Zweites Blatt.
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Erscheint LuMch mit Av-K«chWe der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Im ReNamentheil bie Zeile 20 ^, fit •uiwärti 30 ^.
Xr. 66
Samstag den 18. März
1899
Der Kanalbau in Deutschland.
Es ist jetzt ungefähr ein Men'chenalter vergangen, seitdem in Deutschland das Interesse für die Kanäle oder, aLge- meiner gesprochen, für pre künstliche» Schefffahrts-Straßen wieder erwacht ist. Soweit diese Erinnernnz reicht, war es aus dem volkswirthschöstlichen Kongreß in Hannover im Jahre 1864, als nach langer Pause zum erstenmal wieder die Möglichkeit erörtert wurde, neue Unternetzmungen für die Binnen-Schifffah-t ins Leben zu rufen. Dort wurde nschze- «iesen, daß seit der Ausbildung deS Eisenbahn-Netzes nicht etwa die Kanal-Schifffadrt eine veraltete und überlebte Einrichtung sei, sondern d:ß es darauf ankomme, zwischen Binnen- Schifstahrt und Eisenbahn-Verkehr die Arbeit zu theilen.
Im letzten Menschenalter ist auf diesem Gebiete viel geschehen. In erster Linie ist der Kaiser-Wilbelw-Kanal zu nennen, für den allerdings die Sorge für die Landes-Vertheidigung ebenso mi-gewirkt hat wie oer Wunsch, dem Handel zu dienen, dessen Beendigung aber doch mit vollem Rechte als ein Fest der Freute von xanz Deutschland unter lebhaster Betheiligung des Auslandes gefeiert wurde. In zweiter Linie ist hervorzuheben, daß die Regulirung der Oder mit kräftiger Hand zu Ende geführt worden ist; im Anschluß daran kam eine besiere Verbindung zwischen Oder und Spree zustande, die namertlich der ReichS-Havptsiadt große Vortheile verschafft hat. Im Jahre 1894 legte sodann die- Regierung den Plan eines Dortmund-Rheinkanals vor, der das erste Glied für ein größeres Netz von Wasserstraßen werden sollte; der Landtag lehnte aber die Vorlage ab. Der Plan, einen Kanal zwischen Dortmund und den Emshäfen herzustellen, ist allerdings zustande gekommen, aber nur unter dem Widerspruch einer erheblichen Minderheit. Nun ist dem preußischen Landtage die Gesetzes-Vorlage zugegangen, welche die seit Jahrzebuten vielbesprochene und erstrebte Kanalverbindung vom Rhein nach der Weser und Elbe verwirklichen soll.
Der Bau des sogenannten Mittelland-Kanals liegt sowohl im Interesse der Industrie und des Handels, als auch der Lanvwirthschast. Der Mittelland-Kanal ist für die wirth- schaftliche Förderung des ganzen deutschen Reiches von größter Bedeutung, da hierdurch die bereits zusammenhängenden Wasser- streßen des Ostens (Pregel, Weichsel, Oder, Elbe mit Neden- flüffen) mit den jetzt noch isolirten Strom-Systemen der Weser und des Rheins verbunden werden uns damit eine leistungsfähige Bereinigung der gesammte« deutschen Binnen-Wasser- straßen geschaffen würde.
Die durch den Mittelland-Kanal eintretende Herabsetzung der Frachten wird namentlich der industriellen Maffen-Pro- duktion i» Rheinland Westfalen für die Versendung nach Osten und bis zur Küste (besonders nach Bremen, Hamburg rc.) zu gute kommen, ebenso wird sie jedoch auch die Versen-
LKWMstSN.
Die Geschichte Wallcnstcms.
(Nach Waplers Bearbeitung neuerer Quellen aus Arlatz des Vor- trageS des Herrn Prof. Oncken im Kunstindustrieverein in Erinnerung gebracht.)
(Schluß.)
Die Wiener Hofpartei wollte Wallenstein beseitigen von einer Stellung, die die Geschicke Oesterreichs in seine Hand gelegt. Das Feuer der Mißgunst neidischer und unbefähigter Generale, emsig bei« Kaiser geschärt, zehrte immer gieriger an den Fundamenten seiner Feldherrnmecht; Pater La»»r- main und deS Kaisers Neffen, ehrsüchtig nach kriegerischen Lorbeer« lüstern, sachten eS immer aufs Neue an. Die reinigen Freunde Wslleusteins wurden in ihrem Eiufloß gehemmt. — SachferS Kurfürst, von Wallenstein für die FriedevSpolrtik bereits gewonnen und nahe am Abschluß riueS Vertrags, auf dessen Grund der ReligionSfriede, wie der bürgerliche hergestellt werden sollten, zog sich von den Unterhandlungen zurück, als dem Kurfürsten von Brandenburg, der von den Traktaten in Kenntniß gesetzt war und daran Theil genommen, das Mißtrauen beschlich — (in Folge des bei Stein au von Wallenstein neuerdings errungenen Sieges) — der kaiserliche Feldherr spiele falsches Spiel. Bayrische Agenten, von der gährenden Unzufriedenheit deS Kurfürsten Maximilian mit Wallenstein getrieben, der ihm nur mäßigen Succurs stellte, wühlten währenddeffen eifrig am Wiener Hofe aus diesem Anlaß gegen ihn, der doch die österreichischen Erblande zunächst gesichert wissen wollte. Der spani chen Einmischung, durch den Verwandten de» Kaisers, Kör.ia Philipp IV. herausbeschworen, setzte sich Wallenstein nach Möglichkeit entgegen, der überhaupt allem fremde» Einfluß
duvg land- und fsrstwirthschafrlicher Erzeugnisse aus den öst- lichrn Gebieten nach dem Westen ermöglichen, die bisher wegen zu hoher Frachten ansgetchlossen war. Ebenfalls wird der Osten auf dem d>e Haupt-ProduklionS-Gediete für Thomasschlacke und für Kali in Rheinland-Westislen, Hannover, Bcsanschweig und Sachen durchichueidmden Kanale künstlichen Dünger, sowie Krailsutrermittel überieeischen und einheimische« Ursprungs zu wesentlich billigeren Preisen beziehen. Für die Lau', wirthschaft der am Kanal selbst belegenen Gebiete wird die Möglichkeit geschaffen, werthoole Meliorationen durch Be- wäffervng und Entwässerung auszvführe«. Ferner wird die neue 83 esset strafte als Ausnahmebecken und Ableitunzs-Kanal für die sonst schädlich wirkenden Hochwäffer der kleineren Flüsse wesentlichen Nutzen bringen.
Wie die Begründung der Borlage hervorhebt, bestehen für die Benutzung und die Rentabilität des Kanals günstige Aussichten. Die erste Berathung der Vorlage dürfte erst nach Ostern vorgenommen teerten.
Politischer Wochenbericht.
Die innerpolitische Lage Deutschlands stand während der jüngsten Vergangenheit unter dem Zeichen der Militärvorlage. Von den Forderungen der Rey'trungsvorlaqe, die das Mindestmaß dessen darstellen, was zur Heeres-Verstälkung unter Wahrung der zweijährigen Dienstzeit nöthig ist, sind seiters des Reichstages i» zweiter Lesung Abstriche gemacht worden. Indessen wurde in dritter Lesung eine Verständigung erzielt.
Nächst der Militärvorlage ist wohl keine Sache während der letzverflossenen Zeit eifriger und leidenschaftlicher verhandelt worden als die Anwesenheit des bekannten C e c i I Rhodes, deS sogenannten „Napoleon von Südafrika", in Berlin. Indessen dürfte gerade in dieser Angelegenheit ruhige, leidenschaftslose Erwägung am Plötze sein. Cccil Rhooes beabsichtigt bekanntlich vor allem, die Erlaubniß zur Durchführung einer Bahnlinie durch Deutsch-Ostafrika zu erlangen. Von dem Vertreter der Reichsresierung ab r ist zugesagt worden, daß der Bau einer solchen Bahn durch deutsches Gebiet nur geschehen wird, wenn die deutschen Interessen in Afrika im weitesten Sinne und nach jeder Richtung hin dabei gewahrt werden.
Um sogleich noch eine andere Angelegenheit, bei der die deutsche answärtige Politik direkt betheilizt ist, in Kürze zu erwähnen, sei des Berichts des Generalkonsuls Rose über die neueren Vorgänge auf den S a m o a - I n s e l n gedacht, welcher kürzlich im „Reichsanzeiger" veröffentlicht worden ist. Es ergibt sich daraus unzweideutig, daß die bisherigen Darstellungen der englischen und amerikanischen Blätter theilt auf geradezu falschen, theils auf übertreibevden oder entstellenden
auf Deutschlands innere Gestaltung großen Widerstand leistete und auch Frankreichs Uebermvth stets gebührer-d in Schranken dielt.— Im Glauben, daß Bernhard von Werner, der schwedische Kronfeldherr auf Böhmen rücken werde, blieb Walleustein konsequent in der Ablehnung stärkeren Schutzes für Daiern, dem er nur einige Regimenter zur wichtigen Deckung Passaus sandte. Inzwischen fiel Regensburg vor Bernhards Berennung und dieser gelungene Handstreich eireS raschen Feindes entschied beim Kaiser Wallensteins Geschick. Das Verhäng»iß eines falschen Schlusses hatte ihm Ferdinands Vertrauen geraubt im Augenblick, da er dasselbe durch seine Pflichterfüllung und Fürsorge für daS Land nochmals befestigt zu haben glaubte. Sein Urtheil war damir gefällt, obwohl er sich dem Feinte noch entgegenwandte, freilich nunmehr ohne Erfolg. Der Fehler, Bernhards Absicht nicht erkannt, ja gezögert zu haben, ein unglückliches Vorkommniß freilich, aber kein Verbrechen, spann die Kette der gegen den Herwg im Werke befindlichen Machinationen rüstig weiter. — Auch Fürst Eggen- berg wandte sich von ihm ab. Die letzten Freunde am Hofe verließen ihn. Man dachte daran, ihm das Generalat ab- zvnehmen. Einer zweiten Absetzung wollte sich Wallenstein nicht unterwerfen, er wußte nur, daß ihm der Stab gebrochen und er nicht mehr im Jnterejfe des Kaisers für den Frieden wirken könne, den er nur noch gegen kaiserliche Gewalt, sich von Ferdinand losreißend, zu erringen hoffen konnte, um auch seine eigene bedrohte Existenz und den ihm verliehenen Besitz zu sichern. Trotzdem würde der Herzog, krank und schon hinfällig, sich wohl noch in die Stille fürstlichen Privatlebens haben zurückziehen können, wenn nicht seine Umgebung ihre» Einfluß ausgeübt hätte, die Wenduug seines Schicksals zu einer wirklich tragischen, seinen Ausgang zu einem tieferschüiternden zu machen. Es folgten die bekannten Vorgänge in Pilsen, nach welchen Wallenstein, ausgrfordert beim Heere, daS zum großen Theile
Aussagen beruhen. Jnbesondere wird man gegenüber diesen Darstellungen auf Grund des urkundlichen Berichts die große Mäßigung anerkenuen müssen, mit welcher die deutschen Beamten trotz des ihnen zur Seite stehenden formalen Rechtes alles aufgeboten haben, um einem ernsteren Konflikte »or- zubeugen.
In O st a s i e n beginnen sich die dunklen Wolken wieder zu zerstreuen. Ueber Italiens Aktion in China hat der italienische Minister des Auswärtigen soeben eingehende Erklärungen abgegeben. Aus denselben geht hervor, daß der italienische Gesandte am chinesischen Hofe, de Martins, wegen seines eigenmächtigen Vorgehens abberufen worden ist, und daß anderseits »as Tsuvgli-Aamen bereit erscheint, nunmehr mit Entgegennahme der anfangs schroff zurückgewiesenen italienischen Note in Unterhandlungen rinzutreten und die Politik der einfachen Ablehnung aufzugeben. Der Minister dürfte daher wohl Recht behalten, wenn er seine Rede mit den Worten schloß: „So wird die Regierung in der ruhigen Heiterkeit ihres Gewiffens die Muße haber», den Plan, von dem unsere Aktion in China beherrscht ist, ohne eine Erschütterung zu Ende zu führen". Das heißt mit andern, weniger diplomatischen Worten; Italien wird die Sanmun- Bai über kurz oder lang doch erwerben.
Auch die chinesische Eisenbahnfrage ist friedlich geregelt worden. Die Raffen H-Len ihren Protest zurückgezogen, und die Hongkong-Shanghai-Bank behaupt t ihre erworbenen Rechte. Ist ear.it auch der russisch-englische Gegensatz auf chinesische« Boden keineswegs aus dem Wege ger äumt, so erscheint doch vorläufig jeder Anlaß einer Friedensstörung beseitigt.
Dagegen sind auB Mittelasien her wieder bedrohliche Nachrichten über erneues Vorgehen der Rüsten einze- troffen. Diesen Nachrichten zufolge soll im Fort Murghabi im Tdale Sares-Pamir eine russische Truppenabtheilung eingetroffen sein, die beabsichtige, das Sarykolgebirge, einen zwischen Pamir und Kaschgar gelegenen Lergzug, zu besetzen. Damit wäre die russische HeereSmacht am nordwestlichen Grenzsaume JndienS wiederum verstärkt worden. Indessen bleibt vor der Hand noch eine Bestätigung dieser Gerüchte ab- zuwarten. w.
»sttswirthschastlicher Theil.
N—r. Han««, 17. März. (Börsev-WoSenbe- richt.) Die Vnhavrluog im Reichstage über die Militär- vorlage, welche einen Augenblick zu unliebsamen Verwicklungen zu führen schien, wurde zwar beachtet «b besprochen, aber von erheblicher Wirkung auf dir Börse kann man kaum reden.
aanz von hm abgang, zu bleiben, sich die Generale und Ober- »ffiziere durch Unterschrift verpflichtete, bei ihm auSzuharren, ein Mir, der mannigfache und auch falsche »uslegang aefunden hat.— Der Feldheer hatte nichts gethan als die Entscheidung über sein »ad der Armee Geschick in deren Häade legen wollen — um sie v»r Nachtheil zu bewahre» nnb sich selbst seines AufpruchS an den Kaiser zu verstcher», gegen den er nichts Feindliches zu unternehmen gedachte. Anders aber w»rde ei in Wien aufgesaßt und sein Vorhaben als Verschwörung bezeichuet . . Es sei nun Zeit „den Scarpian auf der Wunde zu erdrücken 1* — hieß ei dort. Der Kaiser wurde vor den bösen Anschlägen gewarnt, die feinem Hause, wie dem römischen Reiche und der katholischen Religion gefährlich wären und gedrängt, eine „geschwinde und herrische Resolution zu fassen —*. Der Herz», von Friedland wurde des Geueralais entsetzt, die Leitung der Arwee zunächst an GalloS übertragen, doch wurde das letztere nach geheim gehalten. Der kaiserliche Sproffe, Ferdinand, sollte Generalhaupt deS Heeres werden. Im Januar 1634 erging der Befehl der Exekution an Wallensteiu, den mehrere Generale schon vorher, trotz ihrer Unterschrift, die meisten anderen nach Bekanntwerden der Acht verließen. Er brach von Pilsen auf, bei seinem letzten Zuge nach Eger nur von etwa 1000 Mann begleitet, da er den Marsch nach Prag mit einer großen Armee halte aufgeben müssen, infolge des AbfalleS der Truppen. Hier gesellte sich ihm Buttler, der ihm begegnet war, auf Wunsch deS Feldherrn selbst, der st seinen Henker mit sich in die Festung führen sollte. Der drohende Anmarsch der Schweden zwang die auf höheren Befehl gegen Wallenstein und feinen Anhang gebungenen Offiziere sich seiner lebend oder todt zu versichern. Das Letztere geschah, nachdem vorher Terzky, How, Kirsly und Neuwav» beim Gastmahl auf der Burg niebergemait worden waren. DaS klägliche Ende einei großen Feldherrn und einer lange Zeit gewaltig hervorragen-