Erstes Blatt.
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Rotationsdruck und Verlag der Buchdruckerei des verein, ev. Waisenhauses in Hanau.
Amtliches Organ für Stadt- und Landkreis Kanan.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Verantwort!. Redakteur: & Schrecker in Hanau.
Nr. 285
^mifVrcdianMlttft Nr. 230.
Samstaq den 6. Dezember
^«rnffredianfdiluf; Nr. 3.30. 1913
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30 Seiten.
Amtliches.
Landkreis hanau.
Der Portefeuiller Friedrich Haschert in Fechenheim und der Schneider Konrad Walther in Windecken sind nach bestandener Prüfung zu amtlichen Desinfektoren ernannt, ersterer für den Bezirk Bergen-Enkheim, Bischofsheim, Dörnigheim, Fechenheim, Hochstadt und Wachenbuchen, letzterer für den Bezirk Bruchköbel-Butterstadt, Eichen, Erbstadt, Gronau, Kilianstädten, Mittelbuchen, Niederissigheim, Niederdorfelden, Oberdorfelden, Ostheim, Marköbel und Roßdorf, sowie für die Gutsbezirke Baiersröderhof, Kinzighei- merhof, Dottenfelderhof und Eronauerhof.
Ich verweise auf meine Bekanntmachung vom 5. Oktober 1907 — A. 3514 — (Nr. 18 der amtlichen Beilage zum „Hanauer Anzeiger" vom 9. November 1907) nach welcher die auf Grund des § 8 des Gesetzes betreffend die Bekämpfung übertragbarer Krankheiten vom 28. August 1905 (Gesetzsammlung Seite 373) vorzunehmende Schlußdesinfektion, welche nach Genesung der Kranken, nach seiner etwaigen Ueberführung in ein Krankenhaus oder nach seinem eventl. Tode erfolgen muß, in allen Fällen der im § 8 des Gesetzes aufgeführten Krankheiten von dem amtlich geprüften Desinfektor auszuführen ist.
Die Kosten der behördlich angeordneten Desinfektion find als Polizeikosten aus Gemeindemitteln zu bestreiten, wenn ^er Zahlungspflichtige Haushaltungsvorstand ohne Beeinträchtigung des für ihn und feine Familie notwendigen Unterhaltes diese Kosten nicht zu tragen vermag.
Die Desinfektoren haben folgende Vergütungen zu beanspruchen
1. für jede Stunde ihrer Tätigkeit — einschließlich der Hin- und Rückreise — gleich 0,75 Mark,
2. für jede notwendige Uebernachtung 1.50 Mark.
Die Desinfektionsmittel für die Schlußdesinfektion werden auf Kreiskosten beschafft.
Hanau den 14. Oktober 1913. Ä« 4606
Der Vorsitzende des Kreisausschustes.
F r h r. L au r.
Stadtkreis fianau. {Bekanntmachung.
Die Wahl der Versicherungsvertreter als Beisitzer des Versicherungsamts der Stadt Hanau (§ 40 ff. der R.-V.-O.) soll am
Dienstag den 17. Februar 1914 stattfinden.
Bruno Willes Vortrag.
Von Mia Forst.
Wir hörten Bruno Wille schon einmal über „Die Menschheit als Organismus" reden und lasen einen guten Essay darüber von Dr. C. August Emgè in diesem Blatte.
— Eine sympathische Erscheinung, eine klare, objektive, ich möchte sagen pädagogische Art zu reden. Der ganze Eindruck der eines Mannes, der sich seine Weltanschauung erkämpft hat und nun ruhig dasteht: Das bin i ch, und das will ich euch zeigen. Vielleicht findet ihr für euch ein Steinchen zum Bauen darin, vielleicht macht's euch für eine Stunde freier und glücklicher--wenn nicht, so schadet's nichts. Es ist mein Weg — es braucht nicht der eure zu sein. — Nichts Polemisches; nichts von der beliebten Attitüde des großen Philosophen; nichts Mystisch-Schwärmerisches, wie man es fast von dem Verfasser der „Offenbarungen des Wacholderbaumes" erwartet hatte.
Bruno Wille baute seinen Vortrag nach dem Wort Kants von den zwei größten Dingen auf: dem gestirnten Himmel über uns und dem ewigen Gesetz in uns. Er gab zuerst einige a st rono mische Darstellungen, schilderte die Veränderung des menschlichen Weltbildes seit dem ptolemäischen System mit seinen Sphären, bis die Renaissance Klarheit brachte, bis Kopernikus mit der Aufstellung seines Systems und der geniale Giordano Bruno mit seinem großen Wort kam: „Ailes ist natürlich, d. h. naturgesetzlich", wofür er von der Inquisition in Rom auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde . . .
Alles ist natürlich, das soll nicht heißen: Es gibt nichts Ueberfinnliches, Es heißt nur: cs gibt nichts Uebernatür- liches. Wir könnten uns sogar Wesen mit mehr als unseren Sinnen denken. Aber diese für uns übersinnliche Welt müßie ebenfalls Naturgesetzen unterworfen sein.
Wahlberechtigt sind die Vorstandsmitglieder der Krankenkaffen, die im Bezirk des Versicherungsamtes mindestens 50 Mitglieder haben. An der Wahl nehmen ferner teil die Vorstandsmitglieder der
1. knappschaftlichen Krankenkaffen,
2. Ersatzkaffen,
3. Seemannskaffen und anderer obrigkeitlich genehmigten Vereinigungen von Seeleuten zur Wahrung ihrer Rechte,
sofern sie im Bezirk des Dersicherungsamtes mindestens 50 Mitglieder haben, die Ersatzkosten und die außerhalb des Bezirks des Versicherungsamtes seßhaften Kasten außerdem nur, wenn sie ihre Beteiligung an der Wahl dem Wahlleiter rechtzeitig anmelden und die Zahl ihrer Mitglieder in diesem Bezirk nachweisen.
Maßgebend ist die Zahl der Mitglieder, deren Beschaf- tigungsort (§§ 153—156) sich zur Zeit des letzten Zahltages (§ 393) vor der Feststellung im Bezirk des Versicherungsamtes befindet. Bei Mitgliedern von Ersatzkosten, bei unständig Beschäftigten (§ 442) und solchen Mitgliedern, die Kassen auf Grund der §§ 176 und 313 angehören und einen Beschäftigungsort nicht haben, tritt an Stelle des Beschäftigungsorts der Wohnort. Bei Hausgewerbetreibenden ist der Ort ihrer eigenen Betriebsstätte (§ 466), bei den im Wandergewerbebetrieb Beschäftigten der Ort maßgebend, bei dessen Ortspolizeibehörde der Wandergewerbeschein beantragt ist (§ 459).
An Stelle der Vertreter der Versicherten im Vorstande wählen bei Knappschaftskrankenkasten die für den Bezirk des Versicherungsamtes zuständigen Knappfchafts-Aeltesten, bei den Ersatzkosten, die örtliche Verwaltungsstellen haben, die Geschäftsleiter der für den Bezirk des Versicherungsamts zuständigen örtlichen Verwaltungsstellen.
Jede Kaste erhält für jedes anrechnungsfahige Mitglied eine Stimme.
Die Ersatzkosten und Kasten, die außerhalb des Bezirks des Verficherungsamtes ihren Sitz haben, werden hierdurch aufgefordert, umgehend, spätestens jedoch bis zum 13. Dezember 1913 die Zahl der anrechnungsfähigen Mitglieder dem unterzeichneten Versicherungsamt mitzuteilen.
Hanau den 5. Dezember 1913. 29951
Das Versicherungsamt.
I. V.: Bartmuh.
Schulnachrichten.
Die Ostern 1914 schulpflichtig werdenden und in der Zeit vom 24. bis 29. vorigen Monats angemeldeten Kinder sollen auf ihre geistige und körperliche Schulfähigkeit durch den zuständigen Schularzt schon jetzt untersucht werden, und zwar:
Dienstag den 9. Dezember 1913, morgens 9 Uhr, in der 3. Vezirksschule,
Alles ist natürlich. Aus Nichts kann keine Schöpfung entstehen und ebenso kann das All nicht wieder zu Nichts vergehen. Wenn der Stern Alpha Centaur! 10 Millionen Lichtjahre braucht, um mit seinem Strahl unsere Erde zu berühren, dann kann die Erde nicht erst vor 10 000 Jahren geschaffen worden sein, wie Bruno Wille es in der Schule lernte. Die Dogmen fallen vor der „Redlichkeit" — wie Nietzsche sagt — der Forschung.
Raum und Zeit — das sind zwei unendliche Begriffe. So wenig der Raum begrenzt ist — und er könnte nur durch Naumlosigkeit begrenzt sein, also durch Leere, und Leere ist doch wieder Raum, — so wenig ist die Zeit begrenzt. Sie hat keinen Anfang, denn dann müßte vor ihr Zeitlosigkeit gewesen sein und aus Zeitlosigkeit kann keine Zeit entstanden sein. Wir kennen die Symbole der Ewigkeit: Die Schlange, die sich in den Schwanz beißt; „das Rad des Seins". Der kleine Mensch steht in der Mitte dieser unendlich langen Straße, die sich vor ihm und hinter ihm in Nacht verliert. —
Heraklit stellte den Satz auf: Alles fließt. Alles ist in ewiger Veränderung ikegriffen, chemischer, physischer, seelischer Veränderung. Wir seltnen zufällige und wesentliche Veränderungen. Zufällige: ein Knabe findet im Staub einen toten Mistkäfer und malt ihm im Spiel Goldpünktchen auf die blauschimmernden Flüg-üdecken. Das ist keine aus dem Wesen des Mistkäfers bedingte, sondern eine zufällige Veränderung. Leise blitzie die feine Ironie des Philosophen auf: „wie mancher ist nicht mehr als ein vergoldeter Mistkäfer" . . . Wenn aber ein Ei sich zum Hühnchen entwickelt, so ist diese Veränderung organisch, wesentlich.
Bei der ununterbrochenen Veränderung kommen wir auf den Kausalitätsbegriff. Jede Ursache hat ihre Wirkung, jede Tat muß in einer unendlichen Reihe von Be- dingnngen festhängen. Auch wir . . . Aber da>melc>eu sich Zweifel. Wir reden nicht immer von gesetzmäßigen! Geschehen, rvir reden auch von Zufall. Aber willen wir
Mittwoch den 10. Dezember 1913, morgens 9 Uhr, in Ler 4. Bezirksschule
Donnerstag den 11. Dezember 1913, morgens 9 Uhr, in der Mädchenmittelschule,
Donnerstag den 11. Dezember 1913, nachmittags 2 Uhr. in der Knabenmittelschule,
Freitag den 12. Dezember 1913, morgens 9 Uhr, in der 1. Bezirksschule,
Samstag den 13. Dezember 1913, morgens 9 Uhr, in der 2. Vezirksschule.
Es ist dringend erwünscht, daß bei dieser schulärztlichen Untersuchung ein erwachsenes Familienglied, am besten die Mutter des zu untersuchenden Kindes, zugegen ist, damit Auskunft über frühere Krankheiten des Kindes u. a. m. gegeben werden kann.
Hanau den 5. Dezember 1913. 29943
Der. Stadtschulrat.
Dr. Berensmann.
Gefunden: 2 Schirme und 1 Handschuh (seiden.) im Stadttheater; abzuholen auf dem Geschäftszimmer Nr. 4 der Armenverwaltung.
Hanau den 6. Dezember 1913.
Mmèm md cerJorene WeMM n.
Gefunden: 1 Zwicker mit Etui, 1 runder und 1 viereckiger Mülleimer.
Hanau den 6. Dezember 1913.
Politische Rundschau.
Mp. Oberst v. Reuter. Ueber 5en militärischen Werdegang des Obersten v. Reuter (nicht v. Reutter, wie vielfach zu lesen ist), sind unrichtige Darstellungen veröffentlicht worden. Es ist vor allem, was die „Nationalzeitung" behauptet, völlig falsch, daß der Oberst „bis vor kurzem Generalstäbler gewesen se^ Zabern der erste Posten wäre, den er in der Front dienend innehätte". Der vielgenannte, 53 Jahre alte Kommandeur des 7. Oberrheinischen Infante Regiments Nr. 99 stammt aus dem Kadettenkorps, das er am 12. April 1879 als Selektaner verließ. Bis zum 7. Juli 1885 war er Offizier des 1. Earde-Feldartillerieregiments in Berlin. Der damalige Sekondleutnant Friedrich Wolfgang v. R. wurde dann zum 5. Rheinischen Infanterieregiment 65 nach Köln, sechs Jahre später nach Magdeburg in das Regiment 66 versetzt. Als Hauptmann war v. R, Kriegsschullehrer in Engers, hat später als Major beim Regiment 71 in Erfurt und beim Regiment 83 in Castel gestanden und ist, ehe er das Regiment in Zabern erhielt, vier Jahre Kommandeur der Kriegsschule in Glogau gewesen.
Weitere „^ofitiW Rundschau" im dritten Blatt.
denn, ob nicht das, was wir Zufall nennen, durch eine feste, uns nur verborgene Kausalitätsreihe notwendig herbeigeführt werden mußte? Unser Denken ist so jämmerlich relativ, fe eng . . . Und ein/ neue, für uns so wichtige Frage: wo bleibt innerhalb dieser Kausalitätskette, innerhalb dieses Determinismus unsere berühmte menschlicheWillenS» freiheit?! Willensfreiheit — ein unklarer Begriff . . . Willkürlich kann ich nicht handeln, nur innerhalb der Möglichkeiten, die mir bit Naturgesetze lasten. Aber ist denn Gesetzmäßigkeit und Logik Unfreiheit ? Ist sie nicht vielmehr schönste Freiheit? —
Der Determinismus hat auch ein Extrem, den Fatalismus, der bei passiven Rasten und Menschen b>üht. „Ja, wenn doch alles vorherbestimmt ist, ist eS dann nicht einerlei, was ich tue oder lasse? Ist es dann nicht Unsinn, zu handeln — ?" Bei einer Anzahl von Menschen, die eine Landpartie machen wollten, zählte einer nach und sagte: „Na, was ist denn das, wir sollten doch 16 sein und sind nur 15?" „Ja," wurde ihm geantwortet, „Sie haben sich ja nicht mitgezählt I" So tut der Fatalist, er zählt sich nicht mit und vergißt, daß er zum All gehört, mit hinein in die Kausalitâtskctte gehört, daß sie eben mit durch ihn, durch sein Mithandeln abläuft.
Sich mitzählen, dem All sich nicht fremd gegen* überstellen, sondern die große Einigkeit fühlen. Unendlich viele Wurzeln seines Seins hat der einzelne Mensch — die Eigenschaften seiner tausend Ahnen pulsieren dunkel in ihm — „Langvergesf'ner Völker Müdigkeiten kann ich nicht abtun von meinen Lidern —", das Brot, as et ißt, das in ihm Blut und Leben wird, tu war Aehre, Erdkraft, Feuchtigkeit, Sonnenschein . . . Mit dem Inder fühlen: Das bist du selbst — T a t vam As!, sich finden im Allselbst. So gelangt man dahin, sich nicht mehr über seinen Mitmenschen zu ärgern, — das bist du selbst, seine Schwächen liegen auch in dir, sie sind ein Teil der menschlichen Natur. Dein Mitmensch leidet. 6ilf ihm.