Erstes Blatt.
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Nr. 241.
Samstag den 14. Oktober
1899
Dicustmchrichtcn aus dem Kreise.
Gefunden: 1 blaue Schürze. 1 blauer Shlips. 1 alte wollene Pferdedecke. 1 schwarzer gehäkelter Schulterkragen. In der Gemarkung Oberrodenbach auf einem Ackergrundstück neben der Straße nach Niederrodenbach 1 kleine Damenuhr mit der Nr. 5124; Empsangnahme bei dem Herrn Bürgermeister zu Oberrodenbach.
Verloren: 1 Schlüssel und 1 Schlinke mit Ring. 1 Theaterbillet erste Rangloge Nr. 8 rechts.
Vom Wäsenmeister am 13. d. Mts. eingefangen 1 schwarzer Spitz und 1 schwarz und weißer Bastard, beide m. Geschl.
Hanau am 14. Oktober 1899.
Politische und unpolitische Nachrichten.
Berlin, 13. Oktbr. Wie der „Reichs-Anzeiger" meldet, ist der Staatminister Botho Graf zu Eulenburg nach Berlin in das preußische Herrenhaus berufen worden.
London, 13. Oktober. Der heute Vormittag zu- santmengetretene Kabinetsrath sollte die Thronrede feststellen.
Berlin, 13. Oktbr. Aus England kommt eine sensationelle Nachricht über die angebliche Niedermetzelung einer deutschen Expedition in Kamerun. In hiesigen maßgebenden Kreisen ist jedoch von einer solchen Altgelegenheit nichts bekannt. Man zweifelt die Richtigkeit der Meldung an und ist der Ansicht, daß der Gouverneur von Kamerun Zweifellos von einem Ereignisse von solcher Tragweite Kunde erlangt hat und auf telegraphischem Wege der Reichs- Regierung davon Mittheilung gemacht hätte.
Berlin, 13. Oktbr. In der besonnten .Angelegenheit des Afrikareisenden Dr. Esser wird berichtet, daß derselbe unter Belassung seiner Offiziers-Qualität den schlichten Abschied aus dem Militär-Dienstverhältniß erhalten hat.
Berlin, 13. Oktober. Die Novelle zum Unfall-Ver- sicherungsgesetz dürfte dem Bundesrath erst nach Neujahr zugehen. Gegenwärtig unterliegen die vom Reichsamt des Innern ausgearbeiteten Abänderungs-Vorschläge erst der Begutachtung des preußischen Staatsministeriums.
Berlin, 13. Oktbr. (Spieler-Prozeß. Heute wurde zunächst der Schneider des Mitangeklagten v. Kröcher, Effekten-Lieferant Schulz, vernommen, welcher bekundet, daß er Herrn von Kröcher 2000 Mk. geliehen habe, welchen Betrag dieser ihm aus einem größeren Spielgewinn prompt zurückgezahlt hat. Der Angeklagte von Kröcher hatte während eines Vierteljahres zwei Wohnungen inne, für die er in
dieser Zeit 1000 Mk. Miethe zu zahlen hatte. Im weiteren Verlaufe der Verhandlung werden eine Reche von Offizieren nernommen, welche über ihre Verluste im Spielklub berichten, sonst aber nichts Neues aussagen. Der Mitangeklagte von Kayser stellt fest, daß ihm von seiner Mutter jährlich 70,000 Mark zustanden. Zeuge Leutnant Höpfner schränkt seine belastende Aussage in der Voruntersuchung heute wesentlich ein, welcher Umstand den Oberstaatsanwalt veranlaßt, festzustellen, daß die Zeugen sämmtlich in der Voruntersuchung belastender ausgesag? haben, als sie heute bekunden. Wenn daher also «ine vielleicht unnöthige Schärfe in die Voruntersuchung hineingekommen sei, so sei das nicht die Schuld der Behörde, sondern die Schuld der Zeugen. Zeuge Schneider Schwarz legt nun einige Schnnder-Rechnungen von Kröcher vor, welche ziemlich hohe Beträge aufweisen. Verschiedene weitere Zeugen, meist Offiziere des Garde-Korps und der Husaren- Regimenter bekunden über die Vorgänge im Central-Hotel in demselben Sinne wie die früheren Zeugen. Hauptmaun Nix hat insgesammt am Spieltisch ca. 50,000 Mk. verloren. Nach der Aussage des Zeugen ist Herr von Zedlitz der geistige Leiter der Spielgesellschaft im Victoria-Hotel gewesen. Derselbe habe auch das Bonmot vom Klub der Harmlosen aufgebracht. Die Sitzung wird auf morgen früh vertagt. Man hofft morgen mit der Zeugen-Vernehmung zu Ende zu kommen. Am Montag fällt die Sitzung wegen kommissarischer Vernehmungen aus. Das Urtheil steht Mittwoch Abend oder Donnerstag Vormittag zu erwarten.
Stettin, 13. Oktbr. Der Zusammenstoß der Dampfer Blücher und Politz, der am 16. Juni auf der Oder bei Stettin erfolgte und den Untergang des Blücher zur Folge hatte, wobei 15 Personen ertranken, war Gegenstand einer Verhandlung vor der hiesigen Strafkammer. Die Beweisaufnahme ergab, daß der Kapitän des Politz, Ehrte, die Schuld an dem Unfall sragt Er wurde zu anderthalb Jahren Gefängniß verurtheüt. ^ er Kapitän des „Blücher", Winter wurde freigesprochen.
Pretoria, 13. ^tbr. Präsident Krüger lehnt^ es ab, Pretoria zu verlassen. (r erklärte, er werde wie ein braver
Kapitän auf der Brücke bleiben, gleichviel ob sein Schiff sicher in den Hafen einlaufe oder in die Tiefe sinke.
Tagesschau.
Der frühere Niederbarnimer Landrath von Waldow
ist zum Regierungs-Präsidenten in Königsberg in Preußen ernannt worden. Herr von Waldow hat eine ganz ungewöhnlich schnelle Karriere gemacht. Vor neun Jahren noch Regierungs-Assessor, wurde ihm das Nieder-Barnimer Landrathsamt übertragen, dem er bis Anfang vorigen Jahres Vorstand, worauf er unter Ernennung zum Ober-Präsidial- rath nach Königsberg versetzt wurde. Der neue Regierungs- Präsident galt schon immer als ein hervorragend tüchtiger
Verwaltungs-Beamter, dem noch eine große bevorsteht.
Die Pensionirung des Freiherr» v.
Die Nachricht, daß der bisherige Präsident Handlung, Freiherr v. Zedlitz-Neukirch nicht nur Genehmigung seines Antrages auf Pensionirung
Zukunft
Zedlitz. der See- sofort die erhalten,
sondern auch gleichzeitig damit von seinem Posten enthoben ist, hat mehrfach die Meinung wachgeruftn, daß darin eine Disziplinirung des Genannten liege, die den Wegfall der Pension zur Folge habe. Das ist aber, wie der „D. Warte" mittheilt wird, durchaus nicht der Fall. Freiherr von Zedlitz, der über 40 Jahre im Dienst ist, erhält aus diesem Grunde 45/eo seines Gehaltes von 15000 Mk. als Pension, das sind rund 10000 Mk. Daß er so schnell von dem Posten, den er kaum erst angetreten hat, wieder verschwand, dafür sei der Reichskanzler Fürst Hohenlohe eingetreten, der energisch an maßgebender Stelle die Ansicht verfochten habe, daß, nachdem die Landräthe und Regierungs-Präsidenten, die gegen die Kanalvorlage gestimmt hätten, durch Disziplinirung bestraft worden seien, der Präsident der Seehandlung, der in so schroffer Weise gegen die Vorlage in der Presse agitirt habe, erst recht der Strafe nicht entgehen dürfe. Mit dieser Ansicht drang er denn auch an höchster Stelle durch, die durch Herrn von Lucanus über den dringenden Wunsch des Reichskanzlers unterrichtet war. Sofort nach der Rückkehr des Kaisers wurde denn auch der Antrag des Herrn von Zedlitz um so schleuniger vollzogen, als auch Herr von Miguel den Präsidenten der Seehandlung hatte fallen lassen. Ebenso geschah es auf ausdrückliche Anordnung des Kaisers, daß Freiherr v. Zedlitz sofort seines Amtes enthoben wurde. Derselbe wird nach kurzer Erholung seine journalistische Thätigkeit zunächst an der „Post" wieder aufnehmen. Der jetzige Chefredakteur der „Post" bleibt, aber Freiherr von Zedlitz wird der eigentliche geistige Leiter der inneren Politik des^ Blattes sein, wie er es auch bisher war.
AEin Erfolg Norwegens.
Das Regierungsblatt „Post Tidning" veröffentlicht das Protokoll des aus schwedischen und norwegischen Mitgliedern zusammengesetzten Staatsrathes vom 6./10. und 11. 10.. In der Sitzung vom 6. Oktober, woran auch der Kronprinz theil nahm, wurde die Frage der neuen norwegischen Handelsflagge vom Minister des Aeußern angeregt und dem Minister des Innern zum Vortrage überwiesen. Nachdem dieser die Aenderung des königlichen Erlasses vom 20. Juni 1844 im Sinne des neuen norwegischen Gesetzes befürwortet, verlangte die norwegische Abtheilung des Staatsraths ein neues Gutachten der Regierungsmitglieder von Christiania. Der König willigte ein. In der Sitzung vom 11. Oktober kam die Frage zur endgültigen Verhandlung. Der Minister des Aeußern rieth von einer Abänderung des Erlasses von 1844 ab, die übrigen Mitglieder des Staatsraths traten jedoch dem Anträge des Ministers des Innern bei, worauf der König erklärte, er bedauere den Beschluß des norwegischen Storthings betr. die Einführung der reinen norwegischen Flagge, da das Unionszeichen das Flaggenzeichen der Gleichberechtigung der Nationen sei, jedoch werde er, da der Beschluß von dem Storthing dreimal gefaßt sei, sich nicht weigern, der Veröffentlichung des Flaggengesetzes in Gemäßheit des Konstitutionsgesetzes zuzustimmen. Der König entschied daher, daß Punkt 6 des Erlasses von 1844 bezüglich der norwegischen Handelsflagge am 15. Dezember 1899 außer Kraft zu treten und der Minister des Aeußern den fremden Regierungen und Gesandtschaften sowie Konsulaten gegenüber das Nöthige zu verfügen habe. Hierdurch wird das Unionszeichen in der norwegischen Handelsflagge künftig beseitigt, bleibt aber in der schwedischen Handelsflagge bestehen. Die Flaggen der schwedischen und uorwegiscken Marine bleiben gleichfalls unverändert. Der König genehmigte die Demission des Ministers des Aeußern, des Grafen Douglas und be
Die heutige Nummer umfaßt außer dem Unterhaltungsblatt 16 Seiten
traute den Staatsminister Boström mit der einstweiligen Leitung des Ministeriums des Aeußern.
Der Krieg in Südafrika.
Nachdem nunmehr der Krieg begonnen hat, ist es zunächst von Interesse, Näheres über die Truppendisposition und die Stärke der beiderseitigen Streitkräfte zu erfahren. Die Engländer hatten im Lager von Glencoe am 11. Oktober höchstens 7000 Mann. Diesen gegenüber stehen bei Sandspruit, Wakkerstrom und Volksruft 10,000 bis 12,000 Buren aus Transvaal, etwa 2000 Buren Vryheid gegenüber an der Grenze des Buffaloflusses angesichts des Lagers von Glencoe- Dundee und in dessen Rücken an der äußersten Südspitze der Südafrikanischen Republik auf der Straße nach Dundee weitere 1000 Buren. Diesen gerade gegenüber liegen auf der Grenze des Oranje-Freistaates in zwei großen Lagern bei der Albertinastation und nördlich vom Baureenenspasse, die Straße nach Ladysmith beherrschend, 8000 Freistaatburen, bereit, die Engländer im Rücken und in ihrer linken Flanke zu fassen, während die Transvaalkommandos über Newcastle gegen die Briten vorrücken. An der Westgrenze ist die Lage der Engländer weit bedrohlicher, ebenso an der Südgrenze. Hier stehen bei Aliwal nur noch ein halbes Regiment Infanterie FLancashire) und etwa 100 Mann berittene Infanterie, etwas weiter südlich eine kleine Reserve von Munster- Füseliren. Kimberley gilt als durch seine Freiwilligen theil- weise geschützt, zu denen noch vier halbe Kompagnien North Lancashire mit 20 Kanonen und Maxim-Geschützen kommen, die Regulären belaufen sich auf etwa 700 Mann, die Freiwilligen zählen etwa 1600. Mafeking wird nur durch 600 berittene Freiwillige unter Oberst Baden Powell geschützt, während die Nordgrenze Transvaals fast vollständig offen ist und den dortigen Kommandos des Zoulpansberg-Distrikts, angeblich 2000 Mann, nur 4C0 Freischärler (unter Oberst Plumer) bei Tuli gegenüberstehen. Gegen Kimberley können die Buren von dem nahen Boshof aus sofort mindestens 3(00 Mann werfen, während die Pässe über die Trackens- berge vom Bothaspasse bis nach Bezuidenhout von 3000 Freistaatsburen gehalten werden und weitere 2000 Buren bei Komanport die portugiesische Grenze und die Eisenbahn nach Louren^o Marquez bewachen. Weitere 3000 Buren stehen im Innern in Reserve, und 2000 Oranjeleute bewachen das Basutoland in kleineren Lagern, um einem eventuellen Aufstande der Basutos vorzubeugen.
Hieran schließen wir folgende Betrachtung der „Nordd. Allg. Ztg." zur militärischen Lage in Südafrika: Die Streitkräfte Transvaals und der Oranje-Freistaaten werden von diesen selbst auf 50,000 Mann angegeben. Ihr Werth als berittene Infanterie wird auch von den Gegnern nicht unterschätzt; im Frühjahr d. I. haben sie eine erhebliche Verstärkung durch 25 Cchuellfeuergeschütze neuester Kou- struktion erhalten. Augenblicklich sind ihre Gesammtkräfte denjenigen der Engländer noch überlegen, doch kann, abgesehen davon, wie sich der Zufluß an Freiwilligen auf beiden Seiten gestaltet, im Laufe der Zeit das Uebergewichl au Zahl, Güte der Ausrüstung, Organisation und Einheitlichkeit der Befehlsführung auf Leite» Englands fallen. Die strategische Lage ist für die beiden Freistaaten nicht günstig. Lie sind vom Feinde umgeben und vom Meere, als natürlichem Kraftzubringer abgeschlossen. Der Vortheil der Operationen auf der inneren Linie ist für sie ausgeschlossen, da bei der Noth- wendigkeit, die Grenzeu in großer Ausdehnung zu bewachen, kaum ein Truppentheil in genügender Stärke übrig bleibt, dem man eigentliche operative Aufgaben zuweisen könnte. Hierzu tritt erschwerend, daß man in den beiden Hauptzeutren geschlossene Massen zur Hülfeleistung an besonders bedrohten Grenzt heilen zurückbehalten muß. Die Kriegführung der beiden Staaten dürfte voraussichtlich an die Thätigkeit der Besatzung eines großen eingeschlossenen Platzes erinnern. So weil die Verhältnisse jetzt zu überblicken sind, werden die englischen Hauptkräfte auf der Linie Durban — Ladvsmith operiren. Von letzterem Orte aus können sie sowohl Johannesburg wie Bloemfontcin bedrohen. Zum Vorgehen gegen diese beiden Punkte müssen sie sich aller- dings erst" der vorliegenden Höhen bei Laings Nek und bei Van Sirenen bemächtigen. Hier sind wohl die ersten, den Ansschlag anbahnenden größeren Kämpfe zu erwarten. Im Verwehren der Ucbergänge durch den nach Osten abschließenden Höhenzug unb im „kleinen Krieg" gegen die rückwärtigen Verbindungen wird die Hauptthätigkeit der Transvaal-Buren sich zunächst zeigen müssen. Zum Führen des „kleinen Kriegs" haben sie den Vortheil der Beweglichkeit und größerer Unabhängigkeit von ihren Verbindungslinien. Vertheidigung und „kleiner Krieg" entscheiden aber keinen Feldzug, oder doch nur dann, wenn der Gegner seiner Aufgabe uicht ge-