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Nr. 106
Donnerstag den 6. Mai
1920
Das Neueste.
Die deuffche FriedsnSdelegation in Paris j« der Reparationskommission eine neue Denkschrift über Deutschlands unentbehrlichen Schiffsraum überreicht.
Der neue sächsische Ministerpräsident hat gestern sein Kabinett gebildet-
Die Kieler kaufmännischen Angestellten haben beschlossen, heute in den Streik zu treten.
Der Botschafterrat wurde über das Ergebnis Mt Volksabstimmung in Schleswig unterrichtet.
Die russische Sowjetregierung hat beschlossen, die gesamte Bevölkerung inbezug auf die Lebens- mittelverteilung in drei Klaffen einzuteilen.
AuS Warschau wird bestätigt, daß die Ja- uner in Sibirien lediglich eine Entlastungs- offensive durchführen.
Die dänische Besetzung Nordschleswigs.
Mr müssen wieder einmal die Flaggen auf Halbmast Hitzen, und müssen Abschied nehmen Wl einem Lande, in dem viel deutsche Kulturarbeit in einem halben Jahrhundert geleistet Darben ist. Mit dem gestrigen Tage ist die erste Wimmungszone Nocdschleswi^ unter dänische Verwaltung gesteift worden. Nach dem Artikel 109 des Friedensvertrag>es war Dänemark dazu berechtigt. Ausdrücklich muß aber gesagt werden, daß mit dieser Besetzung die Uebergabe der PLaeränitätsZechte noch nicht eriolaüffl. Däue-. Ark hatte das Recht, letziglich die Verwaltung ;a übernehmen-, da aber die deutsche Souveräni- Ä auch für die erste Abstimmungszone noch besteht und solange bestehen bleibt, bis die endgültige Grenzfestsetzung erfolgt ist, so konnte die Rechtsprechung auch nur durch deutsche Richter aach deutschem Recht erfolgen. Es wäre ein unhaltbarer Zustand gewesen, wenn dänische Richter aacb deutschem Recht urteilen wollten. Die zu- ßändigen Stellen haben also an den General- iehetcr der interalliierten Kommission für Nord- Weswig eine Note gelangen lassen, in der die Forderung nach der Beibehaltung der deutschen Richter erhoben ist. Gleichzeitig hat die Reichs- «Sierung ersucht, Rücksicht auf die Wohnungsver- Höltnisse der Beamten zu nehmen, die nunmehr ihre Tätigkeit eingestellt haben. Es ist nicht mchr billig, wenn gefordert wird, daß diesen S3e= ®nn, die monatelang unter schwierigsten Ver- Holtnissen haben arbeiten müssen, noch für eine Misse Uebergangszeit die Dienstwohnungen be-
bleiben. An der Nordgrenze sind allein noch die deutschen Zollbeamten tätig, außerdem ar- dilten in der ersten Zone die Reichsbankneben- Men iveiter. Wie sich die Verhältnisse in der eyten Zone nach der dänischen Besetzung gestal- -in werden, bleibt abzuwarten. Leider kann nichff Wncinmen werden, daß der Uebergang ber' «rwaltur g weiterhin derartig geregelte Ver- altnisft zur Folge hat, wie sie unter deutscher ^cwaltung bestanden. Es ist durchaus zweifel- At, ob Dänemark für dieses Gebiet das nötige ^mtenmaterial besitzt, wie es auch zweifelhaft daß dieser Beamtenapparat gleich richtig feitet. Wir würden uns gar nicht wundern,
»ach kurzer Zeit ein dänisches Ersuchen an "utsehland gerichtet würde, die Vexwattung ZEr Teile der Verwaltung des Gebietes wieder ^ übernehmen. Der jetzige Entschluß Dänemarks
Uebernahme der Verwaltung scheint in den Kopsen einiger dänischer Chauvinisten entstan- sein, die damit sowohl Dänemark als auch b"odschleswig einen Bärendienst erwiesen haben, o wäre besser gewesen, wenn sich Dänemark auf Standpunkt gestellt hätte, mit der Besetzung zur endgültigen Grenzfestsetzung zu warten, /"ff wenn Dänemark wirklich dem nationalen ^'bpbestimmungsrecht zum Siege verhelfen will, . es ein sehen, daß nicht die jetzige Grenze
"ur eine Grenze, die der TiedjeLinie ,, flicht, einen einigermaßen gerechten Aus- schaffen kann.
Paris, 5. Mai. Der Botschafter- $ ! hielt heute vormittag eine Sitzung ab. Sir <c l es, der Vorsitzende der internationalen
Kommission für die Abstimmung in Schleswig, unterrichtete den Rat über das Ergebnis der Volksabstimmung. Er erklärte, daß die Mitglieder der internationalen Kommission sich nicht vollkommen einig seien über die Festsetzung der Grenzlinie. — Nach dem „Temps" wäre die Kommission einig, die erste Abstimmungszone Dänemark zuzusprechen. Was die zweite Abstim- mungszone anb-etrifft, so seien zwei Thesen aufgestellt. Der englische und der schwedische Delegierte seien dafür, die zweite Zone Deutschland zuzusprechen, der französische und der norwegische Delegierte dagegen machten Vorbehalte inbezug auf das westliche Gebiet. Letztere schlagen vor, vier Kommunen Dänemark zuzuteilen, den Rest aber bei Deutschland zu belassen.
DeurschlanSs rmenZbehrkchsr ScheffsrauM.
Eine neue deutsche Note. '
WB. Berlin, 5. Mai. Die deuffche Friedens- dalegation in Paris überreichte der Revara- tionskomnlission eine Denkschrift, in der in Ergänzung der von der deutschen Schiffahrtsdele- gation bereits im März 1919 übergebenen ersten Denkschrift gezeigt wird, wie groß die Einfuhr der für Deutschland lebenswichtigen Rohstoffe vor bem Kriege war und wie diese Einfuhr sich nach dem Kriege infolge dec Wirkungen des Friedens- vertragcs einschränke» mußte.
Zugleich zeigt die Denkschrift, daß eine weitere Einschränkung im Hinblick auf die Volks- gesundheit, die Notwendigkeit der Arbeitsbeschaffung und die Ruhe und Ordnung nicht möglich ist. Es wird ferner statistisch dargetan, wieviele von den eingeffihrten Rohstoffen vor dem
von dem jetzt verminderten und für Deutschland unbedingt notwendigen Rohstoffbedarf künftig zur See eingeführt werden müssen. Die für den Transport dieser Mengen Rohstoffe erforderliche Tonnage wird alsdann berechnet und gezeigt, daß bei strikter Durchführung des Friedensver- trages 700 000 Tonnen Schiffsraum fehlen würden. In der Erwartung, daß die Hälfte hiervon irgendwie anderweitig beschafft werden kann, kommt die Denkschrift zu dem Ergebnis, daß, wie schon in der ersten Denkschrift beantragt, Deutschland zur Vermeidung eines wirtschaftlichen Zu- sammenbruchs 350 000 Tonnen seines eigenen, zur Uebergobe an die Alliierten bestimmten Schiffsraums zunächst gelassen werden müssen.
Gestützt auf diese Darlegungen der Denkschrift richtet die deutsche Regierung in der Note an die Wiedergutmachungskommission das Ersuchen, Deutschland diesen Schiffsraum zu überlassen und schlägt hierfür folgende Regelung vor:
1. Die Ablieferung und Uebereignung der noch in deutschem Besitz befindlichen Frachtschiffe über 1600 Bruttoregistertonnen wird auf zwei Jahre hinausgeschoben. Zum Ausgleich für die während dieser Zeit durch die Benutzung'entstehende Wertminderung wird die deutsche Regierung einen angemessenen Abschreibungssatz zahlen. Die deutsche Regierung wird bestrebt sein, die Ablieferung und Uebereignung der Schiffe schon vor Ablauf der zweijährigen Frist zu bewirken, soweit sie dies nach Lage der deutschen Wirtschaft für durchführbar erachtet. Für die vor Ablauf der Frist abgelieferten Schiffe wird der Abschreibungssatz nur bis zum Tage der Ablieferung gewährt. Sollte während der Frist der zwei Jahre ein nach Absatz 1 überlassenes Schiff verloren gehen, so wird die deutsche Regierung hierfür gleichwertigen Neubau als Ersatz liefern.
2. Hinsichtlich der Schiffe zwischen 1000 und 1600 Tonnen erklärt sich der Wicdergutmach- ungsausschuß mit den Schiffen dieser Größe, die als Embargoschiffe oder als Schiffe, die in Ausführung des Waffenstillstandsabkommens übergeben worden sind und sich bereits im Besitz der alliierten und assoziierten Regierungen befinden, als befriedigt im Sinne des § 1 Abs. 3 Anl. 3 zu Teil 8.des Friedensverloges.
3. Soweit die infolge bet Auslieferung von Schiffen und die Deutschland nach 1 und 2 überlassenen Schiffe nicht den Schiffsraum von 350 000 Bruttoregistertonnen erreichen, wird der ihm hieran fehlende Schiffsraum aus von Süd- und Mittelamerika heimlehrenden Frachtschiffen
3 Ahr
1 ist der
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Anzeiger
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unter den Bedingungen zu 1 zur Verfügung gestellt.
4- Die Wiedergutmachungskommission wird ersucht, den Maritime Service zu bevollmächtigen, über die Ausführung dieses Vorschlages mit der deutschen Schiffahrtsdelegation, die sich jetzt wieder nach London beg'iht, zu verhandeln.
Es muß, so schließt die deutsche Note, nochmals mit Nachdruck und Ernst hervorgehoben werden, daß, wenn Deutschland der geforderte Schiffsraum nicht belasten wird, das deutsche Wirtschaftsleben und die innere Ordnung Deutschlands in einer Weise gestört werden, daß die Erfüllung der deutschen Wiedergutmachungs- verpflichtungen in Frage gestellt, wenn nicht unmöglich gemacht wird.
WB. Hamburg, 5. Mai. Die Handelskammer richtete heute an den Reichspräsiden-, ten, Reichskanzler, Wiederaufbauminister und das Auswärtige Amt nachstehendes Telegramm:
Auf Grund der Darlegung ihrer Industrie- kommission weist die Handelskammer in Hamburg nochmals mit allem Nachdruck darauf hin, daß bei den jetzt wieder aufgenommenen Verhandlungen in London über die Ablieferung der deutschen Handelsflotte die Schicksalsfrage auch für die deutsche Industrie entschieden wird. Nach der Fortnahme der wichtigsten Rohstoffgebiete und dem Zusammenbruch des Eisenbahnverkehrswesens ist die deutsche Industrie im überwiegenden Maße auf Rohstofflieferungen von Uebersee angewiesen. Der nach der örtlichen Durchführung des Friedensvertrages verbleibende Rest von Schiffen ist der bevorstehenden Aufgabe gegenüber völlig unzureichend. Die Berechnungen, die bte deutsche Schiffahrtsdelegation dem Maritime Service überreichte, werden diesseits im vollen
langen, so wird damit bet deutschen Industrie ein unertäglicher Tribut auf erlegt, deren Rückwirkungen namentlich für die werktätige Bevölkerung pernichtend sein müßten.
Bis DsuLsche SrEchädigrmg.
WB. London, 5. Mai Reuter. Amtlich. T'e Regierung schlägt vor. aus der eilten von Deutschland erhaltenen Ent schädig» ngszabluug fünf Millionen Pfund anszUiondern und in bestimmten Fällen zur Zahlung an P r i v at e zu verwenden, welche auf Grund der im Stiege erlittenen Verluste Entschädigungsansprüche gestellt haben.
Die ja^Knrfche Aktion in Sibirien
Eine Entlastungsoffrufive.
Ipa. Warschau, 6. Mai. Nachdem die japanische Skßierung nunmehr offiziell erklärt hat, daß ihr Vorgehen in Sibirien auf Vereinbarungen mit den Verbündeten beruht, kann auch von hier aus mitgeteilt werden, daß die Japaner in Sibirien lediglich eine Entlastungs- offensive durchführen, um die Sowjetregierung von ihren Plänen gegen die russischen Randstaaten abzubringen. Es war seit langer Zeit bekannt, daß Sowjetrußland die politische Lage in Deutschland benutzen wollte, um mit den Kommunisten in ganz Europa eine gemeinsame Aktion zu unternehmen. Offiziell versuchte die Sowjet-Regierung mit den Randstaaten zu Friedensverhandlungen zu kommen, während sie im Geheimen alle militärischen Vorkehrungen traf, um eine gleichzeitige militärische Offensive gegen Polen durchzuführen und mit finanziellen Unterstützungen die politische Offensive in Deutschland, Polen, Rumänien, Serbien und in Italien förderte. Falls die japanische Expel ition in Sibirien unterblieben wäre, hätte es den Bolschewisten sehr leicht gelingen können, ihr Ziel in Polen und Deutschland zu erreichen. Die Vorgänge in Sibirien zwingen sie jedoch zu einer Ablenkung ihrer Kräfte, wobei noch hinzukam, daß die Alliierten in der letzten Zeit eine militärische Verbindung zwischen Polen und der Ukraine herstellte, durch deren Tätigkeit es gelang, den Bolschewisten in Somjetrußland eine große Niederlage zu bereiten. England hat es durch taktische Manöver verstanden, die
Sowjetregierung bei den Verhandlungen in Kopenhagen lange Zeit hinten anzuhalten, wodurch Sowjetrußland in der Erwartung, noch zu Friedensverhandlungen mit der Entente zu kommen, große militärische Vorbereitungen unterlassen mußte. Die Führer der Alliierte« in Süd- und Westrußland sind jetzt über die Zukunft sehr optimistisch gestimmt und hoffen durch die gemeinsamen Pläne der Alliierten die Kräfte der Bolschewisten so zu binden, daß sie keine Gefahr für Westeuropa werden können.
Die Pariwr Ausaabe der »Daily Expreß" meldet aus Tokio: Die Vertreter der Alliierten tu Wladiwostok haben telegraphisch an ihre Regierungen Be. richte gesandt, in denen sie protestieren gegen die Bestrebungen der japanischen Militärpartei und das Vergeben Japan? in Sibirien. Das japanische Parlament beschäftigte sich in mehreren Sitzungen mit der Lage in Sibirien und erklärte, das Vorgehen bei Regierung zu unterstützen.
Ipn. Tokio, 4. Mai. (Ostasiatischer Dienst). Die 400 Meilen lange Strecke der Uffuri-Eisenbabn von Wladiwosio? bis Chabarowsk ist von den Japanern jetzt vollständig erobert und der Betrieb der Baüu Wieder ausgenommen worden. Vorläufig befördern bu Japaner nur Truppen und Proviant auf dieser Strecke.
WB. Paris, 6. Mai. Nach einer Meldung der „Echo de Paris" aus Washington wird dort -er amerikanische Botschafter in Japan Moris erwartet, um mit Wilson das sibirische Problem zu besprechen. Die Regierung in Washington fei beunruhigt, weil das Versprechen der Japaner, Sibirien nur während einiger Monate zu besetzen, nicht gehalten wurde und weil sie ihre Truppen nicht zurückziehen, trägem die tschechisch-slowakischen Truppen abbefördert sind. Man befürchtet, daß durch das Vorgehen der Japaner die amerikanischen Interessen mit den japanischen im Ge- biet des Stillen Ozeans in Konflikt geraten werden.
Dre SlreikhsrveMng
WB. Paris, 5. Mai. Marcel Cachin tritt bei: Behauptungen von dem Nachlassen des Eisens bahnerstreiks in der „Humanste" entgegen. Mehr als 500 000 Arbeiter der vier in Frage kommendem Berufsgenossenschaften seien in den Äus- stand getreten- Tatsache scheine jedoch zu sein, daß der Streik bei den Hafenarbeitern und bei den Seeleuten mehr Fortschritte mache als bei den Eisenbahnern. Auch die Bergleute des Nord- departements und des Pas de Calais schienen geneigt zu sein, sich unter gewissen Bedingungen der Bewegung anzuschließen. Sie würden noch mit bet C. G. T. verhandeln. Die Bergarbeiter des Nordens wollten übrigens, daß auch die Eisenbahner des Nordens sich am Streik beteiligen. Ganz unerwartet seien auch die Metallarbeiter des Seinsdepartements in den Streik getreten. Der Verwaltungsrat des allgemeinen Arbeitervecbandes erläuterte in einer längeren Erklärung seine Nationalisierungspläne und schlage der Regierung einen Mciiiungsar:-: tausch vor. Der bekannte Gewerkschaftsführer der Eisenbahner, Sirolle, sei gestern verhaftet ward n.
WB. Paris, 6. Mai- Die Lage im Eisenbahnerstreik ist die gleiche geblieben. Auf allen Linien des Westens, Nordens und Südens dauern die Ausschreitungen und der Terror fort Im Osten ist der normale Dienst gesichert-
WB. Paris, 6. Mai. An alle Angestellte bei verschiedenen Eisenbahnlinien, die ihren Dienst nicht wieder ausgenommen haben, sind Briefe abgegangen, in denen erklärt wird, daß sie, wenn sie bis heute Donnerstag nicht zur Arbeit zurück- gekehrt sind, wegen Kontraktbruchs aus der Liste gestrichen werden.
WB. Paris, 6. Mai. Bei der Pariser Mittel- meerbahn macht die Wiederaufnahme der Arbeit Fortschritte. Alle Fernzüge sind gesichert. Auch der Vorortsverkehr ist wieder im Gange. In Toulon wurden mehrere Streikführer verhaftet.
ZUefssnSmrsilung in Ruhrand.
WB. Haag, 6. Mai. Der „Nirnwe Eourant' veröffentlicht ein drahtloses Telegramm aus Moskau- daß die Sowjetregierung beichioffen habe, die gesamte Bevölkerung inbezug auf die SebcuSmittetoerteilung in drei Klassen einniteilen. Die erste Klasse umfaßt bte Handarbeiter und Sowietunternelmmngen und ähnliche Einrichtungen, Klaffe 2 die intedeltitellen und geistigen Arbeiter »nd ähnliche Einrichtungen, Klasse 3 Arbeiter in Privatbetrieben, wo die Menschen nicht auSgebeutet werde».
(Weitere Politische Nachrichten auf Seite 5.)