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Nr. 14

Fernjprechanjchl«ß

Redaktion 649 Expedition 289

Freitag den 17. Jan nur

Fernfprechanschluh

Redaktion 646 Expedition 238

1919

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Furchtbares ist geschehen.! Karl Liebknecht und Rosa ' Luxemburg sind meuchlings ermordet worden, die Inter­nationale ist tief getroffen, ihre fähigsten und klügsten Köpfe haben zu denken aufgehört. Glühende, begeisterte Revolutionäre, unbestechlich, nicht geizend nach verlocken­den Ministersesseln, dienten beide der guten Sache des um Befreiung ringenden Proletariats; beide, schrieben wäh­rend des Belagerungszustandes in blutigen Lettern das Menetekel den Kriegshetzern ins Stammbuch, aufrecht und mutig schmachteten sie beide im Zuchthaus und in Schutz­haft, alles, alles um den Frieden für das ausgehungerte Volk.. Und das ist der Dank! Fast sträubt sich die Feder, das Grausame niederzuschreiben in einer Zeit, wo eine Regierung am^Ruder ist, die sich sozialdemokratisch nennt. Tut euch auf, ihr Gräber der alten Vorkämpfer der Revo­lution, o* würbet ihr ehemals gefeierten unvergeßlichen Sozialisten sehen können, was eure Nachbeter im fana­tischen Haß gegen eure Jünger angerichtet haben, ihr würdet mit Ekel und Abscheu euch abwenden. Wohl euch, Marx, Engels, Bebel, Singer und Liebknecht Vater, ihr habt diese Schande und Schmach am Sozialismus nicht mehr erlebt. Arbeitendes Volk, erwache, räche dich, heute ist es Zeit, morgen ist's zu spät!

' -Ife1 LMLrdet und standrecht- lich erschossen von Offizieren, von Vertretern des Mili­tarismus, den der Gemordete bekämpfte mit der ganzen Faser seines edlen Herzens. Wir sehen den toten Helden der Revolution noch als jungen Feuerkopf im Jahre 1901 seine Jungfernrede halten in derNeuen Welt" in Ber­lin, wie er die Herzen mitritz, alles jubelte ihm zu, als er ewigen Kampf schwur dem kriegshetzerischen Milita­rismus. Treu hat er, der ehemals Gefeierte und heute so viel Geschniähte seinen Schwur gehalten und wohl mit einem Fluch auf den Lippen für den Militarismus der Ebert-Scheidemann hat er fein teures Leben ausgehaucht. Spartakus! Ein Symbol! Wie der römische Skla- venbefreier Spartakus durch Verrat sein edles Leben den Henkern preisgeben mutzte, so der germanische Sklavenbe­freier durch den Verrat seiner ehemaligen Genossen. Die Geschichte wiederholt sich, hier der Beweis.

Rosa Luxemburg ermordet und geschändet! O Haupt, verhülle dich! Eine wissenschaftliche Leuchte wurde von gekauften Bubenhänden durch den Kot gezogen; die Wilhelmstraße in Berlin atmet auf, denn die Verräter des Proletariats glauben nur in behäbiger Ruhe ihre er­schlichenen Ministersessel drücken zu können. Vielleicht!

Wer kennt nicht die kleine, mit körperlichen Fehler be­haftete Person, die auf Parteitagen den wahren Sozia­lismus verkörperte, deren Stimme in derInternationale« Klang hatte. Unbestritten war unsere Rosa die klügste Denkerin derInternationale". Und als Lehrerin der Parteischule verstand gerade sie, wie kein anderer im Lehrerkollegium, den Schüler zu fesseln und «inzuführen in die Lehre des wahren Sozialismus. Nirgends Halbheit, gerade durch aufs Ziel! Da» war stets die Losung! Als alle Führer der Arbeiterschaft durch die ersten Eindrücke der Kriegspsychose wankend wurden, stand sie aufrecht und gesümpfte Krieg und Kriegsgeschrei. Wo immer auch das unterdrückte Proletariat sich zum Handeln aufraffte, ob in Polen, Ruhland oder Deutschland, Rosa Luxemburg hielt das Banner der Internationale fest in der Hand und kämpfte in der vordersten Reihe. Klein am Körper, überragend groß an Geist und Wissen kämpfte diese glühende Revolutionärin für das Los der Arbeiterfrauen, trotz Beschimpfung und Lästerung. Gleich scharf in Wort und Schrift schleuderte sie den Verrätern am Volksganzen wuchtige Anklagen ins Gesicht, nichtachtend persönliche Freundschaft, das Ziel galt ihr alles. Mutlosigkeit taente sie niemals, voller Hoffnung baute sie auf die Vernunft des Volkes, das endlich aus dem Taumel erwachen we&£.

I Diese Hoffnung hat sie mit ins Grab genommen, wenn die wilden Bestien in Berlin ihrem geschändeten Leichnam je ein Grab bereiten.

Liebknecht und Luxemburg! Im Leben un­trennbar, im Tode vereint. Jammervolles Geschick! Beide gleich scharfe Gegner in Wort und Schrift, beides wissen­schaftlicke Leuchten, getragen von glühenden Idealen.

I

Beide gleich seelengute, immer opferbereite Herzen, beide 'charfe Kämpfer mit kindlichem Gemüt, von Millionen Menschen geliebt und verehrt. Beide Herzen schlugen nur für das Proletariat, beide blieben Todfeinde der bürger­lichen Gesellschaft bis ins Grab. Und nun das Ende. Die Frankf. Ztg." berichtet:

Berlin, 16. Ian. Am gestrigen Mittwoch Abend hatten sich Liebknecht und Rosa Luxemburg in einen ihrer Schlupfwinkel im Hause Mannheimerstraße 43

' begeben, wo sie schon öfter in der Familie des Wilmers- dorfer Genossen Marcusson Unterkusnt geftrnden hatten. Offenbar war eine Zusammenkunft der Spartakus­führer dort geplant, denn Sicherheitsbeamte, die die Hausmieier der kommunistischen Partei überwachten, hatten ein Gespräch ausgefangen, in dem es hieß: Treff­punkt heute abend bei Marcusson. Das ganze Haus wurde von Kriminal- und Sichsrheitsbeamten umstellt. Um 8 Uhr drangen die Beamten in die Wohnutig des Marcusson ein und nahmen ihn, seine Frau, Liebknecht und Rosa Luxem­burg gefangen. Liebknecht wurde ebenso wie seine Ge­nossen in das nächste Standquartier der Bürgerwehr nach dem Nikolsburger Platz gebracht, der sofort nach allen Seiten abgesperrt wurde da man einen Ueberfall der Spartakisten vermutete. Gegen 9 Uhr wurde Liebknecht in einem Kraftwagen nach dem Stabsquartier der Gar^e- kavallerie-Schützendivision am Kurfürstendamm in das Edenhotel gebracht, wo er sofort verhört wurde. An­fänglich 'l e u g n et e Liebknecht und behauptete, Mar­cusson zu heißen. Eine Gegenüberstellung mit Frau Mar- cusson ergab jedoch, daß man den richtigen Mann gefaßt hatte. Später gab dann Liebknecht zu, der Gesuchte zu sein. Der diensttuende Offizier teilte ihm noch mit, daß er nach bem Untersuchungsgefängnis Moabit gebracht werden würde. Zu diesem Zweck ließ man einen stark be­wachten offenen Militärkraftwagen an dis Seitenpforte des Hotels kommen, da sich auf das Gerücht von der Verhaftung eine große Menschenmenge am' Kurfürsten­damm eingefunden hatte. Liebknecht wurde zum Kraft­wagen gebracht, die Menge hatte jedoch den Vorgang be­obachtet, und im nächsten Augenblick war der Verhaftete von einem schreienden Menschenhaufen umgeben, der unter den Rufen:,Nieder mit Liebknecht!",Schlagt den Mörder tot!" auf ihn eindrang. Irgend jemand ver­setzte dem Gefangenen mit einem Stock einen so s ch w e r e Schlag über den Kopf, daß er eine stark blutende Wunde davontrug. Die hinzueilende Wache brachte Lieb­knecht nun in das Auto, das schnellstens davonfuhr, um den Gefangenen vor weiteren Mißhandlungen zu schützen. Der Transportführer hatte den Befehl erhalten, durch den Tiergarten nach dem Untersuchungsgefängnis in Moabit zu fahren. An der Charlottenburger Chaussee in der Höhe des Neuen Sees erlitt der Kraftwagen eine Panne, und der Chauffeur erklärte, daß die Reparatur längere Zeit in Anspruch nehmen werde. Darauf beschloß man, Lieb­knecht in einen anderen Wagen zu bringen. Der Führer des Transports fragte den Verhafteten, ob feine Wunde ihm erlaube, bis zur Hofjägerallee zu Fuß zu gehen. Von dort wollte man den Festgenommenen in dem nächstbesten Wagen weiterbesördern. Liebknecht erstatte, daß er gehen könne, und verließ den Kraftwagen. Etwa fünfzig Meter schritt er neben seinem Begleiter her. Als der Trupp in die Nähe der Bäume kam, stieß Liebknecht im Schutze des Dunkels den Transportführer beiseite und entfloh. Die Wachmannschaft rief ihm ein dreimaliges Halt!" nach und gab dann, als er nicht stehen blieb, mehrere Schüsse ab. Von zwei Kugeln durchbohrt, sank Liebknecht zu Bodpn und gab nur noch schwache Lebenszeichen von sich Man rief ein Droschkenauto herbei und brachte Liebknecht nach der Unfallstation am Zoolo­gischen Garten, wo der Arzt nur noch den bereits «inge- tretenen Todfeststellen konnte. Die Leiche wurde nach dem Schauharsse gebracht.

Eine Stunde nach der Einlieferung Liebknechts wurde auch Rosa Luxemburg unter starker Bedeckung vom Nikolsburgerplatz zum Divisionsstab gebracht. Bei dem Verhör gab üe unumwunden zu, die Gesuchte zu sein, und protestierte gegen ihre Gefangennahme,

die lediglich durch die Reichsregierung erfolgen dürfe. Der Offizier vom Dienst erklärte ihr, daß ihre Verhaftung nur ein Provisorium sei und daß man sie nach Moabit schaffen müsse, um weitere Befehle der Regierung abzuwarten. Um Frau Luxemburg vor ähnlichen Mißhandlungen zu schützen wie Liebknecht sie erlitten hatte, verfuhr der Transport- führer laut Anweisung wie folgt: Er begab sich auf die Stratze, die nur wenig belebt war, und rief mit lauter Stimme:Gehen Sie nach Hause! Rosa Luxemburg ist be­reits durch einen anderen Ausgang fortgeschafft worden." Dann bestieg er seinen Kraftwagen und rief dem Chauffeur zu:Nach Hause!" Das Auto machte an der Kaiser-Wil- helm-Gedächtniskirche eine Schleife und kehrte dann an den gleichen Eingang des Hotels zurück. Schnell eilte der Transportführer tn den ersten Stock und brachte Frau Luxemburg unter einer Bewachung von sechs Mann auf die Straße. Die wenigen Minuten, die dieser Vorgang erforderte, genügten, um mehrere hundert Personen her­beizulocken, die den Abtransport der Führerin des Spar­takusbundes beobachteten. In dem Augenblick, als Frau Luxemburg die Straße betrat, drang die Menge auf sie ein. Der Transportführer stellte sich mit ausgebrei­teten Armen vor die Gefangene, um sie nor' Mißhand­lungen zu schützen. Er wurde jedoch beiseite gerissen, und Frau Luxemburg erhielt mehrere Schläge.Über den Kopf, sodaß sie bewußtlos zu Boden sank. Die hinzükommende DerstärkunMonnte schließlich die Menge zuiückdrängen, und man schaffte die Verletzte in das Auto, das eilig davonfuhr. Am K urfürsten- Ä a m m, etwa in der Höhe der Nürnberger Straße, sprang plötzlich ein unbekannter Mann auf das Trittbrett des Autos und feuerte einen Schuß auf die Verhaftete ab. Er verschwand im Dunkeln, sodaß er nicht festgenommen werden konnte. Das Auto fuhr weiter, wurde jedoch an der Hitzigbrücke von einer riesigen Menschenmenge angehalten. Man stürmte auf die Soldaten ein und ritz den Körper bet betet ts Verschie­denen aus dem Wagen heraus. Noch ehe die Soldaten sich freimachen konnten, waren unbekannte Per­sonen mit dem Leichnam im Dunkel des Ufers ver­schwunden.

Karl Liebknecht standrechtlich erschosfen! RosaLuxemburg ermordet und geschändet? Das steht zwischen den Zeilen dieser traurigen Nachricht. Der Kraftwagen erlitt eine Panne zur rechten Zeit, bis zur Hoftägerallee schleppte sich der schver Verwundete und entfloh dann seinen Schergen. So sagt der Bericht. Das feige Mordgesindel wagt nicht die Blutschuld einzugestehen, daß Liebknecht st andrechtlich erschossen wurde. Die Verbrecherbande um Ebert-Scheidemann besudelt noch den gefallenen toten Helden der Revolu­tion, mit Lug und Trug will das Gesindel die schuldbe­fleckten Hände reinigen. Und nur zu durchsichtig ist die Meldung vom Tode unserer Rosa Luxemburg. Zunächst kann die Menge die kleine Person trotz Bewachung nieder­schlagen, dann wird durch Rufe der Wagen zum Stehen gebracht, um die eben Ermordete dem aristokratischen Pöbel auszuliefern.

Elende Bluthunde! Ihr werdet noch Rechen­schaft abzulegen haben über die grausame Mordtat an zwei Helden der Revolution; die gedungenen Mörder werden dem Zorn des revolutionären Proletariats nicht entgehen. Was die kapitalistisch-imperialistisch-monar­chische Regierung nicht vermochte, dersozialdemokra­tischen" Regierung Ebert-Scheidemann ist die Tat ge­lungen; die Bourgeoisie wird den Herren dankbar sein für diesen Meuchelmord.Nieder mit den Mördern!" So soll die Menge geschrieen haben. Was ist mit den Massen- mördern junger deutscher Söhne bisher geschehen? Die Re­gierung Ebert-Scheidemann liefert Brüder und Schwestern des kämpfenden Proletariats den Offizieren und dem aristokratischen Pöbel als Freiwild aus und läßt Hin­denburg, Ludendorff und andere, sowie die Familie Hobenzollern und ihren An­hang in Deutschland weiter schalten und walten und stellt sich schützend mit ganzer Autorität