Erstes Blatt.
Rotationsdruck und Verlag der Vuchdruckerei des verein, ev. Waisenhauses in Hanau.
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Amtliches Organ für Stadt- und Landkreis Kanan.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Verantwort!. Redakteur: S. Schrecker in Hanan.
Nr. 121
Bernsprechanschltttz Nr. 230
Frcitag den 24. Mai
Fernsprechanschlutz Nr. 230
1912
Die heutige Wumm« umMt Mn dm HnteWimgsiilatt
14 S eiten.
Politische Rundschau.
Die Wahl deS französischen Kammer-Präsidenten. Im zweiten Wahlgang für die Wahl des Präsidenten wurden 526 Stimmen abgegeben. Davon zersplitterten sich 26. Deschanel erhielt 292, Etienne 208 Stimmen. Infolgedessen ist Deschanel gewählt.
Parlamentarisches.
mb. Die Tätigkeit der Wafsergesetz-Kommission in den Parlaments Ferien. Die Wafsergesetz-Kommission deS Abgeordnetenhauses beschloß am Mittwoch, den ganzen Juni über zu tagen und in jeder Woche 4 Sitzungen abzu« halten. Am 4. Juni reist die Kommission an die Oder, um die Wasserverhältnisse und Stromanlagen kennen zu lernen. Ferner wurde Mittwoch abend eine Generaldebatte über die §§ HO und 111 geführt, btt von der Unterhaltungspflicht an den Ufern und von den Maßregeln gegen Vorflut« behinderung durch Uferabbrüche handeln. Nach Pfingsten wird die Einzelberatung über die Bestimmungen stattfinden.
Die Aufstandsgefahr in Marokko.
Paris, 23. Mai. Die letzten funkentelegraphischen Nachrichten aus Fez lauten sehr beunruhigend. Feindliche Harkas sammeln sich kaum zehn Kilometer entfernt von der Stadt und zwingen die franzosenfreundlichen Stämme, sich ihnen anzuschließen. Sie legen die französische, durch die geringe Truppenzahl bedingte Untätigkeit als Schwäche aus. Viele Bewohner verlassen Fez aus Furcht vor einer neuen Belagerung. Innerhalb der Stadt herrscht eine derartige Volks- erregung, daß neulich die • Hinrichtung von 16 Europäern verschoben werden mußte, weil ein Aufstand befürchtet wurde. In Pariser sachkundigen Kreisen wird eine schleunige Sendung neuer Verstärkungen als erforderlich erachtet. — Nach einer weiteren Pariser Meldung scheint ein Angriff auf Fez unmittelbar bevorzustehen. Am 19. Mai wagten sich einzelne Aufrührer bis in die Gärten unterhalb der Stadtmauer vor und gaben von dort Schüfst ab. Eine Meldung vom 23. Mai aus Fez besagt noch: Eine Bande von 200 Plünderern versuchte in der Nacht vom 22. Mai die Gärten um Fetz zu plündern, wurde aber zerstreut. Die Lage in Fez ist unverändert. — Aus Udschda wird gemeldet: Die Kolonne Giraudon schlug einen heftigen Angriff einer Harka aus dem Mulujagebiet zurück und fügte ihr große Verluste zu. Auf französischer Seite wurden 11 Mann verwundet.
Fez, 23. Mai. Heute vormittag fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit unter Anwendung aller Sicherheitsmaßregeln die Hinrichtung der bisher zum Tode verurteilten 48 Marokkaner statt. Abteilungen der Tabors wurden beordert, der Exekution beizuwohnen, um ihnen ein abschreckendes Beispiel zu geben.
Die Ratioual-Flugspende.
Das Flugwesen hat sich in Deutschland bisher nicht mit der wünschenswerten Schnelligkeit entwickelt. Der Grund für diese Tatsache ist einmal darin zu suchen, daß sich der kaltblütige Deutsche derartigen neuen und auf den ersten Blick rein sportlichen Erscheinungen gegenüber mißtrauisch und zurückhaltend verhält und erst dann die Bewegung aufnimmt, wenn er den ernsthaften Charakter der Frage erkannt hat. Der Engländer hat sich auch in dieser Frage uns verwandt gezeigt. So ist es zu erklären, daß, während man in den lateinischen Ländern, besonders in dem schnell beweglichen Frankreich, schon seit geraumer Zeit hohe Summen für die Lösung der flugtechnischen Probleme aufgewendet hat, unsere Flieger und die Flugindustrie mit verhältnismäßig geringer öffentlicher und privater Unter» Nutzung vorlieb nehmen mußten.
DW Vorgehen Frankreichs, seine großen Erfolge auf Gebiete des Flugwesens, seine gewaltigen Anstrengungen, das Flugzeug zu einem überlegenen Hilfsmittel für vie Kriegsführung auszubilden, die tatsächlichen Erfolge Flugzeugs im Tripolitanischen Kriege, haben nun end- lch die allgemeine Anteilnahme des deutschen Volkes an er Zukunftsfrage erweckt. Aber auch die Art, wie sich m ^vteilnahme geäußert hat, ist echt deutsch. Zuerst c“ M einander in verschiedenen Teilen Deutschlands eine Reihe von Bewegungen, die, ohne mit einander Füh- Ulng zu suchen, sich die Sammlung von Mitteln für das ,äur Aufgabe stellten. An erster Stelle sind dabei Stadtesammlungen zu nennen, die auf eine Anregung des Frankfurter Oberbürgermeisters Adickes zurückzuführen sind. einem Appell an die Heimatliebe haben sich die
betreffenden Stadtverwaltungen an ihre Bürgerschaft gewandt und sie aufgefordert, ihr Scherflein beizutragen, um zum Wohle der Landesverteidigung dem Vaterlande ein Flugzeug zu stiften, das den Namen ihrer Vaterstadt tragen soll. Eine Anzahl dieser Sammlungen ist bereits zum Abschluß gelangt, ihr Ertrag ist dem Kaiser überwiesen und von ihm angenommen worden.
Mit derartigen lokalen Bewegungen ist aber das große nationale Problem nicht zu lösen. Abgesehen davon, daß sie nur einen kleinen Teil des deutschen Volkes umfaßen, sind auch die mit diesen Sammlungen verfolgten Zwecke keineswegs ausreichend, um dem deutschen Flugwesen im Wettstreite der Rattonen einen angemessenen und würdigen Platz zu sichern. Dazu bedarf es nicht nur einer Anzahl Flugmaschinen zu militärischen Zwecken, deren Bewilligung den gesetzgebenden Körperschaften des Reiches keineswegs abgenommen werden soll, sondern vielmehr eines großen und dauernden Vermögens, durch das die Entwicklung des gesamten Flugwesens in allen seinen Beziehungen verfolgt und im deutschen Interesse gefördert werden kann und soll.
Ditfe Mittel gilt es freiwillig als eine von der Begeisterung des ganzen Volkes getragene nationale Spende auftubringen. Sie sollen eine nicht nur erwünschte, sondern dringend notwendige Ergänzung dessen sein, was im Reichsund Staatshaushalt für diesen Zweck bereit gestellt werden kann. Um diesen Erfolg im Jntereffe des Vaterlandes zu Stande zu bringen, bedarf es aber eines gemeinsamen zielbewußten, einheitlich organisierten Vorgehens, einer völligen Einmüttgkeit des deutschen Volkes und der Entschloffen« Heit, als partikularistischen und egoistische^ Wünsche, jegliche Einzelpolitik zurückzustellen hinter das gemeinsame und große deutsche Ziel.
Diesem Gedanken trägt der vom Prinzen Heinrich von Preußen erlassene Aufruf Rechnung. Auch er wendet sich an das deutsche Volk mit der Bitte, zu zeigen, daß ein Jeder gern bereit ist, zu dem großen patriotischen Zwecke sein Scherflein beizutragen. Er wendet sich an alle die bereits bestehenden Komitees und sonstigen Sammelstellen mit der Bitte, sich dem großen vaterländischen Unternehmen unterzuordnen, das Werk nicht zu verzetteln, und die Erträgniße dem gemeinsamen Flugschatz zufließen zu lassen.
Wenn es gelingt, auf diese Weise bei einem einmütigen Vorgehen Deutschlands wenigstens einen Betrag von mehreren Millionen zu erzielen, so wird es möglich sein, mit diesem Kapitale die wichtigsten Zwecke der deutschen Luft- fchiffahrt mit den so unbedingt notwendigen Beihilfen zu unterstützen.
Ein Programm für die Verwendung der National-Flug- spende kann kurz folgendermaßen aufgestellt werden:
Es soll ersttebt werden, die Vervollkommnung der Flugapparate, die Ausbildung der Flieger und die Fürsorge für die Hinterbliebenen derjenigen Männer, die ihr Leben für diese große Sache geopfert haben, ferner die Unterstützung der Wettbewerbe, und zwar sowohl der Flug-Konkurrenzen als auch der Motoren-Wettbewerbe und endlich die technische und wiffenschaftliche Durchdringung und Weiterentwicklung des Flugwesens.
Ueber die Verwendung der Gelder im einzelnen wird ein Kuratorium Entscheidung treffen, an deffen Zusammensetzung alle Teile Deutschlands nach Möglichkeit in gleicher Weise beteiligt sein werden und das unter allen Umständen die bedeutendsten deutschen Fachleute auf dem Gebiete des Flugwesens einbegreifen wird.
Das Ziel ist aber nur zu erreichen mit einer großen, das gesamte Deutschland umfaßenden Organisation, an deren Spitze sich in den einzelnen Bundesstaaten die maßgebenden Männer stellen und bei deren Durchführung bis ins kleinste auch die Mitwirkung des gesamten Verwaltungsapparats nicht entbehrt werden kann. Nur auf diese Weise ist es möglich, die Bewegung bis in die kleinsten Kanäle zu leiten; nur auf diese Weise ist es möglich, nicht nur die Beiträge einiger größerer Spender, sondern auch die kleinsten Gaben der weniger Bemittelten zu erhalten. Daß gerade in diesen kleinen Beiträgen nicht etwa nur im finanziellen Sinne der ausschlaggebende Faktor, sondern das viel wichtigere nationale, begeisternde Moment zu sehen ist, das hat schon die Zeppelin-Spende in bedeutsamster Weise gezeigt. Daß aber dieses Unternehmen, wie jede große Bewegung im Volke nur dann einen vollen Erfolg haben kann, wenn die gesamte deutsche Presse sich unterschiedslos in feinen Dienst stellt, ist ohne weiteres gegeben.
Aber auch die Ausland-Deutschen dürfen nicht fern bleiben, auch an sie ergeht in gleicher Weise der Appell, das ihrige zu dem großen vaterländischen Unternehmen beizutragen, und es liegen schon eine ganze Reihe von Aeußerungen vor. die zeigen, daß unsere VolksgenoLen Lenkeits J
der Grenzen und Meere in bereitwilligster Weise sich für die National-Flugspende werbend und gebend zur Der- fügung stellen.
So wird und muß es gelingen, dem Ausland mit einem unbestrittenen, machtvollen und überzeugenden Erfolge gegenüber zu treten und damit zum Wichle unseres Vaterlandes und im Interesse eines dauernden Friedens wieder zu beweisen, daß Deutschland jederzeit im Stande sein wird, eine große nationale Aufgabe in völliger Einmüttgkeit zu erfüllen.
Mt StrchmM in MM.
In Budapest ist es infolge der Verkündigung des Generalstreiks am Donnerstag zu den blutigen Ausschreitungen gekommen, die man nach den Parlamentsskandalen der letzten Tage und bei der durch die Opposition geschürten Erregung der Volksmassen befürchten mußte. Ueber die heftigen Zusammenstöße liegen folgende Meldungen vor:
Straßenkâmpfe — viele Tote und Verwundete.
Budapest, 23. Mai. Der Generalstreik ist hier heute früh proklamiert worden. Alle Arbeiter feiern, ebenso die Angestellten der Kaffeehäuser und der, Restaurationen. Keine einzige Zeitung kann erscheinen. Der elektrische Verkehr wurde bis mittag noch aufrechterhalten. Alle Bäcker- und Fleischerläden sind geschloffen. Ungeheure Arbeitermaßen durchziehen die ganze Stadt, fingen revolutionäre Lieder und demonstrieren für das allgemeine Wahlrecht. Alle Hauptstraßen und öffentlichen Gebäude und das Parlament find militärisch stark besetzt. Am Vormittag kam es an drei Punkten der Stadt bereits zu schweren Zusammenstößen zwischen den Maßen und der Polizei, wobei viele Personen verwundet und verhaftet wurden. Um 1 Uhr nachmittags nahmen die Straßenexzeffe einen bedrohlichen Charatter an. Am Waitzner-Ring wurden vom Militär Salven abgegeben. 61 Verwundete blieben am Platze liegen. An anderen Stellen warfen die Demonstranten viele elektrische Wagen um. Die Polizei feuerte in die Volksmenge und verwundete viele. Die Rettungsgesellschaft wußte nicht, wo sie die Verwundeten unterbringen sollte. Die Aufregung wurde in der ganzen Stadt jede Minute größer. Seit 2 Uhr nachmittags war in der ganzen Stadt der Verkehr unterbrochen und alle Läden waren geschloßen. Die Demonstranten hatten an 120 elektrischen Straßenbahnwagen alle Fenster eingeschlagen unb die Motorführer herausgerißen und zum Streik gezwungen. Viele Paffagiere wurden durch Steinwürfe schwer verwundet. Auf den Ringstraßen rotteten sich fortwährend die Maßen zu neuen Exzeffen und Plünderungen zusammen. Um 8 Uhr nachmittags kam es zu neuen blutigen Zusammenstößen zwischen Volk, Polizei und Militär. Die Anzahl der Verwundeten beläuft sich auf über 300, tot sind 25, darunter 3 Kinder. Ein ganzes Hiffarenregiment besetzte den Platz vor dem Nattonaltheater und die Rakoczistratze. Am Waitzner-Ring stürzten die Maffen 33 elektrische Straßen- bahnwagen um, um Barrikaden zu bauen. Sie wurden aber vom Militär zersprengt.
Von airderer Seite wird noch berichtet: Die Polizei schätzt die Zahl der Demonstranten auf 50 000. Der erste Zusammenstoß erfolgte auf der Margarethenbrücke, wo ein Demonstrant verletzt wurde. Von einem 9leubau auf der Weizenerstraße bewarfen Arbeiter die Polizei mtt Steinen und gaben etwa 70 Schüsse ab. Die Polizei erwiderte das Feuer. Hierbei wurde ein Arbeiter getötet und neun verletzt, ebenfalls wurden drei Polizeibeamte schwer verletzt. Am Freiheitsplatz fanden mehrere Attacken statt. Die Menge floh und zertrümmerte die Fensterscheiben der Auslagen und die Straßenlaternen. Auf mehreren Linien wurde die Einstellung des Straßenbahnbetriebs erzwungen. Laut Polizeibericht betrug um 12 Uhr mittags die Zahl der Verwundeten 63, darunter 25 Schwerverwundete. Unter den Verwundeten befinden sich 7 Polizeibeamte. 2 Personen sind getötet. Es gelang der Polizei schließlich, die Umgebung des Parlamentsgebäudes zu säubern. Um so schlimmer sind aber die Ausschreitungen in anderen Stadtteilen. Bei den Zusammenstößen in der Umgebung des Parlaments wurde auf die Polizei geschaffen, wobei ein berittener Poli, zist getötet und ein anderer verwundet wurde. Auch ein 12jähriger Schulknabe wurde getötet. Die meisten Läden sind geschloffen. Der Verkehr stockt. Bei Zusammenstößen in anderen Straßen wurden zahlreiche Personen verletzt. Die Demonstranten zertrümmern die Auslagen bet Schaufenster und stocken die Wagen der Elektrischen Straßenbahn in Brand. Eine Abordnung der Sozialisten erschien vor dem Ministerpräsidenten unb bat ibn. er solle zur «ev.