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Redaktion 640 — Expedition 281
Mittwoch den 8. Jonnar
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1919
Revolutionskämpfe in Berlin.
Die Kämpfe in Berlin sind bis zur Stunde noch nicht beendet. Die proletarischen Massen kämpfen um Sein und Nichtsein. Eine Lokalkorrespondenz meldet:
Zu heftigen Kümpfen kam es in der heutigen Nacht an der in der Köpenickerstrahe 11/14 gelegenen Kaserne des Garde- Pionier-Batatllons, Die Gardepioniere gelten als eine der Regierung besonders treue Truppe, die sich auch stets zu ihrer Verfügung gehalten hatte. Am gestrigen Nachmittag gegen %4 Uhr zogen große Haufen bewaffneter revolutionärer Arbeiter nach der Pionierkaserne und versuchten die Soldaten zu überreden, ihnen die Kaserne zu übergeben. Als dies von den Pionieren abgelehnt wurde, fuhren die Spartakusanhänzer Maschinengewehre auf und beschossen die Fenster. Die Gardepioniere gaben mehrere Salven ab. Es gab zahlreiche Tote und Verwundete. Gegen $411 Uhr kam ein Parlamentär und forderte im Namen der revolutionären Obleute die Uebergabe der Kaserne. Als diese abgelehnt wurde, fuhren die Spartakus- leute zwei Feldgeschütze aus und beschossen aus diesen fortgesetzt das ausgedehnte Gebäude. Nicht weniger als zwölf Volltreffer mürben gezählt. Die Gardepioniere hatten einen Toten und sieben Verwundete. Da das Bombardement immer heftiger churdè, kam es schließlich zu Waffenstillstandsverhandlungen, wonach die Besatzung die Waffen niederlegte; sie verblieb jedoch in der Kaserne, während die Wache von Spartakisten besetzt wurde. Di« Aufständischen hatten bei den letzten Angriffen wiederum mehrer« Tote und zwanzig bis dreißig Verwundete. Die Veranlassung zu diesem Gefecht, bei dem insgesamt etwa zehn Tote zu beklagen waren, soll gewesen sein, daß im Laufe des gestrigen Vormittags eine Anzahl Marine-Landflisger, die zu den Spartakisten übergegangen waren, von den Gardepionieren verhaftet smww« Mia,ar# , . .. ..
Den Spartakusleuten gelang er in der elften Nachtstunde, das Proviantamt in der Köpenickerstraße, das neben der Pionier- kaserne gelegen ist, zu nehmen. Die Besatzung, die ebenfalls einem starken Artilleriefeuer ausgesetzt war, vermochte die ausgedehnten Gebäude nicht mehr zu schützen und mußte sich schließlich ergeben. Die Garde-Pionier-Kasern« sowohl wie auch das Proviantamt ist in der heutigen Nacht von den Aufständischen inV«rteidigungszustand gesetzt worden; die dort befindlichen Gardetruppen sind als Gefangene interniert.
Berlin, 7. Jan., 1.40 Uhr nachm. Gegen 1 Uhr kommt in die Massen auf dem Wilhelmsplatz eine starke Bewegung. Es ist der Anmarsch von Spartakusrruppen gegen den „Kaiserhof", M den Wilhelmsplatz beherrscht, von der Leipziger Straße her gemeldet. Die zum Schutze der Regierung im „Kaiserhof" und den gegenüberliegenden Gebäuden versammelten Truppen machen sich gefechtsbereit.
Wetter wird gemeldet 7'Uhr nachmittags: Systematisch sind di« Arbeitermassen in den großen Betrieben auf diesen Tag vorbereitet worden, systematisch hat Liebknecht die Deserteure und Arbeitslosen um sich gesammelt und organisatorisch geschult. Die Frücht« dieser Arbeit erkennt man jetzt: Tausende und Abertausende von Agitatoren bevölkern die Straßen und suchen mit Ansprachen, die immer nach demselben Schema einstudiett sind, die Schwankenden in das radikale Lager hinüberzuziehen. Selbst- Pcher und mit überlegener Miene, gleichsam als Wettpropheten, lösen sie all die schwierigen ökonomischen Probleme, die durch unsere Niederlage und durch bk systematisch herbeige führte Arbeitsunlust der breiten Mass« aufgeworfen worden sind. In Berlin wird nicht mehr gearbeitet, die Betriebe liegen still.
Das Verhandeln der Regierung, das schon -gestern abend auf Beranlasiung der Unabhängigen begonnen hat, scheint allerdings, wie die Dinge heute gezeigt haben, nicht dazu auszureichen; denn während von der Negierung verhandelt wird, besetzen die Spartakusleute «nd bie Unabhängigen, die auf die Warnungen ihres Führers Haase nicht das Pfin beste geben, ein ’s wichtiges Gebäude nach dem andern. Das große Proviantdepot in der Köpenickerstraße neben der Garde-Pionierkassrne ist in ihre Hände gefallen, das Eisenbahndirektionsgebäude würbe durch sie besetzt, di« Telephon ämte-r werden von den Spartakus- leuten bewacht. Die Reicksdruckerei befindet sich in ihren Hän
den, und zu wem letzten Endes bie Matrosenwach« sich bekennt die die Sicherheit der Reichsbank gewährleistet, vermag zur Stunde niemand recht zu sagen. Die Demonstrationszüge der Unabhängigen und der Spartakisten wurden von republikanischen Sicherheitsmannschaften begleitet, bte alle Gewehre führten, während die Demonstrationszüge der Mehrheitssozialisten unbewaffnet waren. Große Trupps von Arbeitern ziehen ununterbrochen in das Polizeipräsidium und werden hier auf den Höfen, die, nach der „Deutschen Allgemeinen Zeitung", einem Waffen- lager gleichen, mit Gewehren und Handgranaten versehen. Di« einzelnen Abteilungen werden dann zurückgehalten, um sie hernach durch Führer zu bestimmten Punkten der Stadt zu dirigieren, wo sie nach den Spartakusplänen Verwendung finden.
Der „Vorwärts", dessen Druckerei in der Lindonstraße noch von den Unabhängigen besetzt ist, war in der vergangenen Nacht in der Lindendruckerei am Schiffbauerdamm hergestellt worden. Die revolutionären Arbeiter hatten davon erfahren, drangen mtt vorgehaltenom Stetolner in die Redaktion ein und warfen die -gedrualen Exemplar« in bie Spree. Die Güterbahn. Höfe stehen nach Zeitungsmeldungen unter der Kontrolle des Spartakusbundes. Auch das Rathaus ist seit Montag, wie die „Germania" zu melden weiß, in den Händen der Spartakisten. Dasselbe gilt von der Stadt Haupt lasse. Auf dem Schloßplatz und in der Nähe bes Marstalls, in dem Liebknecht sein Hauptquartier hat, herrscht ein besonders lebhaftes Treiben, ähnlich wie am Wilhelmsplatz zwischen dem Kaiserhof und dem Reichskanzlerhans.
Neue Meldungen: Berlin, 7. Jan. In den frühen Nach- mittagsflunden suchten große Demonsttationszüge von Spartakusleuten und Unabhängigen nach dem Wil- Helmsplatz vorzudringen. Sie riefen ununterbrochen: Nieder mit den Bluthunden Ebert und Scheidemann! Durch die aus- gefteCte Postenkette der Regierungstruppen wurden sie nach langen vergeblichen Per uteen avgedrangr. ine vieren Praia re mit der Aufschrift U. S. P. L.wiesen, daß die Mahnung der „Freiheit", solange die Verhandlungen dauern, keine Aktionen einzuletten, nicht beherzigt worden sind. Das Kennzeichen der ganzen Situation ist das Schwinden jeder Autorität. Den Führern sind die Massen vollkommen aus den Händen entglitten. Im Laufe des ganzen Tages war an verschiedenen Stellen der inneren Stadt Maschinengewehrfeuer zu hören, Besonders lebhaft gestritten wurde am Brandenburger Tor. Auch auf dem Wilhelmsplatz wurde vielfach geschossen. Ueber die Gesamtlage schreibt das Organ der Unabhängigen, „Die Freiheit":
Die Situation hat seit gestern nacht sich nicht wesentlich geändert. Die Verhandlungen wurden bis in die frühen Morgenstunden fott-gefühtt und werden heute um 11 Uhr wieder ausgenommen. Ter Zentralvorstand der U .S. P. hat für heute nicht zum Massenstreik aufgefordert. Die Arbeiter sollen in den Setrieben vormittags eine eventuelle neue Parole er« warten. Die Lage ist äußerst gespannt, doch darf man 5 affen, daß die Verhandlungen zu einer weiteren EntsparMng führen werden. Wir wiederholen unsere Aufforderung, daß bie Anhänger aller Parteien bte Verhandlungen nicht durch Aktionen auf eigene Faust stören sollen. Es muß vermieden werden, daß aufs neue Blut fließt. Das Kriegsministerium ist, übrigens bezeichnend für die Gesamttage, nach Verhandlungen hin und her paritätisch besetzt worden und zwar von zwanzig Anhängern der Regierung Ebert-Scheidemann und zwanzig Anhängern der sogenannten revolutionären Arbeiterschaft. In der Umgebung des Reichskanzlerhauses sind in den oberen Stockwerken der dort gelegenen Paläste und Geschäftshäuser regierungstreue Truppen mit Maschinengewehren untergebracht. Das Dach des Brandenburger Tores ist ebenfalls von einem Trupp regier» ngttreuer Soldaten besetzt, bte mit einem Maschinengewehr den Zugang zu den Linden beherrschen.
Auf den Straßen zeigt sich wieder das übliche Bild, daß sich um die Agitatoren des Spartakusbundes, zu denen sehr viel« gutgekleidete Frauen mit teuren Pelzen gehören, Gruppen von Monden bilden.
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Weiter« Meldungen über bie proletarisch« Revolution.
Berlin, 7. Jan. Die für heute vormittag nach dem Reichstag einbetufene Pressekonferenz konnte nicht stattfinden, dq die Spartakusleute denReichstag besetzt Habens Das gleiche Schicksal traf auch die Sitzung des Hauptvorstandeq der Deutschen Demokratischen Partet, die heute im Reichstag zu- sammentteten sollte. An der 6 üb front des Reichstags sind Ma^ schinengewehre aufgestellt.
Das Eisenbahndirekttansgebäude ist nach neuere« Mittels lungen von den regierungstreuen Truppen heute vormittack wieder zurückerobert worden. Bei den Kämpfen gab es auf beiden Setten zahlreiche Tote und Verwundete.
WB. Berlin, 7. Jan. Heute nachmittag 5 Ahr fuhr ein Automobil, mit Matrosen besetzt, beim Sekretariat der Deutschen Demokratischen Partei vor. Die Mannschaften drangen ein und zwangen das Sekretariat, auszuräume«, Die Flugblätter und Wahlaufrufe wurden auf bte Straße gss schleppt.
Berlin, 7. Jan. Don Anhängern des Spartakus-Bundes ist der Schlesische Bahnhof besetzt worden. Es ist bis jetzt den Negierungstruppen noch nicht gelungen, die Eindringlinge zu vertreiben. Um den Schlesischen Bahnhof haben im Laufe des Nachmittags lebhafte Feuergefechte stattgefunden.
Berlin, 7. Jan. Vor dem „Vorwärts"-Gebäude kam es heute nachmittag abermals zu großen Demonstrationen. Es spielten sich dann auch H and g ran a te nk äm p f« ab.
In die „Deutsche Allgemeine Zeitung" drangen gestern Nacht 30 bewaffnete 2eilte ein, die bk Fertigstellung der im Druck befindlichen Morgenausgabe dieses der Regierung nahestehenden Organs verhinderten. Heute nachmittag konnte die „Deutsche Allgemeine Zeitung" wieder erscheinen.
Berlin, 7. Jan. Auf dem Pariser Platz versuchten Spattakus- kuu iu>Xas Hot c l.W^a "Behauptung, daß auf dem Dach des Hotels Maschinengewehre ausgestellt seien. Daraufhin begaben sich einige italienische Offizier e, die zu der im Hotel weilenden Kommission gehören, auf das Dach und überzeugten sich, daß bart fern Maschinengewehr war, sondern daß es sich um amerikanische Kino-Operateure handelte, bk von dort aus die Vorgänge auf dem Pariser Platz und die Kämpfe am Brandenburger Tor im Bilde festhalten wollten.
Berlin. 7. Jam Ueber die Besetzung der Netchsdruckerek meldet der „Berliner Dörssnkurier" folgendes: Die Reichsdruckerei ist nicht von Spattakusleuten besetzt, sondern von Mitgliedern der U. 6. P., und zwar ttur von Arbeitern, im Einver-, ftändnis mit dem Arbeiterrat. Die Direktion hat Zutrttt zu allen Raumem Die Garde der U. 6. P, die das Werk besetzt hat, hat nirgends zu den Räumen Zutrttt, die nicht zu Verteidigungszwecken notwendig sind. Man hat für etwa 60 Wächter Katten ausgestellt, bie ihnen den Zutritt gestatten, allerdings ohne Waffen. Die Garde besteht nur au4 U. S. P.-Leuten, bk den Platz für bk Regierung behaupten wollen, bie sich aus den Kämpfen konsolidieren wird. Mtt den Direktoren ist ein sehr gutes Einvernehmen erzielt worden. Gestern abend hatten sich in dem allgemeinen Trubel zwei Einbrecher mit eingeschlichen, die aber ohne viel Schwierigkeiten festgenommen und dem Polizeipräsidium zugefühtt wurden. Dies wird als ein Beweis dafür mitgeteilt, wie man im Betriebe der Reichsdruckerei bemüht ist, Ruhe und Sicherheit aufrecht zu erhalten.
Auf eine weitere Frage, ob es in der Theori« nach einet Besetzung möglich sein würde in der Reichsdruckerei Noten zu drucken, wurde uns der Bescheid zuteil, daß dies völlig ausgeschlossen sei, da sich die Klischees in den Händen der Direttion befänden. Die reguläre Arbett werde bann erst wieder ausgenommen werden, wenn die Arbeiter zurückkämen. Es sei n»ch nicht Lar, ob eventuell auch morgen noch wegen beabsichtigter Demonstrationen bk Arbeit ruhen werde.
Volksbeauftragter Noske, der den Oberbefthl über bk Regierungstruppen führt, hat von auswärts her Trup- pen nach Berlin beordert, darunter die Lübbener Jäger, die in den nächsten Stunden in der Hauptstadt eintreffen werden.
Sin netter Krieg steht vor den Corott!
.Man wnß" — so schreibt bte „Frankf. Ztg.* —, daß bie Reichsleitm'g. nachdem die Demobilisierung und Entwaffnung der zurückgckehrten Truppen das Deutsch« Reich tat» sachlich wehrlos gemacht hat, vor dem Entschlusse steh', wieder eine schlagfertige Wehrmacht zu bilden, die den
Fv!«hen itad» innen nnd nutzen
tu sichern imstande sein kn.* Hinter dem Verlausen des „Vorwärts" stehen die demokratischen, liberalen, konservative« und Zentrumsblätter.
Allein die Nttabhängiste Partei stemmt sich mit aller Kraft gegen neues Morden, neues Elend, neue Verwüstungen fruchtbarer Lärrverteile!
Arbeiter, Arbeiterinnen, Mütter und Väier! Die neue Negierung der Mebrhfti»iozialdeinakraten unter Führung Ebert-Scheidemann mobilisiert und treibt zum neuen Krieg k
Davum! Heraus aus der alten Partei und hinein in die Reihen der Unabhängigen Sozialdemokraten!
Meldun»»« nimmt das Partribür» de« Unabhängigen WahlvereinS Hanau, Mühlstraße 2», entgegen. ch