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Nr. 243.
Dienstag den 17. Oktober
1899
Dienstnachrilvten aus Dem Streife.
Gefunden: 1 Pfandschein Nr. 10979. Im Rathhaus in der Boteumeisterei 1 schwarzer Herrnregenschirm stehen geblieben. 1 Altersversicherungskarte auf den Namen der Fabrikarbeiterin Katharina Samer geb. Kehm, geb. 7. November 1875 zu Steiuau, lautend. 1 Laterneneinsatz von einer Radfahrlaterne.
Verloren: Am Sonntag in der Johanniskirche 1 braunledernes Portemonnaie mit 56 Pfg. Inhalt.
Zugelaufen: 1 gelblich-braunes ital. Huhn. 1 junger schwarzer Spitzhund mit weißer Schnauze und weißen Streifen vor der Brust, w. Geschl.
Hanau am 17. Oktober 1899.
Der Krieg in Lüdasrika.
Auch im Laufe des Montags sind unter den vielen — ausschließlich aus englischer Quelle stammenden — sehr widersprechenden N a ch r i ch t e n vom / Kriegsschauplatz keinerlei Meldungen über ernsthaftere Feindseligkeiten oder größere kriegerische Aktionen, geschweige denn über einen entscheidenden Schlag eingetroffen. — Die Kriegsbegeisterung der englischen Presse wird durch den Umstand, daß der Mobilmachungsapparat den Anforderungen der militärischen Nothwendigkeit nur sehr schleppend und unvollkommen zu entsprechen vermag, nicht im Mindesten beeinträchtigt. Je weniger tröstliches von der Front verlautbart, desto siegesgewiffer lauten die Vorhersagungen der J'ngo- propheten hinsichtlich der Zukunft, insbesondere verspricht man sich von dem Zeitpunkte, wo der Höchstkommandirende Sir Redvers Buller an- Ort und Stelle eingetroffen sein wird, einen durchgreifenden und endgiltigen Umschwung der Lage auf dem südafrikanischen Kriegsschauplatze. Was die Einziehung der Reservisten betrifft, so soll dieselbe nach Versicherung der Blätter mit größter Präzision von Stätten gehen, auch soll überall von den Arbeitgebern in liberalster Weise ihrem zur Fahne eingezogenen Arbeiterpersonal die Zusage ertheilt worden sein, die in Erfüllung einer patriotischen Pflicht verlassenen Arbeitsplätze den eingezogenen Kriegern bis nach beendigter Campagne offen zu halten. Daß diese glänzende Medaille aber auch eine weit minder glänzende Kehrseite hat, bedarf kaum der ausdrücklichen Versicherung. Wenn auch im Verhältniß zu Ländern, in denen die allgemeine Wehrpflicht gilt, die englische Reservisteneinberufung nur einen relativ kleinen Kreis von Personen trifft, so sind doch die von den Eingezogenen hinterlassenen Arbeitslücken empfindlich genug, um eine Offenlaffung derselben auf unbefristete Dauer vielfach als unliebsame Betriebserschwerung erscheinen zu lassen. Es fehlt nicht an Reservisten, welche befürchten, aller jetzt
Feuilleton
Englisches Soldatciilcbcn. Von G. von Weistbach.
(Nachdruck verboten.)
Wir sind auf Trafalgar-Square in London. Große, wie die Theater-Affichen angebrachte Plakate ziehen unsere Aufmerksamkeit an sich. Wir treten näher und erblicken die mannigfachen glänzenden Uniformen der Armee Ihrer Majestät mit bunten Farben gar verführerisch abgebildet: da ist der Scharlachrock der Coldstream Guards, der Tartan der Royal Highlanders, der reichverschnürte Attila der 10. Husaren, deren Chef ber, Prinz von Wales ist, zu sehen. Prächtige Monturen, auf deren glückliche Träger ein junger Mensch, dessen vergebliches Sehnen nach Prunk und Glanz steht, wohl neidisch werben sann. Und welche Vortheile verspricht der die Bilder begleitende Text Denen, die sich in diese Uniformen kleiden wollen; welche Annehmlichkeiten und Vergünstigungen verheißt er ihnen! Beim Anblick dieses Werbeplakats mag einem jungen Menschen wohl leicht genug der Gedanke kommen: „Ha, welche Luft Soldat zu sein — in der Armee Ihrer huldreichsten Majestät!"
Und mehr als Einer von den zahlreichen Lesern, die das auffällige Plakat umbrüngen, sieht aus diesen Bildern und Verheihuflgen eine begehrenswerthe Zukunft sich ent- qeqenleuchten. Sind es doch meist schlecht genährte junge Menschen in abgetragenen Kleidern, die auf die bunten Bilder starren, — solche, die schon lange vergebens nach Arbeit gesucht, oder solche, die durch Leichtsinn sich in die bebräuatefte Lage versetzt haben. Nur ein Wort, ein Hand- schlaq — und alle Noth hat ein Ende, und sie haben schöne Kleider, gutes ^ «m Wre Zukunft und ein Leben
gemachten Zusagen ungeachtet bei ihrer wohlbehaltenen Heimkehr ihre Stellen endgiltig neubesetzt vorzufinden, und diese haben es ebensowenig eilig, dem Rufe der Fahne zu folgen, als die Arbeitgeber sich verpflichtet erachten, die Säumigen zur Erfüllung ihrer Soldatenpflicht anzuhalten. Es ist deshalb auch wohl kein bloßer Zufall, wenn gerade jetzt die Bestimmungen des Reservistengesetzes dem englischen Publikum in nachdrückliche Erinnerung gebracht werden. Dasselbe enthält eine Reihe von Strafbestimmungen nicht nur gegen säumige Reservisten selbst, sondern auch gegen die, welche den Leuten bei Vernachlässigung ihrer Pflicht hilfreiche Hand leisten. Insbesondere wird es den Arbeitgebern bei angemessener Geldstrafe verboten, Reservisten über den Termin hinaus, wo sie beim Truppentheil einzutreffen haben, in Stellung zu behalten. Ausdrücklich wird gesagt, daß es nur natürlich sei, wenn Ar- beiigeber es nicht besonders eilig hätten, auf die Dienste tüchtiger Leute zu verzichten, sondern ihnen auch dann noch Beschäftigung geben, wenn die letzteren schon unterwegs zu ihren Regimentern sein sollten. Dieser Kategorie von Arbeitgebern wird daher ernstlich zu Gemüthe geführt, daß nicht nur die betreffende!: Arbeiter des Reservistenverhältnisses sich strafbar machen, wenn sie sich ihrer Gestellungspflicht entziehen, sondern auch die Arbeitgeber, welche sie gegen besseres Wissen zu beschäftigen fortsahrcn. — Das sieht allerdings nicht nach einer ausnahmslosen Kriegsbegeisterung aus.
Die Nachrichten von gestern lauten:
London, 16. Oktbr. Seit gestern sind die Meldungen aus Kapstadt vollständig ausgeblieben infolge der energischen Censur, welche über alle südafrikanischen Telegramme verhängt ist.
London, 16. Oktbr. Der Berichterstatter der „Times" in Südafrika meldet, daß 300 Gepäckwagen der Buren nach Ladysmith unterwegs sind während über 50C 0 Buren sich bereits auf englischem Gebiet befinden. General Joubert hat dem Korrespondenten der „Times" untersagt, die Truppenbewegungen der Buren zu verfolgen. Zwei Kompagnien befinden sich als Vorposten der Buren-Armee bei New-Castle.
London, 16. Oktbr. Aus Kapstadt wird offiziös bestätigt, daß starke Truppen-Abtheilungen aus Trausvaal und dem Oranje Freistaat in Natal ein getroffen sind. Der englische General White hat zwei Regimenter gegen die Buren ausgesandt mit dem Befehl, dieselben anzugreifen. In Port 9tatal ist gestern ein aus Indien kommendes Transportschiff mit 700 Mann englischen Truppen angekommen.
London, 16. Oktbr. Bei Dundee wurden einige Schüsse zwischen einer englischen Patrouille und einer Abtheilung Buren, welche den Buffalo überschritten, gewechselt, aber ohne Verluste. Ladysmith ist vorzüglich befestigt. General
wie im Himmel. So versichern ihnen eifrig die eleganten Unteroffiziere, die sich schnell an Jedcn heranmachen, den sie fdjwanten und den Gedanken des Eintritts in die Armee erwägen sehen. So löst sich denn bald dieser, bald jener junge Mensch aus der Gruppe und folgt dem Rothrock in die Kaserne, wo er nach kurzen Formalien als Soldat an- geworben wird. Dabei geht es sehr schnell zu, damit der Auzuwerbende sich nicht etwa noch einmal besinnen könne; aber bei Vielen folgt dann die Reue gar bald auf dem Fuße, und nicht weniger als 4000 Mann im Jahre desertiren aus der englischen Armee. Etwa 2000 machen dann noch von dem Rechte Gebrauch, sich gegen Erlegung von 10 Pfd. Sterling vom Dienste loszukaufen; und von den Angeworbenen, die noch übrig bleiben, muß die Armee selbst wieder an die 2000 im Jahre wegjagen, weil sie ein gar zu wüstes Gesindel sind.
Die Uebrigbleibenden aber haben es, wenn auch das Plakat ihre Existenz gar zu rosig schildert, doch in Wirklichkeit nicht schlecht. Allerdings steht der britische Soldat in der öffentlichen Schätzung nicht hoch; der konservative Engländer hält nun einmal an der Vorstellung fest, daß wer sich anwerben läßt, mehr ober minder ein mauvais sujet sei, und aller Ruhm von Omdurman oder vom Khaiber-Passe wäscht den Einzelnen von diesem Makel nicht rein. Dafür hat ers in seiner Kaserne gut. Sein Dienst nimmt ihn täglich nur vier Stunden in Anspruch, dann muß er noch eine Stunde Instruktion absitzen und für den Rest des Tages ist er ein freier Mann, der sich mit Eifer und Behagen den Sportspielen widmet, die für den Normal-Engländer ein Lebensbedürfniß bilden und für die in seiner Kaserne ausgiebige Vorrichtungen getroffen sind. Zweimal in der Woche ist er Nachmittags sogar ganz frei. Dann spielt er Cricket ober Fußball ober hält sich im Necreatiou-Room des Regiments auf, dem überall besondere Sorgfalt gewidmet ist. Dort findet
White hat 9000 Mann dort und 4000 bei Dundee. Er kann also den Angriff ruhig abwarten.
London, 16. Oktbr. Nach den neuesten Meldungen aus Natal sind 16,000 Buren mit 12 Geschützen von Osten aufgebrochen und stehen 15 Meilen von Dundee. Ebenso sind die Buren bei Ladysmith im Vormarsch begriffen. Man erwartet einen großen Angriff auf beide Plätze.
London, 16. Oktbr. Nach einer Meldung der „Daily Mail" ist New-Castle gestern Abend um 5 Uhr besetzt worden.
London, 16. Oktbr. Nach Meldungen aus Kapstadt ist Kimberley von den Buren vollständig eingeschlossen. Mafeking soll bereits von denselben erobert sein.
London, 16. Oktbr. Die „Central News" melden: Die letzten Nachrichten aus Mafeking über Kimberley, ehe der Draht zerschnitten wurde, lauten: Die Stadt wird von den Buren unaufhörlich mit Bomben beworfen. Es geht das Gerücht von der Kapitulation, doch ist nichts sicheres bekannt.
London, 16. Oktbr. Die „Times" veröffentlichen in ihrer heutigen Abend-Ausgabe ein Telegramm aus Kapstadt, wonach die Afrikander in der Kap-Kolonie beschlossen haben, mit den Buren gemeinsame Sache zu machen. Diese Meldung wird in den Londoner Transvaalkreisen bestätigt.
London, 16. Oktbr. „Daily Telegraph" wird aus Pietermaritzburg gemeldet: Der Vorstoß der Buren nach Actonhomes bei Ladysmith und deren Rückzug bezweckte, die Truppen des Generals White in die Drakenburg-Pässe Hinein- zuziehen, während Kolonnen der Buren von Norden und Osten Dundee und Ladysmith angreifen sollten. Diese Lift ist mißlungen. Indessen soll General White über 15,000 Mann Truppen in Ladysmith verfügen. In Glencoe verlautet, General Joubert bereite eine Tefensivstellung in Laingsnek vor.
Tirndoe, 16. Oktbr. Gestern besetzten die Buren unter Dilften und Oberst Schiel New Castle, hißten die Transvaalflagge und rückte auf Ladysmith vor.
Paris, 16. Oktbr. Wie bestimmt verlautet, wird noch Ende dieser Woche ein wichtiges politisches Ereigniß erwartet. Die letzte Unterredung, welche Graf Murawiew mit dem fran= zösischen Minister des Aeußern gehabt, habe zu einem Ein- verständniß über die Transvaal-Angelegenheit geführt. Man erwartet, daß in der nächsten Woche die Veröffentlichung dieser Vereinbarung erfolgen wird.
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London, 17. Oktbr. Das Meeting gegen Transvaal verlief äußerst enthusiastisch. Der Lord-Major erklärte unter großem Beifall: Ein kleiner afrikanischer Staat habe der Königin des ersten Reiches der Welt ein Ultimatum geschickt. Das sei der Dauk dafür, daß Engländ großmüthig den Buren ihr Land gegeben habe. Eine Stimme rief: Laßt die sümpfen,
er eine Bibliothek und ein Lesezimmer, ein Billardzimmer und eine Kegelbahn und gewöhnlich sogar eine Bühne, auf der Abends Konzerte ober Vorstellungen stattfinden. Die drei Mahlzeiten, die er täglich erhält, füttern ihn bald gut heraus und nach wenigen Jahren ist der halbverhungert^und heruntergekommene Mensch, der vor dem Plakate auf Trafalgar- Square stand, ein wohlgenährter, stattlicher und stolzer Soldat geworden.
Was dieser Soldat im Felde leisten kann, hat er hundertmal gezeigt. Er ist tapfer, zähe, entschlossen und ruhig. Aber "er hat auch zwei große Mängel: er ist gewöhnlich zu jung, da die Altersgrenze recht niedrig gestellt ist und bei der Anwerbung nicht einmal sehr streng auf das Minimum des Alters gehalten wirb. Vor allen: aber: er ist von seiner Kaserne her an zu großen Komfort gewöhnt. Er wird stündig von seiner Küche bedient und weiß sich sein Mahl nicht selbst zu bereiten; so kam es im Krimkriege vor, daß die Soldaten mit ihren 1'/, Pfund Fleisch in der Hand hungerten, weil sie nicht wußten, was damit anzufangen sei. Wen« unge- wöhnliche und anstrengende Arbeiten im Felde zu leisten sind, so fehlt es den: britischen Soldaten zwar nicht an Kraft und Ausdauer, wohl aber an Intelligenz und Schick; er ist in Friedenszciteu zu derlei Arbeiten nicht angehalten worden, da man allen Grund hat, ihn in der Kaserne bei guter Laune zu erhalten. Ohnedies geschieht es nicht eben selten, daß die Soldaten in der Kaserne dem Vorgesetzten den Gehorsam verweigern. Im Felde freilich gehorchen sie der Führung prompt.
Eigenthümlich ist die Stellung der Subalternoffiziere. Sie werden von den Soldaten nicht gegrüßt. Dabei hat der britische Siobalternosfizier einen ausgedehnteren Dienstbereich und eine größere Verantwortung, als der deutsche oder der französische. Der englische Offizier versieht seinen Dienst einigermaßen im Stile des Grandseigncurs; er überläßt einen guten Theil der Arbeiten, die er bei uns selbst