sekretäre" toemg angenehm sein Die Arbelkersekretâre erfüllen aber in diesem Hause eine wichtige Pflicht, mindestens ebenso wichtig, wie die langen schönen Reden Gotheins über die Zollpolitik (Sehr gut! rechts); warum diese Reden gehalten werden, versteht kein Mensch, Vorteil bringen sie nicht. Ich habe schon bei der Etatsdebatte erklärt: über die Berechtigung der Erhöhung der Löhne besteht unter den Arbeiterorganisationen an der Ruhr kein Streit. Daraus ist aber nicht zu schließen, daß nun die Christlichen auch die Art und Weise und den Zeitpunkt dieses Streiks für richtig halten.
Die Christlichen haben nie einen Zweifel darüber gelassen, daß eine Lohnerhöhung über die Sätze von 1907 hinaus notwendig ist. Wir haben die Idee von Tarifverträgen im Bergbau stets propagiert. Wir halten auch das Lohnsystem und den Arbeitsvertrag für reformbedürftig. Auf dem jetzt eingeschlagenen Wege erreichen Sie nichts. Wie vertreten lediglich die Interessen des Bergbaus und die deutschen Wirtschaftsinteressen. Etwas anderes kennen wir nicht. Politische Erwägungen und Zentrumsinteressen spielen im Gewerkverein christlicher Bergarbeiter keine Rolle. Das mögen sich die Zeitungen merken, liberale und sozialdemokratische, die etwas anderes behaupten! (Abg. Dr. Arendt: Berliner Tageblatt!) Das „Berliner Tageblatt" wollen wir nicht so oft erwähnen, sonst werden die Herren in der Jerusalemerstraße noch größenwahnsinnig. (Heiterkeit rechts.) Das ist eines der arbeiterfeindlichsten Blätter. (Lachen links.) Weil die Herren von den Dingen nichts verstehen, über die sie schreiben. Es ist unwahr, wenn die Dinge so dargestellt werden, als ob hinter der ablehnenden Haltung der Christlichen das Zentrum steht. Das Zentrum hat auf die Tendenz und Taktik der christlichen Gewerkvereine keinen bestimmenden Einfluß. Das sollen alle Zeitungen beachten, die rechts vom „Tageblatt" und vom „Vorwärts stehen, damit sie deren Märchen nicht glauben.
Den Lohnkampf machen wir nicht mit, weil er aussichtslos und unberechtigt ist. Einen Vorteil haben nur die englischen Grubenbesitzer. Was hat denn Herr Sachse in London gemacht? (Abg. Sachse: Das habe ich am 4. März gesagt!) Das scheint mir nicht ausreichend. Auch aus gewerkschaftlichen Gründen waren wir gegen den Streik, weil die größere Hälfte der Bergarbeiter im Ruhrrevier unorganisiert ist. In vierzehn Tagen kann nichts erreicht werden, angesichts der vorhandenen Kohlenvorräte. Dauert der Streik aber länger, dann reichen die Finanzen nicht aus, um den vielen Unorganisierten durchzuhelfen. Einen Putsch machen wir nicht mit, der — wie ein Sozialdemokrat sagte — die Bergarbeiter nur aufrütteln soll, damit sie nicht einschlafen. (Hört! Hört! rechts. Lärm bei den Soz. Abg. Sachse: Wer hat das gesagt!) Ich will den Namen nicht öffentlich nennen! (Abg. Sachse: Lüge!)
Vizepräsident Dove: Herr Sachse, Sie haben bereits gestern oresen Ausdruck gebraucht, ich rufe Sie zur Ordnung!
Abgeordneter Behrens:
Der Streit ist politischer Natur. Er ist eine Revanche für Bochum. (Lachen der Soz.) Sie haben einen großen Verleumdungsfeldzug gegen uns Christliche in Szene gesetzt. Da kann man kein Vertrauen zu dem alten scyialdemcckratischen Verband haben. Er will unS den Garaus machen! Er will die Bahn frei haben im Ruhrrevier für den politischen Massenstreik. (Lachen der Sey.) Wir bedauern, daß die Hirsch-Dunckerschen und die Polen in dieser Gesellschaft sirä». Denn wenn es dem alten Verband gelingen sollte, uns kalt zu machen, dann sind die Hirsch-Dunckerscheu und die Polen dranl (Sehr richtig! im Zentrum und rechts.) Für die Sozialdemokraten sind sie jetzt nur das bürgerliche Schildchen, hinter dem sie sich verstecken. (Lachen der Sey.) Die Sozialdemokraten wollen keinen Frieden, sie wollen nur ihre Kampffront stärken. Wir fragen den Staatssekretär: Sind nach dem Berggesetz die Arbeiterausschüsse in Lohnfragen zur Verhandlung rechtlich befugt? Darüber herrscht Unklarheit. In unverantwortlicher Weise ist von den Sozialdemokraten zum Streik gehetzt worden.
Die Streikproklamation ist schon vorher gedruckt gewesen. (Abg. Sachse ruft: Quatschen Sie doch nicht so!) Vizepräsident Dr. Dove: Herr Abg. Sachse, brauchen Sie doch nicht solche Ausdrücke, ich habe Sie schon einmal zur Ordnung gerufen. Sie haben sich der Formen zu bedienen, die sonst in der Gesellschaft üblich sind. (Lebh. Beifall rechts und im Zentr.) Abg. Behrens: Die Sozialdemokratie ist gegen die Reglements aller Gewerkschaftsorganisationen, sogar ihre eigenen vorgegangen, mit dem einzigen Ziel, den Streik hervorzurufen. Daher müssen Sie die Verantwortung für die Not und das Elend tragen. Die Christlichen haben aber nicht zu gehorchen, wenn die Sozialdemokraten beschließen; wir brauchen nicht zu tanzen nach Ihrer Pfeife. Ihre Moral ist nicht die Moral der deutschen Arbeiterschaft. Dieser Streik soll ein internationales polnisches Demonstrationsmittel sein, und es sind bei ihm Handlungen vorgekommen, die in einem geordneten Staat unter keinen Umständen geduldet werden können. (Lebh. Beifall rechts und im Zentr.)
Schon bei dem Ausstande von 1905 kam es soweit, daß Sachse und Hue schließlich alle Ursache hatten, polizeilichen Schutz in Anspruch zu nehmen. (Große Heiterkeit.) Wenn ein Christlicher heute zum Schutze seiner Gesundheit einen Revolver mit sich trägt, so hat ja der alte Verband damals auch Revolver angeschafft, und im Keller des Verbands- hauseS Schießübungen veranstaltet. (Stürmische Heiterkeit.) Bei- diesen Zuständen kann man dem einzelnen Selbsthilfe nicht so sehr verargen; eâ wäre hier Sache der sozialdemokratischen Gewerkschaften, Disziplin in ihren Kreisen zu halten. Es ist übrigens eine Feigheit, wenn die Streikenden, wie berichtet wird, Frauen und Kinder zu solchen Ansammlungen mitnehmen. Will man sich mit denen decken, weil die Polizei Frauen und Kinder nicht angreift? Derartiges müssen Gewerkschaften unter allen Umständen verhindern. Wo es vorkommt, ist es eine Feigheit ohnegleichen. (Stürmischer Beifall rechts und im Zentrum.) Mein Freund Effert hatte bei dem Ausbruch des Streiks im Auftrage des Verbandes wichtige Aufträge im Siegerland zu erfüllen und steht jetzt in dem Kampfe im Ruhrgebiet ganz auf unserer Seite.
In den Orten, wo die Sozialdemokratie nicht herrscht, ist heute noch Ruhe und Ordnung. Die Darstellung, daß die Christlichen zur Unordnung Anlaß geben, ist vollkommen unrichtig und gefärbt. Den Anlaß geben die Sozialdemokraten, und wie diese dort auf dem Lande aussehen, das kann man an dem Verhalten der Herren hier sehen, die ja die Elite der ganzen a e 1 ^stellen. (Stürmische Heiterkeit rechts und im Zentr. Unruhe bei den Soz.), Ja, wenn Sie sich nicht im Zügel halten können, was wollen Sie dann von Ihren Leuten auf dem Lande verlangen. Gehen Sie ihnen mit gutem Beispiel voran, dann werden Sie dort eine andere Stellung gewinnen. Es ist ungeheuerlich, wie man ehrenhafte Männer, die auf unserer Seite stehen, beschimpft und besudelt. Herr Hue hat in seinem Bochumer Volksblatt den Kollegen Heckmann eine vorübergehende Erscheinung genannt, eine Unternehmerpuppe, der in anderem Auftrage handele. Vorübergehende Erscheinung ist im Munde des Herrn Hue gut. (Heiterkeit.) Es ist aber ungeheuerlich, einen Mann wie Heckmann, der während des Wahlkampfes noch seine schwere Bergarbeit verrichtet hat, der sein Lebtag ein ehrenhafter Bergmann war und letzt nach einem schweren'Unfall mit zerbrochenen Gliedern im Krankenhaus liegt, in dieser Weise zu behandeln. (Stürmische Zustimmung rechts, bei National!, und im Zentr.)
Das ist es, was uns empört, und man konnte im Ruhrgebiet sehen, wenn man diese _ mge vor tausendköpfigen Versammlungen festnagelt, wie eine ungeheure Entrüstung durch die Menge ging (Sehr richtig! rechts und im Zentrum, Unruhe bei den Soz.) Ich will das hier feststellen, damit nicht aufs neue die Lügen der sozialdemokratischen Presse über die Vorgänge ins Land hinausgehen und die Sozialdemokraten als die einzigen berufenen Vertreter der Arbeiter hinstellen. Die Briefe und Telegramme des Abg. Sachse besagen nichts, dem Kenner können sie nicht
importieren. Wir kennen die Fäden, Ke dort gesponnen fkrS», ganz genau. Den Klagen des Abg. Sachse über die Dinge im niHcrschlrsischen Revier könnte bald abgeholfen werden, wenn die Sozialdemokraten dort für bessere Löhne sorgten; sie haben ja die Mehrheit dort. Wenn jetzt Militär ins Streikgebiet berufen ist, so habe ich Briefe genug über die dort herrschende Unsicherheit. Gewiß, wenn das Militär da ist, ist alles ruhig. Wenn Sie das Militär überflüssig machen wollen, so haben Sie ja die Macht dazu, sorgen Sie dafür, daß die Streikenden zur Vernunft kommen und das Militär keine Gelegenheit zum Eingreifen hat. (Lebhafte Zustimmung rechts und im Zentrum.)
Wir unsererseits können nur wünschen, daß die Maschinengewehre dort außer Tätigkeit bleiben. Nach unseren Nachrichten ist der Streik jetzt auch bereits im Rückgänge begriffen. (Lachen bei den Soz.) Wenn das nicht noch mehr der Fall ist, so liegt es an dem Terrorismus, der geübt wird. Von Christlichen haben sich nur ganz wenige Hundert freiwillig dem Streik angeschlossen, und es gibt Tausende von sozialdemokratisch Organisierten, die ihn nicht billigem (Hört, hört!) Es arbeiten mehr Sozialdemokraten, selbst Vertrauensleute, als vom Gewerkverein der Christlichen. Das ist noch heute morgen in Essen festgestellt worden. Wir wünschen auch, daß die Lohnerhöhung möglichst bewilligt wird, Herr Sachse hat ja selbst gesagt, es brauchten ja nicht fünfzehn Prozent sein. Unser Dreibund besteht aus dem christlichen Gewerkverein, dem evangelischen und katholischen Knappen- und Arbeiterverein, also eine interkonfessionelle Gewerkschaft verbündet mit konfessionellen Vereinen. Wir haben unsern Standpunkt im Interesse der deutschen Volkswirtschaft eingenommen und werden den Kampf auf dieser Basis weiter durchkämpfen und daran festhalten bis zu seiner Erledigung. Hoffentlich kehren die falsch beratenen Arbeiter zu ihrer Arbeit zurück, und dann wird Ruhe, Friede, Sicherheit und damit die Wohlfahrt in das Ruhrgebiet wieder einkehren. (Lebhafter Beifall rechts und im Zentrum.)
Preußischer Minister Dr. Sydow erklärt auf die Anfrage des Abg. Behrens bezüglich der Zuständigkeit der Arbeiterausschüsse in Lohnfragen: Gegenüber von Zweifeln habe ich durch eine an die Bergwerksdirektionen gerichtete Verfügung vom 10. Dezember 1910 Stellung genommen, in der ich diese Zuständigkeit anerkannte. (Hört! Hört!) Schon bei der Beratung des Bergegesetzes im Abgeordnetenhause wurde von der Regierung betont, daß die Arbeiterausschüsse Lohnfragen allgemeiner Natur zur Sprache bringen könnten, weil man sie sonst ziemlich illusorisch machen würde. In diesem Sinne zu handeln, habe ich die fiskalischen Bergwerksdirektionen gewiesen.
Abg. Dr. Erdmann (Soz.)?
Bei der Reichstagsdebatte 1905 war mit Ausnahme der Konservativen fast der ganze Reichstag auf feiten der Streikenden. Heute leider nicht. Der Streik von 1905 bildet ein Ehren- bla t t in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Herr Behrens hat dieses Ehrenblatt herabgerissen und mit Füßen getreten, denn alles, was er gegen den jetzigen Streik ausgeführt hat: den Kontraktbruch, die geringe Zahl der Organisierten, hat er tatsächli chzugleich gegen den Streik von 1905 gesagt. Und doch war damals der Reichstag fast einstimmig auf feiten der Streikenden.
Unterdessen ist aber das Zentrum nach rechts gerückt, nicht nur räumlich. Fetzt weist man in diesen Kreisen mit Vorliebe auf b i e Anarcho-Sozialisten hin, obgleich diese in der Bewegung doch gar keine Rolle spielen. Die „Köln. Volksztg." bringt sogar das Attentat auf das italienische Koni g s p a a r mit dem deutschen Bergarbeiter-Streik in Beziehung. (Heiterk. links.) Aber der Anarchismus stammt gerade aus urkatholischen Gegenden (Sehr richtig! links.), aus Spanien, Italien usw. Cs steht fest, daß der neueste Attentäter in Italien eine stark religiöse Natur ist. (Hört! Hört b. d. Soz.) Jedenfalls hat er mit der deutschen Arbeitebewegung auch geistig nichts zu tun. Wir Sozialdemokraten brauchen die Arbeiter nicht zu verhetzen. Bei uns hetzen die Verhältnisse. Wenn z. B. im Ruhrgebiet eine einzelne Person — es ist eine Dame — über eine Kapitalsmacht von 180 Millionen und über ein Arbeiterheer von 70 000 Mann verfügt, so ist das doch ungesund und muß den Arbeitern zu denken geben. Speziell der Beruf des Bergarbeiters ist sehr hart, jeder siebente Bergmann verunglückt jährlich. Und gerade im Bergbau sitzen die Herrenmenschen, die mit den Arbeitern nie verhandeln wollen: 1889 nicht, 1905 nicht und jetzt, beim dritten großen Streik wiederum nicht. Gesteigert wird die Erbitterung auch der Bergarbeiter durch die Politik des schwarz-blauen Blocks und die Reichsfinanzreform.
Das Zentrum hat am wenigsten Grund, uns Verhetzung vorzuwerfen, denn z. B. der Bischof Kettler, der erst im vorigen Jahre vom Zentrum als Vorkämpfer gefeiert worden ist hat sich über den modernen Kapitalismus schärfer geäußert als je ein Sozialdemokrat. Ebenso andere klerikale Schriftsteller! — Der Redner verliest scharfe Stellen gegen den „nationalliberalen Ma st bürge r", gegen die „weißen Sklavenhalter der modernen Industrie" usw. aus klerikalen Sänften, die von den Sozialdemokraten mit lautem Hört, hört! begrüßt werden.) — Warum Herr Schiffer jede Beziehung zu den gelben Gewerkschaften ableugnet, weiß ich eigentlich nicht, da das Zentrum doch enge Beziehungen zu den „katholischen Fachabteilungen" hat, die von Bischöfen als Streikbrecher-Kolonnen gegründet wurden, und die noch vor kurzem von den Christlichen als „schlimmer als die Gelben" bezeichnet wurden, jetzt aber mit den Christlichen zusammengeschmiedet sind, auf Veranlassung der Zentrumsführer. Heute gehen von 8 Arbeitern im Ruhrgebiet 7 ins rote und nur einer ins schwarze Lager. Ein guter Katholik charakterisierte mir mal die Taktik der christlichen Gewerkschaften mit den Worten:
„Und willst du nicht mein Bruder sein, So schlag ich dir den Schädel ein In Gottes Namen. Amen!" (Heiterkeit.)
Daß der Streik politische Motive hat, ist durch nichts bewiesen. Man kann doch nicht, wie Herr Gisberts, den Arbeitern daraus einen Vorwurf machen, daß sie sich einen möglichst günstigen Augenblick aussuchen. Wenn die deutsche Industrie dadurch geschädigt wird, so haben die Arbeitgeber selbst schuld, die die auch vom Abg. Giesberts als berechtigt anerkannten Arbeiterforderungen ablehnen. Das Zentrum sucht Anschluß an die Nationalliberalen, weil der vielbesungene Zentrumsturm geborsten ist und sogar seine Krone, Köln, verloren hat. Sie kennen alle die Zwistigkeiten im klerikalen Lager! Darum dürfen die Christlichen nicht streiken mit Rücksicht auf die gefährdete Kirche.
Ich erinnere an den Silvesterbrief aus Rom. Deshalb spekulieren dir christlichen Gewerkschaften auf den Zbfluß aus den abhängigen Existenzen der Staatsarbeiter. Deshalb dürfen sie es aber auch mit der Negierung nicht verderben. Zentrum, Kirche und Regierung bilden einen dreifachen Ring des Zwanges um die christlichen Gewerkschaften. Ein Zentrumsblatt aus dem Wahlkreise des Herrn Giesberts war es deshalb, das zuerst den Ruf nach Militär ausstieß. (Hört, hört! b. d. Soz.) Die Bergleute sind freilich keine Salon-Menschen mit Monokel. Da darf man nicht gleich nach Militär rufen, wenn ihnen mal der Ellenbogen ausrutscht. Dazu kommen die vielen Elemente aus dem Osten, die ihre Erziehung unter dem Regiment der Junker und der Klerisei genossen haben.
Die Schauermären com Regierungstische sind nicht ernst zu nehmen. Wo stammt denn eigentlich der Herr Handelsminister her? (Heiterkeit.) Als ich keine Erzählungen hörte, schweiften meine Blicke zufällig über die Tribünen weg und fah dort eine Reihe von Gesichtern, die auf eine — sagen wir — sehr tem- peramentvoll verlebte Universitätszeit schließen lassen So lange die Reaieruna es nicht für nötig hält, die Uni-
SerfHeften unter BelagerungS-Zustand zu erklären, um die Fugender zahlungsfähigen Bourgoise daran zu lindern, aus ihren Gesichtern Hackfleisch zu machen (Heiterkeit.), --- so lange sollte sie auch kein Militär aufbieten, wenn ein Bergmann dem anderen „Pfui" zuruft. (Sehr richtig! bei den Soz.)
Auch die „Köln. Z t g." hat anerkannt, daß die moderne Arbeiterbewegung immer gesitteter wird. Am schwersten ist es freilich, diejenigen Elemente in Ruhe zu halten, die aus der Gegend des Herrn Rogalla von Bieberstein stammen. (Heiterkeit und Beifall links.) Der Bestand des Reiches wird wohl nidbt gefährdet, wenn die äußerst empfindliche Ehre eines Streikbrechers mal durch ein scharfes Wort von Streikenden verletzt wird. Sollte der Belagerungszustand das einzige Ergebnis des Streiks sein, so wird es keine sieben Jahre dauern, bis der vierte große Bergarbeiter streik ausbricht. Die Arbeiterforderungen sind berechtigt und werden doch einmal durchgeführt werden, mag es biegen oder brechen. (Lebhafter Beifall bei den S^.),
Abg. Werner (Reformp.):
Die Sympathie des Volkes ist mithin auf feiten bet Streikenden.
Weiterberatung Sonnabend 11 Uhr.
Schluß gegen 7 Uhr.
Mb. Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
87. Sitzung, Freitag, 15. März, 11 Uhr. Am Ministertisch: Michaelis, Heiligen st adt.
Der Etat der ZenfralgenoifenFdiaffskaHe.
(Zweiter Tag.)
Abg. Faßbender (Zentr.)?
Der Leitung der Preußenkaffe gebührt Dank, daß sie darauf dringt, daß die staatlichen Gelder dem Mittelstand erhalten werden. Daß die Neuwieder Organisation bei der heutigen Lage der wirtschaftlichen Verhältnisse mit Ueberschüssen arbeitet, ist natürlich. Wir wollen aber erst abwarten, ob sie auch unter weniger günstigen Verhältnissen de. Preußenkasse nicht bedarf. Daß diese die Genossenschaften tyrannisiert, ist nicht zuzugeben. In der Raiffeisenorganisation ist die Frage der Zentralisation und Dezentralisation von jeher verschieden beantwortet worden; vom Zickzackkurs zu reden, fehlt also die Berechtigung, zumal die gesetzlichen Bestimmungen die jeweilige Haltung auch noch beeinflußt haben. Sicher ist aber die Entwicklung der Neuwieder Organisation im letzten Jahrzehnt ein typisches Beispiel für die Notwendigkeit der Dezentralisation im Genossenschaftswesen.
Abg. Meyenschein (Kons.)?
Wenn wir uns in den Streit zwischen Preußenkaffe unb Zentraldarlehnskasse hier nicht einmischen, so geschieht das, weil beide Kassen erklären, allein fertig zu werden.
Präsident der Zentralgenossenschaftskasse Heiligenstadt:
Auch ich will auf die Einzelheiten des Konflikts zwischen Zentralgenossenschaftskasse und Zentraldarlehnskasse nicht eingehen. Wir haben lanowirtschaftlichen Instituten mit ausdrücklicher Einwilligung des Hauses Notstanoskredite gewährt, wie auch den Handwerksgenossenschaften nach MöalicHeit entgegengekommen wird. Wir sind eben an de Grundlagen der Zentralgenossenschaftskasse gebunden und dürfen nur geschäftliche Kredite gewähren. An der Ausschließlichkeitserklärung müssen wir festhalten. Auch die Banken machen eine umfangreiche Kreditgewährung davon abhängig, daß der Kreditsuchende seinen Kredit eben nur an dieser einen Stelle sucht. Daß die Kredite auf der Grundlage der Haftsumme aufgcbaut werden, ist ein echt genossenschaftliches Vorgehen. Gewiß können die städtischen Genossenschaften hierdurch in eine gewisse Zwangslage kommen. Aber das ist nicht ein Fehler des Prinzips, sondern der betreffenden Personen. Wir erwägen aber, in welcher Weise mar den Bedürfnissen der städtisch organisierten Genossenschaften entgegenkommen kann.
Von einem Boykott der Preußenkasse gegen die Zentraldarlehnskasse imb die mit ihr in Verbindung stehenden Verbandskassen ist keine Rede. Die Zentraldarlehnskasse hat kein Konto mehr bei der Preutzenkasse gehabt, die daher nicht mehr in der Lage war, Schecks für die« Neuwieder Organisation einzulösen. Das war nicht ein Boykott, sondern in Wahrheit ein Entgegenkommen. Es ist nicht zutreffend, daß die Zentralgenossenschaftskasse vollkommen auf dem Prinzip der Zentralisation aufgebaut ist. Sie sieht ganz außerhalb des Genossenschaftswesens und dient nur wie eine Großbank der Vermittlung des Kredits für das Genossenschaftswesen. Sie sucht wo sie kann und soweit sie kann die Selbsthilfe des Genossenschaftswesens zu fördern. Was ist denn Selbsthilfe? Schultze-Delitzsch hat die Genossenschaften gegründe, weil sich der Einzelne nicht selbst helfen kann und daher die korporative Hilfe Platz greifen mußte. Nachdem die manchesterliche Wirtschastsauf- fassung einer anderen Platz gemacht hat, entziehen sich immer weitere Kreise nicht der Anschauung, daß der Staat wie an allen anderen Dingen des Wirtschaftslebens, so auch cm dem Genossenschaftswesen Anteil zu nehmen hat. Unser Ziel bleibt die Gesundheit des Genossenschaftswesens. Es gilt auch, die Liquidität der einzelnen Spar- und Darlehenskassen hochzuhalten. Wir werden auch fernerhin für die Gesundheit des Genossenschaftswesens sorgen. Nur dann ist es möglich, daß das Genossenschaftswesen hauptsächlich für die mittleren und unteren Klassen der Bevölkerung seine Aufgaben zum Heile des Vaterlandes erfüllt. (Beifall.)
Abg. Humann (Zentr.) bedauert, daß der Personalkredit in den westfälischen Bauern« verbänden gegenüber dem Realkredit zurückgeht.
Abg. Grunenberg (Zentr.) beklagt, daß der von der Zentralgenossenschaftskaffe eingerâumte Kredit viel zu gering sei.
Ein Schlußantrag wird angenommen, der Etat der Zentralgenossenschaftskaffe genehmigt.
Es folgt die Beratung des
Kulfusefafs.
Beim Titel „Ministergehalt" sinket die allae« meine Aussprache statt, wobei die Angelegenheiten der höheren Lehranstalten sowie des Elementarunterrichtswesens zu. nächst nicht erörtert werden sollen.
Abg. Dr. Dittrich (Zentr.):
Wir leben grundsätzlich noch in einem christlichen Staat. Wenn es daher auch hauptsächlich Aufgabe der Kirche ist, die religiöse Grunolage unseres Staatslebens zu pflegen, so ist es auch eine Aufgabe des Staates. Zu dessen Aufgaben gehört es daher zunächst der Kirche volle Freiheit zu lassen. Der Staat muß jede Religionsgemeinschaft nach ihrer Eigenart behandeln. Die Erziehung vor allem muß auf der altbewährten Grundlage der christlichen Lehre vor sich gehen. Im speziellen beklage ich den unmäßigen Zudrang zu den höheren Schulen und Hochschulen. Wer kein Talent zum Studieren hat, sollte nicht studieren. — Man kann wohl sagen, daß die materielle Lage der Elementarschullehrer jetzt eine befriedigende ist. 1906 ist gesetzlich der konfessionelle Charakter der Volksschule festgelegt worden. Wir wünschen die Erhaltung der Volksschule auf der alten bewährten Grundlage des Christentums. Das Verhältnis zwischen Staat und Kirche fand bisher seinen prägnantesten Ausdruck in der geistliches Schulaufsicht.' Leider erfolgt hierin eine Abschwächung nach der andern. (Beifall im Zentrum.)