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Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage
Nr. 273.
Dienstag den 21. November
1899
Amtliches.
^an^Hräs ^anau.
Bekanntmachungen des Königlichen Landrathsamtes.
In A l z e n a n und in Bieder, Kreis Gelnhausen, in । Oberrad, Kreis Frankfurt a. M. und in Oberwöll- stadt, Kreis Friedberg, ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen.
Hanau den 21. November 1899.
Der Königliche Landrath.
V 11831/70 v. Schenck.
Da die Maul- und Klauenseuche zu B ü d e S h e i m (Kreis Friedberg) nicht weiter um sich gegriffen hat, ist die Gemarkungssperre aufgehoben worden. Die Gehöftsperre bleibt jedoch nach Mittheilung des Kreisamts Friedberg bestehen.
Hanau den 21. November 1899.
Der Königliche Landrath.
V v. Schenck.
^taöt^rew ^anau.
Bekanntmachungen des Oberbürgermeisteramtes.
Städtische Sparkasse.
LauftBrschluß der stöbt Körperschaften wird der Zinsfuß für Spareinlagen bei der städt. Sparkasse vom 1. Januar 1900 ab von 3°/o auf 3l'ü°/o erhöht.
Die Ausfertigung der Einlagebücher für neu eintretende l Sparer erfolgt statutengemäß kostenfrei. Hanau den 18. Oktober 1899. 16554
Die Verwaltung der städt. Sparkasse.
Jung. K l a e r e. E i l b e r.
DicnyvaÄnchtnl aus htm Kreise.
Gefunden: 1 großer Hundemaulkorb. Von der Post hier abgeliefert 1 Herrenregenschirm.
Verloren: 1 goldene Damenuhr, Wiederbringer Belohnung. 1 Trauring mit rothem Stein, gez. L D 1873.
Entlaufen: 1 dunkelbrauner Rattenpinscher mit gesuchten Ohren u. Ruthe, w. Geschl.
Hanau, am 21. November 1899.
F«»mil6ion.
Gedenkblätter.
Dichtungen von Konrad Gustav Steller. (Hanau.)
Für den Litteraturfreund, den nicht nur das rückwärts gewandte Interesse des Historikers leitet, sondern der auch öffnen Auges den Erscheinungen der Gegenwart folgt, ist es stets ein freubiger Augenblick, wenn er in der poetischen Hochfluth unserer Zeit ein Buch entdeckt, das tieferes Jn- teresfe zu erwecken vermag als all die vielen Eintagser- scheinungen, die unter einer oft glänzenden Außenseite Ge- ^nkenmangel und Gemüthsarmuth zu verbergen suchen. Goethes Klage im Westöstlichen Dioan:
Wisse, daß mir sehr mißfällt, Wenn so viele singen und reden! Wer treibt die Dichtkunst aul der Welt? Die Poeten!
N, wenn für irgend eine Zeit, so ganz gewiß für die unsrige volle Berechtigung, wo vielfach an Stelle heilsamer Eklbftprüfung heillose Selbstüberschätzung getreten ist, die jideS rasch hingeworfene Erzeugniß einer begeisterten Stunde für würdig hält, der Mitwelt kundgethan, der Nachwelt über- ^fcrt zu werden. Hat die litterarische Kritik einerseits die Richt, mit aller Entschiedenheit auf diese betrübende Er- l^einung hinzuweisen und gegenüber buchhändlerischcr und ^quenhafter Reklame warnend ihre Stimme zu erheben, so »wächst ihr andererseits auch die Aufgabe, weitere Kreise auf ^rte aufmerksam zu machen, die auf dem gesunden Mutter- *°btn wahrer dichterischer Empfindung erwachsen, berechtigt sind, Pachtung und liebevolles Versenken zu fordern. Diese angenehme Aufgabe erfüllen wir hiermit einem äußerlich bescheidenen Küchlein gegenüber, daS auf noch nicht 150 Seiten Gedichte fischen und erzählenden Inhalts bringt: Gedenkblätter " Dichtungen von Konrad Gustav Steller (DreSden “^ Leipzig, E. PiersonS Verlag).
Butztag.
Der kirchliche Bußtag, der für das gesammte christliche Volk gesetzt ist, leitet uns an, den Blick auf unsere öffentlichen Zustände im Staat, in der wirthschaftlichen Gesellschaft, in der Kirche zu richten und Umschau zu halten, wie es um uns steht. Es gilt auch da wahrhaftig zu sein und sich nicht mit allgemeinen, nichtssagenden Redewendungen zu begnügen.
Wollen wir mit Wahrhaftigkeit unsere öffentlichen Zustände überdenken, so brauchen wir nur an das zu erinnern, was in unserer Literatur, auf unseren Theatern, im täglichen Gespräch an der Tagesordnung ist. Freilich, wer zurück- blickt auf vergangene Zeiten, auf die Zeit vor hundert oder zweihundert Jahren oder auf das Zeitalter der Reformation selber, der wird nicht sagen dürfen, daß es in alledem nur immer schlimmer bei uns geworden wäre, als es früher war. Im Gegentheil; hier und da, in einzelnen Punkten und Richtungen des öffentlichen Lebens mag es wohl eher gelten, daß sich doch manches gebessert hat. Aber nmso schmerzlicher wird es empfunden werden müssen, daß es immer noch so tiefe Schatten gibt, die auf unserem Leben liegen, und daß manches auch einen traurigeren und beschämenderen Charakter angenommen hat im Vergleich mit früheren Zeiten.
Die Wurzel, aus der alle Uebel der Zeit ihre Nahrung ziehen, ist der Mangel an religiösem Sinn. Nicht nur der Glaube ist selten geworden, auch die Ehrfurcht vor dem Glauben Anderer, die Scheu vor den heiligen Dingen ist aus den Gemüthern der Meisten geschwunden, und am betrübend- sten ist es, daß schon die Jugend unter den schlimmen Eindrücken und Anschauungen aufwächst. Die Weltlichkeit der Gesinnung nimmt überhand. Viel Fleiß bei der Arbeit um Erwerb von irdischem Gut, aber ebenso auch allgemein verbreitete Genußsucht und Vergnügungssucht sind bezeichnend für die gegenwärtige Menschheit. Die Anstalten der Barmherzigkeit mehren sich und die schlimmsten Gestalten der Noth begegnen uns seltener als früher; aber Aufopferung, Selbstverleugnung, hingebende Liebe für die Brüder weichen allzu oft dem trockenen Geschäftssinn und der berechnenden Selbstsucht. Die Sinnlichkeit gibt der Phantasie ihre Richtung; nicht die hohen Ideale, die den Geist in ein schönes Jenseits entrücken, find für die Schöpfungen der Dichter und Künstler heute zielweisend, sondern die niederen Seiten der gewöhnlichen Menschennatur werden mit großem Fleiße aufgesucht und zur Darstellung gebracht.
Es ist ein schlechter Trost, daß eS auch früher so und daß es wohl noch schlimmer gewesen ist. Gott hat unserer deutschen Nation in diesen letzten Jahrzehnten eine hohe, eine
Wenn das Wort wahr ist, daß Poesie sich nicht lose wie ein Kranz ums Leben winden dürfe: „sie muß in seinem Innern wurzelnd, aus ihm selbst erblühen" — dann bieten uns diese Gedenkblätter wirkliches poetisches Gut. Was aus ihnen spricht, lebendig, Seite für Seite, ist das Bild einer Persönlichkeit, die sich zu einer geschlossenen Selbst- ständigkeit durchgerungen hat, sind die Bekenntnisse einer gesunden, kräftigen Männlichkeit, der alles Weibliche, Weibische, Ueberempfindsame ferne liegt, und der doch die innigen Gefühle deS Herzens nicht fremd sind, wie der warme Ton beweist, den er für das Lob der Frauen, für Gattin, Mutter und Schwester zu finden weiß. Als ein klare- Bekenntniß dieser fast kampfeSfreudig zu nennenden Natur stehe das Gedicht hier Kurz und gut:
• Dat lange Zaudern kenn' ich nicht,
Nicht langes Bitten und Fragen,
Ich schau' dem Menschen ins Angesicht
Und weiß mir das Rechtc^zu sagen.
Erkannt' ich, daß er mir geistesverwandt, So hab' ich ihn liebend umschlungen, Und hat er nicht willig zu mir sich bekannt, So hab' ich sein Herz mir erzwungen.
Ich lebe und strebe, das gilt mir eins; So darfst bu froh mir vertrauen.
Wir leben in keiner Welt des Scheins, Wir sollen die Wirklichkeit schauen.
Das Zaudern ist der Jugend nicht werth,
Wir sind zum Handeln geboren, Und hab' ich zu lange Dein Wort entbehrt So haben wir Vieles verloren.
Ich biete die Hand Dir, so schlage denn ein!
Wir können daS Beste vollbringen;
Doch schwanken. wir zwischen Ja und Nein, So wirds uns nimmer gelingen.
Das lange Säumen ziemt uns nicht, Nicht langes Grübeln und Fragen, Du schautest auch mir ins Angesicht Und kannst das Rechte Dir jagen.
Auf diesem gesunden Boden einer geklärten, kampfesfrohen Persönlichkeit ist auch die Kunst Steller- erwachsen, die
führende Stellung unter den Völkern verliehen, und wir müssen uns dieser Stellung würdig erweisen. Es wird besser bei uns werden, wenn wir uns wieder mehr mit sittlich-religiösem Geiste erfüllen. Staatliche Gesetzgebung kann einzelnes von besonders schlimmer Art abwehren; aber sie kann keine innere Erneuerung bewirken. Diese kann allein aus der zunehmenden Macht religiösen Sinnes erwachsen. An der zunehmenden Fruchtbarkeit der kirchlichen Verkündigung, der christlichen Liebeswerke, der christlichen Seelsorge hängt das Heil der Seelen, hängt die Zukunft des deutschen Volkes. Es gilt, sich abzuwenden von jenen Richtungen unseres Volkslebens, die verflachend und zerstörend wirken und bestrebt sind, an die Stelle der altbewährten idealen Güter ihre selbstgeschaffenen Götzen zu setzen. Eine innere Erneuerung thut noth, um der äußern Machtstellung einen tragfähigen sittlichen Halt, eine feste, auf den Kräften des Gemüthes und Willens ruhende Grundlage zu geben. Möge zu dieser Sinnes-Erneuerung, zu dieser Einkehr und Umkehr auch der diesjährige Bußtag sein Theil beitragen. DaS walte Gott!
Deutscher Reichstag.
(Sitzung vom 20. November.)
Am Bundesrathstisch: Staatssekretär Graf Posadowsky, die preußischen Minister Brefeld und v. Rheinbaben. Auf der Tagesordnung steht die zweite Berathung des Gesetzentwurfs zum Schutze des gewerblichen A r- beitsVerhältnisses. Das Haus ist gut besucht. § 1 lautet: Wer es unternimmt, durch körperlichen Zwang, Drohung, Ehrverletzung oder Verrufserklärung Arbeitgeber oder Arbeitnehmer zur Theilnahme an Vereinigungen oder Verabredungen, die eine Einwirkung auf die ArbeitS- oder Lohnverhältnisse bezwecken, oder von Verabredungen abzu- halten, wird mit Gefängniß bis zu einem Jahre bestraft; falls mildernde Umstände vorhanden sind, ist auf eine Geldstrafe bis zu tausend Mark zu erkennen. — Abgg. Büsing und Gen. beantragen an Stelle des § 1 der Vorlage zwei Artikel, in deren Ersterem die Erlaubniß zur Verbindung aller inländischen Vereine ausgesprochen wird, während Artikel 2 die bekannten Abänderungen der Paragraphen 152 und 153 der Gewerbeordnung enthält. — Dbg. Büsing (natl.) befürwortet den Antrag. Für die Liberalen gehört beinahe Muth dazu, auch nur einen Theil der Vorlage auf- zunehmen. Ein Theil seiner Freunde hielt es nicht für richtig, die Vorlage rundweg abzulehnen. Der Antrag ent-
Kunst der Poesie, der er sich hingab, „des MenschthumS werth zu sein."
Kämpfe als Künstler den Streit, stets kämpfst Du als Mensch um den Menschen,
Wagst Du im Innern den Streit, wagt er den äußeren auch: Kampf mit der Tücke, der Lüge, und Kampf mit den falschen Propheten, Welche mit Geifer und Gift schänden das reinste Gefühl, Kampf mit dem selbstischen Eifer der spottenden, rohen Verächter, Welche nur Pulver und Dampf preisen als Bildner der Welt, Welche um Dünkel und Schacher den Volkssinn knechten und fälschen, Welche das Schöne bedrohn, weil es den Willen erzieht.
So ruft er in bem schönen Einleitungsgedichte I m Parke zu Loga dem gleichgesinnten Freunde zu. Noch bezeichnenderen Ausdruck gewinnt dies künstlerische Bekenntniß in den beiden Gedichten Deutung und Kunst und Welt. Gewaltiges wirkte der „Geist der Schönheit, unergründlich wie der Seele Gottgefuhl" in dem „abgeschlossenen, geistgemeinsamen" hellenischen Volke das sind die Gedanken in Kunst und Welt - aber größer und erhebender noch erscheinen dem Dichter mit Recht die künstlerischen Aufgaben der Gegenwart, wo
Alles Lieben, alles Hassen,
Alles, was die Welt bewegt, Me Wahrheit aufzufassen
Ward der Künstler tief erregt.
Weltweit gehn und nicht mehr einsam
Die Gedanken seiner Zeit, Und der Menschheit ward gemeinsam, Seine neue Kunst geweiht.
Das oft erörterte Verhältniß zwischen Religion und Kunst bildet den Inhalt bei erstgenannten Gedichtes Deutung und gewinnt hier, besonders in der zweiten Strophe, einen Ausdruck der Anschaulichkeit, wie er uns selten begegnet ist:
Gebet zu Gott ist gut . . . Doch begeisternd spricht
Mich an die Offenbarung geweihter Kunst.
Nur schaudernd ahn' ich, was unfaßbar, Aber sein Gleichniß erhebt und heiligt.
In ew'ger Höhe thront auf Dodona ZeuS,
DaS Haupt'umwölkt .... Doch es grüßt Apoll,
Der Menschgott-Mittler, alS ein Freund mich, Deutet mir dichtend des Gottalls Wahrheit.