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WotatlonSdrnck und Verlag der Buchdruckern deS verein, ev. Waisenhauses in Hana«.

Die einzelne Nummer kostet 6 Pfg.

Anülichrs Organ für Stadt- and Landkreis Kanan.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit Unterhaltungsbeilage.

Verantwortlicher Redakteur: Gustav Schrecker, für Anzeigen u. Reklamen: August Brodt, beide in Hanau.

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Fernfprechanjcht ufi

Redaktion 640 Expedition 280

Freitag den 7. Februar

Fernsprechanschlntz

Redaktion 646 Expedition 238

1919

Nationalversammlung.

Weimar, 6. Febr. Der Sitzungssaal ist schon vor der Er­öffnung voll besetzt. Sämtliche Zuhörerräume sind überfüllt. An den Tischen für die Volksbeauftragten und Staatssekretärs und für die Vertreter der einzelstaatlichen Regierungen haben Ebert, Scheidemann, Landsberg, Wiffell, Erzberger, Hirsch, Süde- kum und der Staatssekretär Baake und andere Platz genommen. Pünktlich um 3% Uhr eröffnet der

Volksbeauftragte Ebert

di« Versammlung mit folgender Ansprache: Meine Damen und Herren! Die Reichsregierung begrüßt durch mich die ver­fassunggebende Nationalversammlung der deutschen Nation. Be­sonders herzlich begrüße ich die Frauen, die zum ersten Mal gleichberechtigt im Parlament erscheinen. Die provisorische Re­gierung verdankt ihr Mandat der Revolution. Sie wird es in die Hände der Nationalversammlung zurücklegen. (Beifall.) In der Revolution erhob sich das deutsche Volk gegen eine ver­altete, zusammen gebrochene Gewaltherrschaft. (Zischen rechts.) Sobald das SelLfibestimmungsrecht des deutschen Volkes ge­sichert ist, kehrt es zurück auf den Weg der Gesetzmäßigkeit. Nur auf der breiten Heerstraße der parlamentarischen Beratung und Beschlußfassung lassen sich die unaufschiebbaren Veränderungen auf wirtschaftlichem und anderem Gebiete vorwärts bringen, ohne das Reich und seine Wirtschaftslage zu Grunde zu richten. (Sehr wahr!) Deshalb begrüßt die Regierung in dieser Natio­nalversammlung den höchsten und einzigen Souverän in Deutsch­land! (Beifall.) Mit den alten Königen und Fürsten von Eottesgnaden ist es für immer vorbei. (Lebhafter Beifall links. Zischen rechts, Ruf rechts: Abwarten!) Wir verwehren nie­mandem eine sentimental« Erinnerungsfeier: aber so gewiß dies« Nationalversammlung eine große republikanische Mehrheit hat, so gewiß sind die alten gottgegebenen Abhängigkeiten für immer beseitigt. Das deutsche Volk ist frei, bleibt frei und regiert in alle Zukunft sich selbst. (Zuruf bei den Unabhängigen: Mit Noske!) Diese Freiheit ist der einzige Trost, der dem deut­schen Volke geblieben ist, der einzige Weg, auf dem es sich aus dem Bluifumpf des Krieges und der Stieß erjage wieder heraus­arbeiten kann.

Wir haben den Krieg verloren. Diese Tatsache ist keine Folge der Revolution (Rufe 'rechts. Ohorufe links: Nein, niemals, «ein, niemals!) Meine Herren, es war die kaiserliche Regie­rung des Prinzen Max von Baden, die den Waffenstillstand ein­leitete, der uns wehrlos machte. (Zuruf: Ludendorff hat es gemacht.) Nach dem Zusammenbruch unserer Verbündeten und angesichts der militärischen und wirtschaftlichen Lage konnte sie nicht anders handeln. (Sehr wahr!) Die Revolution lehnt die Verantwortung ab für das Elend, in das die verkehrte Politik der allen Gewalten und der leichtsinnige Lebermut der Mili­taristen das deutsche Volk gestürzt hat. (Sehr wahr! und leb- baftes Bravo bei den Sozialdemokraten, Widerspruch rechts.) Cie ist auch nicht verantwortlich für unsere schwere Lebensmittel- not. (Sehr wahr! Widerspruch und Zuruf: Soldatenräte!) Die Tatsache, daß wir durch die Hungerblockade viele Hundert- tausende von Menschenleben verloren haben, daß ihr Hundert­tausend« von Männern, Frauen, Kindern und Greisen zum Op­fer gefallen sind, tötet die Redensart, daß wir ohne die Revo­lution mit unseren Lebensmitteln ausgereicht hätten. Nieder­lage und Lebensmittelnot haben uns den gegnerischen Mächten ausgeliefert. Ja, nicht nur uns, auch unsere Gegner hat der Krieg ungeheuer erschöpft. Aus dem Gefühl der Erschöpfung bei unseren Gegnern entspringt ihr Bestreben, sich schadlos zu halten am deutschen Volk, wird der Ausbeutungsgedanke ins Friedenswerk hineingetragen. Di« Rache- und VerMwalli- Sungsplän« fordern den schärfsten Protest heraus. (Lebhafte all- seitige Zustimmung.) Das deutsche Volk kann nicht auf 20, 40 oder 60 Jahre zum Lohnsklaven anderer Länder gemacht werden. (Erneuter lebhafter Beifall und Zustimmung.) Das Furchtbare des Krieges für ganz Europa kann nur wieder gut gemacht wer­den durch Hand-in-Handgehen der Völker. (Beifall und Zu- Itimmung.) Angesichts des Massenelends auf allen Seiten er- cheint die Schuldfrage beinahe klein. Gleichwohl ist das deutsche Volk entschlossen, selbst alle zur Verantwortung zu ziehen, denen ein absichtliches Verschulden oder eine absichtliche Niedertracht uachgewiesen werden kann. Aber man soll nicht diejenigen stra­fen, die selbst Opfer waren, Opfer des Krieges, Opfer unserer frühen Unfreiheit. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Weshalb haben nach ihren eigenen Bezeugungen unsere Gegner gesümpft? Um den Kaiserismus zu vernichten. Es gibt ihn nicht mehr. Er ist für immer erledigt. Die Tatsache dieser Nationalversammlung selbst bezeugt es. Sie haben gekämpft, um den Militarismus zu zerstören. Er ist in Trümmer gestürzt und wird nicht wieder erstehen. (Zuruf bei den Unabhängigen: Sie richten ihn wieder auf!) Für Gerechtigkeit, Freiheit und einen Dauerfrieden haben unsere Gegner nach ihren feierlichen Proklamationen kämpfen wollen. Die Waffenstillstandsbedin- zimgen aber sind bisher unerhört hart gewesen und schonungs­los durchgeführt worden. Elsaß-Lothringen wird ohne weiteres als französisches Land behandelt. Die von uns ausgeschriebenen Wahlen zur Nationalversammlung sind widerrechtlich verhindert worden. (Pfuirufe.) Die Deutschen werden aus dem Lande getrieben (erneute Pfuirufe! und ihr Besitz wird sequestriert. Das Lefttte linksrheinische Gebiet wird vom übrigen Deutsch­land abgeschlossen. (Zuruf bei den Unabhängigen: Weimar wird auch abgetrennt!) Die Bestimmung des Waffenstivstandsver- trags, daß keine öffentlichen Werte verschleudert werden sollen, wird ungeheuer auszubeuten gesucht zu einer geldwirtschaftlichen Versklavung des deutschen Volkes. Während wir längst außer Stanbe sind, den Waffengang zu erneuern werden unsere 800 000 ^^qsgesangenev noch immer zurückgebalten und sind vom see- liscken Zusammenbruch und harter Zwongsorbrit aufs schwerste bedroht (Pfuirufe und Rufe aus der äußersten Linken: ^r be­halten fa die Russen auch ncch!) 91 im diesem Akt der Gewoft- volitik spricht kein Geist der Versöhnlichkeit. (Zustimmung^ Die Waffenstillstandsbedingungen werden damit begritebet daß dem alten Regime der Hohenzollern an Erlegt waren Wie will Man es rechtfertigen, daß man sie der jungen soffolistlsichm Re­publik fortdauernd verschärft, obwohl wir alle Kräfte einsebten Km» ^. ____e__f-a^i^ u.w,«»«»« srtttrnffi Abmiwti oerecht xu werden r

Wir warnen bte Gegner. uns nicht zum Aeußersten zu treiben. Wie General v. Winterfeldt, könnte eines Tages jede deutsche Regierung gezwungen sein, auf weitere Mftwirkung an den Friedensverhandlungen zu verzichten und den Gegnern die ganze Last der Verantwortung für die Neugestaltung der Welt zuzu- schveiben. (Bewegung.) Man stelle uns nicht vor bte verhäng­nisvolle Wahl zwischen Verhungern und Schmach. Auch eine sozialistische Regierung, und gerade diese, muß daran festhalten: Lieber ärgste Entbehrung als Entehrung! (Lebhafte Zustim­mung.) Wenn zu den Millionen, die im Kriege alles verloren haben und nichts mehr zu verlieren befürchten, auch noch die­jenigen kommen, bte glaubten, Deutschland habe nichts zu ver­lieren, dann wird sich unwiderstehlich die Taktik der Verzweif­lung durchsetzen. Im Vertrauen auf die Grundsätze des Präsi­denten Wilson hat Deutsckckand die Waffen nieder gelegt: jetzt gebe man uns den Wilson-Frieden, auf den wir Anspruch haben. (Bravo!) Das ganze deutsche Volk erstrebt nichts anderes, als gleichberechtigt in den Bund der Völker «inzutreten und auch dort durch Fleiß und Tüchtigkeit sich eine geachtete Stellung zu erstreben. (Allgemeine Zustimmung.) Deutschland samt in der Welt noch vieles leisten. Wir sind auf dem Wege, der Welt noch einmal sozialistisch voranzuschreiten. Ein Deutscher hat den Ländern aller Völker den wissenschaftlichen Sozialismus ge­schenkt. Wir dienen dem Sozialismus, der allein Dauer haben kann, der den Wohlstand und die Kultur eines Volkes hebt, dem Sozialismus der werdenden Wirklichkeit.

Wir wenden uns noch einmal an alle Völker der Welt mit dem dringenden Appell, dem deutschen Volke Gerechtigkeit wider­fahren zu lassen, durch Vergewaltigung unser Volk und unsere Wirtschaft nicht zu vernichten, was sich trotzdem hoffnungsvoll bei uns anbahnt. Das deutsche Volk hat sich sein Selbstbestim- mungsrocht im"Jnnern erkämpft, es kann es jetzt nach außen nicht preisgeben. Wir können auch nicht darauf verzichten, die ganze deutsche Nation im Rahmen eines Reiches zu einigen. (Bravo!) Unsere deutsch-österreichischen Brüder haben auf ihrer National­versammlung bereits am 12. November vorigen Jahres sich als Teil der großbeutschen Republik erklärt. (Beifall.) Jetzt hat bte deutsch-österreichisch« Nationalversammlung erneut unter stürmischer Begeisterung uns ihren Gruß entboten und die Hoff- nung ausgesprochen, daß es unserer uno ihrer NaMpnalKersamur- lung gelingen werde, das Band, das die Gewalt 1866 zerrissen hat, wieder neu zu knüpfen. Deutsch-Oesterreich muß mit dem Vaterlande für alle Zeit vereinigt werden. (Beifall.) Ich bin sicher, im Sinne der gesamten Nationalversammlung zu sprechen, wenn ich dies« historische Kundgebung aufrichtig und voll Freude begrüße und s mit herzlicher Brüderlichkeit erwidere. (Lebh. Beifall.) Unsere Stammes- und Schicksalsgenossen dürfen ver­sichert sein, daß wir sie im neuen Reich der deutschen Nation mit offenen Armen und Herzen willkommen heißen. (Beifall.) Sie gehören zu uns und wir gehören zu ihnen. (Beifall.) Ich darf auch die Erwartung aussprechen, daß die Nationalversammlung der künftigen Reichsregierung die Ermächtigung geben wird, baldigst mit der Regierung des deutsch-österreichischen Freistaates über den endgültigen Zusammenschluß zu verhandeln. (Beifall.) Dann soll kein Grenzpfahl mehr zwischen uns stehen, dann wer­den wir wirklich sein ein einig Volk von Brüdern. (Lebh. Bei­fall.) Deutschland darf nicht wieder dem alten Elend der Zer­splitterung und Verengung anheimfallen. Geschichte und Ver­gangenheit hemmen zwar die Bildung eines straff zentralisierten Einheitsstaates. Aber die verschiedenen Stämme und Dialekte müssen zu einer Nation und zu einer Sprache zusammenklingen. (Beifall.) Nur eine große, Scheit licke Entwicklungsmöglichkeit unseres Wirtschaftslebens, ein politisch aktionsfähiges, festge­fügtes einiges Deutschland kann die Zukunft unseres Volkes sicherftellen. (Beifall.)

Die provisorische Regiernng hat eine s«hr üble -Erbschaft an­getreten. Wir waren der Konkursverwalter des alten Regimes. (Sehr wahr! links, Widerspruch rechts, verstärkte Zustimrnrmg links.) Wir haben, gestützt und gefördert vom Zentralrat der deutschen Arbeiter- und Soldatenräte (Widerspruch und Lachen rechts: Ebert wiederholt nachdrücklich die letzten Worte, lebhafte Zirstimmung links) unsere Kraft eingesetzt, bte Gefahr und das Elend der Vebergangszeit zu überwinden. Wir haben alles ge­tan, um das Wirifchaftslebon wieder in Gang zu bringen. (Wi­derspruch rechts.) Diese fortgesetzten Unterbrechungen (zur Rech­ten gewandt! laßen wahrlich erkennen, daß Sie in dieser schweren Zeit, die Deutschland in den letzten Wochen und Monaten durch­gemacht hat, herzlich wenig gelernt haben. (Stürmische Zu- stimmung links.) Wenn der Erfolg unserer Arbeit nicht unseren Wünschen entsprach, so müssen bte Gründe gerecht gewürdigt wer­den. Viele !lniernâ»er haben, verwöhnt durch die hohen sicke­ren Gewinne, die ihnen die Kriegswirtschaft unter dem alten monarchifiisck-prâktionfftischen Staat verschaffte, es verabsäumt, bte notwendige Initiative zu entfalten. Wir richten an die Unternehmer den brinsenben Appell, die Wiederbekebung der Produktion mit allen Kräften zu fördern. (Beikall.) Auf der anderen Seite rufen wir die Arbeiterschaft auf. all? Kräfte anzu- fpannen zur Arbeit, bie allein uns retten kann. (Zustimmung.) Wir haben Versiandnis für die seelismen Stimmungen derer, bte nach übermenschlicher Kraftousgab? in der Kriegszeit letzt eine Entspannung suchen. Wir wissen, wie schwer cs denen, die jahre­lang im Felde gelebt haben, sein muß, sich wieder in die fried- lihe Arbeit bineingvfinben. Aber es muß sein. Wir müßen arbeiten und Werte ickasfev, sonst geben wir zu Grunde. (Zu- siimmung.) Sozialismus ist nachunterer Auftastung nur mög­lich. trenn die Produktion eine genügend hohe Stufe der "ftbeits- leistung innebalt. Sozialismus ist uns Organisation, Ordnung und Solidarität^ nicht Eigenmöchitgkeft. Wideripcnsiio^It und Zerstörung. (Sehr richtig! bei den Sozioldemokraien.t Auch der alte Staat hätte es nicht vermeiden können, zur Deckuna der nugebeuren Kriearkchulden die Staatsmirt^chaft weiter auszu- bauen. In der Zeit her aff verneinen Not darf es kür Privat- monovolè und mübeT ofen Kapita 'vrck't seinen Raum mehr neben. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Deshalb r^rc^t reff planmäßig den fff rafft da aushhaften. mo dis wirt- fcb etliche Entwickln na mn Gewerbe zur Vergesellschaftung reif geweckt hat. sB'-avo! Ür*s )

§ gegen voll blickt ws die Zukunft an. Wir vertraroen ober teo* alledem auf bie nnvermWrbt« Schaffenskraft der dent^ck-n Ration' (Beikall.s Die alten Grundlagen der deutschen Macht- I stellung sind für immer zerbrochen, die preußische Hegemonie, das I

hohenzollernsche Heer, die Politik der schimmernden Wehr sind für uns für alle Zukunft unmöglich gemacht. Wie der 9. No­vember 1918 angefnüpft hat an den 18. März 1848, so muffen wir hier in Weimar die Wandlung vollziehen, vom Jmperialis-^ mus zum Idealismus, von der Weltmacht zur geistigen Größe. (Beifall.) Es charakterisiert durchaus die nur auf äußeren Glanz gestellte Zeft der Wilhelminischen Aera das Laffallesch« Wort, daß die klassischen deutschen Denker und Dichter nur int Kranichzuge über sie hinweggezogen seien. Jetzt muß der Geist von Weimar, der Geist der großen Philosophen und Dichter wie­der unser Leben erfüllen, es erfüllen mit dem Geiste, der im zweiten Teile des ,.Faust" und inWilhelm Meisters Lehrjahre" niedergelegt ist: Nicht ins Unendliche schweifen und sich nicht ins Thooreti'che verlieren, nicht zaudern und nicht schwanken, sondern mit klarem Blick und fester Hand ins praktische Leben hinein­greifen.Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist, der vermehrt das Uebel und leitet es weiter und weiter. Aber wer fest auf dem Sinn beharrt, der bildet bte Welt sich." (Beifall.) So wollen wir an die Arbeit gehen, unser großes Ziel vor Augen: das Recht des deutschen Volkes zu wahren, in Deutschland eine starke Demokratie zu ver­ankern und sie mit wahrem sozialistischen Geist und sozialistischer Art zu erfüllen. (Beifall.) So wollen wir wahr machen, was Fichte der deutschen Nation als ihre Bestimmung gegeben hat: Wir wollen errichten ein Reich des Recktes und der Wahrhaftig­keit, gegründet auf Eleickheit alles deffen, was Menschenantlitz trägt! (Lebhafter Beifall und Händeklatfch-en bei der Mehrheit.)

Hierauf besteigt

Abgeordneter Pfannkuch,

Mttglied der mehrheitssozialistischen Partei, den Präsidenten- stuhl und teilt dem Hause mit, daß nach den bisherigen^ Fest­stellungen er als am 28. November 1841 geboren das älteste Mitglied der Versammlung und daher berufen sei, den Präsi- dentensitz bis zur erfolgten Konstituierung der Versammlung ein« zunehmen. Als Alterspräsident richtete er nun an die Ver­sammlung folgende Ansprache

Ich bekenne: Die Uebernahme der Würde des Alterspräsi­denten an meinem Lebensabend bereitet mir eine große Freude und Genugtuung. Den deutschen Volksftaat, das Ideal, dem ich seit meiner frühesten Jugend mit aller Kraft und Hingabe ge­dient habe, sehe ich der Verwirklichung entgegenreifen? Sie sollen deshalb in wir Altem nur den Vertreter de- ewig jungen Gedankens her Volkssreileit sehen, welcher durch diese Natio­nalversammlung in Deutschland zur Wirklichkeit geworden ist. Wir stehen an einer Schicksalswende des deutschen Volkes. Di« alten Gewalten, bte Deutschland vor dem Kriege regierten, stützten sich nicht auf den ausgesprochenen Willen ber Volksmehr­heft, sondern erhoben den Anspruch, aus eigenem Recht zu regie­ren durch eine besondere göttliche Berufung. Jetzt ist das deutsch« Volk sein eigener Herr, seine eigene oberste Gewalt geworden. Es muß die große Prüftlng bestehen, ob es reif ist, in Freiheit zu leben, oder ob es wiederum vor ber brutalen Gewaltherr­schaft einer Minderheit sich beuaen muß. Diese 9latior.alvrr» sammlung ist der Ausdruck des Willens der deutschen Ration: sie allein hat von heute an in Deutschland zu entscheiden, sie allein trägt die Verantwortung für Deut-schlands Zukunirs Von der Durchsetzung der allgemeinen Anerkennung der Beschlüße dieser Versammlung hängt es ab, ob das deutsche Volk in Zu­kunft fick selbst in Freiheit regieren wird ^ .

Die Nationalversammlung ist die deutsche Demokratie selbst. Wer ihr die unumschränkte Gewalt zu schmälern juckt, der frevelt an des deutschen Volkes Majestät unb Freiheit! (Zustimmung.) Wenn der Wille der großen M-hrb eit des deutschen Volkes ent­scheidet, bann muß es ihm auch gelingen, sich in sozialer Hinsicht von dem schweren Sturz, den es erlitten, wieder zu erbeben, um sich einen ehrenvollen Plan im Bunde der freien Völker zu sichern. Unaeheuer groß ist bie Aufgabe, das deutghe Volk aus allen diesen Nöten zu erretten. Sie. meine Domen unb Herren, sind die Bereiter der deutschen Zukunft. Was Deutschland wahr­haft groß gemacht hat, war nie bas Werk seiner Fürsten, sondern stets das Werk seines-! (Beifall und Wrderfpnrch.) Da­von zeugt die Entwicklung Weimars zur Kunststadt. Auch des Volkes politische Größe, die nur bestehen kann in vorbildlicher Freiheit und in mustergültigen sozialen Zuständen» konnte und kann nickt das Werk des Gottesgnadentums sein. Das deutsche Volk mit« fick teilte Größe selbst erarbeiten. Dazu sind Sie be­rufen, und die ganze deutsche Nation innerhalb und außerhalb der alten Siete s gr eifen blickt erwartungsvoll auf diese Ver­sammlung. Seien wir würdig unterer ungeheuren Aufgaben und tun wir alle untere Pflicht mit der Liebe zum deutschen Volk und zur deutschen Freiheit, die unser aller Herzen und Köpke er­füllt! Deutschland foff wieder arch werden in der Welt, nicht durch Gewalttaten in Kriegen, sondern durch die befreiend« Ge­walt des Friedens. Mögen Ihre Beratungen dazu beitragen, Deutschlands SeMbefiimmungerecht nach innen und aptzen W retten und m bewahren! Laßen Sie sich in Ihren Beratungen und Bekchlpk saffnngen stets leiten von dem Grundsatz: Alles -ur bas Volk und alles durch das Bote! Das ist der Segenswunsch mit dem ich die Tagung der Nationalversammlung eröffne (Beifaff.) . _

Meine Damen unb Herren, ich uMaae ebnen nun vor, die t-ie» Mcüteorbnuna de« Reichstag? einschließlich der in der V°ftaffimg ent­haltenen Bestimmungen der Geschäftsordnung als promforitrhe Ge­schäftsordnung aniunehmen unter Fortfall brr Kimmungen über bie Abteilungen- Ein Widerspruch erteint nickt: mein Vorschlag ist angenommen. Nach § 1 ber Geschäftsordnung ernennt ick zn vrovi- sprachen Schristsübrern die Herren Abgeordne en nckw-Aerun l«o,.), Dr. Neumann-Hofer (Dem \ Dr. Pfeiffer (Cirnth Bo!^Partei) und Malkewitz (DruffctenationaO. Ich bitte bie aenannten Herren Mx, oben auf dem Präsidium Platz zu neunten. Nach 8 9 der Geschäfts­ordnung haben wir nunmehr bett Namensaufruf vorzunrbmen, um die Anwesenheit der beicklußsäbigen Anzahl von ^htehebern der Nationalversammlung seslznitellen. Ich bitte die Herren Sckriitfulirer. dielen Nameusautruf vorznnebmen. Der NamenSaufrut ergibt bte Anwesenheit von 397 AbgeordnKen. Die Mehrheit betragt 211; bw Versammlung also bcschlnßsäbig. . .

SltfersprSübent Psamikuck beraumt die nächste Sitzung auf Frcita, 3 Uhr an; TaxeSordnung: Wall de? Präsidenten, der Vizepräsident« und der Schriftführer, Schluß 5 Uhr.