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Die Entscheidung ist gefallen.
Bedingungslos angenommen!
WB. Versailles, 23. Juni. Heute nachmittag 4 Uhr 40 Minuten hat der deutsche Gesandte von H a n i e l dem Vorsitzenden der Friedenskonferenz Clemenceau die Note zustellen lassen, in der die deutsche Regierung sich bereit erklärt, die Bedingungen der alliierten und assoziierten Regierungen bedingungslos anzu- nehmen.
WB. Berlin, 23. Juni. Gesandter von Haniel übersandte im Auftrage der ReichZrcgiernng nachmittag» 4.40 Uhr folgende Note an die Bevollmächtigten der alliierten und assortierten Regierungen: Die Regierung der deutschen Republik hat aus der letzten Mitteilung der alliierten und assoziierten Regierungen mit Erschâftc- >^<g ersehen, daß sie entschlossen sind, von Deutschland auch die Annahme derjenigen Friedensbedingungen mit äußerster Gewalt zu erzwingen, die, ohne eine materielle Bedeutung zu besitzen, den Zweck verfolgen, dem deutsche« Volke seine Shre zu nehmen. Durch den Gewaltakt wird die Ehre deS deutschen Volkes nicht berührt. Sie nach außen hin zu verteidigen, dazu fehlt dem deutschen Volke nach den entsetzlichen Leiten der letzten Jahre jedes Mittel. Der übermächtigen Gewalt weichend und ohn« damit "ihre Auffassung über die unerhörte Ungerechtigkeit der Friedensbedingungen aufzugeben, er« Kart deshalb die Regierung der deutschen Republik, daß sie bereit ist, die von den alliierten und assoziierten Regierungen auferlegten Friedensbedingungen anzunehmen
' und zu unterzeichnen.
Die Entscheidung ist am ersten Tage des jungen Sommers gefallen r Sonnenwende! Die Unterschrift wird gegeben, bedingungslos. Aber auch sie, die das Dokument unterzeichnen, stab. woran die Worte des Ministerpräsidenten keinen Zweifel Wy Wkrzeugk, h?s es Unmögliches verlangt. Der Frieden ist für Deutschland unerfüllbar, selbst, wenn die Entente grinsend in Äâsailles die deutsche Verpflichtung zu seinen Ausführungen einstreicht. Wie Xerxes einst sich bei jeder Mahlzeit von einem Sklaven dreimal zurufen ließ: „Herr, gedenke der Athmer!", so werben wir uns immer wieder an die schreiende Schmach dieses aufgezwungenen Friedens erinnern. Die politische und wirtschaftliche Zukunft Deutschlands ist dunkel wie die Nacht, nur ein Stern leuchtet und leitet uns, die Pflicht. Unsere Pflicht gebietet, möglichst wenig zu reden und entschlossen zu handeln, nicht in Parteipolitik aufzugehe«, sondern dem Ganzen zu dienen, der Ausrichtung unseres zerschmetterten Vaterlandes.
---- Berlin, 24. Juni. (Telegramme).
Zur Unterzeichnung des Versailler Friedens sa^ die „Vossische Zeitung": Die Nationalversammlung hat nunmehr bett Kelch unseres Leidens bis zur bitteren Neige geleert- Dem deutschen Volke soll keine nur denkbare Erniedrigung krspart bleiben. Die „Kreiszeitung", die das Schicksal Deutschlands einstweilen für besiegelt ansieht, sagt: Unsere Feinde haben itn Haß gesät. Wir werden dieses Samenkorn pflegen, bis das Volk stark genug ist, die entehrenden Fesseln wieder abzustreifen. Die „Deutsche Tageszeitung" schreibt: Wir sind überzeugt, daß der nationale Gedanke und insbesondere das Bedürfnis, an ihm Halt zu gewinnen und sich um ihn ju sammeln, wachsen und um sich greifen wird. — Der l,Vorwärts" führt aus: Man hat uns vergewaltigt. Wer den Glauben hat, daß die Gewalt der in Größenwahn verstrickten Männer, die sich jetzt in Paris blähen, für alle Zeiten sich aufrecht erhält, den kann man nur schwer in seiner Verzweiflung trösten. Wer aber mit uns die feste Zuversicht aus eine bessere Zukunft hat (und wir glauben, daß die Mehrheit des Volkes He teilt) der behält den Kopf oben und wartet, bis die in der Welt lebendigen Kräfte den papiernen Versuch einer neuen Weltregelnng beiseite schieben. Klagt nicht, ve-.zwe felt nicht! Laßt nicht allen Mut sinkens Der Tag der Auf- ^stehung kommt uns gewiß. Dw Schmach, die man uns nnziitun unternimmt, wird eines Tages auf die Gegmr iurüdfaUen.
Die Nationalversammlung.
DDP. Weimar, 28. Juni.
Der Präsident Fehrenbach hat die Absicht ausgelprochen, We Nationalversammlung bis zum 1. Juli zu verlazen. In der Deutschen Volkspartei bestehen Seftrebunyn, ein Auseinandergehen der Nationalversammluu im jetzigen Augen- dlick zu vermeiden. Man will keine Pausen eintreten, sondern kurze Atzungen abhalten lassen, bamit die Nationalversammlung nicht zu einer Zeit auseiuandergeht, in der ihr Zusammen- tritt jederzeit wünschbar werde» könnte. (Berl. L.-A.)
Die Versenkung der deutschen Flotte.
WB London, 23. Juni.
Etwa 1800 Offiziere und Mannschaften befinden fich <«• Zusammenhang mit der Versenkung der deutschen Flotte a^ dem Weg zu einem Jnternierungsort.
WB Amsterdam, 23. Juni. \
Dem „Telegraf" zufolge meldet die „Times" aus Newporkl Die Veimichtunq der deutschen Flotte in Ecapa Flow an^ Vorabend des Friedens habe in Amerika einen höchst unangenehmen Eindruck gemacht. Die Emrüstung darüber fef allgemein. Maßgebende Männer des internationalen Recht- erkörten, baß ein strenges Exempel an den Offizieren untz Mannschaften, die unter der Flagge des Waffenstillstande- ein« ehrlose Kriegsiat begangen hätten, statuiert werden müsse. Den letzten Meldungen zufolge rechtfertigt sich der dentsch« Kontreadmiral v. Geutdr damit, er babe aus den deutschetr Blättern entnommen, daß der Waffenstillstand abgelaufen se» und habe persönlich Befehl gegeben, die Schiffe zu versenken,
— London, 24. Sunt ,
Sie Northcliffe-Presse ist höchst au gebracht über die Do» senkung unb schvtzt den Wer: der versenkten Schiffe auf 60 Millionen Pfund Sterling. Die „Times" spricht uon einem new räterischen Streich. Der Rbmiial und sein« Offiziere müßten! wegen dieser verräterischen unseenwnnischen Handlung zur Seratrttrcrtung gezooen werden. Die Deiüfchen müßten vollen Schadenersatz leisten." „Daily Mail" nemft die Versenkung eint feige Tat. „Morninp Post" und die übrigen konservativen DMffer Luhern sich im gleichen Sinne. „Daily Chronicle spricht von einem Kriegsverbrechen. Der Marinemitarberten der tftfttes KreM jedoch, daß die Versenkung bei der britischen Flotie heimlich SÜW.um&erung . W^ ward. WeM unsere britischen Offiziere la eine ähnliche Lage hätten kommen können, würden str ebenso gehandelt haben. „Daily News der Selbstmord der deutsch:n dem^Streai
machen sollen.
Das italienische Kabinett.
WB. Bern, 23. Juni.
Di« Stellung beS neuen italienischen Kabinetts unter Nitti scheint schon von Anfang an durch das Fehlen von Vertretern der Fasc-sten und einiger liberaler Gruppen be- einträchtigt zu sein, um deren Deieiligung sich der neu« Ministerpräsident in mühiamen Verhandlungen und unter Zligrständnissrn an die befonberS verbanbrfreundlichen Fascistei- Ner-eblich bemüht hat. Diese gaben schließlich auf den nachdrücklich geäußerten Wu.isch Tfttonis, dem Senator Schaloja ‘ freie Hand, die Berufung in die neue Friedensbelegation anzunehmen oder abzulehnen. Seine nunmehr erfolgte Annahme, so ersteren die Fascisten in einer einstimmig angenommenen Tagesordnung, schlreßs kein Vertrauensvotum für die neue Regierung ein. Da auch die Reformsozialisten die von Nitti nachgesucht« Mitarbeit in seinem Kabinett abgeffehnt haben, so kam schließlich Nitti zu einer Zusammensetzung, die gegen seinen Willen fünf als Anhänger Giolittis bekannte Politiker aufweist. Da Nitti, wie aus der Chronik der Verhandlungen zu der Neubildung des Kabinetts hervorgeht, großen Wert darauf legte, nicht als Schrittmacher Giolittis zu gelten, so dürfte es in absehbarer Zeit nü-wendig sein, die Mitwirkung- der genannten abseits stehenden Gruppen und besonders auch der ka'holischen VolkSpartei für seine Regierung doch zu erhalftn^ Nach den Ausführungen der italienischen Presse, die den Gedanken, baß cs sich bei der jetzigen KobineitSkrise gleichzeitig nm eine Krise der italienischen VüudniSpelitik handelt, be« stimmt ablehnt und ferner angesichts der in den letzten Mo- netten mehrmals erfolgten programmatischen Aeußerungen Tfttonis ist übrigens mit einer sehr regen und energischen Fühlungnahme der neuen Friebens»elegation zu rechnen. Tiitoni wird vermutlich verftichcn, mit Rücksicht auf bie ge« ringen Aussichten in der Aoriasrage Jtaltien weitere Kolonial- gehieie in Afrika und Kleinasien zu sichern.
Kleine Nachrichten.
Le^eèour freigesprochen. Nach 23lägiger Dauer ist gestern der Prozeß gegen Ledebour mit der Freisprechung deS An- achlagteu zu Ende gegangen. Zn Ledebours Freispruch heißt es im „Vorwärts": Wäre Ledebour verurteilt worden, s» wäre er in den Augen feiner Anhänger ein Märtyrer ge» wesen, so wie man jctzt, da er freigesprochen ist, versucht, einen Heros aus ihm zu machen. Uns gibt seine Freisprechung die solle Freiheit, auszusprechen, daß Ledebours HandlungS- we.se im Januar politisch unsinnig und moralisch verwerflich gcmeien ist.
Fra- e^stimmrecht. Die schweizerische Depesch«nagentur meldet: Im Rationalrat erklärte Bundesrat Motta, daß entsprechend einem Antrag die Frage der Einführung d«s Frauenstimmrechts in der Schweiz von der Regin«^ rung geprüft werde.
Aufruf der Deutschen Volkspartei.
— Weimar, 23. Juni.
Die Deutsche Volkspartei hat unterm 22. Juni einen Aufruf erlassen, in dem es heißt:
Furchtbare» ist geschehen, bei Deutschen Reiches Macht und Herrlichkeit ist dahin, alles, was Deutschland groß, stark und reich machte, sinkt ins Grab. Eine Politik ohne Festigkeit nationaler Ziele führte unser Volk von Illusion zu Illusion, der letzte Rest nationaler Würde und Selbstachtung wird von einer Regierung preirgegeben, die noch vor wenigen Wochen ihr »Unannehmbar" aursprach. Die Deutsche Volkspartei drängt cs, in dieser Stunde endgültiger Zertrümmerung der deutschen' Grenze dar freimütige Bekenntnis vor der Nation ab» zulegen, wie fern sie den politischen Mächten steht, die er fertig bringen, da» von Haß erfüllte Toderurteil unterer Feinde zu unterzeichnen.
Der Aufruf weist bann auf die unerhörten Falzen hin, dis die Unterzeichnung des Friedensvertrags haben muß und fährt fort:
Wir lehnen das Dokument nationaler S di ut a di und Vergewaltigung mit GirtrSstiiuz ab. Wir leben in dieser Munde tiefster nationaler Erniedrigung »er Hoffnung, daß ein Volk von so großer Vergangenheit sich mc^t dauernd lutsten lassen wird. Da» deutsche Volk hat sich so »ft au« tiefster nationaler Not zu neuem Leben emporgeschwungen, die Weltgeschichte hat so oft ein gerechtes Gericht gehalten, daß wir die Waffen der politischen Kampf«» um Deutschland« Erneuerung nicht mutlor finke» lasse«, sondern laut iw Lande den Ruf erschallen lassen: Deutschland ist nicht tat Auf zum Kampfe für ein neue« Deutschland! Zurück Don den Mächte« der Zersetzung und Auflösung der Ordnung! Hinweg mit der nationalen Schwäche und Mutlosigkeit. AuS tiefster Rot muß der Geist erstehen, ». een neues «seichwqt zur wnicytung »e» MMM«W0«S^ .**-**•» deutsche« Gaue« emporführt. Furchtbar steht die Zukunft vor null Maßlose Not und erbarmungslose« Elend werden unser »ächst»« Schicksal fein. Tragen wir e» mit nationaler Würde als unabwendbares B-r- htngniS. Aber Kampf gegen alle Verderbnis» ! Glühende Liebe und Eingebung zum Vaterland in den Stunde» tiefster Bedrängnis ! Ein schlechter Deutscher, der fein gepeinigte» und zertretene» Vaterland im Stiche läßt. Auf, deutsches Volk! A« der Bahre deiner Gegenwart Pflanze die Hoffnung auf!
Noske an die Reichswehr.
WB. Berlin, 23. Juni.
Reichswehrminister Noske erläßt einen Aufruf an bi» Reichswehr, in dem er u. a. sagt: Die Natisnalversamm- j lung hat beschlossen, daß der Friedensvertrag gemäß dem Machtgebot unserer Gegner, dem wir fast wehrlos gegen« überstehen, von der Regierung unterzeichnet wird. Im Regierungskabinett habe ich vergeblich mich für die Nicht- unterzeichnung dieses Gewaltfriedens eingesetzt. Ich bin überstimmt worden. In gemeinsamer Tätigkeit. haben Freiwilligenverbände und Reichswehr, sowie die Angehörigen des alten Heeres mit mir in den letzten Monaten mit wachsendem Erfolg sich bemüht, unser Land vor dem Zusammenbruch und Chaos zu bewahren. Reichsregierung und Nationalversammlung fordern von uns, daß wir unsere harte.Pflicht in der schwersten Stunde unseres Vaterlandes zum Wohle des Volkes weitertun. Treue Gesinnung werde ich auch denen bewahren, welche angesichts der schimpflichen Bedingungen der Feinde glauben, ihre weitere Dienste versagen zu müssen. In der schwersten Stunde, die das deutsche Volk erlebt, appelliere ich an den kameradschaftlichen Geist eines jeden Führers und jeden Mannes, mir weiter zur Seite zu stehen. Die" Not unseres Volkes verbietet mir, fahnenfluchiartig meinen Posten zu verlassen, auf dem ich aber dem Lande nur zu dienen vermag, wenn mir opferwillige Männer wie bisher hingebungsvoll zur Seite stehen.
Pariser Siegesfeier.
DDP. Versailles, 38. Juni.
Die Kanonen der Pariser Forts schoßen seit 9 Uhr abends den Frieden ein. Die ersten 100 Viktoriaschüsse haben in Versailles die ganze Bevölkerung auf die Strafet gebracht. Kinder ziehen mit Fahnen umher. Die Soldaien sind sehr glücklich. Im Schlosse von Versailles werden Ansprachen gehalten. Eine groß« Menschtnmenge hat sich dort versammelt. Es besteht die Gefahr, daß die Menge nach bem Hotel des Reservoirs zieht, um die Sperre zu durchbrechen. Eine Weitung Infanterie, die vor dem Hotel des Reservoir» Wache stebt, hat das Bajonett auf^epflanzt. Eine zweite Abteilung Infanterie ist soeben vor dem Hotel eingetroffen. Bisher Hatzen sich jedoch ferne Störungen ereignet. Aui »c» Parlier Boulevard» ziehen g »sie Meiische,-mengen fiiigend Hinter. D e Musik spielt im Freien. E» wiederholen sich Die Szenen vom 11. November, aber auch Ardtiterzüge be« geben sich durch bie S-r.aßen, die bie Demobilisierung verlangen. . (Voss. Ztg.)