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Kr. 77

Samstag den 1. April

1899.

Fürst Bismarck, geb. 1. April 1815.

Durch lange Jahre war der 1. April ein nationaler Festtag: Ganz Deutschland feierte den Geburtstag seines größten Sohnes, und heiße Segenswünsche stiemten auS aller Herzen zum Himmel für den Helden, auf den alles zurückführt, was Großes und Herrliches dem deutschen Vater­lande im letzten Drittel dieses Jahrhunderts widerfahren ist. Mit Wehmuth gedenken wir heute jeneS Tages; zum ersten Male weilt Bismarck nicht mehr unter uns. Die stärkste deutsche Eiche hat die Windsbraut gefällt, und waS sterblich war am eisernen Kanzler, ist vor wenigen Wochen zur ewigen Ruhe bestattet.

Eis englischer Schriftsteller hst einmal gesagt:Fürst Bismarck wird, so lange er lebt, zu den nationalen Ein- richturgen gehören!" Das Wort trifft zu, auch über sein Grab hinaus; denn der Neugestalter Deutschlands war das getreueste Abbild des Dentschthums in höchster Vollendung, er ist und wird bleiben die mächtigste Jdealgestalt des deut­schen VolksgeisteS. Deutsch war sein köstlicher Humor und sein kerniger Witz, deutsch die Tiefe und Innigkeit seines Gemüthsleben, deutsch die Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit seines Wesens, deutsch die Kraft seines Gottesglanbens, die ihn frei von aller Menschenfurcht, vor allem Bangen und Zagen machte und die zugleich die nie versagende Quelle seines Vertrauens auf die Misston des DeutschthumS wurde. Lebendig wie in den Helden der Nibelungensage war in ihm germanische Treue, die Treue im Dienste feines Vaterlandes und zu seinem obersten Herrn. Deutsch war er vor allem auch in der elementaren Gewalt seines Lieöens und Hassens. Und echt deutsch war sein inniges Verhältniß zur Natur, feine Freude an Ar und Halm, seine Liebe zum häuslichen Herd und zur Familie.

Die deutsche Geschichte zählt bedeutende, ihre Zeit über­lebende Männer in reicher Zahl und Mannigfaltigkeit aber nur wenige gewähren annähernd den Maßstab um die Größe eines Bismarck zu messen, der die Riesenkraft hatte, sein auseinander strebendes Volk auf den Weg der nationalen Selbstständigkeit zu drängen, der mit machtvoller Faust an das Thor des Kyffhäusers schlug, daß es mit ehernem Klänge aufsprang, damit der Kaisergedanke, der langentschlafene, daraus tzervortreten konnte in Waffenpracht und leuchtender Majestät. Zwanzig Jahre stand dann der eiserne Kanzler an der Spitze des Reiches, in felsenfester Mannheit, mit bei­spielloser Willenskraft, zu der sich ruhige Besonnenheit und weit vorausschauende Weisheit gesellte. Riesenhaft hob er fich unter seinen Zeitgenoffen empor, Jahrzehnte lang bildete er den Mittelpunkt des öffentlichen Lebens in Eurova. Ueber alles gewöhnliche Merschenmaß hinausragend, hat er so tiefe

FEilletsn.

Osterbräliche.

Kulturgeschichtliche Skizze von Dr. R. Kempen.

[Madibruct verboten.)

Das Osterfest ist ein Freudenfest der christlichen Kirche. Wie Faust beim Läuten der Osterglocken und Ertönen des Osterchores die Phiole wegwirft, mit Thränen in den Augen niederstrikt und ausruft:

Die Erde hat mich wieder!"

so weckt auch jedem anderen Menschen das Osterfest die Lebensfreude und auch er freut sich, daß ihn die Erde wieder hat. Diese Osterfreude drückt sich in äußerst mannigfachen Sitten, Gebräuchen und Gewohnheiten aus, von denen wir die schönsten und charakteristischsten dem Leser nicht vorent­halten wollen.

Der Ostersonntag wurde schon in der alten christlichen Kirche als erstes Freudenfest nach der stillen Woche begangern Die Ehriften empfingen sich früh morgens mit dem Osterk--ß und Zuruf:Er ist auferstanden!" worauf der Begrüßte antwortete:Er ist wahrhaftig aufgestanden!" Wie noch heute daS Osterfest für viele die erste Begrüßung der neu­erwachten Natur auf dem Osterspaziergange zu vermitteln pflegt, so begrüßte man früher das Fest der neuerstandruea Sonne mit Tänzen, Auszügen, dramatischen Spielen und Freudenfeuern; man stellte dabei bildlich den Abschied bei nach vielen Kämpfen besiegten Winters durch den Kampf gegen eine Puppe dar, deren Steinigung, Ersäufuug oder Verbrennung den Schlußeffekt bei Festes bildete.

Zur Vorfeier des Osterfestes ziehen in Vorarlberg Männer, von Kindern mit Fackeln gefolgt, von Haus zu Haus und

Spuren in die Geschichte eingegraben, daß man sie erkennen wird, so lange Menschen in die Vergangenheit zurückzuschauen vermögen.

Fürst Bismarck war der Lehrmeister einer wahrhaft deut­schen Politik. Er hat gezeigt, daß nur Völker mit nationalem Selbstgefühl und gesundem Eigennutz ein sicheres Dasein und eine Zukunft haben. Er hat uns realpolstisch denken und arbeiten gelehrt, indem er uns befreite von politischem Doktrinarismus und sentimentaler Träumerei. Aber der Meister der Realpolitik hat doch niemals die Macht der Ideen verkannt. Kein Staatsmann hat es wie er verstanden, die sittlichen Kräfte zur Erreichung seiner realen Ziele wirken zu lassen. Und darum steht sein Lebenswerk fest verankert und im Herzen des deutschen Volkes geborgen. Sein Geist wird weiter wirken, so lange es ein teutsches Volk geben wird. Sein Name wird als Lei'.stern die Richtung zeigen, in welcher die Aufgaben, die dem Dcutschthum noch gestellt sind, zu lösen sind. So oft in der Zukuust Großes für unser Volk auf dem Spiele stehe« wird, wird Bismarck das Losungswort sein, das zum Siege führen muß.

Ostern.

Christenglaube ist seinem tiefsten Wesen nach Osterglaube. Osterglaube aber heißt die beseligende Gewißheit des Heils in Christo, die felsensichere Hoffnung auf unsere Erlösung durch den gekreuzigten und auferstandeuen Gottessohn, auf ein künftiges Wohnen in Gottes Nähe, auf ein ewiges Leben in den reinen Höhen des Lichts, in schuld- und leidentrückten Erdenfernen. So ist die Jenseitigkeit ein kennzeichnender Zug des christlichen Glaubens. Der Christ weiß, daß er hier auf Erden keine bleibende Stätte hat.

Daraus aber ergibt fiel für ihn mit innerer Nothwendig­keit auch eine eign artige Stellung zu den Dingen des Dies­seits. Der Christ, dem in der frohen Osterbotschaft ein un­verlierbarer Schatz geworden, steht allem, was daS Leben an Leid oder Freud zu bringen vermag, mit innerer Freiheit gegenüber^ Die Dinge dieser Welt werden nicht Herr über ihn. Anders der Nicht-Christ; er bewegt sich mit all seinen Gedanken und Empfindungen, mit all seinen Bestrebungen und Wünschen ausschließlich im Bannkreise des Irdischen.

Hier ruht der Schllüssrl für so mancke weitreichende und tiefgreifende Erscheinung unserer Zeit. Wo ist die wurzel- hafle Grundlage jener finstern Gewalten zu suchen, die in der Gegenwart eine vieltausendjährige Kultur mit Umsturz und Verderben bedrohen? Doch nirgendwo anders als in einer Weltanschauung vollendeter Diesseitigkeit. Alles, was das Wesen der Sozialdemokratie und des Anarchismus im tief­sten Grunde ausmacht, das athemlose Haften und Drängen nach Genuß wie der Haß und Ne'd gegen äußerlich besser gestellte

frugen unter Begleitung von Zithern und Schalmeien Äus- erstehungslieder. Am Rhein pflegt in katholischen Familien der Hausvater vor dem Mittagessen mittelst eines in Weih­wasser getauchten Palmzweiges die Speisen zu segnen. Die Sitte, sich Ostereier zu schenken, ist sehr alt und wird außer in der katholischen Kirche auch bei den Ruffen und Griechen und deu Protestanten aller Bekenntnisse gepflegt. An einen vorchristlichen Volksgebrauch erinnert der Osterhase, welcher die Ostereier legen soll, weshalb man letztere für die Kinder in Schwaben in einem Neste, in Hessen im Garten versteckt, während anderwärts die Kinder glauben, daß die Eier am Charsamstage mit den Glocken von Rom kommen. In Tirol und Bayern schenkt man den Kindern auch Kuchen in Hasen- ferm, in Schlesien wieder Kuchen von besonders grotesker Form. Osterkuchen backt man auch in Oesterreich und Sachen. Andere alte Volksgebräuche sind: das E.erlesen, welches früher wenigstens in Schwaben, wie in der Eifel, in der Schweiz wie in Hesten vorkam und darin bestand, daß während Einer eine bestimmte Strecke durchlief, ein Anderer eine An­zahl Eier, welche in einiger Entfernung von einanber auf den Boden gelegt waren, in einen ihm nachgetragenen Korb sammeln mußte. In Schönecken in der Eis» l ist die zu durch laufende Strecke dreiviertel Stunden lang, das Ziel dir Kirch- thürme zu Hersdorf, auf die der Läufer je ein großes Kreuz zu machen hatte. An vielen Orten schenken die Pathen ihren Pathenkindern Ostereier, welche sie an die in der Heiligen Taufe übernommenen Verpflichtungen ermähnen solle«. Auch sind Eier zu Ostern in maxien Gegenden eine herkömmliche Leistung an den Pfarrer und Küster. Ebenfalls als ein Ueberbleibsel aus der germanischen Vorzeit erscheint das Schöpfen des Osterwassers beim Hufgang der nach dem Volksglauben dreimal vor Freude aushüpfenden Ostersonne an einer gegen Morgen fließenden Quelle, ohne daß dabei ein Wort gesprochen wird; daS hier und da in der Kirche

Mitmenschen, ist doch nur emporgekeimt auf dem Boden einer Gesinnung, die keinen andern Maßstab als den Maßstab deS Irdischen kennt und in den Schranken di ses Lebens die Schranken alles überhaupt Erreichbaren zu sehen gewohnt ist.

Trotzdem aber wäre eS gänzlich verkehrt, aus dem jeu- stitigen Zuge des Christenglaubens nunmehr zu folgern, das Christenthum dränge zur Weltflucht, zur Verachtung des Diesseits und zur Vernachlässigung unserer Berufs-Pflichten hin. Gerade das Gegentheil ist Wahrheit. Christenglaube müßte nicht Osterglaube sein, müßte nicht den Stempel froher uns beseligender Hoffnung an sich tragen, wollte er seine Be- kenner zu einem Leben dürrer Thatenlosigkeit und unfrucht­barer Bc-chaulichkeit verurtheilen. An der Liebe zu Christus, dem Erlöser, entzündete sich vielmehr die werkthätige Liebe zu den Mitmenschen, entzündet sich das begeisterte Streben, alle irdischen Verhältnisse mit dem Sauerteige des Christenthums zu durchdringen und zu Abbildern des Göttlichen zu gestalten.

Und Christi Nachfolger müssen zugleich Kämpfer Christi .sein. Die Gemeinde der Gläubigen hat heutzutage einen schweren Stand. Schon ist eS in einzelnen sozialdemokratisch besonders unterwühlten Gegenden dahin gekommen, daß ein christlich gesinnter Arbeiter von seinen Arbeitsgenossen förm­lich in Acht und Ban« gethan wird. Da gilt es erst recht, mit frohem Bekennermuthe seine Stellung in der Welt zu be­haupten und, allen Anfechtungen zum Trotze, das Banner christlichen Glaubens hochzuhalten. Nicht feige Weltflucht, nein, entschiedene, kampfesfreudige Weltbejahunz fordert u»ser Christenglaube von uns.

So mag uns denn die Wiederkehr des Osterfestes mit neuem Muth und Thatkraft stählen. Ein Christenherz darf nie verzagen. Der Wiederschein jener höchsten Hoffnung, die wir hegen, soll vielmehr auch die irdischen Verhältnisse durch­leuchten und durchwärmen. Nicht immer gradlinig schreitet die Geschichte fort, aber sie schreitet fort, und so wird sich denn auch jene trübe Schlammfluth, die den Gang der Menschheits-Entwickelung in die niedern Anfänge kommu­nistischen Horden-Lebens zurückzudämmen sucht, über kurz oder lang machtlos brechen an den ewiggiltigen Gesetzen göttlicher Welt-Ordnung, deren Weg immerdar durch Nacht zum Lichte führt.

Politischer Wochenbericht.

Im inverpolitischen Leben Deutschlands ist infolge der Parlamentsferikn gegenwärtig ein gewisser Stillstand eingetreten. Nach den Ferien aber erwartet den Reichstag ein umso größerer Arveitsstoff, und es ist dringend zu wünschen, daß die Volksvertreter dann mit neuer Arbeits- friicke und neuer Arbeitsfreudigkeit ihre Thätigkeit wieder aufwhmen. Zu wünschen aber ist insbesondere auch noch,

mit eingefegnete Oberwasser, mit welchem sich die jungen Leute gegenseitig begießen, soll sie dann das ganze Jahr hindurch frisch und gesund erhalten und verschönernd wirken. Allge­mein gebräuchlich ist es auch in katholischen Ländern, sich von dem Wasser des TaufbrunnenS, ehe noch daS heilige Oel in denselben gegossen wird, zu holen. Die Teutschen in Böhmen waschen sich beim Läuten der Glocken am Charsamstage Ge­sicht und Hände. In Thüringen, nach dem Harzgebirge zu, treibt man vor Sonnenaufgang daS Vieh in's Wasser.

In der Mark, Westfalen uud in England findet das Osterballspiel statt. Der Ball scheint das Symbol der steigrn- den Sonne zu sein und wird meistens in Verbindung mit dem jüngsten Ehepaar gedacht, welches die Kosten des Ball­spiels bestreitet, weshalb der Osterball auch Brautball heißt. Das Osürballschlagen ist in Norddeutschland fast überall die hauptsächlichste Volksbelustigung bei Osterfestes. In Lands­berg a. d. Warthe beginnt die Festlichkeit damn, daß am dritten Ostertag ein Rnter auf geputztem Thier durch die Stadt geführt wirb, worauf man zur Wiese zieht, um Ball zu spielen. In der Neumark pflegen am ersten Ostertage die Mägde die Knechte, am zweiten die Knechte die Mägde mit Rathen zu schlagen; in Schlesien und Böhmen geschieht dasselbe durch Weidenzweige, welche mit bunten Bändern ge­ziert sind (Schmeckpeitsche) unter Knaben und Mädchen auch wohl durch Erwachsene. Weil damit Eierzeschenke verbunden sind, wird biefti Schlagen auch Eierpeitschen genannt. An­dererseits werden grün gebrochene Baumzweige, namentlich im Osten Deutschlands ol» Symbol der Fruchtbarkeit und des Gedeihens zum Schlagen (Osterstiepe) derjenigen gebraucht, benen man Gutes wünscht. Früh am Ostermontag, an an­deren Orten auch am Palmsonntag, selbst am Stephans- oder PfefferleinStag, suchen sich Eltern and Kinder gegenseitig in deu Seiten zu überraschen, um die gesundheitbringenden Ruthen- streiche einander möglichst auf den nackten Leib zu appliziren.