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Nr. 244. Mittwoch den 18. Oltobcr
1899
TicilstnachliLten aus dem Kreise.
Gefunden: 1 goldener Ring mit 4 Steinchen. 1 rothe Kinderkappe mit Quaste.
Verlören: 1 Zwicker. 1 Chaisenkummt mit blauen, Anterkummt in der Richtung Nordbahnhof—Bruchköbeler Wald.
Entlaufen. 1 großer gelber Metzgerhund.
Entflogen: 3 Tauben, 1 Gelbschild u. 2 Schwalben.
Hanau am 18. Oktober 1899.
Unser „Kulturadel".
Wer ahnt es, daß es unser „Kulturadel" ist, der in Hannover versammelt war? Wir wetten, kein Mensch! Es ist aber thatsächlich so. Der „Vorwärts" begrüßte den sozialdemokratischen Parteitag : „Es ist der Familien tag unseres Kultur adels, des kämpfenden Proletariats, auf dem die Fragen des täglichen Parteilebens, wie die bedeutsamsten Probleme der menschlichen Gesellschaft zur Diskussion gelangen." „Kein staatlich anerkanntes Parlament der Erde vermöchte so tiefgründige Fragen mit ernsterem Willen zu erkennen, was ist, und mit reinerer Begeisterung zu erkämpfen, was sein soll, als die Versammlung von Arbeitern, die keinen andern Rang und Titel besitzen, wie die Weihe der Kultur und das Recht der Zukunft."
Die „Weihe der Kultur" hat sich denn auch in den sechstägigen Debatten zu einer solchen Erhabenheit gesteigert, daß sich am Samstag die „Genossen" und zwar die Hauptgrößen der Sozialdemokratie, in einer Weise unter einander beschimpften, daß eigentlich kein Hund mehr ein Stück Brod von ihnen nehmen dürfte. „Gemeiner Kerl" ruft Bebel in höchster Erregung Schippel ins Gesicht; für einen solchen Menschen habe er nichts als tiefste Verachtung, der auf die gemeinste und schmachvollste Weise einen Ehrenmann beleidige, der immer wiederholt Fälschungen begehe, und so weiter. Kautsky wirft Schippel einen „Bubenstreich" vor, Zubeil erklärt es als unerhört, daß ein Mann in einer Vertrauensstellung der Partei und den Genossen derart in den Rücken falle. Schippel seinerseits erwidert, nun sei man ja glücklich wieder einmal bei den „Lümmeln und dummen Zungen" angelangt; er habe für einen Bebel keine Achtung; Auer sagt, es gebe in der Partei Leute, denen Hetze und Skandal ein Bedürfniß sei, diese „Meute" müsse endlich einmal zur Ruhe gezwungen werden u. s. w.
Die Beleidiguugeu, die sich die Vertreter des „Kulturadels" in Hannover an den Kopf geworfen haben, erinnern stark an den Ton, der in den gewöhnlichsten Branntwein-
Kneipen zu herrschen pflegt. Man versichert sich gegenseitig i Gestern wurde iu £ an neuer die Zahresversammlung des wisse allgemeine Grundformen festgestellt. Zu dem betreffenden der tiefsten Verachtung, nennt sich Lümmel, dummer Juuge, > Centralverbandes der OrtskrankenkaffeN Deutschlands eröffnet. Erlaß heißt es u. A.: „Die bisherige Entwicklung hat in
^euilMoii
Der Orürjc-Frcistaat.
Von Kurt von Walfeld.
(Nachdruck verboten.)
Der Oranje-Freistaat grenzt im Norden an Transvaal oder, wie der amtliche Titel dieses Landes seit 1884 heißt, an die „südafrikanische Republik."
Die Größe des Oranje-Freistaates beträgt 131070 qkm. oder 2380 Quadrat-Meilen. Die Einwohnerzahl belauft sich nur auf 210 503. Von diesen sind rund 80 000 Holländer oder Buren. Etwa 120 000 sind Betschuanen und Hottentotten. Die Betschuanen wiegen über.' Sie waren früher die Herren des Landes. Als im Jahre 1842 die Buren aus Natal vertrieben wurden und in den jetzigen Freistaat ein- fielen, wurden die wenig kriegerischen Betschuanen, die zu den Bantu-Negern gehören, leicht besiegt. Jetzt sind sie die Knechte oder Tagelöhner der Buren/ Diese sind die Herren des Landes, sie alle sind Großgrundbesitzer. Die Betschuanen werden streng patriarchalisch regiert; sie dürfen kein Grundeigenthum noch Bergbaugercchtsamc erwerben. Es ist genau so wie in Transvaal, wo man dieses Regiment noch strenger durchführt. Um sich einen Begriff von bem Reichthum der Buren zu machen, dienen folgende Ziffern aus dem Jahre 1897. Nach diesen Erhebungen besaßen im genannten Jahre die Buren im Oranje ftreißaat rund eine viertel Million Pferde, eine Million Zuchtvieh (Kühe und Rinder), 6 Millionen Schafe, eine viertel Million Ziegen unb 5000 Strauße. Straußenfedern sind ein beliebter Handelsartikel. Obwohl das Land emgemäßigt tropisches Klima hat, ist die Flora doch rein europäisch. tan pflanzt Weizen, Hafer, Gerste, Kartoffeln, Tabak, Wem und Obst, genau wie bei
gemeiner Kerl, und wenn das deutsche Schimpf-Lexikon zu Ende ist, macht man Anleihen im Englischen und bezichtigt sich der moial insanity, was ein verblümter Ausdruck für vollendete Troddelhaftigkeit ist. Wie nobel es bei dem „Kulturadel" herzugehen pflegt, dafür kann man das Urtheil eines „Genossen" selbst, nämlich Schippels, anführen, der, zur Rede gestellt, weil er Parteigenossen beschimpfte und beleidigte, ruhig erklären durfte, daß er sich bloß in dem alten Tone der Partei bewege.
Nach diesen Proben wird wohl Jedermann überzeugt sein, daß sich die Sozialdemokratie auf ihrem letzten Parteitage in glänzendster Weise als „Kulturadel" bewährt hat. Den „Vorwärts" freilich geniren jene haarsträubenden Vorkommnisse durchaus nicht. In einer Schlußbetrachtung sagt er: „Denn wirklich gab es in Hannover auch nicht den g e r i n g st e n M iß k l a n g, als die Fragen der Organisation des Parteiheeres und seines Ausmarsches behandelt wurden. Es bekundete sich da allenthalben eine „voll-
st a n d i g e H a r m 0 n i e." Das sind wirklich rührend be-1 Bewegung kuliurell und auf die Masse der Bevölkerung för- scheidene Ansprüche an die „Kultur", an die Harmonie und! dernd wirken. —f—^a- ^--—^- ^-
— an die Wahrheit!
Tagesschau.
Der Centralverband deutscher Kaufleute und Gewerbetreibenden
hielt, wie seinerzeit berichtet, am 22. und 23. August d. Js. seine zwölfte Generalversammlung in Berlin ab, worüber jetzt die stenographischen Berichte veröffentlicht sind. Dem Verbände liegt es ob, mit seinen nahezu 400 Vereinen und 16 000 Mitgliedern bei der allgemein obwaltenden Nothlage des Mittelstandes die Interessen des Kaufmannsstandes im Detailhandel zu wahren; die Verhandlungen darüber geben ein beredtes Zeugniß von der Nothwendigkeit, eine Reihe den Detailhandel schädigender Mißstände abermals zur Sprache zu bringen, deren Erledigung denn auch von der Generalversammlung auf das Dringendste empfohlen wurde. Aus den Verhandlungen seien besonders folgende Punkte hervorgehoben: Die Stellungnahme des Centralverbandes zur Besteuerung der Waarenhäuser, Consumvereine und Bazare, die Gründung von Kreditgenossenschaften in den Kreisen der Handel- und Gewerbetreibenden, das obligatorische Fortbildungsschulwesen, die Zuckertarafrage, das Rabait- sparunwesen, Belastung des Hausirhandels, die Gründung mittlerer Handelsschulen, Mißbräuche. im Seifenhandel und der Seifenfabrikation, Ergänzung des § 5 des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb u. s. w.
$- Lrlskrankenkaffen.
uns. Sehr wichtig für das Land sind ferner die guten Weideplätze. Das Land ist zwar sehr gebirgig, beinahe 2/a besteht aus 13—1400 Meter hohem Tafelland, aber es hat auch sehr grasreiche Ebenen, auf meinem das Vieh das ganze Jahr hindurch weidet. Die früheren Zuscsseu dieser saftigen Weideplätze, die Elephanten, Rhinozerosse, Giraffen und Zebras sind verschwunden, um Kühen und Schafen Platz zu machen.
Die Suren sind zwar fromm und friedliebende Ackerbürger, aber sie lernen doch auch von Zugend auf die Waffen führen und das Roß tummeln. Diese kriegerische Ausbildung ist nothwendig, um sich gegen die unruhigen und kriegerischen benachbarter: Negerstämme jederzeit vertheidiget: zu sönnen. So herrscht auch bei den Buren, im Freistaat sowohl wie im Transvaal, eine Art von allgemeiner Wehrpflicht. Im Kriegsfalle sind sämmtliche Bürger von: 16. bis zum 60. Lebensjahre dienstpflichtig. Bei einem Aufgebot hat jeder Marm Pferd und Flinte selbst zu stellen. Auch muß er für acht Tage mit Muuition und Proviant versehen sein. Die Buren im Freistaate können im Kriegsfalle bis zu 20 000 Reiter stellen, eine Macht, die im Tropenlande nicht zu unterschätzen ist, wo ein Reiter mehr als das Doppelte gilt wie ein Fußsoldat, beim die vorhandenen Eisenbahnen dürften im Kriegsfalle außer Betrieb gesetzt werden. So sollen die Buren des Freistaates bereits 40 Tonnen Dynamit zur Zerstörung der Eisenbahnbrücke über den Oranjeflnß bei Norvals-Pont gelegt haben. Die Eisenbahnlinie Norvals-Pont bis Sloemfontein ist die längste des Landes, sie hat eine Ausdehnung von 700 Kilometer.
Bloemfontein ist die Hauptstadt des Landes. Sie ist der Sitz der Regierung, eines Bischofs und eines deutschen Konsuls. Bloemfontein, ganz in niederländischem Stil gebaut, hat zwar nur 3500 Einwohner, aber einen großartigen Verkehr. Hier häuft sich der Handel, der hauptsächlich auf Rind
Anwesend waren 89 Vertreter von Ortskrankenkassen aus allen Theilen des Reiches. Das Reichsversicherungsamt in Berlin ist vertreten durch Regierungsrath Dr. Klein, die Landesversicherungsanstalt Hannover durch Landesrath Liebrecht-Hannover, die Stadt Hannover durch Senator Bode; ferner sind anwesend die Reichslagsabgeordneten Dr. Fischbeck (freis. Volksp.), Fischer-Berlin, Molkenbuhr-Hamburg, Meister- Hannover, Stadthagen-Berlin (Sozialdem.) und Hrrn-Goslar (Natl.). Reg.-Rath Dr. Klein begrüßte die Versammlung unter der Versicherung des hohen Interesses, welches das Reichs-Versicherungsamt der Entwickelung der Krankenversicherung als eines der drei Zweige der Arbeiterversicherung entgegenbringe. Aus der umfangreichen Debatte ist ein Dor- trag des Dr. med. Friedeberg-Berlin über die „beseitige Fürsorge für die Krankenkaffenmitglieder und deren Mängel" hervorzuheben. Der Redner führte u. A. aus, man sei bemüht gewesen, die Krankenkassenbewegung zu einer prole- > tarischen Bewegung zu machen. Nur so allein könne diese
Die wesentlichste Aufgabe der Krankenversicherung muß darauf gerichtet sein, daß der proletarische
Kranke genau so gestellt sei, wie jeder andere Kranke im Reich. Heute sei dem nicht so, und zwar seien daran einerseits gesetzgeberische Bestimmungen, andererseits verwaltungs- praktische Maßnahmen schuld. Aufgabe der Krankenkassen werde es z. B. sein, bei der Eisenbahnverwaltung billigere Fahrkarten für Kranke zu erwirken. Auch von der den Kassen zustehenden Befugniß der Zwangsaufnahme in Krankenhäusern werde infolge einer kurzsichtigen Finanzpolitik nicht genügend Gebrauch gemacht. Den Krankenkassen fehlt ferner die Möglichkeit, sich zusammenzuthun. Die Praxis führt hier die Gesetzgebung ai absuidun). Wir sitzen hier eigentlich gegen das Gesetz. „Und die anwesenden Regierungsvertreter machen sich mit uns einer Gesetzesübertretung schuldig". (Heiterkeit.) Redner polemisirt dann gegen die Berufsgenossenschaften, denen er fiskalische Tendenzen vorwirft. Die Arbeiter müßten bei dem neuen Gesetz gehört werden. Er empfehle daher die Ausarbeitung einer Denkschrift. (Lebhafter Beifall.) Reg.-Rath Dr. Klein-Berlin sagte, daß ihn der Redner zu einigen Bemerkungen zwinge, obwohl er hier, nur zu informatorischen Zwecken da sei. Der Vorredner sehe zu schwarz. Bisher habe er nicht gehört, daß den Kässen- vertretern bei den Zusammenkünften Schwierigkeiten in den Weg gelegt seien.
W^ür die Einrichtung der Bolksbibliotheken,
soweit diese von behördlichen Organen unterstützt werden und auf staatliche Beihstlfe rechnen, sind vom Kultusminister ge
vieh, Schafe, Wolle und Straußenfedern sich erstreckt. Diese Burenhauptstadt hat ein sehr freundliches, sauberes Aussehen. Sie besitzt drei Kirchen, eine holländisch-reformirte, eine anglikanische und eine katholische. Sogar drei Zeitungen erscheinen in Bloemfontein und zwar seit Jahren schon eine holländische, eine englische und seit kurzer Zeit auch eine deutsche. Diese letztere enthielt in einer ihrer ersten Nummern eine dringende Warnung für einwandenmgslustige deutsche Hcmdelsbeflissene. Sie schrieb u. A. folgendes: „Es herrscht im ganzen Freistaat sowohl wie in Transvaal ein solcher Ueberfluß an jungen deutschen Kaufleuten jeder Branche, daß sie monatelang ausharren müssen, um eine bescheidene Stellung zu finden. Bei den meisten sind die wenigen Saarmittel bald aufgezehrt und wenn es ihnen nicht glückt, eine untergeordnete Stellung zu finden, so sind sie dem sicheren Untergänge preisgegeben. Nur mit den besten Empfehlungen und mit fließenden Sprachkennt- nissen versehene junge Kaufleute dürfen es wagen, ihre Heimath zu verlassen und auch diese nur, wenn sie Protektion haben. Im anderen Falle rathen wir unseren jungen Freunden ganz entschieden, hübsch zu Hause zu bleiben. Dahingegen finden tüchtige Handwerker, insbesondere Zimmerleute, Tischler unb Maurer, "sofort lohnenden Verdienst und sind bald in der Lage, Ausdauer und Fleiß vorausgesetzt, Ersparnisse zu machen."
Die Regierung des Freistaates ist beinahe gleich der von Transvaal." Der Präsident der Republik wird auf fünf Jahre gewählt, der Generalkommaadant dagegen auf zehn. Die Mitglieder des Volksrathes, 57 an der Zahl, werden nur auf vier Jahre gewählt. Der geschäftsführende Rath besteht aus dem Präsidenten und fünf Mitgliedern des Volksrathes. In Transvaal kennt man einen ersten und zweiten Volksrath. In den ersten werden nur Mitglieder gewählt, die im Lande geboren wurden, in den zweiten nur solche, die wenigstens 14 Jahre im Burenlande ansässig sind. Die eingeborenen Farbigen sowohl wie die Fremden/ die sogenannten