Erstes Blatt.
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Rotationsdruck und Verlag der Buchdruckerei des «rein. eo. Waisenhauses in Hanau.
General-Anzeiger
AAlliÄes Organ für Stadt- und Fandkreis Kanan.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Die ögefpaltene Petitzeile oder deren RaüM 50 PiL- im Reklamenteil die Zelle 45 Pfg.
Verantwort!. ReSatteur: C. Schrecker in Hana».
Nr. 68 Frrnsprechanschluh Nr. 330.
Mittwoch den 20. März
Fernfprechanschlutz Nr. 230. 1912
Dit heMRmM mW nßn r.WWkiWAW
14 Seite».
©tfobtitt und verlorene Gegenstände re.
Gefunden an der kathol. Kirche in grauem Papier eingepackt: 1 Herrenhose, Weste, Rock, Filzhut und ein schmutziger Kragen.
Verloren: 1 hellgrauer FederbiM.
Hanau den 20. März 1912.
Politische Rundschau.
England und die Marokko-Frage. In Erwiderung auf eine Anfrage erklärte Sir Edward Grey, die britische Regierung wolle an den Verhandlungen zwischen Frankreich und Marokko nicht teilnehmen. Es sei eine allgemeine Regel, daß man gute Dienste nicht anbiete, wenn sie nicht von beiden im Widerstreit befindlichen Parteien verlangt werden, und daß man sie nicht verweigere, wenn sie auf diese Weist verlangt würden. Er habe keinen Grund zu der Annahme, daß in diesem Falle irgend eine Differenz entstehen könne. Chapple fragte an, ob England beabsichtige, alle Interessen in Marokko aufzugeben. Grey erwiderte: Unsere Stellung Marokko gegenüber ist gegeben durch die Abkommen, die dem Hause vorgelegen haben und durch die Mitteilungen, die dem Hause im letzten Jahre gemacht wurden.
Parlamentarisches.
mb. Die Budgetkommission des Reichstages begann gestern die Beratung des Kolonialetats. Der Etat für Süd- Westafrika soll erst nach den Osterferien beraten werden. In der Aussprache wurde die große Zahl der Beamten in der Zntralverwaltung des Kolonialamts bemängelt. Staatssekretär Dr. Solf erklärte, daß er ohnedies beabsichtige, in der Verwaltung der Kolonien eine möglichst weitgehende Dezentralisation vorzunehmen und den Schwerpunkt der Verwaltung in die Gouvernements zu verlegen. Dieser Grundsatz fand allgemeine Zustimmung. Im Verfolg dieser Erklärung wurde beschlossen, einen Teil der neuangeforderten Stellen als künftig wegfallend zu bezeichnen. Sehr eingehend wurde auch bei diesem Etat über den Kanzleibetrieb in den Zentralämtern verhandelt. Im Kolonialamt ist eine größere Anzahl von Assistenten angestellt mit der Zusicherung, daß sie nach 5 Jahren expedierende Sekretäre werden sollen. Hierfür ist nun infolge der beabsichtigten Neuregelung kein Platz, die Assistenten haben aber Anspruch darauf. Es wurde deshalb vorgeschlagen, einen Teil dieser
Brum Wiste als Philosoph und Dichter.
Zu Willes Vortrag im Kunstindustrieverein am Freitag den 22. März.
Durch die Vortragstätigkeit Dr. Willes ist das Jntereße für diese in der Literatur eine gesonderte Stellung einnehmende Persönlichkeit lebhaft geweckt worden. Es liegt nicht im Rahmen eines Feuilletons, Erschöpfendes zu bringen. Nur in wenigen großen Zügen kann eine Uebersicht über die bisherige Lebensart gegeben und das eigenartige, feßelnde Wesen dieses auf Fechners Spuren wandelnden Naturphilosophen beleuchtet werden. 5
Dr. Bruno Wille wurde am 6. Februar 1860 als zweiter Sohn des Versicherungsinspektors Julius W. und seiner Frau Pauline, geb. Freiin v. Kotze, zu Magdeburg geboren. Er studierte 1881 in Bonn und Berlin Theologie, nachher Philosophie, und weilte von 1885 bis 1886 als Hauslehrer im Hause der rumänischen Dichterin Mite Kremnitz in Bukarest und Sinaia, sowie als Reisebegleiter des Geographen Kiepert in Kleinasien. Nach Berlin zurückgekehrt, widmete er sich der Literatur, promovierte in Kiel und wurde Sprecher und Lehrer der freireligiösen Gemeinde in Berlin. 1890 gründete er daselbst die „Freie Volksbühne", 1892 die »Neue frei Volksbühne", 1900 den „Giordano-Bruno-Bund", 1901 mit Wilh. Pölsche u. a. zusammen die „Freie Hochschule" und 1903 mit dem Maler Hermann Hendrich die Sagenhalle des Riesengsbirges.
Von seinen literarischen Arbeiten seien die folgenden genannt: „Einsiedler und Genöße" (Gedichte); „Philosophie der Befteiung durch das reine Mittel" (Beiträge zur Pädagogik des Menschengeschlechts); „Einsiedelkunst aus der Kiefernheide" (Gedichte); „Materie nie ohne Geist", „Die Christusmythe als monistische Weltanschauung", „Das lebendige All, Idealistische Weltanschauung auf naturwiffenschaft- licher Grundlage im Sinne Fechners" und sein vielleicht
Beamten in andere Reichsämter zu übernehmen. Es wurde der Wunsch ausgesprochen, daß bei der Wirtschaftlichen Kommission auch das kolonialwirtschaftliche Komitee mit seinen großen Erfahrungen stärker herangezogen werde. Die Kommission solle sich aber auf die Beratung rein wirtschaftlicher Fragen beschränken, es soll nicht wieder eine Art Kolonialrat daraus werden. Auf die Beanstandung der Zahl der militärischen Referenten des Kolonialamts, die noch auf den früheren höheren Personalbestand in Südwestafrika zugeschnitten sei, gab der Staatssekretär Auskunft über die Tätigkeit dieser Abteilung. Man müße hierbeit auch für den Kriegsfall Vorsorge treffen. Weiter gab der Staatssekretär Auskunft über die Verwendung des Afrikafonds, der mit 150 000 Mark dotiert ist für Forschungen usw. Die Beratung wird heute fortgesetzt.
Minister khnnhists Rede z« »glissen Flottkückt.
Bei der Einbringung des neuen englischen Flottenetats im Unterhause hat der englische Marineminister in einer außerordentlich wichtigen Rede das Verhältnis der englischen Flottenrüstungen zu denen Deutschlands eingehend erörtert. Minister Churchill sagte folgendes:
Ich will dem Hause die Flottenftage mit vollkommener Offenheit darlegen. Es wird dies namentlich mit bezug auf eine Macht notwendig sein. Durch eine indirekte Ausdrucksweise kann jetzt nicht gewonnen werden. Im Gegenteil, die Deutschen sind ein Volk mit derbem Verstand, deren starker männlicher Sinn und Mut vor einer offenen und ungeschminkten Feststellung von Tatsachen nicht zurückweicht und nicht verletzt wird, wenn sie höflich und ehrlich ausgesprochen werden. Jedenfalls muß ich meine Pflicht gegen das Haus und das Land erfüllen. Die Zeit ist gekommen, wo beide Rationen ohne Vorstellung und Verstimmung die Bedingungen verstehen sollten, unter denen sich der Wettbewerb zur See in den nächsten Jahren gestalten wird. Wir berechnen im Frieden unseren Schiffsbau relativ nach Prozentsätzen. Dagegen werden Flotten im Seekrieg nicht durch Vergleich, sondern durch Subtraktion berechnet. Wir müßen erwarten, daß in einem Kampf zwischen guten und ebenbürtigen Flotten auf beiden Seiten ungeheuerer Schaden angerichtet wird. Das ist sehr vorteilhaft für die stärkere Seemacht. Es wird sich stets für uns lohnen, Schiff gegen Schiff jeder Klaffe zu verlieren. Der Prozeß des Ausmerzens würde uns, wenn auch auf einem fürchterlichen Wege, zu einem sicheren Siege führen, zu einem Zustand nicht relativer, sondern absoluter Ueberlegenheit. Mit der gegenseitigen Vernichtung der neuesten Schiffe steigen die älteren Schiffe schnell im Wert. Wir besitzen mehr Dreadnoughts, als irgend zwei andere Mächte zusammen. Aber wenn alle Dreadnoughts
bedeutendstes Werk „Offenbarungen des Wacholderbaumes",*) mit dem wir uns im folgenden in der Hauptsache zu befassen haben, da uns daraus der Dichter und Denker Wille in seiner ganzen Eigenheit entgegentritt. Neuerdings verließ ein Werk Willes über „Darwin" die Preße, und ein größerer Roman „Die Abendburg".
Aus dem verworrenen Gestrüppe, so äußert sich Ernst Krauß, das die Berliner Literaturbewegung der achtziger Jahre mit unheimlicher Schnelligkeit zur Höhe trieb, haben sich nur wenige eigentlich kraftvolle und ebenmäßige Stämme herausentwickelt, die sich dank ihrer tieferen Wurzelkraft in dem steinigen Grunde festzuhalten vermochten, und die nun weit über jenes Unterholz hinaus, als ganze Naturen von reichen und eigentlichen Lebensformen vor uns stehen. Zu diesen wenigen gehört Bruno Wille. In der Tat erzwingt sich die glänzende Begabung dieses Dichterphilosophen in steigendem Maße die Beachtung weitester Kreise. Insonderheit ist es der bereits in zweiter Auflage vorliegende Roman eines Allsehers, die erwähnten „Offenbarungen des Wacholderbaumes", der sich trotz seiner seltsamen, ganz aus dem Rahmen fallenden Eigentümlichkeit einen begeisterten Leserkreis erworben hat. Der bekannte, besonders nach der kritischen Seite begabte Professor der Philosophie, Friedrich Paulsen in Berlin, gibt eine meistens so treffende Schilderung dieses Werkes, daß wir ihm hier folgen werden: „Es ist ein eigenartiges, man wird sagen dürfen einzigartiges Buch; Roman, Lebenserinnerungen, philosophische Dialoge, spekulative Reflexionen, Traumbilder, endlich Gedichte, Gedichte von wunderbarer Stimmungskraft und Gewalt der Sprache, alles dies ist hier zu einem erstaunlichen Ganzen verwoben. Der Inhalt ist ein philosophisches Drama; es handelt sich um den Kampf und Sieg einer Menschenseele, um ihre Erlösung aus den Banden enger Lebensansicht, schwerer
*) Verlag von Engen Diedrichs,, Leipzig, 2 Bând^ 8 Mk., geb. 10 M. VuLickmuck vo« Lidu».
der Welt morgen versenkt waren, so würde unsere Ueberlegenheit zur See weit größer sein als heute. Es ist sehr leicht, Neubauten schnell zu vermehren, solange man nicht durch die Kosten für die Erhaltung eines großen Bestandes belastet ist. Unsere deutschen Nachbarn haben noch nicht angefangen, die jährlich wiederkehrende Last der Erhaltung einer riesenhaften Flotte zu empfinden. Diese Aufwendungen wachsen langsam, aber unerbittlich. Daher kann im Laufe der Zeit das rapide Tempo der Neubauten in gewißem Grade durch den Hemmschuh der wachsenden Unterhaltung kosten aufgehoben werden.
Sodann fuhr der Minister fort: Es ist falsch und verschwenderisch, ein Schiff für die britische Flotte einen Tag eher zu bauen, als es nötig sei, weil die Konstruktionspläne so schnell veralteten, und fuhr fort: Ich bin bereit, gegenwärtig dem Hause die Annahme eines Standards „zwei Kiele gegen einen“ mit Bezug auf Deutschland zu empfehlen. Die Zeit mag kommen, wo es notwendig wird. Es ist jetzt nicht notwendig. Ich wünsche vollkommen klar zu machen, daß infolge der Maßregeln Mc Kennas nicht der geringst» Grund zu Alarm und Verzagtheit vorliegt. Die Admiralität ist imstande, Tag für Tag die nächsten Jahre hindurch die Sicherheit des Landes und des Reiches absolut zu garantieren und wenn das Haus künftig unsere Forderungen bewilligt, kann diese Aussicht ohne Ende ausgedehnt werden. Die Standards für die Flottenstärke müßen zeitweise nach den Umständen variieren. Als Frankreich und Rußland die beiden nächststarken Seemächte waren und ihre Kombination möglich erschien, war der Zweimächte-Standard ein zweckmäßiger Grundsatz.
Das Emporsteigen der Flotte einer einzelnen Macht zum ersten Rang auf dem Kontinent hat dies verändert. Wir haben nicht mehr als die größtmögliche Gefahr das Bündnis zweier etwa gleichstarker Seemächte zu betrachten, sondern die Entwicklung einer sehr starken homogenen Flotte, die einer einzelnen Regierung untersteht. Daher ist der Zweimächte-Standard nicht mehr anwendbar und angemeßen. Der tatsächliche Standard der Neubauten, den die Admiralität in den letzten Jahren verfolgte, war eine Ueberlegenheit von 60 Prozent in Schlachtschiffen und Schlachtkreuzern der Dreadnoughtklaße verglichen mit der deutschen Flotte gemäß dem geltenden Flottengesetz. Andere, höhere Standards gelten für kleinere Schiffe. Wenn Deutschland an dem geltenden Flottengesetz festhielte, so glauben wir, daß dieser Standard, abgesehen von unerwarteten Entwickelungen anderer Länder einen geeigneten Maßstab für die nächsten 4 Bis 5 Jahre abgeben würde, soweit die Dreadnoughtklaße in Betracht kommt. Weiterhinaus zu spekulieren ist müßig. Indes will ich keineswegs so verstanden werden, daß das Verhältnis von 16 zu 10 als ausreichende
innerer Unruhe und niederdrückenden Leidens zu freiem, hohem Selbstbesitz und beseligender Einigkeitsgewißheit. Die Erlösung aber wird bewirkt durch liebendes Schauen der Natur, durch philosophisches Denken, zusammen mit büßendem Leiden, das gekrönt wird durch eine rettende Tat. Der Held sieht am Ende dem Tode entgegen mit der Gewißheit, daß er ihm Befteiung aus einengenden Schranken bringen, daß er ihn zu neuer, erhöhter Wirkungsweise in weiteren, helleren Sphären berufen wird. Den Nahmen, in den diese innere Entwicklung gespannt ist, bildet eine Liebestragödie; sie liegt schon in ferner Vergangenheit, aber ihre Folgen enthüllen sich allmählich den Augen des Helden. Ich will die Geschichte nicht erzählen, sie ist mit erschütternder Wucht gestaltet; von der Ahnung zur Entdeckung und zuletzt zur klaren Gewißheit geht der Weg mit unerbittlicher Notwendigkeit. Th. Storm hat nicht mit größerer Sicherheit und Kraft den Leser die Enthüllung eines furchtbaren Eeheim- niffes vom ersten Aufdämmern bis zur vollendeten Gewißheit miterleben laßen, als es hier geschieht. Und ein anderes erinnert mich an den Dichter meiner Heimat: die vollendete Meisterschaft, womit Natur, Boden und Menschenschicksal zur Einheit verflochten sind. Der Boden, auf dem diese Geschichte spielt, ist die Mark; die schwermütige Seele der märkischen Landschaft, die Einsamkeit und Stille von See und Wald, von Heide und Moor, von Sumpf und Fluß, sie ist nie so rein in poetisch-musikalische Stimmung umgesetzt, als in diesen Schilderungen und Gedichten. Kant sagt einmal: er habe die Philosophie in die Gesellschaft der Mathematik bringen wollen, sie könne nicht in besserer sein. Eine Pilosophre, t Weltanschauung sein will, kann nicht der Dichtung en t, ’ die Weltanschauung geht nicht auf in r-g-iffl.ch-u 8«“'£ sie wird »ulest immer zu anschaulichen ?ymb° °n grerfen. darum sind Kunst und Poesie unentbehrl.che Elemente ur sie. Die zergliedernde und verbindende Wissenschaft hat ur Recht, aber nicht minder die poetische ^ntuttwn d e das Ganze und sein Wesen erfaßt, wie Goethe dies Klfaltia