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ErS-S Blatt.

Hanauer K Anzeiger

Die ögespaltene Petitzeile oder deren Raum 20 Pfg, im Reklameteil die Zeile 50 Pfg.

General-Anzeiger

Rotationsdruck und Verlag der Buchdruckerei des verein, eo. Waisenhauses in Hanau.

Amtliches Organ für StM- lind FanNreis Kanan.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertags, mit belletristischer Beilage.

Vierteljährlich 1.80 Ml., monatlich 60 Pfg^ M Pop^ bezug vierteljährlich 2.10 Mk., monatlich 70 PsA Die einzelne Nummer kostet 5 Pfg.

Verantwort!. Redakteur: E. Schrecker in Hanau.

Nr. 150

FeritsprechaiMltttz Nr. 230

Dienstag den 1. Juli

Fermsprechlruschlutz Nr. 230. 1913

Sie Wioe Nummer umw mite dem MerSaltNgshlatt

14 Seiten.

Amtliches.

Bekanntmachung.

Nach § 4 Absatz 1 des Reichsgesetzes, betreffend den Ver­kehr mit Butter, Käse, Schmalz und deren Ersatzmitteln, vom 15. Juni 1897 ist die Herstellung, Aufbewahrung, Ver­packung oder das Feilhalten von Margarine oder Kunst­speisefett in Räumen, woselbst Butter oder Butterschmalz gewerbsmäßig hergestellt, ausbewahrt, verpackt oder feilge­halten wird, verboten. Ebenso ist in Räumen, in denen Käse gewersmäßig hergestellt, aufbewahrt, verpackt oder feilgehalten wird, die Herstellung, Aufbewahrung, Ver­packung oder das Feilhalten von Margarinekäse untersagt.

Nach Absatz 2 a. a. O. findet vorstehende Bestimmung in Orten, welche nach der letztmaligen Volkszählung weniger als 5000 Einwohner hatten, auf den Kleinhandel mit ver­schiedenen Maßgaben keine Anwendung.

Gemäß Absatz 3 a. a. O. bestimme ich hiermit, daß die Vorschrift des 2. Absatzes für die Landgemeinden Bergen, Großauheim und Langenselbold im Landkreise Hanau, deren Einwohnerzahl nach dem endgültigen Ergebnis der Volkszählung von 1910 je über 5000 beträgt, vom 15. Ja­nuar 1914 ab nicht mehr Anwendung findet. Von diesem Tage ab gelten für die genannten Gemeinden die Bestim­mungen in Absatz 1 a. a. O. (ct. II 5400).

Easiel den 27. Juni 1913. V 4611

Der Regierungspräsident

I. V.: v. Wussow.

Eandkreis F^anau.

Der erste Grasschnitt zweier Schläge der Kreisjung­viehweide (etwa 35 Morgen) soll in Trennstücken von 25 ar am Donnerstag den 3. Juli d. Js., vormittags 10 Uhr, an Ort und Stelle meistbietend verkauft werden. Zusammenkunft am Eingang zum Weidegelände.

Hanau den 30. Juni 1913. A 3381

Der Königliche Landrat.

F r h r. L a u r.

Dienstnachrichten.

Unter dem Schweinebestande des Gastwirts und Metzgers Göbel in Langendiebach ist der Ausbruch des Rotlaufs festgestellt worden. Die erforderlichen Schutz­matzregeln sind angeordnet.

Hanau den 30. Juni 1913. V 4604

Gefunden: 1 Bademütze, 1 Schreibheft für Johanna Rutz und 1 halbfertiger Strumpf mit Wolle und Strick­nadeln ; abzuholen auf dem Geschäftszimmer der Armen­verwaltung.

Hanau den 30. Juni 1913.

Politische Rundschau.

Eine Stiftung des Kaisers für Unteroffiziere. Der Kaiser stiftete, wie erst jetzt bekannt wird, die Mittel für zwei Familienhäuser, deren jedes vier Wohnungen enthält, und zu diesen Häusern Wirtschaftsgebäude für Unteroffi­ziere der Wilhelmshavener Garnison. Die Gebäude werden heute der Marineverwaltung übergeben.

Reichstagsabgeordneter Graf Kanitz f. Wie aus Berlin gemeldet wird, ist der konservative Reichstagsabgeordnete' Graf Kanitz-Podemgen gestorben. Die Kunde kommt um so überraschender, als von einer Erkrankung des Grafen Ka­nitz bisher nichts bekannt war. Mit dem Grafen Kanitz verliert die konservative Partei eines ihrer bekanntesten und verdienstlichsten Mitglieder.

Der Reichstag nahm am Montag die Wehr- und Deckungsvorlagen in dritter Lesung endgültig an. Der na- tionalliberale Antrag auf Wiederherstellung der gestrichenen Kavallerieregimenter wurde ebenfalls angenommen. Da­rauf vertagte sich der Reichstag bis zum 20. November. (Den Bericht siehe in der Beilage.)

Frankreich und die Annahme der deutschen Heeres­vorlage. Die Pariser Abendblätter besprechen die heutige Abstimmung im deutschen Reichstag, die sie als aroßen per­

sönlichen Triumph des Reichskanzlers bezeichnen. Die franzö­sischen Deputierten dürften dem deutschen Patriotismus nicht nachstehen. Frankreichs einzige Antwort auf die Reichstags« abstimmung müsse die Annahme der dreijährigen Dienst­zeit sein.

Das Ansehen der Fremdenlegion. Nach einer Blatter- meldung aus Beauvais verübte der Hauptmann Fontaine Selbstmord, weil er zur Fremdenlegion versetzt worden war.

Ein Deutscher auf Haiti ermordet. In Sabana de la mar in der auf der Insel Haiti belegenen Mulatten- Republik San Domingo wurde nach einem Kabeltelegramm der Pflanzer Gundlach auf der Kakaoplantage Suchard von Eingeborenen ermordet. Gundlach, ein geborener Hallenser, war fast 20 Jahre als Pflanzer in den Tropen tätig.

Das französische LuftschiffSpietz" keine Nach­bildung desZeppelin".

DT. Paris, 30. Juni. Die Rede des Grafen Zeppelin auf dem Journalistenbankett in Stuttgart, in welcher er be­hauptete, der französischeLenkballonSpieß" sei in seiner Gestalt und Konstruktion eine Nachbildung des deutschen Zeppelin- ballons, auf Grund der bei der Landung von Luneville ge­machten Aufnahmen, hat in Frankreich großes Aussehen er­regt. Dem Grafen Zeppelin ist in der Tat ein Irrtum unterlaufen. Die Landung von Luneville mar am 3. April, bereits am 7. April war derS^ieß" niit Wasserstoff ge­füllt und zur ersten Auffahrt fertig und wurde vom Kriegs­minister besichtigt. In dieser kurzen Zeit ein Luftschiff nachzubauen oder umzubaven ist unmöglich. Eine andere Frage ist freilich, ob ^icht nachträglich an demSpieß" Verbesserungen vorgenommen worden sind, oder noch vor- genHy men werden, bk auf Len von den französischen Offi- gieren am Zeppètinballon in Luneville gemachten Beob­achtungen beruhen. DieLiberte" , behauptet sogar, der Spieß" sei ein Vorgänger des Zeppelinballons, da das Patent desSpieß", das bereits die charakteristische lange Form zeigt, bereits vom 27. September 1873 stammt. Selbst wenn diese Angaben den Tatsachen entsprechen, sind es jedenfalls doch erst die Erfolge des Grafen Zeppelin ge­wesen, die den Ingenieur Spieß in den letzten Jahren ver­anlaßt haben, der praktischen Ausführung seines früher er­worbenen Patentes näherzutreten. Ein wesentlicher Unter­schied beider Systeme ist jedenfalls, daß derSpieß" aus Tannenholz gebaut ist, während die Zeppelinballons aus Aluminium konstruiert werden.

Stimmungsbild aus dem Reichstag.

m. Berlin, 30. Juni. Ende gut, alles gut! Der Reichs­tag ist in die Ferien gegangen. Gestern munkelte man noch allerlei. Man hegte sogar ernste Besorgnis, ob Las große Werk, das in den letzten Monaten den Reichstag beschästigt hat, nicht noch kurz vor seiner Vollendung scheitern wird. Aber die Optimisten haben Recht behalten. Der Reichstag zeigte heute kein alltägliches Bill». Herr v. Bethmann-Holl­weg hatte sich selbst eingesunden, um den Beratungen des letzten Tages die höhere staatsmännische Weihe zu geben. Und um ihn herum drängte sich ein Schwarm von Staats­sekretären. Herr v. Bethmann-Hollweg hatte heute einen guten Tag. Er gewann sich gleich zu Beginn der Sitzung die Sympathie des Hauses, und so lebhaft ist ihm noch nie in einer Reichstagssitzung zugestimmt worden als heute. Die Einleitung des Tages war nämlich das kleine Notgesetz zum Militärstrasgesetz. Hervorgerufen durch den Fall in Erfurt, wo Reservisten, die im Rausch eine Dummheit be­gangen haben, mit schweren Zuchthausstrafen belegt worden waren, ist dieser Initiativantrag aus dem Hause in selten rascher Weise Gesetz geworden. Hier hat der Reichstag wirk­lich einmal gezeigt, daß er auch schnell arbeiten kann, und daß er noch mehr kann, als papierne Resolutionen fassen. Das entschiedene Auftreten des ganzen Reichstages, der nun in diesem Notgesetz die Einführung von mildernden Um­ständen auch im Militärstrafrecht fordert, hat seine Wir­kung nicht versohlt. Und Herr v. Bethmann-Hollweg er­klärte heute in knappen Worten, daß auch et sich aus den Boden des Antrages stellt, und daß er ihn im Bundesrat vertreten wird. Das ist ein voller Sieg der bürgerlichen Parteien, zu denen sich diesmal auch die Sozialdemokraten gesellen. Die Konservativen erhoben zwar Bedenken wegen der Konseguenzen eines solchen Vorganges, aber auch sie stimmten zu, bis aus den Abg. Kreth, der als einziger im ganzen Hause sich dagegen erklärte. Dann ging es wieder zur Wehrvorlage und zwar zu den zurückgestellten Abstim­mungen. Hier wurde dem Reichskanzler und dem Kriegs­minister ein voller Erfolg zuteil. Denn der Antrag Basier­mann, die gestrichenen drei Kavallerieregimenter wieder herzustellen. fand endlich eine Mobrbeit. Der Krieasmini-

ster strahlte übers ganze Gesicht und nahm die Glückwünsche seiner Ministerkollegen und den Händedruck des Reichs­kanzlers gerne entgegn. Man kann ihm diesen Erfolg wohl gönnen, denn er hat sich für diese drei Reiterregimenter sowohl in der Budgetkommission als auch im Plenum des Reichstages mit aller Kraft ins Zeug gelegt. Dann schritt man zu dem großen Werke selbst, zur Gesamtabstimmung über die Wehrvorlage. Sie wurde mit den drei neuen Ka­vallerieregimentern, die nach Lubnitz, Saarlouis und Mon­tabaur kommen sollen, mit der gewaltigen Mehrheit der bürgerlichen Parteien gegen Sozialdemokraten und Polen angenommen. Nun ist der Wunsch des Kriegsministers doch noch erfüllt worden. Die Heeresoerstärkung ist noch vor dem 1. Juli, dem letzten Termin, der gestellt war, ange­nommen worden. Dann kam das zweite Problem: die Deckungsoorlagen. Hier schieden sich die Geister ein wenig. Die Konservativen gaben noch einmal ihrem Abscheu vor dem Vermcgenszuwachssteuevgesetz Ausdruck und auch die Sozialdemokraten grollten noch einmal über die Verlänge­rung der Zuckersteuer, über die Erhöhung des Kriegsschatzes und über die Aenderung des Stempelgesetzes. Im übrigen aber erklärten sie und das ist ein bemerkenswerter Mo­ment, zum ersten mal im Deutschen Reichstage sich für eine Steuervorlage. Ihr Führer, Ser Rechtsanwalt Haase, brachte nämlich die Zustimmung seiner Partei zum ein­maligen Mehrbetrag und zur Vermögenszuwachssteuer. Herr Hase versuchte mit juristischen Spitzfindigkeiten diefe Zustimmung und diese Konzession an den Eegenwartsstaat, den so heiß bekämpften Klasienstaat, möglichst zu verklausu­lieren. Aber die Tatsache besteht: Die Sozialdemokratie hat zum ersten male dem grimmig besehdeten monarchischen Staatswesen Steuern bewilligt, Steuern^ die dazu dienen sollen, Truppen auszurüsien, Pferde zu kaufen, Kanonen zu erwerben. Ebenso bemerkenswert wie die Erklärung des Führers der äußersten Linken war die des Führers der äußersten Rechten. Graf Westarp lehnte für seine Partei die Vermögenszuwachssteuer ab aus verfassungs- und staats­rechtlichen Bedenken. Die Mitarbeit der Sozialdemokratie macht ihm besondere Sorge. Graf Westarp erklärte sich nochmals für die Regierungsvorschbage und machte der Regierung den Vorwurf, daß sie nicht das Ihre getan hätte, die bürgerlichen Parteien zusammenzuführen. Einige kleine Anträge der Wirtschaftlichen Vereinigung, die das Bedürf­nis fühlte, von sich reden zu machen, verfielen der wohlver­dienten Ablehnung. Etwas lebhaft wurde es, als die Frage angeschnitten wurde, ob die Fürsten ausdrücklich im Gesetz erwähnt werden sollen. Bekanntlich war in der zweiten Lesung ausdrücklich beschlossen worden, die Fürsten _ im Gesetz zu erwähnen, um ihre Steuerpflicht gesetzlich festzu­legen. Wieder erhob sich der Reichskanzler und bat drin­gend, diese Bestimmung zu kassieren und wieder trug Herr v. Bethmann-Hollweg heute einen Erfolg heim. Denn nach­dem der nationalliberale Abg. Dr. Junck erklärt hatte, daß eine eventuelle Steuerfreiheit nur für die Person des Lan­desherrn und der Landesherrin in Betracht kommen könnte, nicht aber auch für andere Fürsten, wurde die Bestimmung im Gesetz über die Fürsten gestrichen. Sirenen heulten dann durch das Haus. Man schritt von Abstimmung zu Abstim­mung. Der einmalige Wehrbeitrag wurde mit einer ge­waltigen Mehrheit angenommen, nur die protestlerischen Elsässer und die fanatischen Polen, eine Handvoll Gegner, stimmten dagegen. Bei der nächsten Abstimmung, bei der Vermögenszuwachssteuer, enthielten sich diese Widerstreben- den der Abstimmung und die Rechte stimmte allein dagegen, während eine gewaltige Mehrheit von 280 Stimmen für die Vorlage eintrat. Auch das Reichsstempelgesetz wurde angenommen. Damit war das schwierige Deckungsproblem erledigt, und auch die Tagesordnung war erschöpft. Der Reichstag hat in wenigen Wochen fleißige Arbeit geleistet. Mag mancher Teil der Vorlagen noch viel zu wünschen übrig lassen, im ganzen ist ein Fortschritt schon in der Be­ziehung zu verzeichnen, daß die notwendigen Lasten aus die breiten Schultern der Besitzenden gelegt sind. Herr Kaemps gedachte in anerkennenden Worten der aufregenden Arbeit der letzten Wochen. Herr Basiermann dankte dem Prasidmm Und dann sprach auch der Reichskanzler dem Hause senren Dank aus für das große nationale Werk, das nach mancher­lei Fährnissen nun glücklich zum Abschluß gekommen rst. Grollend standen die Konservativen Beiseite. Das maller hoch erklang und die Abgeordneten stürzten nach den Bahn­höfen: Ferien!