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Gentrai-Anzeiger
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1919
Deutschland muß !
Der letzte Akt.
(Stimmungsbericht eines Mitarbeiters in Weimar.)
In der Nacht zum Montag brachte der Draht nach Weimar die Kunde, daß nur die bedingungslose Annahme des Friedensvertrages uns den Frieden bringen würde. Im Schloß zu Weimar trat sofort das Kabinett zu einer langen Nachtsitzung zusammen, um zu entscheiden, was die veränderte Lage nun bringen würde,. Es schien notwendig noch einen Zwischenschritt zu tun, in dem eine Fristverlängerung um 48 Stunden nachgesucht wurde. Vergebliches Bemühen! Auch diese letzte Bitte um lumpige zwei Tage wurde von Clemenceau abgelehnt. Der Morgen des 23. Juni brachte in Weimar wieder eine Lage, die der Verzweiflung der vorherigen Tage ähnlich war. Der Beschluß vom Sonntag war stark in Frage gestellt, denn durch die bedingungslose Annahme hatte sich ein Teil der Mitglieder des Zentrums zu einer Ablehnung entschlosien. Auch unter den Mehrheitssozialisten war die Sachlage nicht vollständig geklärt. In den Morgenstunden fanden die letzten entscheidenden Fraktionssitzungen statt, und am Mittag um 12 Uhr die letzte Kabinettssitzung, die das Endergebnis bringen mußte. Wenige Stunden später trat die Nationalversammlung erneut zusammen, und Ministerpräsident Bauer wies als erster Redner darauf hin, daß durch die neue Entscheidung des Verbandes eine von Grund aus neue
Präsident ließ freilich keinen Zweifel darüber, daß eine solche Ehrabschneiderei wie wir sie jetzt vor der ganzen Welt erdulden müssen, nicht Unstande ist, uns die wahrhaftige Ehre zu nehmen. Er erklärte dann aber, daß es der Vorschlag des Kabinetts sei, zu unterschreiben, und er bat um die Bestätigung der Auffassung, daß die Reichsregierung durch den Beschluß vom 22. Juni ermächtigt worden war, den Friedensvertrag zu unterzeichnen. Da es sich hierbei lediglich um eine formale Frage handelte, war die große Mehrheit des Hauses der gleichen Meinung wie die Regierung. Man hatte durch diese Anfrage eine namentliche Abstimmung auf ja und nein vermieden. Es wäre nicht ausgeschlossen gewesen, daß das Ergebnis einer solchen Bb- siimmung eine neue Krise gebracht hätte, die im jetzigen Augenblick auf jeden Fall vermieden werden mußte. Um 31/« Uhr erhielt der Gesandte Herr v. Haniel in Versailles durch den Reichsminister des Aeußern Hermann Müller den Auftrag, der Entente mitzuteilen, daß Deutschland den Friedensvertrag in der vorliegenden Form anzunehmen bereit sei.
Nachdem sich die Nationalversammlung eine Stunde vertagt hatte, wurde ein Aufruf an die Armee beschlossen, in dem auf die schweren Opfer hingewiesen wurde, die gerade nach dem Vertrage die Armee zu bringen habe, Opfer materieller und moralischer Natur. Aber auch jetzt gelte es, nicht zu verzweifeln, Ruhe sei die erste Bürgerpflicht', und Ruhe zu schaffen und zu halten ist auch jetzt für die Armee höchste Pflicht.
2m ganzen Hause war sich jeder der überaus schicksals- schweren Stunde bewußt. Man konnte mehrmals feststellen, daß die Abgeordneten ihre Gefühle Niederkämpfen wussten, um ruhig zu bleiben. Ob die einzelnen Abgeordneten sich für oder gegen die Ablehnung ausgesprochen, der eine Gedanke lebte in allen, daß wir herausmüffen aus diesen Wochen des Zwischenzustandes, aus dieser Zeit der Unruhen, und daß alles geschehen muß, um die ruhige Entwickelung des Landes im Innern zu sichern. Die Vertreter des Volkes haben gesprochen, sie haben ihren Entschluß bekannt gegeben. Er war nicht frei, er wurde beeinflußt durch den Zwang unserer Gegner. Was auch die politischen Folgen des schwärzesten Tages von Weimar sein werden, die eine Hoffnung bleibt in allen Herzen: Willst wird aus Zwang wieder Freiheit werden, aus einem Volk von Lohnsklaven wieder ein freies Volk, und wenn Wan jetzt versucht hat, uns unseren guten Namen und unsere Ehre zu nehmen, so wird doch einst vor der Welt unser Schild heller leuchten als zuvor. Aus diesen Tagen der Entscheidung wird ein Worü immer bestehen bleiben, nämlich das, daß dieser Frieden das größte Verbrechen Nach der Entfeffelung des Krieges bedeutet.
ebensfähig bleiben.
Ein Aufruf der Regierung.
An das deutsche Volk!
WB. Berlin, 24. Juns.
Die ReichSregienmg hat mit der Zustimmung der Nationalversammlung erklärt, den Friedensvertrag zu unterschreiben, schwersten Herzen« unter dem Druck der rücksichtslosesten Gewalt, nur in dem einen Gedanken, unserem wehrlosen Volke neue Kriegsopfer und Hungerqualen zu ersparen. D e r Friede i st geschlossen. Nun wahrt und sichert den Frieden. Das erste Erfordernis ist: Der-trags- e r f ü l l u n g ! Jede Anstrengung muß an die Erfüllung dieses Vertrages gesetzt werden. Soweit er ausführbar ist, muß er ausgeführt werden. Nimmer werden wir derer vergessen, denen die Abtretung droht. Sie sind Fleisch von unterm Fleisch. Wir werden, für sie eintreten, wo wir können, wie für uns selbst. Aus dem Staatsverbande können sie gerissen werden, aber nicht aus unserem Herzen. Das zweite Erfordernis ist: Arbeit! Die Lasten dieses Friedens können wir nur tragen, wenn keine Hand müßig ist. Für jede nichterfüllte Leistung können die Gegner mit Vormarsch, Besetzung oder Blockade antworten. Wer arbeitet, verteidigt den heimischen Boden. Das dritte Erfordernis heißt: Pflichttreue! Wie wir trotz aller Gewissensnot auf dem Posten geblieben sind, so muß es jeder einzelne machen: der Soldat, und zwar Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften, der Beamte, jeder muß, um des Ganzen willen, seiner Pflicht treu bleiben, auch in biegen bösesten aller bösen Tage. Man zwingt uns, Dcut'che einem fremden Gericht auszuliefern. Wir haben uns bis zum äußersten ba«
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Truppen haben nur volles Verständnis, aber wenn Offizier und Mann jetzt nicht noch fester für die innere Ordnung eintreten helfen, so liefern wir nicht nur ein paar Hunderte, sondern Millionen unserer Landsleute aus, und zwar der Okkupation, der Annexion, dem Tecror. Deutschland muß lebensfähig bleiben. Ohne innere Ordnung ferne Arbeit, ohne Arbeit keine Vertragserfüllung, ohne Vertragserfüllung kein Friede, sondern Wiederaufflammen des Krieges. Wenn wir nicht alle mithelfen, ist die Unterschrift untex dem Vertrag wertlos, dann kann es keine Erleichterung, keine Revision und kein schließliches Abtragen der ungeheuren Lasten geben. Was Hkute an Tagen versäumt wird, kann unsere Kinder Jahre der Knechtschaft kosten. Schon heute müssen Volk und Regierung an die Arbeit gehen. Es darf teure Pause geben und keiner beiseite stehen. Es gibt nur ein Weg aus der Finsternis dieses Vertrages : Erhaltung von Reich und Volk durch Einigkeit und Arbeit. Helft uns dazu, Männer und Frauen!
Der Reichspräsident: Ebert.
Die Reichsregierung: Bauer,. Erzberger, Hermann Müller, Dr. David, Dr. Mayer, Wissell, Robert Schmidt, Noske, Giesberts, Dr. Bell, Schlicke.
Die Unterzeichnung.
W. Paris, 24. Juni.
Dutasta traf heute morgen 7 Uhr in Versailles ein, wo er sich einige Augenblicke mit Herrn v. Lersner unterhielt. Dutasta schlug qfis Tag der Unterzeichnung den Donnerstag vo.r. f
W. Paris, 24. Juni.
Bonar Law und Hord Milner werden London am Mittwoch abend verlosten um sich nach Paris zu begeben, wo sie im Namen Gro ^-Britanniens den Friedensvertrag unterzeichnen werden. Die anderen britischen Mitunterzeichner, Lloyd George, Balfour und Barnes befinden sich bereits in Paris.
W, Versailles, 24. Juni.
Wie das „Echo de Paris" meldet, wird das Exemplar des Friedensvertrages da» unterschrieben wird, auf Japanpapier gedruckt und in Moroccain-Leder gebunden werden. Bei Vollziehung der Unterschrift werden abgesehen von den Delegierten, dem technischen Personal, den Stenographen usw. nur die Pressevertreter der alliierten Länder und Deutschlands zugelassen sein. Die Zeremonie dauert ungefähr zwei Stunden, da im ganzen über hundert Unterschriften geleistet und Siegel angebracht werden müssen.
Die Stellung des preußischen Kabinetts.
— Berlin, 25. Juni. (Xelegraiiun).
Wie beirr „Berliner Lokal-Anzeiger" berichtet wirs, wirb das preußnche Kabinett lein Verb eiben im mt von der morgigen Aus prache über die Fruedenssrage in der preuß. Landesversammlung abhängig machen.'
Das Asylrecht des Kaisers.
= Berlin, 25. Juni. (Telegramm.)
Zur Drahtmeldung, daß Holland gegen die Auslieferung des Kaisers sei, und daß die holländischen Sozialisten wie bl« anderen dortigen Parteien auf dem Standpunkt stehlen, daß bas Afylrecht unter keinen Umständen verletzt werden dürfe, schreibt die „Deutsche Allg. 3tg “: Nach der Beurteilung der bisherigen Haltung der Niederländer in der Frage der Auslieferung des Kaisers kann diese Drahtmeldung wohl als zutreffend angesehen werden. Bei ollen Deutschen herrscht tieffte« Entrüstung nicht nur über die wirtschaftlichen und territorialen Verstümmelungen des Reiches, sondern mehr noch über die entehrende und demütigende Zumutung, daß mit der Forderung der Auslieferung von Deutschen die Jurisdiktion, eines der wesentlichsten Bestandteile der Souveränität, vergewaltigt werden soll. Mit der Aufgabe der Verweigerung der Aus; lieferungsbrdingung hat Deutschland der (Gewalt weichen müssen. Wenn die Niederländer ist diesem Augenblick höchster Not und Ohnmacht dem Nechtsstandpunkt Geltung verschaffen und damit unsere Ehre wahren, so wird das deutsche Volk das mit tiefster Dankbarkeit empfinden.
Vertagung der Nationalversammlung.
— Berlin, 25. Juni. (Telegramm.)
Nachdem sich die Nationalversammlung gestern vertagt hatte, trat das Kabinett in Weimar zusammen, um lautende Angelegenheiten zu erledigen. Der größte Teil der Neibs- regierung verließ gestern im Sonderzug Weimar. Ministerpräsident Bauer wird erst heute in Berlin eintreffen.
Die Versenkung. _ Berlin, 24. Jun
In hiesigen Mark nekraiseLâd wiederholt versichert, daß in Berlin von der Versenkung der deutschen Schiffe in Scapa Flow nichts bekannt gewesen sei. Die Versenkung ist weder auf einen kommunistischen Putsch zurückzuführen, noch ist sie eine Tat der Verzweiflung. Sie konnte nur durchge ührt werden nach längerer genauester Vorbereitung und bei völligem Einvernehmen zwischen Mannschaften und Offizieren, da gleichzeitig mit der Versenkungsarbeit die Boote zur Rettung der Besatzungen klar gemacht werden mußten. Es muß also ein vollständiger Plan vorgelegen haben. Es handelt sich offenbar um eine Tat aus dem Gefühl nationaler Würde und militärischen Ehrgefühls heraus. Wenn sich unter den Mannschaften frühere Meuterer befunden haben, so is^ ihr Einverständnis mit der Tat wohl daraus zu erklären, daß sie darüber enttäuscht gewesen sind, daß von einer gehofften Verbrüderung mit der englischen Flotte usw. nichts zu spüren war. Ein rechtlicher Grund für die Engländer, die Besatzung zu bestrafen, liegt nicht vor.
W. Amsterdam, 24. Juni.
Dem „Telegraaf" zufolge meldet die „Times", daß * Konteradmiral von Reuter wegen Verletzung der Be- stimmungen des Waffenstillstandes betreffend die internierten deutschen Schiffe vor ein Kriegsgericht gestellt wird. Der Alliiertenrat in Paris wird den Termin für den Prozeß festsetzen. Aus weiteren Meldungen geht hervor, daß die Deutschen für die Versenkung der Schiffe den Augenblick wählten, wo eine große Zahl britischer Kriegsschiffe zu Uebungszwecken in See gegangen war-
Abschied.
= Berlin, 25. Juni. (Privattelegr.).
Wie die „Vossilche Seihmr" hört, beabsichtigt der Chef des Generalstabs, General Gröner, wegen der bedingungs. loien Annahme des feindlichen Ultimatums seinen Abschied kinzureichen. — Nach einer Meldung der „Kreuzzeitimg" gab der Botschafter in Wien, Graf Wedel, wegen der Unter- Zeichnung des Friedensver'trages seine Demission.
Ausstände in Kanada.
= Berlin, 25. Juni. (Telegramm.)
Dem „Bèiliner Tageblatt" wird aus Lugano gemeldet: Die Sweiks in Kanada nehmen ;u. In Winnipeg veran- stalteien 10 000 entlassene Soldaten eine Kundgebung vor dem Ralhaus. Das Militär schoß. Es gab eine Anzahl Toter und Verwundeter. 400 Demonstranten wurden ver- baftet. BlUt Läden sind geplündert. Es wurde der B^ lagermigojuftanb verhängt.