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Rotationsdruckd.Walsenhausbuchdruckerei Hanau

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General-Anzeiger

Amtliches Organ für Stadt- und Landkreis Kanan

Erschein! täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertags

Nr. ZW

Mittwoch den 24. Dezember

1919

Das Friedènsfesl.

Sollen wir an dem Tage, da die Lichter an I den Tannen glänzen und das Kinderlachen laut I wird, rückwärts denken an all das Bittere und I Schwere des verflossenen Jahres? Können wir I das Fest feiern ohne schmerzliches Gedenken an I das, was wir durchleben mußten? Können wir I das Fest fröhlich feiern, da noch unsere Kriegsge- I fangeneu, Väter, Söhne und Brüder, ein unsag- I dar trostloses Leben hinter Stacheldraht im I fremden Lande führen müssen? Wir wollen den I Kindern, die sich freuen können, nicht den win- I zigen Rest von Freude rauben, den sie sich noch zum Weihnachtsfest aufsparen konnten. Aber für alle, die den Ernst des Lebens und der Zeit er­kannt haben, gibt es kein fröhliches Weihnachts- feft in dem Sinne, wie wir es früher feiern konn­ten. Wit hätten vor einem Jahre nicht geglaubt, daß wir um diese Zeit noch nicht einmal den ' äußeren Frieder besäßen. Die Pariser Verhand- 1 hingen geben erst jetzt die Hoffnung, daß die Zn- I kraftfetzung des Friedens wenigstens in abseh- barer Zeit zur Wirklichkeit wird. Alsdann treten neue Lasten und neue Kämpfe im Innern auf. Die Frage der Abtretung der Ostgebiete, die Auslieferungsfrage und alles, was damit zu­sammenhängt, werden im Innern die Partei­kämpfe erneut aufslammen lassen, werden die schon vorhandenen Gegensätze noch vergrößern.

1 Wenn wir also schon ein fröhliches Fest zu. feiern Nicht in der Lage sind, so wollen wir doch das von dem Weihnachtsfest mitnehmen, was als uralte Weihnachtsbotschaft in allen Ländern und in allen, Zeiten seine Wirkung nicht verfehlt hat. Wir müssen bereit sein, jeder an seinem Teile für eine wahrhaftige Friedensgesinnung zu wirken. Alle Völker müssen einsehen lernen, daß sie auf- ckn«der'ing.tialcfj^ der Geist friedlicher Gemeinsamkeit, der Geist gemeinsamer Hilfe, das ist der Geist, mit dem wir uns anschicken müssen, dys jetzige Welhnachtsfest als ein Friedenskest zu feiern. Wenn das geschieht, brauchen wir die Hoffnung, nicht aufzugeben, daß einst das En­gelswort Wahrheit werde:Friede auf Erden, dHen, die guten Willens sind*

Weihnachlsfreude als Kind.

Da lag ein Ahnen von Glanz und Duft, .Ein Hoffen von schimmernden Tagen,

( Erwmtuugzsrcudig in schneeiger Luft, Die Sehnsucht war kaum zu ertragen.

In leisen Träumen erzog das Gemüt, Wunsch um Wunsch zum erfüllen, ' ] Ueber allem jauchzte ein seliges Lied Um alles in Frieden zu hüllen.

Durch die Fensterscheiben in die dunkelnde Nacht Blickten wir bell heißem Verlangen, Und fühlten die nahende festliche Pracht Mit verklärten, brennenden Wangen.---

Heute sind wir kühler und stehn

Ruhig an diesen Tagen

Und ans dem Lande der Kindheit wehn .

Die verklungenen seligen Sagen.

Und manche Erinnerung schaut uns an Mit Wehmut erfüllten Blicken

Wir lächeln im tiefen rückwirkenden Bann, In spätem, verträumten Entzücken.

Franz Berger, Hanau. .

Der Einheitsstaat.

DDP. Karlsruhe, 23. Dezbr.

Die Ablehnung des Antrages der Mehrheits­parteien in der preußischen Landesversammlung über den Einheitsstaat durch das Negierungs­organ dieKarlsruher Zeitung", stößt in der demokratischen und sozialdemokratischen Presse Badens auf starken Widerstand. Sowohl das demokratischeKarlsruher Tageblatt" als auch dieBadische Landeszeitung" treten dem ab­lehnenden Standpunkt des Regierungsorgans entgegen. Der sozialdemokratischeVolksfreünd" sagt, es wäre besser gewesen, wenn der Wille, der in dem Anträge zum Ausdruck komme, be­reits im Herbst v. I. bei der Staatsumwälzung die Zügel ergriffen hätte.

Das russische Problem.

DDP. Prag, 23. Dezember.

Der tschechorslowakische Minister'des Aeußern sagte über das russische Problem' gegenüber Pressevertretern: In der wichtigsten europäischen Frage, der russischen, ist eine Aenderung in den Ansichten der Verbündeten, insbesondere , Frankreichs und Englands einge- trAen. Die roifffafciff^

Europa, nicht länger auf die russischen Rohstoffe zu verzichten, und deshalb würde nach längeren Verhandlungen entschieden, die gegenwärtige Zustande in Rußland anzuerkennen und Frieden zwischen den russischen Parteien herbeizuführen. Die Tschechen und die Kohlenfrage.

DDP. Wien, 23. Dezember.

In der französischen Gesandtschaft in Prag fanden Beratungen der deutschen und der tschecho-slowakischen Regierungsvertreter über die Lieferung von Kohlen an Deutsch-Oesterreich statt. Die Verhandlungen verliefen ergebnislos, da die Tschechen sich weigern, die Erhöhung der Kohlenzuschübe zuzugestehen.

Die unzulängliche Erhöhung der Teuerungszulagen.

Berlin, 23. Dezbr.

Der Deutsche Beamtenbund verbreitet folgenden Protest der Beamtenschaft gegen die unzulängliche Er­höhung der Tenernngszulagen:

Die ungeheure Verteuerung der Lebenshaltung versetzte die Beamten in eine geradezu. unerträgliche wirtschaftliche Notlage, sodaß sie nicht imstande sind, bis zur bevorstehenden Besoldungsrewrm mit ihren Bezügen auszukommen. Die Entwicklung der Ange­stelltengehälter und der Löhne der Arbeiter in den staatlichen Betrieben führte überdies ein immer größe­res Mißverhältnis in den Einkommenverhältnissen zu Ungunsten der Beamten herbei. Der Deutsche Beam- tenbund beantragte deswegen die s o f o r t i g e E r- böhung der laufenden Teuerungszu­lagen um 150 Prozent, während ein Teil der ihm angeschloffenen Gewerkschaften eine Erhöhung um 300 Prozent und darüber forderte. Der Beschluß der Regierung, zum 1 l. 1920 eine Erhöhung der Teuerungszulagen um 50 Prozrnt zu gewäh­ren, dem die Nationalversammlung beigetreten ist, hat allgemeinen Unwillen in der Beamtenschaft hervorge­rufen, der in zahllosen Protestkundgebungen an die Bundesleitung zum Ausdruck kommt. Letzterer legte deshalb bei der Regierung ausdrücklich Verwahrung gegen die unzulängliche Erhöhung der Bezüge ein if|tb erhob zugleich Beschwerde, daß diese Festsetzung ohne weitere Verhandlung mit der Organisation erfolgt ist."

Die Beamtenteuerungszulagen in Preußen.

Berlin, 24. Dezbr.

Nachdem die Reichssinanzverwaltung unter Zu­stimmung . des Haushaltsausschusses der Nationalver­sammlung angekündigt hat, daß den Reichsbeamten für die Zeit vom 1. Januar 1920 bis zum Inkrafttreten der bereits in Arbeit befindlichen Besoldungsreform eine Erhöhung der laufenden Teuerungszulagen um 50 Prozent gewährt werden soll, hat das preußische Staatsministerium in seiner Sitzung vom 23. Dezember mit dem Vorbehalt der später einznlwlenden Zustim­mung der Landesversammlung beschlossen, den preuß.

Die Folgen Ser Lsohlennot.

DDP. Berlin, 24. Dezember.

DasBerliner Tageblatt" berichtet über katastrophale Folgen der Kohlennot im S i e g e r l ä n d e r I n d u st ri eb e z i rk:

Eine Reihe von Erzgruben liegen bereits still, weitere Betriebe werden in Kürze ihren Betrieb einstellen müssen. Einige Gruben stehen in der größten Gefahr zu ersaufen und damit auf Jahre hinaus verloren zu gehen. Die Walz- unb Hammerwerke seiest stillgelegt. In einer Versammlung von 200 Vertretern von Werk- meisterleitungen, Arbeitern und Behörden wurde eine Entschließung angenommen, in dec es heißt:

Schon sind wegen der schlechten Kohlen- und Kokslieferung zahlreiche Feierschichten und teil­weise Werkstillegungon notwendig geworden. Größere Werkstillegungen stehen bevor, wenn sich der Kohlen- und Koksmangel weiter verstärkt. Die hiesigen Werke sind reichlich mit Lieferungs- aufträgen versehen. Wenn das Siegener Eisen­erz-Revier, das einizige größere Eisengebiet Deutschlands, nicht arbeitet, so ist es auch nicht möglich, die Eisen- und Stahlindustrie aufrecht zu erhalten, und dann wird auch der von den Bergleuten beklagte Mangel an Förderwagen, Schienen, Maschinen usw. nicht beseitigt werden können.

Einigung der Bauern und Kand- werbet in Bayern.

Münckien, 24. Dezember.

Aus München läßt sich dieVoss. Ztg.' meb den, daß die Ei n i g u n g des bayerischen Bau­ernbundes mit dem von Dr. Heim geggrünbeten Christlichen Bauernverein erfolgt sei. Dazu wird dem genannten Blatt geschrieben: Die große geistige Bedeutung Heims wird sich in der neuen Bauernpartei ohne Zweifel beherrschend durch­setzen. Heim bleibt trotz aller Anfeindungen, die er im Zentrum erfahren hat und trotz alles Unab­hängigkeitssinnes im Herzen ein Zentrumsmann. Wenn der Bauernbund in seiner Gesamtheit die Vereinigung mit dem Heim'schen Verein voll­ziehen sollte, so würde das den Sozialdemokraten die letzte Möglichkeit nehmen, ohne und gegen das Zentrum in Bayern zu regieren. Nach demBerl. Lokalanz" sei in Bayern wie die Einigung der Bauern auch die der Handwerkerschaften im Gange.

Erzberger gegen Kelfferich.

DDP. Berlin, 24. Dezember.

Das Hauptverfahren gegen den früheren Staatssekretär Dr. Helffency wegen Beleidigung des Reichsfinanzministers Erzberger ist eröffnet worden. Die Verhandlungen sollen sicherem Vernehmen nach bestimmt im Januar stattfinden.

v. Bülow über die Marneschlachl.

DDP. Berlin, 24. Dezbr.

Im Verlag von August Scherl E. m. b. H. hat jetzt Eeneralfeldmarschall v. Bülow, bei Führer der zweiten deutschen Armee, seinen Bericht zur Marneschlacht veröffentlicht, den er im Dezember 1914 noch unter dem frischen Eindruck der Kttegsereignisse nieber- schrieb und der obersten Heeresleitung über­sandte.

Ktmmelsgloelren.

Ein Weihnachtsmärchen, ernsthaften Kindern erzählt von Fr. Fabricius, Hanau.

Seht Ihr, wie hoch droben im Himmelsblau die Wolken wandern? Dann habt Ihr sicher­lich auch schon, wenn die Sonne so recht fröhlich dahinter hervorlacht, auf den weißflaumigen Spitzchen einen goldenen Schimmer bemerkt und Euch den Kopf zerbrochen, woher der wohl käme. Hört zu, ich will's Euch sagen!

Da droben sitzen nämlich, wie ihr im Sommer auf der Wiese, viele blondlockige Englein mit sternenbestickten Hemdchen im Wolkenschnee, und wenn der Sonnenschein mit ihren goldenen Flü­geln spielt, bann gibt das ein Gleißen und Glitzern, daß man es hier unten aus der Erde ganz genau sehen kann.

Ihr würdet wohl was drum geben, wenn Ihr auch einmal hoch droben auf einem weichen Wolkensessel sitzen und Eure kleinen Beinchen in der Himmeksluft baumeln lassen dürftet. Aber seid nicht neidisch auf die Engelchen, denn hättet Ihr ein Fernglas, womit Ihr bis dort hinauf schauen könntet, dann würdet Ihr? sehen, daß sie samt und sonders sehr, sehr ernste Gesichter machen so wie Vater aussieht, wenn er schwere, sorgenvolle Gedanken hat.

Das ist deshalb so, weil die Engel eine über­aus beranttoortungâboHe Tätigkeit ausüben. Zeder von ihnen hält zwei feine Sonnenfäden in der Hand, die bis hinunter auf die Erde reichen. An ihrem anderen Ende sind zwei goldene Glöckchen befestigt, die schlafen in den Seelen Meier Menschen, welche der liebe Gott für ein­ander bestimmt hat. Oft wohnen sie an ganz verschiedenen Orten, und keiner weiß etwas von dem andern. Aber der liebe Gott leitet ihre Wege so, daß sie sich efnes Tages begegnen; dann fangen die Glocken auf einmal ganz zart und süß zu klingen an, und vas gibt einen gar wunder­samen Akkord.

Der kleine Glockenwärter auf dem Wolken­bänkchen muß nun sehr sorgsam sein, damit fci= Nen Fingerchen die Sonnenfäden Nicht ent= gleiten, denn dann fallen sie hinunter zur Erde,

und das wilde Treiben der Welt beschmutzt und zertritt das reine, kostbare Himmels gold mit sei­nen rauhen Füßen Die beiden Glocken klingen mitunter wohl noch eine Zeitlang, aber es ist nicht mehr der überirdisch schöne Ton bald wird der Klang auch immer trüber, immer trau= riger und leiser, bis er endlich ganz verstummt.

Noch schlimmer ist's, wenn der Engel mit einem unbedachten Ruck eine von den Glocken aus ihrem Seelenhäuslein herausceißt. Dann scbickt die andere Glocke, welche vor kurzem noch so herzensfroh mit ihr zusammen geläutet hat, ver­gebens ihre fragenbe Stimme aus, und die sie Schmerz und Weh, denn die ihr zugesellt war, ist für sie starr und tot geworden.--

Ja, ja, Ihr habt's bedeutend leichter, als so ein Engel, der, wenn er solch Unglück angerichtet hat, natürlich nicht straflos ausgeht! . . .

Nun war's wieder mal um die liebe Weih­nachtszeit, und wie jedes Jahr herrschte im Him­mel fieberhafte Tätigkeit. Aber trotzdem wollte die Arbeit nicht recht vorangehen. In der, Spiel- zeugfaürik, bei dem großen Backofen und in der Packkammer überall waren nicht genug Hände da. Das Christkind wußte kaum, wo ihm der Kopf stand, und es überlegte hin und her, wie wohl noch ein paar Hilfstruppen zu beschaffen seien. Da fielen ihm plötzlich die kleinen Engel auf den Wolkenspitzen ein. Froh, einen Ausweg gefunden zu haben, trat es noch ganz heiß und rot vom angestrengten Schaffen hinaus vors Himmelstor und hielt von da aus eine laute Ansprache.

Meine lieben Glockenwärter", sagte es mit seiner hellen Stimme,ich brauche mindestens die Hälfte von Euch drinnen in der Himmelshalle, aber hier darf die Arbeit selbstverständlich nicht unterbrochen werden, denn auch sie ist jetzt wich­tiger als je. Die hierbleiben, müssen halt bis zum Beschertag auch in der anderen Hand zwei Sonnenfäden halten. Aber ich bitte Euch seid ja vorsichtig! Ich möchte mich nicht noch mehr aufregea!"

Dann bestimmte das Christkind, meW Engel auf ihrem Posten bleiben und welche ihm folgen sollten; die ersteren machten gleich im Bewußt­sein ihrer doppelten Verantwortung auch doppelt

ernsthafte Gesichter und bersprachen dem Christ­kinde die größte Aufmerksamkeit.

Einer von den für den weihnachtlichen Hilfs­dienst Erkorenen oh, ein liebreizender Engel mit sanften, blauen Augen war's gab sichtlich nur mit Widerstreben seine beiden Sonnenfäden aus der Hand.Es sind zwei wundervolle Glocken, und sie haben gerade jetzt erst zu klingen angefangen,* sagte er ängstlich, seinen Nachbar mißtrauischen Blicken musternd.Gib her", ant­wortete dieser obenhin,es wird schon nMts dran passieren!"

Aber hinter dem pechschwarzen Kraushaar, das sein Gesicht im Gegensatz zu all den anderen hellblonden Engeln umrahmte, und an dem ihm die Widerborstigkeit schon von weitem anzusehen war, da bewegten sich rachsüchtige Rebellenge- danken. Kaum hatte das Himmelstor sich hinter dem Christkind und seiner Schar geschlossen, da legte der kleine Engelknabe seinen scheinheiligen Gesichtsausdruck ab und ließ die Unterlippe so weit herunterhängen, daß sie aussah wie eine Klarinettenspitze. Denn erstens hätte es ihm viel mehr Spaß gemacht, drinnèn in der warmen Küche Weihnachtskonfekt zu formen und von dem umschließende Seele krampst sich zusammen vor fertiggebadenen womöglich etwas in seinem Täschlein verschwinden zu lassen Und dann wollte er nicht einsthen, warum er so ohne weite­res die Zweisache Arbeitslast auf sich nehmen sollte.

Ihr seht daran, daß dec Zeitgeist mit seinen großen Stiefeln bis über die Wolken marschiert, und es wirklich ein Glück, daß die Arbeiter und Angestellten des himmlischen Betriebes im allge­meinen für Streik- und Revolutionsgedanken zu engelhaft sind, denn das Unglück, welches ande­renfalls entstünde, wäre ja garnicht auszudenken!

So aber ging im Großen und Ganzen alles feinen geregelten Gang, und keiner der Glocken­wärter vergaß seine Engelwürde außer dem kleinen Schwarzen. Der drehte mißmutig seine vier Sonnenfäden zwischen den. bietest Patsch­händchen. Die beiden, deren Wartung ihm eigens oblag, interessierten ihn nicht im geringsten, denn ihre Glocken lagen stumm in zwei noch weit, weit von einander entfernten Seelen. Und wenn er

die verttetungsweise übernommenen goldglän­zenden Stränge mit den Augen verfolgte, dann überkam ihn ein ärgerlicher Neid beim Anblick der beiden schönen Menschenseelen drunten auf dec Erde, in welchen die Glocken klangen zwar ganz leise und zaghaft noch, aber in wundervoller Harmonie.

Wie bei kleine Schwarze einen Engel kann man ihn schon gar nicht mehr nennen nun so tatenlos auf seinem Wolkenstühlchea saß, wurde ihm natürlich die Zeit furchtbar lang. Aber auf einmal fing er recht hämisch und häßlich an zu lachen: Es war ihm ein Gedanke gekommen, dec seiner Langeweile und seiner Mißgunst mit einem Schlage ein Ende bereiten konnte. Denkt Euch er vertauschte die Sonnenfäden mitein­ander, um nachher an der Not der vier heimat­losen Seelen eine diebische Schadenfreude zu haben! Weil er aber bei der Ausführung seines boshaften Vorhabens einen scheuen Blick auf die zunächst sitzenden Glockenwärter warf, so konnte es geschehen, daß einer der Sttânge seinen Fin­gern entglitt und zur Erde fiel. Es war Zeiner von den Schutzbefohlenen des zartblonden Engels, und seine Glocke wohnte in der starken Feuerseele eines schönen, dunkeläugigen Mannes. Als der Pflicht- und ehrvergessene Glocken- wärter fah, was er angerichtet hatte, bekam fr einen Heidenschreck, denn nun konnte er nicht, wie beabsichtigt, im entscheidenden Augenblick alles wieder ins Reine bringen, und eine emp­findliche Strafe war ihm gewiß. Wie ein Häuf­lein Unglück saß er deshalb auf seinem Wolken­stühlchen, das von der Glut des Backofens rosig beleuchtet war, und fein Herzchen fing vor Angst laut zu Hämwern an, wenn er an die Rückkehr des- Gefäbrten dachte. ,

Die ihm selber anvertrauten Seelen waren ja von feinem Mißgeschick nicht so sehr betroffen, weil ihre Glocketz noch nicht für einander zu klingen begonnen hatten. Sie gingen still und ruhig ihrer Wege weiter, ohne eine Ahnung von d,em Reichtum zu haben, welcher in ihrem In­nern schlummerte.

Doch nein! der kleine schwarze Sünder beugte sich so weit vor, daß er beinahe von seiner» luftigen Sitz heruntergefallen wäre:, nur die