, erfolgt ist. Von den anderen Offizieren prote» stierte kein einziger. Als dem Offizier gesagt wurde, die anwesenden englischen Journalisten verurteilten seine Handlungsweise als roh und ungerechtfertigt, rief er au§, er werde die Engländer ebenso behandeln. Der englische Korrespondent verlangt zum Schluß, daß die velgischen Bryörsen für besseren -schuh der ab­wesenden Delegierte« und der Pressevertreter sorge.

„Deurschlan- kann zahlen."

Haß macht ebenso blind wie die Liebe. Wäh­rend alle unvoreingenommenen Beobachter au» neutralen und Verbandsländern, die Deutsch-, land heute bereifen, darin übereinftimmen, daß das deutsche Volk in erschreckendem Maße unter­ernährt ist, behaupten gewisse Verbandsblätter das Gegenteil. Sie beziehen ihre Beweise vo« Leuten, die in feinen Hotels üppige Schlemmer- mahlzeiten zu sich nehmen, oder sie urteilen nach dem Treiben, das einige Volksklassen, denen die allgemeine Not zu Sondervorteilen verholfen hat, Sonntags auf Ausflügen und dergleichen ent­falten. So ließ sich die Times dieser Tage vo« einem Mr. Herbert Kaufman einen Brief aus? Baden-Baden schreiben, worin dieser Herr box dem üppigen Leben im heutigen Deutschland spricht, nachdem er ein Mahl von annähernd vierhundert Mark zu sich genommen hatte. Dabei leuchtet selbst dem bescheidensten volkswirtschaft­lichen Denken ein, daß in einem Lande Hungers­not herrschen muß, wo selbst für ein üppige» Essen eine so gewaltige Summe — der Wochen« verdienst eines verheirateten mittleren Beamten — bezahlt werden muß. Genau so naiv ist es, wenn die Cologne Post die Speisekarte „eines schlemmerhaften Landhotels, wo das Frühstück mit Weißbrot und Eiern beginnt unb das Abend­brot mit Omeletten schließt, als Maßstab^ der deutschen Lebensweise hinstellt. Wollte dieses Blatt die Dinge sehen wie sie sind, so müßte es wahrnehmen, daß die halbe Million Einwohner der Stadt Köln für ein Ei 2 Mark und mehr be­zahlen muß, es also in ihrer großen Mehrzahl nur dann und wann auf den Tisch bekonunt, während die Kölner Kinder über acht Jahre di« Milch, ihr notwendigstes Getränk, nur erhalten, wenn sie krank werden und den ärztlichen Er­laubnisschein beibringen. Allerdings sparen sich in vielen Familien die Eltern die Kleider am Leibe, um ihren Kindern einige Büchsen amerika­nische Milch taufen zu können. Noch naiver rfl es, wenn das Blatt den guten Besuch der Köl­ner Schieberlokale, in betten an jedem dritten Tisch irgendeine ausländische Sprache gespro­chen wird, als Beweis des deutschen WoMandes Hinstellt, oder wenn es zu demselben Zweck auf die neuen Bauten hin weist, die in Köln wie Pilze aus der Erde schießen. Auch diese Ban. ken sind zumeist ausländisches Gewächs, das aus dem zerstörten Boden der deutschen Volkswirt­schaft seine 5kräfte zieht wie Unkraut aus einem verwahrlosten Acker. Recht hat das Blatt barin, daß die Bevölkerung auch der ärmsten Stadtvier­tel sauber und ordentlich gekleidet ist, aber Ord« nung und Sauberkeit sind nun einmal deutsche Nationalfehler, in denen wir auch bei den b« scheidensten Mitteln verschiedene andere Nationen übertreten. Die Daily News, deren b ältere er. sühnende Politik bei dieser Presse allerdings wenia geschäht wird, schreibt zu dem Briefe be»