Erstes Blatt.
Sinrücknxg». gebühr
für Stadt- und Land« kreis Hanau 10 ^ di« 4gespaltene Garmondzeile oder deren Raum, für Auswärts 15 ^.
Im Reklamentheil die Zeile .20 ^, für Auswärts 30 ^.
Amtliches Organ für Stsöt- unS LsnöKreis Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Nr. 229
Samstag ien 30. September
189»
Hierzu „Amtliche Beilage" Nr. 62.
Amtliches.
^anö&ret# ^anau.
Bekanntmachungen des Königlichen Landrathsamtes.
f: In Lichenroih (Kreis Gell Hausen) ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen.
Hanau am 29. September 1899.
Der Königliche Landrath.
V. 9680 v. Schenck.
[) Tillipiliichiichtku aus dem Kreise.
Gefunden: Ein kleiveS Portemonnaie mit einigen Pfennigen. Eine Peitsche. Ein großer Hundemaulkorb. Ein Stuh sitz. Don der Post hier abgeliefert eine Postkarte, eine Zehn- und zwei Füns-Pfernig-Markcn und zwei kleine Schlüssel mit einem Ring. Ein ArbefisLuch für Theodor Eerf aus Berlin.
Verloren: Eine silberne Damenuhr obve Bügel. Eine Vorstecknadel mit den Buchstaben C. A. Ein Brillantring. Eine Gewerbelegilimationskarte für Adolf Hcffmaun aus Wiesbaden.
Hanau am 30. September 1899.
^Ueber den Konflikt zwischen England nnd Transvaal
liegt Folgendes vor:
Resolution des Oranje - Freistaates.
Haag, 20. S<pt. Tie von dem Voiksiaad des Orar je-Freistaates angenommene Resolrton lautet nach einer dem außeiordertl chen Gesantten dek FreistotteS im Haag, Dr. H. Müller, zvgegang'nen Dtp sche ausführlich wie folgt: Der VolkSiavd rahm die Rere des Präsidenten Stein und die daraus bezüglichen, ihm vorgelegten Dokumente und Korrespondenzen zur Kenntniß. Er zieht die gesammte Lage der Dinge in Süd - Afrika in Erwägung. Die be- kannttn Meinungs - Der chiedenheiten zwischen der englischen Regierung und der iüdastikanischen Republik drohen die Gest hr von Feindseligkeiten mit sich zu brrrgm, deren traurige Folgen für alle weißin Bewohner Südafrikas unkerech «bar wären. Der O- arje Freistaat ist mit der südafrikanischen Repu'l k durch die eignen Bande des Blutes und durch ein
FsNMetsn.
Elinncrutlgcn an Bühnengrößen.
Emil Scaria und der Kanzler.
Von K. Meister.?
(Nachdruck verboten.)
ES war in allen Theater- uvd Äunfif.eifen bekannte Thatsache, daß der „Sifttne Kanzler", nufer Bismcrck, wenn arch «ich" gerade (in Feiud, so doch mindestens kein großer Fllund von Sängern war mit Ausnahme der ti-fen.seriö en Büste und auch nur Wewge von Vi sen samten den „Grund- baß des deutschen O'ch sters" befriedigen. Zu diesen Wenigen gehörte der phänomenale Wagnersänger Emil Scaria, ein ©längstem der Dresdener Hofoper -inst, später eine der ersten Zieren der K. K. Wiener Hofoper. Er war einer der wenigen Auserlesenen, die B smarck im Dr. Dirvff'schen Hause, wo der Reichske nzler während seiner Kur in Kissingen weilte, gern empfing. Die gewaltige Fülle des Scaria'schen Basses, die Wagver so begeisterte, die schöne heldenhafte Gestalt des Sängers und beffen rnverwüstlicher Humor hatten Bismarck gewonnen. — Schon fett meinen längsten Taxen hüte ich Ccaria'S Zutrauen errungen, der nicht ohne Erfolg meinem Vater zu bedenken gab, mich doch ja mit meiner Tenorstimme zur Bühne zu lasten. War es nun da ein Wunder, daß Scaria sich freute, mich in Kissingen während seiner Sommerkur zu tiessen? Sollte ich ja doch meinem Vater, der ihn als Medizinalrath in Dresden zu seinen Patilnten und Freunden zahlte, berichten wie getreu mb pünktlich er seine Kmvorschnsten ersüllte. Wie so manch anderer Patient meines Patient meiner VaterS fürchtete Scaria die immense Grobheit meines VaterS. Da> Elfte was ich that, als ich Scaria traf, war, ihn zu bitten, mir doch einmal Gelegenheit zu geben, Bismarck's Stimme in der
Bündniß verknüpft und steht zugleich in höchst freundlichen Beziehungen zur englischen Regierung. Wir befürchten, wem ein Krieg ausbricht, so wird ein £a§ zwischen den euro päischen Reffen in Südafrika erstacht werden, der noch in ferner Z «korst die friedliche Eukw ckelvnz aller Staaten und Kolonien Südafrikas himmen und mivdern würde. Ter $ eifere ab ist sich b erruft, daß aus ihm die ernsten V.rpfl ch- turgen ruhen, daS Möglichste zu thun, um Blutvergießen zu verhindern. Der Voksraad erwögt, daß im Verlauf der Verhamlvngcn mit der englischen Regierung, die sich über mehrere Monate erstreckten, die Regierung der südafrikanischere Republik sich in jeder Weise bemüht hat, die Beschwerden, wilche von den Uitkönders der südafrikanischen Republik vor- gebiacht, und welche von der englischen Regierung zur eigenen Sache gemalt nun en, friedlich zu erledigen. Ader Liese Brmühungen hotun leider nur den Erfolg, daß englisch» Truppen an den Grenzen Transvaals angesamm-lt find und immer weiter verstärkt werden. Aus allen diesen Gründen beschließt der Volktzraad, die Regierung des Oranje F eiftaaies zu ersucht«, noch weiter Alles, was in ihrer Moül steht, zu thun, um den Frieden zu bewahren und zu befestigen m mit sri-blichen Miit In zur Lösung der rorhaudeneu Meinurgs- verschiedenheiten beizutragen, vorausgesetzt, daß dies ohne Verletzung der Ehre und der Unabhängigkeit des Oranje oder des Transvaal-Freistaates hiibe'ge ührt werden sann. Der Bolksraed wänicht ferner unzweideutig als seine Meinung zu erklären, daß fein Grund zum Kr eg vorhaudee ist, mb daß, wenn jetzt ein Krieg gegen Trarsvoal durü die englische Regierung b gönnen oder veranlaßt wird, dies moralisch ein Krieg gegen die ganze w ise Berölkerur g Südafrikas sein mb in seinen Folgen verhängn ßvcll und fierelhast sein würde. Der Frestaat erkält ferner, daß er ehrlich und treu s inen Verpflrchrungen -ezrnüber Transvaal, die sich aus d m politischen Bündniß zwischen beiden Republiken ergeben, Nachkommen werde, was immer geschehen möge.
Die Forderungen des englischen Kobiuetsraths
London, 29. S'ptbr. Der „Pall Mall ®a$üte* zufolge beschloß der Krbivelsrath folgende Forderunzen an T ar.soaal: I) FünsjährizeS Stimmrecht ohne einsch äukmde Bedingnngen; 2) Muvic pale Selbstverwaltung auf Grund freier Wahl für Johannesburg; 3) Trernung der richterlichen Gewalt von der Exekutive und Unabhängigkeit derselben nom Vo ksraad; 4) Abschuffang des Dynamit-Monopols;
5) Beseit'glvg des Johannesburg beherrschende» Forts. Die Beftftrgungeu von Pretoria körnen dagegen bleiben; 6) Die englische Sprache ist in den Schuun zu lehren. Das Kabivet beichloö, sofort ein Armeekorps nach Süd
Nähe, sozusagen Bismarck einmal alS „Men chen" zu ver netme«. — Scaria versprach meinen Wunsch zu «rsüSen und schon nach einigen Tagen gab er mir ein Notenblatt, die Tenorpartie eines Quartetts. ES war noch nicht gedruckt und für Scaria, der barin ein Solo hatte, geschrieben. Schon der Tlpt des SLbeS war so geschrilben, als wem das Lied für Bismar ck gedichtet worden wäre. DaS Solo deS Bassisten paßte ausgezeichnet in den Bismarck'schen Sinn:
^Wenn der Skurm auch Eichen bricht, Deutsche Mann'skraft bricht er nicht'.
Scaria hakte noch zwei sanglSkuudige Sänger gefunden und das Quertett „klappte". Am nächsten Morgen gingen wir die herrlichen Waldwege hinter dem Dirvst'schen Hause hinauf «nd dort wvßte 8iimard zu finden sei», wie Scaria behauptete, da er Birmarcks Gewohnheiten kannte. Es mochte fast eine halbe Stunde vergangen sein, da leuchtete der graue Hut deS Reichskanzlers uns entgegen. Die Riesengestalt wuchs wie auS der Erde hervor. Wir hatten uns schleunigst in das Holz verzogen und begeistert tönte das Quartett durch den Wald. Der Fürst blieb stehen; daS Auge hinauf in die Kronen der Bäume geheftet, stand er ia, der „Schöpfer Deutschlands", wie auS Erz gegossen, nur feine Hand bewegte sich taktmäßig, den Kopf feiner Dogge, deS „Reichs- hundls", streichelnd.
Wir hatten geendet--mb hofften dem Deutschesten der Deutschen vorgestellt zu werde». Doch eS kam anders. Der Kanzler kam auf uns zu, klepite Scaria auf die Achsel und sagte nur; „Ja, meine Herren, wem ein Riese wie Scaria den Bcß singt, dann muß es ebensoviel Freude machen zu fingen als zu hören". Vertraut, xemüthlich hing er sich an den Arm des von ms beneibeten Ec.ria und verschwand mit ihm.--Was hätte der Kanzler aber kazu gesagt, wenn er Scaria gesehen hätte wie ihn mein V^ter sah. —
Eines TageS war mein Vater auch in der Nähe der Scaria’i^en Wohnung. Er fuhr vor und frug das Mätchen, j
Die hetttige Nummer umfaßt außer dem Unterhaltungsblatt 18 Seite«.
afrika zu schicken. Das Parlament soll erst unberufen werden, wenn der Krieg auSbricht. Für den nächsten Dienstag ist wieder ein KabinetSrath anberaumt.
Die neuesten Telegramme laufen;
Wien, 30. Sebtbr. Die „Neue Freie Presse" erfährt aus diplomatischer Q-elle, daß Rußland und Frankreich im Sireit Erglauds mit Transvaal zum Zwecke der Herbeiführung eines Schiedsgerichtes auf Grnnd der Haager Corveution interveniren werden, daß aber Erglaud daS Schiedsgericht nicht annehmen werde, da eS Transvaal nicht als eine Macht im Sinne der Haager Corveution, sondern alS ein abhängiges Land betrachtet.
Brüssel, 30. Septbr. Das Protestmeeting, welches gestern im Volkshanse obgehalten wurde, war von zahlreichen Personen der bist re» Stände besscht. Ein Senator, sowie mehrere Abgeordnete hielten stürmische Reden gegen England und zu Gunsten Transvaals. Eine in diesem Sinne abgr- faßte Resolution wurde durch Acclamation angenommen.
London, 30. Septbr. Wie die Blätter melden, wird im Auswärtigen Amt bestätigt, daß England im Einver- ftöudniß mit Deutschland und Portugal sofort uach Eröffanng der Ferrdseligkeitm die Delagoa-Bai besehen wird.
London, 30. S-ptbr. Die „TimeS* veröffeutlichm ein Interview mit dem Piäsidenten Krüger. Derselbe erklärt darin, Alles zur Aufrechterhaltung deS Friedeas gethan zu haben, daß Chcmberlai» aber die Nuterhaudlungen bgebrochen habe. Krüzer befreitet, früher gemachte V^r- prechurgen nicht gehalten zu haben. Der Friede ist nur roch möglich, wenn er von England kommt. Der Korre- ponbeut der „Tm-s* schließt sein Telegramm mit den Worten: Man erwartet in Transvaal den sofortigen Krieg.
London, 30. Septbr. Nach dem gestrigen Kabinetsrath hatten der französiiche und russische Botschafter sowie der porlugtestsche und ruuäuische Gesandte eine Ko n fere n z mit Salisbury.
London, 30. Septbr. Mehrere hundert Personen warteten rnter den Ze chen der größten Erregung die Ents ch eid ung deS Misisterra th eS ab. Die Ungeduld über die lange Berathung zeitigte erregte Gemüther, welche wiederholt Hochrufe auf C-amberlain auSbrachten.
London, 30. S-ptbr. Der gestrige Beschluß des Mi- N'sterrathes wurde von den Zeituugsvrrkäusein unter dem Rufe „Krieg* feil eboten. Ehamberlaiu hat die Weisung erhalten, sofort s in Ultimatum zu formuliren.
London, 30. Septbr. Daily Telegraph meldet, die Königin habe ein Dekret uuterzeiq>nel, nach welchem ein geheimer Kronr*tb zusammen berufen werden soll. Man
»eichet meinem Vater auf sein Klingeln öffnete, ob der Herr Kammersänger zugegen sei; das Mädchen bejahte, mein Vater hat ein, doch kaum hatte er sich seines UeberrockcS entledigt, da stürzte Frav Scaria meinem Vater entgegen wie eine Furie: „Gott sei Dank, lieber Herr Medizinalrath, daß Sie kommen; nun setzen Sir dem Kerl einmal den Kopf zurecht." Mehr geschoben alS gegangen kam mein Vater in das Wohnzimmer Scaria'S. Mein Vater ahnte schon, daß Scaria eine tolle Nacht hinter sich hatte und wollte nun einmal gehörig losleg-v, — aber im Wohnzimmer war kein Atom deS „lockeren Sängers" z» finden und die Ungeduld meines VaterS machte sich endlich in einem nicht gerade gelispelten Ausruf Luft. — Fresdestrahlevd kommt da Scaria's bessere Hälfte gesprungen; „<so ist'S recht, lieber Medizinalrath, sagen Sie eS ihm nur recht gründlich." Zornig poltert mein Vater, „Ihr „Ke,l" ist ja gar nicht da." Erstaunt steht grau Scaria sich um und siehe da--hoch oben auf dem hohen weißen Ofen sitzt M uud stumm in sich gekauert der Sävger Scaria, der „Riese BiSwarckS"!! Nun ließ Frau Scaria eine nitte Gardinenpredigt los. Der Unhtl» Scaria hatte in einer Nacht die ganze, nicht gerade kleine Gage des MonatS in luftiger--Frau Scaria meinte „versoffener" GesiLschast beim Kartenspiel geopfert. Frau Scaria hatte durch sehr beredt, Stocksprache ihr, Meinung laut werden lassen und der „Riese" war auf den Ofen geflohen. —.Diesmal ficckte «ein Vater seine Grobheit bei Seite uud half auber». Er wußte zu genau, daß Scaria ein „Saufbold" fast war, weil er nicht durch ein Kind an sein Haus gefistelt wurde. Er bewog Scarias zur Aufnahme eines kleinen Mädchers, das der Sänger 3 Jahre später abeptirte. So wrr den kinderlosen Eltern und dem elternlosen Kinde ge- tolfen und Scaria'S Ete ward uachdem eine der glücklichsten Ehen unseres Veterlandes.