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General-Anzeiger

Amtliches Orga» für Stadt- und Landkreis Kanan.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.

verantwortl. Redakteur: E. Schrecker in Hanau.

Nr. 275 ReriifrrtdxinMM Nr. 230. Samstag den 23. November Fernsprechanschlutz Nr. 230. 1912

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Nix Flemdenlegiin!"

Nix Fremdenlegion!" (Nicht Fremdenlegion!) Diese 'Urze Absage gaben drei deutsche Handwerksburschen, die in Frankreich in die Hände von Werbern für die moderne Hölle fielen, aber dank ihrer Festigkeit dem sicheren Verderben glücklich entrannen. Vor etlichen Monaten wars, als sie, getrieben von Wanderlust, ihrer Hermat, der Lahngegend, Lebewohl sagten, um in Frankreich ihr Glück zu suchen. Paris war das nächste Ziel ihrer Wünsche. Viel sehr viel hatten sie von dieser schönen Stadt gehört und ge­lesen ; sie brannten vor Begierde, recht schnell in diese Wun­derstadt zu kommen. Doch als sie ihren Boden betreten hatten, waren sie bald enttäuscht. Zwar gab es viel zu sehen und zu hören für sie. Leider fehlte ihnen jedoch das nötige Geld, um alle Herrlichkeiten auch genießen zu können. Schließlich war dies ja auch nicht der Hauptzweck ihrer Reise; sie wollten vor allem Arbeit finden, wollten als junge, vor­wärtsstrebende Menschen sich in ihrem Berufe vervollkommnen- Da sich die Hoffnung aber nicht verwirklichte, auch ihre letzten Pfennige bald ausgegeben waren, wandten sie der Weltstadt Paris kurz entschlossen den Rücken, um nach der Heimat zurückzuwandern. Der Weg von Paris bis an die Lahn ist weit. 'Was halfs? Die drei jungen' Deutschen mußten sich durchfechten.

So gelangten sie denn auch glücklich bis St. Mènehould bei Verdun. Hier begann ihr Mißgeschick; ein Gendarm interessierte sich für sie sehr lebhaft und forderte ihnen die Papiere ab, fragte auch, ob sie Geld hätten. Ihre Papiere waren in Ordnung, nicht, aber ihre Geldbörsen. Kein Bitten nützte der gestrenge Hüter der Ordnung verhaftete die drei und führte sie als der Lqnd- streiberei verdächtige Menschen zur Gendarmeriestation, wo man sie einiperrte und am nächsten Tage dem Richter vorführte. Dieser zog zu dem Verhör einen Dolmetscher zu und fragte die drei Handwerksburschen, ob sie keine Lust hätten, sich für die Fremdenlegion anmerben zu l a s f e n. ' Sie würden dort ganz ausgezeichnet verpflegt und besoldet, würden fremde Länder und Menschen sehen, könnten es auch bei guter Führung leicht zu etwas Hohem bringen.

Den biederen Deutschen fuhr der Schreck in die Glieder, sie hatten ja von der Fremdenlegion nie etwas Gutes gehört. Daher schüttelten sie auf die Frage des Richters bedenklich den Kopf und sagten kurz:Nix Fremdenlegion!" Darauf sperrte man sie ein. Sie sollten nur aus dem Ge­fängnis entlasten werden, wenn sie schnellstens in den Besitz der notwendigen Barmittel gelangen würden. Bei Wasser­suppe und trockenem Brot fasteten die Handwerksburschen einige Tage. Da kam die Befreiung. Der eine hatte nämlich einen dringenden Brief an seine Eltern nach Hause geschrieben, und diese sandten unverzüglich Geld, das er mit seinen beiden Leidens- genosten teilte. So war ihre Mittellosigkeit, derentwegen sie eingelocht worden waren, behoben, und sie wurden aus dem Gefängnis entlassen. Schleunigst fuhren sie nach Metz, und mit gemischten Gefühlen über das Land derFreiheit, Gleich- . heit und Brüderlichkeit" kehrten sie in ihre Heimat zurück.

Die Lehre aus dieser kleinen Geschichte, die sich im An­fang des letzten Sommers zutrug und erst kürzlich bekannt wurde, ist die, daß in Frankreich selbst Beamte ihre Amts­gewalt dazu mißbrauchen, Opfer für die Fremdenlegion zu gewinnen. Die Franzosen behaupten zwar, es gäbe keine Werber für die Fremdenlegion. Die Fremdenlegionäre kommen nach dieser Auffassung alle von selbst! Wir aber wissen aus zahlreichen Beispielen, wie schmählich die Fremden­legionäre eingefangen werden. Das Blatt der französischen Heeresverwaltung,La France militaire", berichtet in einer seiner neuesten Nummern, daß im letzten Oktober 34 Aus­länder auf dem Rekrutierungsbureau in Mèziöres für die Fremdenlegion angeworben worden seien. Von diesen 34 Unglücklichen, die, wahrscheinlich in einer durch häusliches Ungemach hervorgerufenen und durch reichliche Alkoholspenden gesteigerten Stimmung französisches Handgeld genommen haben, befinden sich ein Holländer, zwei Schweizer, zwei Luxemburger, drei Belgier, drei Oesterreicher und 23 Deutsche!

Diese Zahlen sprechen für sich. Es ist wahrhaftig 1 die höchste Zeit, daß der mit den ( rundsätzen des Völker­rechts ^und der Völkermoral in unvereinbarem Gegen­satz stehenden Ergänzung der Fremdenlegion Frankreichs durch Söhne Deutschlands. ein Ende bereitet werde. Jedenfalls gebührt den drei wackeren Handwerksburschen aus der Lahngegend ein Bravo, daß sie den Verlockungen stand hielten trotz Not und Hunger. Wenn's doch alle so machen möchten, die in die Hände der Fremden­legions-Werber geraten! Die reichen Fischzüge für die Leaion aus Deutschland würden bald aufhörew

Der Kriegsbrand am Balkan.

Der montenegrinische Feldzug.

Njeka, 22. Novbr. Die montenegrinische Artillerie setzt das Bombardement von Skutari fort, wenn auch weniger heftig als sonst. Das Feuer wurde heute einige Stunden ausgesetzt. Es wird das baldige Eintreffen des Befehls der Einstellung der Feindseligkeiten erwartet. In den Kreisen der fremden Staatsangehörigen verlautet, daß unter den Bedingungen für den Waffenstillstand vor Skutari von montenegrinischer Seite auch verlangt wird, daß die Stadt sich ergebe und die türkische Garnison die Waffen strecke, dagegen würde freier Abzug nach Stambul gewährt werden. Weiter soll vexlangt sein, daß General Martinowitsch an der Spitze der Truppen in Skutari einmurschiere.

Türkische Meldungen.

Konstantinopel, 22. Novbr. Ein Telegramm des Flot­tenkommandanten vom 21. November besagt: Am 19. No­vember, 9 Uhr abends, fand in der Umgebung von Kali- kratia ein Kampf zwischen bulgarischen Jägern und türki­scher Infanterie statt. Um 10% Uhr^war der Feind, der für die Jäger Laufgräben aufzuwerfen versuchte, zurück­geschlagen. Der Rest der Nacht verlief ruhig. Am 20. No­vember, um 1 Uhr mittags, feuerte der Panzerkreuzer Haireddin Barbarossa" gegen Arnautköi einige Granaten auf feindliche Infanterie ab, die sich gegen Papas Burgas zurückzog. Jedes Geschoß traf.

Der KreuzerHamidie" ist hierher gebracht worden. Seine Beschädigungen sollen nicht beträchtlich sein. Der Kampf zwischen dem,Kreuzer und den bulgarischen Torpedo­booten fand 25 Meilen von Karaburnu, südöstlich von Derkos, statt.

Nach Blättermeldungen wurden drei Offiziere und fünf Beamte der Eeneralintendanz wegen Mißbrauchs ihrer Amtsgewalt verhaftet.

Die früheren jungtürkischen Minister Hadjadie, Ned- schem Eddin Baladschian, der frühere Gouverneur von Js- mid Kiazim, der Chefsekretär des Senats Muschpak und der Vorsitzende des jungtürkischen Klubs in Smyrna wurden verhaftet. Der frühere Minister Talaat ist entkommen.

Konstantinopel, 22. Novbr. In der Sofienmoschee sind immer noch mehr als 2000 Flüchtlinge, Verwundete und Kranke angesammelt. Täglich kommen in der Moschee meh­rere Cholerafälle vor.

Falsche Gerüchte.

Wien, 22. Novbr. Der Korrespondent derKöln. Ztg." kann aufs bestimmteste versichern, daß alle hier umschwir­renden Gerüchte von Truppenverschiebungen nach der bos­nischen Grenze nicht den Tatsachen entsprechen. Anlaß zu diesen Gerüchten haben lediglich die Transporte der Re­kruten für die bosnischen Bataillone gegeben, die seit dem 15. November «folgen und noch bis zum 28. dauern wer­den. Diese Rekruten, rund 15 000 Mann, da es sich um den durch die Präsenzerhöhung verstärkten Rekrutenstand von 69 Bataillonen handèlt, sind diesmal aus leicht begreif­lichen Gründen durchweg bei den Regimentern ausgebildet worden, von denen die Bataillone des 15. und 16. Korps (Bosnien und-Herzegowina) detachiert sind, während die ausgedienten Mannschaften inzwischen bei den Truppen­teilen verblieben, um den Stand der Kompanien nicht zu schwächen. Da das Ungewöhnliche dieser Maßregel die außer­gewöhnliche Inanspruchnahme der Eisenbahnen erfordert, hat dies natürlich unter der nicht eingeweihten Bevölkerung Aufsehen erregt, obgleich die Regierung zu Beginn der Re-' krutentransporte sich durch eine amtliche Note darüber aus­gesprochen hat.

Ein bulgarisches Dementi.

Sofia, 22. Nov. DieAgence Bulgare" tritt den Mel­dungen entgegen, wonach die bulgarischen Truppen in dem oder jenem Kampfe enorme Verluste erlitten hätten, die Cholera-Verheerungen in der bulgarischen Armee anrichte und bulgarische Soldaten gegen türkische Verwundete Grausam­keiten verübten. Diese und ähnliche Erzählungen seien von gewissen ausländischen Berichterstattern, die infolge der strengen Bestimmungen des Reglements über den Informationsdienst oder wegen der Verletzung militärischer Vorschriften von Mustafa Pascha zurückgeschickt worden und enttäuscht ge­wesen seien, keinen Informationsdienst im großen Stile machen zu können, erfunden worden. DieAgence Bulgare" verwahrt sich dagegen, daß gewisse Korrespondenten, obwohl in Sofia tätig/ ihre Depeschen aus dem Hauptguartier datierten, um ihnen den Anschein einer kompetenten Quelle zugeben.

Die Verteidigung der Tschataldscha-Linie

Konstantinopel, 22. Novbr. Kurdische Kavallerie und solche aus Hamidie. welche aeftern in Ismid eingetroffen

sind, sollen bereits per Schiff an die gegenüberliegende^e des Marmarameeres übergesührt und gelandet sein. Andere anatolische und syrische Truppen sind in Jsmid eingetroffen. Sie sollen nach der europäischen Küste übersetzt werden, um die Tschataldschatruppen zu verstärken.

Die Haltung der Mächte.

Paris, 22. Novbr. Ministerpräsident Poincarè erklärte heute abend in den Wandelgängen der Kammer, er werde noch vor Schluß der Parlamenistagung eine Erklärung über die auswärtige Lage geben, sowie über die Rolle, die Frank­reich in den letzten Wochen gespielt habe.

Es ist unrichtig, daß Poincarè in den österreichisch- serbischen Konflikt wegen des Konsuls Prohaska eingegriffen habe. Poincarè beschränkte sich darauf, sich mit der Lage der Franzosen in den besetzten Grbieten zu beschäftigen, deren Rechte durch die Aufhebung der Kapitulationen verletzt worden waren. Nur über diesen Punkt hat er sich mit dem serbischen Gesandten in Paris unterhalten.

London, 22. Novbr. Bei einer Rede, die Premier­minister Asquith in Nottingham hielt, sagte er:Die Haltung unseres Landes und der Großmächte inbezug auf den Krieg änderte sich, wie ich weiß, in keiner Weise. Wir sind be­müht, weiteres Blutvergießen zwischen den Kämpfenden zu verhindern und noch mehr bemüht, daS Feld eines mög­lichen Konfliktes zu begrenzen. Auf dieses Ziel arbeiten alle Mächte hin."

Die serbisch-türkischen Kämpfe.

Belgrad, 22. Novbr. Bei den Kämpfen bei Monastir gaben die Befehlshaber bet Türken selbst das Beispiel zur Flucht, als sie sahen, daß die Truppen ermatteten. Drei Tage -vor der entscheidenden Schlacht flüchteten mehrere Paschas. Es wurde behauptet, daß Fethi Pascha Selbstmord beging, jedoch ist sicher, daß er verkleidet flüchtete. Nur Dschavid Pascha wandte sich an der Spitze türkischer Detachements gegen das Peristeri-Gebirge, fand eS indeffen unpassierbar. Die serbische Kavallerie stieß mittags auf der Straße von Monastir nach Florina auf eine türkische Ab­teilung von sieben bis zehn Bataillonen mit zehn Kanonen und Kavallerie. Die Türken flüchteten in wilder Panik, ließen ihre Artillerie im Stich und warfen ihre Waffen weg. Die serbische Kavallerie rückte dann in Florina ein, wo sie mit großer Begeisterung empfangen wurde. Die Morawa- Division, verstärkt durch die Landwehr unter dem Befehl von Nenditsch, besetzte heute morgen Resna, wo sie einige Zeit bleibt. Die fliegenden Kolonnen unter dem Befehl von Milanowitsch sind nach Säuberung der Gegend von Kruschewo m Debra angekommen. Der Kommandant der nach Alessio entsandten Division telegraphierte: Ich bin in Alessio ange­kommen. Ich hatte im Kampfe acht Tote und elf Ver­wundete ; die Verluste der Türken sind bedeutend. Ich machte 1000 Gefangene und erbeutete zwei Kanonen, 2500 Gewehre und eine Fahne. Ein Detachement dieser Division ist morgens in San Giovanni di Medua eingerückt.

Das Geheimnis des Kriegsfortgangs.

Die ungeheuren Verluste der Vulgaren sind wie die Mil.-pol. Korrespondenz" von besonderer, durchaus maß­gebend unterrichteter Seite erfährt der wahre Grund für die Ablehnung der Friedensbedingungen und des Waffen­stillstandes durch die Türken. Von 300 000 Mann hat die bulgarische Armee ein volles Drittel, über 100 000, an Toten, Verwundeten und durch Seuchenkrankungen verloren. Die Kavallerie besteht nur noch aus schwachen Ueberresten der einstigen Regimenter und ist in keiner Weise mehr aktionsfähig. Es sind jetzt auch die Sechszehn- und Sieb­zehnjährigen zu den Fahnen einberufen worden. In Adria­nopel ist die miltärische Lage durchaus günstig für die Be­satzung.

Kommt der Frieden bald, woran an Berliner und Wie­ner amtlichen Stellen nicht gezweifelt zu werden scheint, so ist er allein auf die Erschöpfung des ferbo - bulgarischen Koalitionsheeres an der Tschataldscha-Linie und vor Adria­nopel, nicht aber auf Erlahmen der türkischen Widerstands­kraft zurückzuführen. Die Adria- und Albanerfrage darf dabei als völlig im Sinne der Dreibundwünsche geregelt gelten.