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Nr. 236.

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Amtliches Organ für Htaöl- miö LanöKreis Bauau.

Erscheint täglich mit Äusnahme der Sonn- unb Feiertage, mit belletristischer Beilage

Montag den 9. Oltobcr

1899

Hierzu

Amtliche Beilage" Nr. 64.

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Amtliches.

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Bekannlniachiitigen des Königlichen Landralhsamtes.

In D i e t e s h e i m und K l e i it -, S t e i n h e i m (Kreis Offenbach) ist die Maul- und Klauenseuche erloschen.

Hanau am 8. Oktober 1899.

Der Königliche Landrath.

V. 10241/2 v. Schen ck.

Tiknftiiatziillllcn aus Dem Streife.

Gefunden: 1 Peitsche, 1 wollene Pferdedecke, 1 Geld­stück, 1 Portemonnaie mit einigen Pfennigen.

K Verloren: 1 Coupon der Frankfurter Hypothekenbank Lit. R. Serie XIV 6 M., fällig 1. 10. 99.

Zugelaufen: 1 junger weißer Foxterrier mit gelben Kopf und schwarzen Flecken auf dem Rücken.

Hanau am 9. Oktober 1899.

Die niederländischen Königinnen in Potsdam.

Königin Wilhelmine der Niederlande ist am Sonnabend mit ihrer Mutter, der Königin-Wittwe Emma, in Potsdam eingetroffen, um einer Taufe im Hause des Erbprinzenpaares von Wied beizuwohnen. Die verstorbene Mittler der Erb- prinzefsiu von Wied, Prinzessin Pauline von Württemberg aus dem Hause Waldeck, war eine Schwester der Königin Emma, und die Mutter des Erbprinzen von Wied ist eine Prinzessin der Niederlande, sodaß also doppelte verwaudschaft- liche Baude der Reise der beiden holländischen Königinnen zu Grunde liegen. Ist die Veranlassung des Besuchs also auch nur ein unpolitisches Familienfest, so ist er doch für die Be­ziehungen Deutschlands ;n dem stammverwandten Holland nicht ohne glückliche Bedeutung.

Unser Kaiser ist am Freitag von Rominten nach Potsdam zurückgekehrt und hat die beiden Königinnen als Gäste im dortigen Stadtschlosse ausgenommen. Seinem Beispiele folgend, begegnet das deutsche Volk der jugendlichen Trägerin der holländischen Krone unb ihrer Mutter, die bis zur Groß- jährigkeit der Königin Wilhelmine im vorigen Jahre die Re­gierung Hollands geführt hat, mit den aufrichtigsten Sympa- thien, ' und dabei wirken nicht nur die herzgewinnenden Pcr- sönlichkciten beider'hohen Frauen mit, sondern auch die Theil-

Feuilleton.

Airs Kunst und Leben.

= Stadtiheatcr in Hanan. Den: Andenken des ersten Kleisters unserer Litteratur war die gestrige Vorstellung im Stadttheater gewidmet; denn unsere Direktion hatte zur Nachfeier des 150. Geburtstages von Wolfgang Goethe eine Aufführung des ersten Theiles seiner gewaltigen Dichtung Faust" ins Werk gesetzt. Es soll auch hier mit Dauk für unsere Theaterleitung hervorgehoben werden, daß die gestrige Aufführung die erste unseres Wissens war, bei welcher derProlog im Himmel", diese feierliche Eingangs­pforte zu der weltweiten Dichtung, mit zur Darstellung ge­langte. Zu achtlos ist mau bei früheren Aufführungen an dieser Eingangsszene vorbeigegangen, die für den dramatischen Aufbau doch gerade so unentbehrlich ist, wie für ein Ver­stehen des Ganzen. Im Gegensatz zii dem Faust der alten Volkssage zeigt uns hier der Dichter den Sieg über die höllischen Mächte voraus und wir treten ein in die krausen düsteren Szenen des Dramas, indem wir vorher aus freier lichter Höhe einen befreienden Ausblick über das Ganze gc Wonnen' haben. Andererseits müssen wir aber bedauern, daß man mit den übrigen Theilen der Dichtung, und zwar ins­besondere der erstell Szenen, doch allzu grausam verfahren ist und dem ausmerzeuden Einfluß der Regie auf das Werk Stellen zum Opfer gefallen sind, die sich durch besondere Schönheit und hohen Gedankengehalt auszeichnen. Begierig durfte man sein, wie sich unser neues Personal mit der ge­stellten großen Aufgabe absinden werde; bemt alle Rollen stellen an ihre Träger hohe Anforderungen, derFaust" in seiner Doppclnatnr "wohl die höchsten. Es gilt für den Dar­steller den Denker zu zeichnen, der, von Ekel für die Welt und seine Kunst erfüllt, seine letzte Zuflucht zii dem Gift­

nahme, mit der wir in Deutschland die Geschicke des Hauses Oranien und des klugen, thatkräftigen unb glaubenstreuen Volkes der Holländer von jeher verfolgt haben. In vieler Beziehung samt uns die Geschichte dieses germanischen Volkes zur Nachahmung dienen, das muthig für seine Unabhängigkeit unb Glaubensfreiheit stritt, große Seehelden im Kampfe mit der spanischeil unb englischen Uebermacht hervorbrachte unb auf dem Gebiete der Kunst Unvergängliches leistete.

Erst kürzlich sind in der öffentlichen Meinung Hollands ernste Betrachtungen darüber ailgestellt worden, ob unb wie ein engerer wirthschaftlicher Anschluß an das deutsche Reich gefunben werben könnte. Hat das zunächst mich nur zur Erkelllltniß der mancherlei verschiedenen ökonomischen und zoll- politischen Bedingungen geführt, unter denen beide Länder leben, so ist dabei doch deutlich zu Tage getreten, daß das Mißtrauen gegen ben stärkeren Nachbar, das nach der Er- richtung des deutschen Reiches weite Kreise in Holland be­herrschte, geschwunden ist und dem Vertrauen in die Loyalität der deutschen Politik Platz gemacht hat. Umso mehr dürfen wir hoffen, daß der Besuch der beiden Königinnen in Pots­dam dazu beitragen wird, die frenndnachbarlichen Beziehungen zwischen dem deutschen Reiche und den Niederlanden zu befestigen.

Tagesschau.

DieGenossen" unter sich.

Die Einigkeit unter den Führern der Sozialdemokratie ist niemals groß gewesen, jetzt aber scheint Alles drunter und drüber zu gehen. Bcbel hatte gesagt, daß Liebknecht, wenn der Fall Dreyfus sich in Deutschland ereignet hätte, dieselbe Stellung einnehmen würde, die von den französischen Genossen eingenommen worden ist. Der alte Liebknecht aber sagt, daß Bebel mit dieser Annahme vollständig irre; er werde die Stellung der französischen Sozialdemokraten unter allen Um- ftäuben verurtheileu, und er halte es für sehr unlogisch, die Taktik im Falle Dreyfus zu billigen und ben Eintritt Mille­rands ins Ministerium zu verurtheileu. Der Abg. Schön- lanf in Leipzig hat demVorwärts" viel Schmerze» gemacht, so daß sich das offizielle Organ veranlaßt sieht, ihm klipp und klar zu erkläre», daß, wer so viele Verstöße gegen Pro­gramm unb Partei-Taktik begangen, wer so viel opportu­nistisch gesündigt, wer so viel auf dem Kerbholze habe, nicht mehr in die Reihen der Genossen gehöre. Ob Schön tank nun fliegt ? Am gröbsten aber ist der alte Liebknecht gegen die gefi»»ungstüchtige Genossin Rosa Luxemburg. Er be­zeichnet sie ohne weitem Zusatz als Kapitols-Wächterin. Wer damals das Kapital bewacht und durch sein Schnattern ge rettet hat, ist bekannt. Die arme Rosa hat sich's wohl

trank nimmt, den ihm der süße, einschmeichelnde Ekoral unb der fromme Ostcrglockcnklang dann mit Gewalt vorn Munde zieht und ihn dem Leben wieder zurückgibt, dann wiederum den Gelehrten, in beffen Brust sich, wie er beim Osterspazier gang seinem Famulus kund gibt, die zwei Seelen streiten, deren Eine ihn mit derber Liebeslnst an die Welt sich klammern läßt, während ihn die andere zu höheren Gefilden hebt, bis dann Mephisto ihn durch ben Trank der Hexe verjüngt, die sinnlichen Begierden in ihm weckt und ihn als Hebesburftigen Menschen in die Welt des Genusses führt, dem bann Gretchen in seiner Reinheit und Unschuld zum Opfer fällt. Unserem jungen Heldendarsteller, Herrn Becker, war die Aufgabe zugefallen, diese Rolle zu verkörpern, aber wenn wir auch die. schönen Mittel, die ihm für seinen Beruf zu Gebote stehen, voll würdigen wollen, so können wir ihm doch nicht das Zeugniß geben, daß seine Darstellung den Anforderungen der Rolle entsprochen hätte. Den Liebhaber Faust lassen wir gelten, hier zeigte der Darsteller Wärme des Gefühls und leidenschaftliches Feuer, aber dem Denker und Zweifler blieb er doch zu Vieles schuldig, für diese Aufgabe muß sich fein Können erst ausreifen. Einzelne Momente, in denen er sich zur Höhe seiner Aufgabe emporschwang, sollen nicht uner­wähnt bleiben, so in dem ersten Theile des Monologs als auch bei dem Osterspaziergang. AIs recht routinirter Dar­steller zeigte sich Herr Litke alsMephisto". Seine Auf­fassung neigt mehr der humoristischen Seite zu, der teuflische Humor des Schalkes, der seine Freude am Bösen hat, behält die Oberhand und tritt in seiner Darstellung manchmal etwas zu sehr in den Vordergrund auf Kosten der teuflischen Bos­heit des Lügengottes und des Feindes und Berderbers alles Guten und Bestehenden. DasGretchen", diese liebliche Mädchengestalt, fand in Frl. S t c i n b r ü ck eine verständige Darstellerin; scheinbar einfach und schlicht aber doch klug durchdacht war ihre Leistung. Da aber der Verstand mehr

nicht träumen lassen, von einem Genossen als Gans bezeichnet zu werden.

__Kriegervereine und Sozialdemokratie.

Die Vorstauds-Mitglicder des Gardevereins in Sitten hatten kürzlich ihre Aemter nicbergelcgt, weil ein Mitglied, das der Sozialdemokratie seinen Saal überlassen hatte, nicht ausgeschlossen worden war. In einer außerordentlich stark besuchten General-Versammlung ist nunmehr einstimmig be­schlossen worden jenes Mitglied auszuschließen. Die frühern Gegner der Ausschließung nahmen ihre Stimme mit dem Ausdrucke des Bedauerns zurück. Die Vorstands-Mitglicder wurden durch Zuruf wiedergewählt und folgende Entschließung angenommen:Die heute tagende General-Versammlung des Gardevereins Witte» erklärt hiermit, um allen Zweifeln vor- zubcuge»: Die Ziele unb Bestrebungen der sozialdemokratischen Partei richten sich gegen das Bestehen des Staates und unsers kaiserlich-königlichen Hauses. Da wir aber in der Pflege der Treue zum Vaterlandc und seinem obersten Kriegs­herrn eine unserer vor»ehmsten Aufgaben erblicken, können wir Personen, welche sich zu den Bestrebungen dieser Partei bekennen oder dieselben direkt oder indirekt unterstützen, in unserm Verein nicht dulden."

Politische und unpolitische Nachrichten.

(Depeschen B u r e a u-.He r » l d) *

Berlin, 8. Oktober. Die Königin Wilhelmine von Holland unb ihre Mutter sind gestern Abend in Potsdam eingetroffen und vom Kaiser, dem Erbprinzeupaare zu Wied sowie der Fürstin-Mutter zu Wied am Bahnhöfe empfangen worden. Nach der Begrüßung begaben sich die hohe» Herrschaften nach dem Stadtschloß, woselbst die Kaiserin die beiden Königiitnen empfing; Abends fand im Schlosse Gala-Diner statt.

Berlin, 8. Oktober. DiePost" bestätigt, daß der Präsident der Seehandlung, Freiherr von Zedlitz, wegen seines Augenleidens seine Versetzung in den R u h c st a n d »achgc- sucht hat.

Berlin, 8. Oktober. Eine folgenschwere Explosion hat gestern in der Anilin-Fabrik in Rummelsburg stattge- funben. 5 Arbeiter wurden durch eine heiße Masse, welche unter starkem Druck auf einen Reduktions-Apparate aus- strömte, stark verbrüht.

Flensbnrg, 8. Oktober. Die dänische Park Eliza von Esbjerg ist in dein letzten Sturme gesunken. Die Be­satzung von 10 Mann hat ihren Tod in den Wellen ge- funben.

Osnabrück, 8. Oktober. Die Konsekration Jnthro- nation des Bischofs Boß fand heute Vormittag statt. An

als das Herz Antheil an ihrer Darstellung hatte, so büßte ihr Gretchen viel von dem poetischen Zauber, mit dem es der Dichter ansgestattet, ein; in der Kerkerszene ging sie mit ihren Mitteln etwas zu haushälterisch um. Eine schöne Leistung voll köstlichen Humürs bot uns Frau H a n t k e als Martha". Herr S in i th alsValentin" wirkte sympathisch, ging jedoch etwas zu rasch über seine Verse hinweg; inwieweit das Lampenlicht Einfluß auf die Ausdrucksfähigkeit seiner Darstellung hat, werben weitere Proben lehren. Eine gut ausgearbeitete und fein durchdachte Stiftung war derWagner" des Herrn H ein ich, der den trockenen Schleicher in Spiel unb Maske gut zu charakterisiren wußte. Auch Herr K r o n alsSchüler" verdient iioch mit besonderer Auszeichnung ge­nannt zu werden. Die übrigen Rollen waren gut besetzt. Herr M e tz hatte sich des Zilsammenspiels mit besonderer Sorgfalt angenommen, seiner Regieführung sei anerkennend gedacht.

i Vermischte Nachrichten.

Der Kaiser als Pathe. Mgemein ist die Ansicht vertreten, daß der Kaiser bei dem siebenten Sohne eines Ehe­paares stets Pathenstelle annimmt. Aus einem Schreiben des kaiserlichen Eivilkabiiiets au den Milchfahrer Golembiewski zu Kulmsee geht indessen hervor, daß dies nicht der Fall ist. Golembiewski hatte den Kaiser gebeten, bei seinem siebenten Sohne Pathenstelle zil übernehmen. Da von den sieben Söhnen jedoch schon einige gestorben sind, so erhielt er jetzt den Bescheid, daß der Monarch die Uebernahme der Pathen­stelle ablehnen müsse, weil es Gepflogenheit des Kaisers sei, Patheiistelle bei dem siebenten Sohne einer Familie nur dann anzunehmen, wenn dessen sämmtliche Brüder noch am Leben sind. Der Herrscher ließ jedoch für den Heiuen Erdenbürger bei der Sparkaffenstelle zu Thorn ein Geldgeschenk von 30 Mark verzinslich niederlegen.