ist (Lebhafter Widerspruch links. — Zustimmung und Heiterkeit rechts.) Ich will hier nur folgendes erwähnen: Preußen ist der größte Fleischlieferant Deutschlands, und in der preußischen Fleischproduktion spielt die Schweinehaltung die größte Rolle. Wenn wir unseren Fleischbedarf selbst decken wollen, dürfen wir unter keinen Umständen dieser Schweinehaltung zunahetreten. (Lebhafte Zustimmung rechts ) Der Abg. Dr. Wiemer hat gegenüber den Bedenken nach dieser Richtung auf die blühende Landwirtschaft Englands verwiesen und gesagt, man solle nicht immer von den vergangenen Zeiten der englischen Landwirtschaft sprechen, sondern von der gegenwärtigen. Ich weiß sehr wohl, daß England sehr entsch r dene Anstrengungen, namentlich in Irland, macht, um die Landwirtschaft zu heben, und daß dies auch mit großem Erfolge geschieht. Aber was die Einwirkungen der Gefrierfleisch-Konsumtion auf die Viehzucht anlangt, so scheinen mir doch die Verhältnisse anders zu liegen» wie der Abg. Wiemer glaubt. Das Gefrierfleisch hat sich in England einen sehr großen Markt erworben, ich glaube 50 Prozent der gesamten Ernährung. Aber in demselben Zeitraum, in welchem das Gefrierfl« isch sich England erobert hat, ist die Viehhaltung Englands hinaufgegangen, dann stationär geblieben, ja sogar im Rückgang befindlrch. Das sind keine alten Zahlen, die ich hier mit- teUe, sondern Zahlen aus der allerneuesten Zeit.
In England entfielen im Jahre 1873 auf 1000 Einwohner noch 111 Schweine, im Jahre 1911 waren es nur noch 84. Im Preußen haben wir für die gleichen Jahre eine Steigerung um 178 auf 1000 Einwohner zu verzeichnen. (Hört! Hört!) Ich weiß sehr wohl, man soll Nationen mit verschiedenen Lebensund Wirtschaftsbedingungen nicht ohne weiteres vergleichen und soll vor allem aus Vergleichen keine zwingenden Schlüsse ziehen, aber das eine werden Sie mir zugeben: Sie kennen die Entwicklung unserer Viehzucht, das starke Wachsen unserer Viehzucht, und Sie kennen auch die Verpflichtung unserer Landwirtschaft, den Viehbestand nicht nur stationär zu halten, sondern zu erweitern, weil unsere Bevölkerung wächst und weil unser Fleischkonsum wächst an Menge und Güte. Da ist es doch sehr bedenklich, ein Experiment zu machen, das nach aller menschlichen Berechnung auf den Hauptzweig unserer Viehzucht, die Schweinehaltung, einen verringernden Einfluß ansüben wird, und daß infolgedessen die Produktion, statt sie steigen zu lassen, verringert. Wenn in unserer Schweinezucht es erst einmal zu stationären Verhältnisien und zu einem Rückgänge kommt, dann ist die Zukunft unserer Viehzucht verloren. Bedenken Sie, an der Schweinezucht sind gerade unsere kleinsten Wirtschaften beteiligt. An 25 Prozent entfallen auf Wirtschaften unter zwei Hektar, und an 75 Prozent auf Wirtschaften unter 20 Hektar. Da ist es eine e r n st e Pflicht der Staatsregierung, diese wirtschaftlichen Verhältnisse zu schützen und für die Zukunft zu sichern. (Sehr richtig!) Ich kann jedenfalls für meine Person nicht die Hand zu einer Maßregel bieten, die vielleicht im Moment einen starken Truck auf unsere Preise ausüben könnte, die aber für die Zukunft unserer Entwicklung verderblich ist. (Sehr richtig!) Ich weiß sehr wohl — das will ich ganz offen und freimütig aussprechen —, daß man mir einen Strick daraus drehen wird. Man wird mir vorwerfen, ich hätte kein menschliches Mitgefühl mit den Armen und Aermsten.
Ich weiß sehr wohl, welche Existenzen von den hohen Fleischpreisen bedrückt werden. Ich kenne die praktischen Verhältnisse genau genug, um sagen zu können: ich habe menschliches Mitgefühl mit den Bedrängten ebenso gut wie irgend einer, aber trotzdem darf ich nicht bloß auf den Moment sehen, sondern ich muß auf die Zukunft sehen, und ich habe auseinandergesetzt: in nationaler und wirtschaftlicher Beziehung warne ich vor jedem Schritt, der unsere Unabhängigkeit, die stärkste Fundamentierung unserer Landwirtschaft, irgend wie in Frage stellt. (Lebhafter Beifall rechts.) Wir haben den Versuch machen müssen, auf anderem Wege in zahlreichen Orten mit ungenügendem Angebot die Fleischzusuhr zu erleichtern. Zu diesem Zwecke dienen die Tarifermäßigungen zur Erleichterung der Zufuhr von frischem Fleisch und Vieh über unsere Grenzen. Die finanzielle Bedeutung der Tarifermäßigungen erhellt daraus, daß sie im vorigen Jahre der Staatsbahnverwaltung rund 33 Millionen Mark gekostet haben. (Hört! Hört! rechts.) Bei der Zulassung von Vieh oder frischem Fleisch über die Grenzen kam es darauf an, Vorsorge zu treffen, daß die zugeführten Mengen nicht verzettelt werden, da ein Massenimport, der das ganze Land erfaßt haben würde, nicht ins Auge zu fassen war. Diese Vorsorge ist jetzt noch viel notwendiger, als zur Zeit des Erlasses der Anordnungen, weil der inzwischen ausgebrochene Balkankrieg die Zufuhrmöglichkeiten verringert. Es kam weiter darauf an, eine zweckmäßige Verwertung der zugeführten Mengen im Interesse der Konsumenten zu sichern. Das war nur möglich, indem wir uns an die Mitwirkung der Kommunen wandten, der großen Kommunen, die mit ihren Märkten für die Preisbildung bestim - mend sein können. Um den Kommunen die Mitwirkung zu erleichtern, sind ihnen Tarifermäßigungen bewilligt, sind diejenigen Zollrücker stattungen geplant worden, über die der Reichstag demnächst zu beschließen haben wird. Das ist der Grundgedanke der Aktion. Sie ist von beiden Seiten angegriffen worden.
Von agrarischer Seite hat man in unseren Maßnahmen einen Bruch mit unserem Veterinärschutz und mit unserer Zollpolitik erkennen zu müssen geglaubt. Mit Unrecht! Ich gebe zu, daß wir bei der Erleichterung der Zufuhr an Vieh und Fleisch über unsere Grenzen bis an das äußerste dessen gegangen sind, was wir gegenüber unserer Pflicht des Veterinärschutzes verantworten können. Wir haben nach sorgfältiger Prüfung des Seuchenstandes in den Nachbarländern Erleichterungen eingeführt, soweit wir eben sonnten, Erleichterungen, die wir wegfallen lassen werden, sobald der Seuchenbestand in den Nachbarländern dies notwendig erscheinen läßt. Von einem Bruch mit unserer Zollpolitik kann gleichfalls nicht die Rede sein. Es handelt sich nicht um Zollaufhebung, um Zollsuspension, es handelt sich um eine zeitlich und sachlich streng begrenzte Stundung von Zöllen und ihrer teilweisen Rücker st attung, nicht an jeglichem Import, sondern nur an diejenigen Kommunen, die unter Erfüllung der festgesetzten Bedingungen durch die Zufuhr von Fleisch oder Vieh auf die Marktlage regulierend einzuwirken bereit sind.
Von der anderen Seite ist der Einwand erhoben worden, die Kommunen seien nicht dazu da, in die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln einzugreifen, jedenfalls nicht dauernd einzugreifen, und auf diese Weise Fehler unserer Wirtschaftspolitik gut zu machen.
M. H.! Bei einer akuten Schwierigkeit kommt es meiner Ansicht nach nicht auf Theorien an, sondern auf die Frage, ob die Kommunen imstande sind, durch ein Eingreifen einen Druck auf übermäßig hohe Fleisch- Preise auszuüben .(Sehr richtig! rechts.) Erfahrungen aus der Vergangenheit haben gezeigt, daß das sehr wohl möglich Mit und ich bin überzeugt, daß es auch jetzt der Fall sein wird.
Die Kommunen haben sich deshalb, und dafür weiß die Staatsregierung ihnen aufrichtig Dank, auf den praktischen Boden gestellt und haben sich bereit erklärt, diejenigen Aktionen eintreten zu lassen, die wir für zweckmäßig gehalten haben. Schon bevor die Erleichterungen der Königlichen Staatsregierungen bekannt waren, haben es zahlreiche Kommunen aus eigenem Antrieb getan. So ist das namentlich der Fall gewesen in Köln, Frankfurt a. Main, Halle, Magdeburg, Hannover, Kassel und an anderen Orten. Nach Bekanntwerden der Erleichterungen ist die Zahl dieser Städte außerordentlich gewachsen. Es sind Einfuhrgenehmigungen bisher erteilt worden für holländisches Schlachtvieh, abgesehen von außer- preußischen Städten, an Aachen, Frankfurt a. Main, Köln, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Elberfeld, Barmen, Krefeld, Oberhausen, für Rindfleisch an Recklinghausen, Saarbrücken und andere Städte. Das ist eine sehr stattliche Anzahl von großen Kommunen. Für Rindfleisch und Schweinefleisch wurde die Gnehmigung erteilt an Berlin und Vororte. Königsberg, Danzig, Posen, Bromberg usw., für Schweinefleisch aus Rußland an Bromberg und Elbing. Die Preise für den Vertrieb des Fleisches werden von den Stadtverwaltungen selbständig festgesetzt und zwar nach dem Selbstkostenpreise, wozu Einkaufspreis, Fracht, Zoll, Untersuchungsgebühr, aber nicht der Anteil an den Verwaltungskosten kommen.
Mit der Einfuhr des zugelassenen Fleisches ist sofort begonnen worden. Die Verkaufspreise haben sich, soweit bisher berichtet ist, in allen Fällen unter dem sonstigen Marktpreise für Fleisch gehalten, bei einzelnen Orten bis 40 Pf. pro Pfund. Im ganzen liegen bisher von mehr als 40 preußischen Städten aus allen Teilen der preußischen Monarchie Nachrichten vor. Fast überall wird gemeldet, daß der unter städtischer Mitwirkung eingerichtete Verkauf sich ohne Schwierigkeiten vollzieht und von der Bevölkerung mit Dank begrüßt worden ist. Daß Ausnahmen vergekommen sind, wissen wir aus Berlin. (Hört, hört! und Heiterkeit.) Nun bin ich gefragt worden, welche Einwirkungen die getroffenen Maßnahmen auf die allgemeine Preislage hätten. Bei einer Aktion, die soeben erst eingesetzt hat, werden Sie nicht erwähn, daß diese Einwirkung sich sofort in großem Maße geltend macht. Wir werden in dieser Beziehung einige Zeit vergehen lassen müssen. Ich kann aber mitteilen, daß Köln, Bonn, Mülheim, Tilsit, Barmen, Essen, Elberfeld, Hamborn, Solingen und andere Städte ein Herabgehen der allgemeinen Fleischpreise infolge der Maßnahmen der Kommunen melden. Ich will hieraus keine großen Schlüsse weder für die Gegenwart, noch für die Zukunst ziehen, denn wir können nicht schon jetzt erwarten, daß sich der Erfolg der Maßregeln unmittelbar zeigt. Ich möchte davor warnen, daß. wie es der Abg. Dr. Wremer getan hat, und wie es auch von anderer Seite geschehen ist, schon jetzt das Verdikt abgegeben wird, daß, was geschehen sei, hätte kernen Erfolg gehabt. Wir müssen, wie gesagt, zunächst einmal a b w a r t e n, welche Erfolge sich ergeben. Ich kann es als einen außerordentlichen Gewinnst schon jetzt begrüßen, daß so zablreiche, gut verwaltete Kommunen so tatkräftig eingegriffen haben, um einer übermäßigen Höhe der Marktpreise entgegenzutreten. Außer den vorübergehenden Maßregeln haben bereits die Stadtverwaltungen andauernde Maßnahmen teils schon getroffen, teils schon in Aussicht genommen. Es handelt sich dabei beispielsweise um Schweinemästerei im Großen.
Aus der Presse wissen Sie, daß man in Köln mit diesem Gedanken umgeht, aber auch andere Städte haben ähnliches in Aussicht genommen. Ich rechne weiter dahin folgendes: mehrere landwirtschaftliche Viehverwertungsgenossenschaften, namentlich die Pommersche, haben den großen Städten, wie zum Beispiel Berlin und Stettin, das Angebot gemacht, wöchentlich eine bestimmte Anzahl von Schweinen auf den Markt zu liefern, und zwar zu Preisen, welche für die Dauer von 5 Jahren festgesetzt werden. Zu einer Verständigung darüber ist es noch nicht gekommen. Ich gebe zu, daß es sich dabei für die Städte vielleicht um Fragen handelt, die noch nicht nach jeder Richtung geprüft worden sind. Aber ich bin der Ansicht, daß man es sich ernstlich überlegen sollte, ob nicht durch derartige Verbindungen von landwirtschaftlichen Genossenschaften mit den Städten eine wesentliche Verbesserung unseres Fleischmarktes herbeigeführt werden kann. (Beifall.) Es sind auf unserem Fleischmorkt noch eine ganze Anzahl weiterer Maßnahmen zu prüfen. Unsere Fleischpreise, namentlich die Preise für Schweinefleisch, zeichnen sich durch ganz ungewöhnliche Schwankungen seit Jahren aus, Schwanlungen, die ihre Erklärung nicht finden in den natürlichen Schwankungen zwischen Angebot und Nachfrage, in den Schwankungen der Kosten der Produktion in den einzelnen Landesteilen. Ich glaube, daß diese Schwankungen noch darüber hinausgehen, und daher kommen die sich immer wiederholenden Klagen über unnatürliche Spannungen zwischen Vieh- und Fleischpreisen. Man führt zum Teil diese Erscheinungen mit zurück auf die Kredit - und Abhängigkeitsverhältnisse, welche sich namentlich auf den großen Märkten zwischen den am Geschäft beteiligten Personen, zwischen Kommissaren, Händlern und Fleischern ergeben. Ich halte es für erforderlich, daß man versucht, diesen Fragen, über die seit Jahren gesprochen und geschrieben wird, auf den Grund zu gehen. Es wird zu diesem Zweck in kurzer Zeit im Reichsamt des Innern eine Kommission zusammentreten, in der alle Beteiligten vertreten sein werden. (Beifall.) Ich hoffe, daß die Arbeit dieser Kommission manches aufhellen und dadurch Nutzen in die Gesamtheit bringen wird. Ich komme nunmehr zu den Maßregeln, mit denen die Regierung die Viehzucht fördern soll. Die fortschrittliche Interpellation fordert in dieser Beziehung die Aufhebung der Futtermittelzölle. Auch das ist eine Reichsangelegenheit und ich muß daher davon Abstand nehmen, mich dazu in extenso zu äußern. Ich kann um so mehr darauf verzichten, als ich meine Stellung zur Frage der Suspension und Aufhebung wiederholt im Reichstage und noch vor einigen Jahren dargelegt habe.
Ich habe mich bei all diesen Gelegenheiten als ein Gegner der Zollsuspensionen und einer Aufhebung der Futtermittelzölle bezeichnet. Das habe ich auch im vorigen Jahre getan, zu einer Zeit, wo wir bekanntlich unter einem Futtermangel für das Vieh litten. Heute stehen wir glücklicherweise einer reichen Futtermittelernte gegenüber, und außer den gewonnenen Futtermitteln ist ja leider manches sonstige Getreide so schlecht geerntet worden, daß es nicht mehr eine verkaufsfähige Ware darstellt, sondern verfüttert werden muß. Also wir befinden uns in dieser Beziehung heute jedenfalls in einer sehr viel günstigeren Position wie im vorigen Jahre. Deshalb sind die prinzipiellen Bedenken, welche ich gegen jede Aenderung der Zölle habe, heute noch sehr viel stärker als im vorigen Jahre.
Ich möchte mich unter dem Vorbehalt, daß ich doch wahrscheinlich im Reichstag noch über diese Sache zu sprechen haben werde, heute auf diese wenigen Worte beschränken. Ich glaube also, daß dies kein Weg ist, welcher geeignet sein würde, unsere Viehzucht weiter zu fördern. Bei der Vergrößerung unseres Viehbestandes spielt die Kultivierung unserer Moore, der Oedländereien eine sehr wichtige Rolle. Neue große Futtermengen können unzweifelhaft gewonnen werden, wenn wir diese Niederungsmoore in eutsprecherider Weise kultivieren. Es sind von
solchen Niederungsmooren bereits entwässert 150 000 Hektar, für weitere 300 000 Hektar sind Entwässerungsprojekte fertig oder in Vorbereitung. Wir werden für die Kultivierung solcher Moore sowohl von Staats- wie von Provinz wegen noch mit sehr viel größeren Mitteln eingreifen müssen, als es bisher der Fall gewesen ist. (Sehr richtig!) Wir werden deshalb beträchtliche Erhöhungen der betreffenden Fonds im Etat vorsehen und hoffen auf Ihre Zustimmung. (Bravo!) Für die nötige Aufsicht über diese entwässerten Wiesen sollte eine vermehrte Anstellung von Kreiswiesenbaumeistern Sorge getragen werden. Wir werden außerdem um eine nicht unerhebliche Erhöhung fast aller derjenigen Fonds bitten, welche zu einer direkten Unterstützung der Viehzucht bestimmt sind. (Bravo!) Für eine Hauptaufgabe halte ich auch die Forderung der inneren Kolonisation. (Bravo!)
Es ist bekannt und erwiesen, daß für die Mengenproduktion von Schlachtvieh die Leistungsfähigkeit des Grundbesitzes ungefähr im umgekehrten Verhältnis zu seiner Größe steht. Ich habe Ihnen bereits über den Anteil unseres Kleinbesitzes an der Schweinezucht die Zahlen vorher angegeben. An der Grenze seiner Leistungsfähigkeit ist der Kleinbesitz meiner Ueberzeugung nach noch lange nicht angelangt. Es ist nur erforderlich, daß er sich der Schweinezucht unter gesicherten Verhältnissen widmen kann, (sehr richtig! rechts) und daß ihm keine übermächtige, überseeische Konkur r e n z entgegensteht. (Sehr richtig!) Geschähe das, so würde der Antrieb, die Viehzucht zu vergrößern, schwinden. Vermehren wir unseren Kleinbesitz, so bin ich überzeugt, wird sich auch der Umfang der Fleischproduktion in stark aufsteigender Kurve entwickeln. Die Haupt sorge ist die Beschaffung des nötigen Landes. Zu diesem Zweck werden wir zunächst etwa 12 Millionen Mark von Ihnen erbitten, die uns in den Stand fetzen sollen, die staatlichen Hochmoore i n C ft • friesland, die etwa 16 000 Hektar umfaßen, urbar zu machen. Wir werden außerdem geeignete Domänen reichlicher als bisher den Siedlungsgesellschaften für die Zwecke der inneren Kolonisation zur Verfügung stellen. (Bravo!) Außer den Domänen, welche der Ansiedlungskommission überwiesen worden sind, sind im Jahre 1912 rund 4000 Hektar Domanialland zur Besiedlung verkauft worden. Aber, wie gesagt, ich bin überzeugt, daß wir in dieser Beziehung mehr tun müssen als wir bisher getan haben, (sehr richtig!) namentlich in denjenigen Landesteilen, wo der kleine und mittlere Besitz schwach vertreten ist. Wir beabsichtigen ferner, den bestehenden Siedlungsgesellschaften den Landankauf dadurch zu erleichtern, daß wir ihr Stammkapital durch Uebernahme größerer Staatsanteile vermehren. Wir wollen weiter für den Zwischenkredit in der Zeit zwischen dem Ankauf des Gutes und seiner Besiedelung stärker sorgen als bisher.
Es wird sich ferner empfehlen, daß die Beleihung neu zu bildender Rentengüter bis zu '/«° gestattet wird und daß Schwierigkeiten beseitigt werden, welche sich dem Verkauf befiedlungsfähiger Güter aus der Hypothekenbelastung entgegenstellen. Wir werden Ihnen in all diesen Beziehungen demnächst Vorlagen machen, und ich hoffe, daß Sie diese Vorlagen annehmen werden. Den bestehenden Kolonisationsgesellschaften beabsichtigen w'r, eine neue in Schlesien hinzuzufügen. Sie ersehen daraus, wir wollen das bestehende System für unsere innere Kolonisation stärken und verbessern. Ich halte das für zweckmäßiger, als wenn wir etwa mit dem Projekt der Gründ ung einer neuen staatlichen Ansied » lungsbehörde an Sie herantreten wollten, die wir vielleicht mit einer großen Summe nach außen hin ausstatten und die dann â tout prix kolonisieren soll. Einem solchen Projekt würde entgegenstehen, daß wir damit den Grundbesitz noch mehr mobilisieren, als es bisher leider schon ist und die Grundpreise in ungesunder Weise steigern würden, und daß es wahrscheinlich sehr schwer sein würde, auf diesem Wege leistungsfähige Ansiedler zu schaffen, und darauf kommt es doch an, daß sie unter wirtschaftlich gesunden Bedingungen nicht zu teuer arbeiten. Mir scheint auch, daß sich unser bisheriges System der inneren Kolonisation doch nicht so schlecht bewährt hat, wie man das vielfach aus. sprechen hört. Neben 20 000 Stellen, Hue die Ansiedlungskommis- fion neu geschaffen hat, stehen 15 000, die in den letzten 20 Jahren unter Mitwirkung der Generalkommissionen zustande gekommen sind. Durch die Siedlungsgesellschaften in Ostpreußen, Pommern, Brandenburg, von denen die letztere noch ganz jung ist, wurden 1911 rund 600 Stellen neu gegründet. Daneben geht die ohne behördliche Mitwirkung erfolgende private Kolonisation.
Ich erwarte mit Bestimmtheit, daß die Tätigkeit der Ansied- lungskommission mit den Maßnahmen, von denen ich sprach und die zum größten Teil von den in Siedelungsgesellschaften selbst tätigen Personen angeregt worden sind, eine bessere und umfang, reichere sein wird als bisher. Die Besiedelungsgesellschaften können und müssen im Laufe der Zeit dahin kommen, ihre Tätigkeit, ich will einmal sagen, in jedem Jahre zu verdreifachen. Geschieht das, dann werden wir in der Zeit eines Menschenlebens — es handelt sich um eine Frage, die nicht in einem Tage gelöst werden kann — doch zu Resultaten kommen, die sich sehen lassen können.
Anlaß zu diestn Bemerkungen über die innere Kolonisation gab die Frage der Vermehrung der Fleischversorgung. Di? große Bedeutung der inneren Kolonisation reicht aber weit darüber hin- aus. (Sehr richtig!) Wir stehen einer starken Abwanderung der Bevölkerung vom platten Lande gegenüber, einem Stillstand, ja Rückgang vieler seiner Landstädte und einer Zusammenpressung großer und immer größere'. Menschenmassen in großen Städten. Diese neue Völkerwanderung, die sich in der Verschiebung unserer Bevölkerung vollzieht, bringt Um w ä l z u n g e n mit sich, die man versucht sein könnte, als von elementarer Natur zu bezeichnen.
Physisch und moralisch, wirtschaftlich und sozial wandeln sich Volkscharakter und Struktur des Volkskörpers um. Man sagt mit Recht, daß ein Staat abstirbt, der nicht immer wieder aufs neue aus seinem Landvolk sich verjüngen kann. (Sehr richtig!) Unsere stark wachsende, vielfach allein auf den Auslandsexport angewiesene Industrie bedarf mit ihren Hunderttausenden von Arbeitern eines Gegengewichts in einer kräftigen, festfundamentierten und vom Auslande möglichst unabhängigen Ackerbau treibenden Bevölkerung. (Sehr wahr!) In den Großstadtzentren zwingt die Menschenmassierung zu kolonisatorischer Wohnungspolitik in den Bezirk der Städte und ihrer Vororte. Für den Gesamtstaat erwächst die Aufgabe, der Abwanderung vom Lande und dem Aufsaugungsprozeß, der von den großen Städten ausgeht, mit allen Mitteln ein Paroli zu bieten. (Sehr gut! b. d. Natl. und rechts.) Zuruf des Abg. Ströbel (Soz.): (Paroli ist gut! Enteignen!) Dieses Problem hängt eng zusammen mit der Grundbesitzverteilung. (Sehr gut! links.) Das ist, wie ich glaube, durch die Darlegungen namentlich des Professors S e r i n g unwiderleglich nachgewiesen. (Sehr richtig! links.)
Der Abfluß hat sich als besonders stark dort gezeigt, wo der Großgrundbesitz eine absolut vorherrscheu d K Stellung hat. (Lebh. Zutziomuwg