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Amtliches Grgau für Stsöt- unS LsnöKreis Hanau

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage

Nr. 23

Freitag den 27. Januar

1899

Amtliches

KtaötKrsis j&anaw.

Die unter den Pferden bei drei Schwadronen im hiesigen Thüringischen Ulanen-Regiment Nr. 6 im Oktober v. Js. ausgebrochene Rothlaufseuche ist erloschen.

Hanau am 25. Januar 1899.

Königliche Polizeidirektion.

P. 766 I. A.: Dr. Becker, Reg.-Assessor.

DienstuachriHteu aus dem Kreise.

Gefunden: Ein brauner Halspelz. Ein grauer Filz­hut. Ein schwarzer Plüschkragen. Ein schwarzer Herren­regenschirm und 2 Schlüsseln, auf dem hiesigen Postamt stehen geblieben.

Verloren: Ein schwarzer Halspelz.

Zugelaufen: Ein weißer Foxterrier mit schwarzen Flecken, w. Geschl.

Hanau am 27. Januar 1899.

Kaisers Geburtstag.

27. Januar.

Millionen von Herzen senden an dem Tage der kaiser­lichen Geburtstagsfeier ihre Wünsche zu den Stufen des Thrones empor, vieltausendstimmige Hochrufe erklingen, und Festesfreude regt sich, wo Deutsche wohnen. AlS der Kaiser vor zehn Jahren zur Regierung berufen wurde, hörte man vielfach das Wort:Der Kaiser ist ein reicher Erbe!" Nicht ohne Schärfe war dieses Wort; denn eS lag urauSgesprecheu darin, daß das Genießen der Pflichterfüllung vorgehe. Dieses Wort ist verstummt! Wohl ist unsrr Kaiser ein reicher Erbe geistiger und materieller Güter; aber er ist ein Mann, ein thatkräftiger Mann, der über dieses Erbe, das auch das unsrige ist, wacht mit der Pflichttreue des deutschen Ge­wissens.

Der Kaiser ist die Verkörperung des nationalen Ge­dankens. Die nationale Ehre und die wirthschaftlichen In­teressen des deutschen Volkes werden vom Kaiser kraftvoll ge­wahrt. Das zeigt aus neuerer Zeit der Ernst, mit dem es der Republik Haiti zum Bewußtsein gebracht worden ist, daß das Deutsch; Reich nicht gewillt ist, seine im AuSlande leben­den Angehörigen ungestraft willkürlicher Der»ewaltü;ung preiS- zugeben; das zeigt die entschlossene Bcsitzergreifurg von Kiautschou, durch die dem deutschen Handel auch in Ostssicn ein Platz in der Sonne gesichert worden ist; das zeigt süd­lich die Reise unseres Kaisers nach Palästina. In jeder Be­ziehung hat der Kaiser die Macht und daS Ansehen des deut­sche» Reiches znr Geltung zu bringen gewußt, und ihm an erster Stelle haben wir ,S auch zu danken, daß uns der Friede erhalten geblieben ist.

Der Kaiser ist bt Hüter des F iedenS. Darum ist er emsig darauf bedacht, das beste Bollwerk des FriedenS, die Wehrkraft zu Lande und zu Wssser, zu stärken. Wie sein erlauchter Großvater die Heeresorganisationsein eigenstes Werk" nennen durfte, so kaun Wilhelm II. die Vermehrung und Neuordnung unserer Kriegsflotte als seine Leistung und sein Werk bezeichnen. Klaren Blickes erkannte er, daß bei den heutigen Macht- und Verkehr Soerhältnissm Deutsch­land seinen Einfluß im Rathe der Völker und seine Stellung auf dem Weltmärkte ohne eine Achtung gebietende Streit­macht zur See nicht würde behaupten können. Dir Opfer aber für die Wahrung ihrer Ehre und ihrer Interessen, welche der böchste Führer der Nation zur Erfüllung seiner hohen Aufgabe zu fordern genöthigt ist, muß die Nation gern bringen. So fordert es das Vaterland, daS ohne Frieden nicht gedeihen kann. Nur im Frieden erblüht das Glück ei­nes Volkes. Und der Kaiser will ein glückliches Volk.

Um so mehr Anlaß haben wir an einem Tage, wie dem heutigen, den monarchischen Sinn unsers Volker stärken zu helfen. Freuen wir uns unsers Kaisers! Seien wir stolz auf die Stellung, die er uuS vor den Völkern der Erde er­worben, so daß sie alle mit Neid auf uns blicken! Oft ge­schieht eS, daß der Deutsche im Gespräch mit einem Ausläa- der auS dem Munde des Fremden den AuSruf hört:Ja, wenn wir so einen Kaiser hatten !* In der That, wie wohi- geborgen und glücklich dürfen wir Bürger deS Deutschen Reiches unS schätzen, wenn wir unsere trotz vieles noch wünschenSwerthem geordneten und fest gegründeten Verhält­nisse mit den trostlosen Zuständen in so manchem unserer Nachbarstaaten vergleichen. Freuen wir uni deS starken monarchischen RegimentS, daS sich erhebt wie ein Fels in

der Brandung einer bewegten Zeit, das bei allen wechselnden Strömungen und Stimmungen der unerschütterliche Hort und Hüter der höchsten sittlichen uns nationalen Güter ist.

Wenn wir den Blick oft genug verstimmt von dea Partei kämpfe« und der parlamentarischen Mißwirtschaft abwenden, so finden wir loch allezeit Vertrauen und Kraft wieder in lem Bewußtsein, daß uns in unserm Kaiser ein Führer voranschreitet, der erfüllt ist von dem Gefühl strengster Pflicht und Verantwortlichkeit, beseelt voa einem gesunden, lebens- frischen Idealismus und begeistert von dem erhabenen Beruf, ein edles Volk zu beglücken und vor den Gefahren zu be- wahren, in die eS die Machtgelüste der Volksschmeichler zu stür en bestrebt sind. Darum wollen auch wir unS heute mit erneuter Liebe nm den Thron unsers Kaisers und Königs schaaren und sus vollem Herzen in den auS dem preußischen Wahlspruch zur Losung Deutschlands gewordenen Ruf ein» stimmen:

Mit Gott sür König und Vaterland, für Kaiser und Reich !*

Deutscher Reichstag.

(Sitzung vom 26. Januar.)

Am Bundesrathstische die Staatssekretäre Graf Posa- dowsky und Nieberding. Präsident Graf Balle strem eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 20 Minuten. Es wird die Berathung des Etats des Reichsamts des Innern fortgesetzt.

Prinz Vchönaich-Carolath begründet seinen Antrag im Erzänzungsetat sür das Jahr 1899, 50 000 Mark als Beitrag sür die Kosten des Gocthedmkmals in Straßburg einzustellen. Es sei wünschenswerth, den Straßburgern und den ganzen Reichslanden einen Gruß des Reichstags zu ent­bieten. Es sei auch nöthig, neben den vielen französischen Denkmälern das Bild eines Deutschen aufzustellen, um da« geistige Band zwischen Deutschland und den Reichslanden zu kennzeichnen, das trotz der französischen Herrschaft niemals zerrissen gewesen ist.

Abg. Riff (fr. Vgg.) befürwortet den Antrag.

Abg. Schädler (Ctr.) glaubt, man könne den Zusammen­hang zwischen dem deutschen Mutterlande und den ReichS- landen durch bessere Mittel befestigen, als durch die Errich­tung eines Goethedenkmals. Straßburg habe den Plan an­geregt und möge ihn auch allein ausführen. Desto größer sei nachher die Ehre. Die Kosten könnten durch freiwillige Beiträge aus Deutschland aufgebracht werden. Vom finan­ziellen Standpunkte aus sei der Antrag zu verwerfen. (Bei­fall im Centrum.)

Hierauf wird der Antrag gegen die Stimmen eines Theiles des Centrums der Budgetkommission überwiesen.

Das Haus bewilligt sodann eine Reihe von Etatstiteln ohne Debatte. Bei dem TitelKommission für Arbeiter­statistik" wünscht

Abg. Heine (Soz.) ' bessere Fürsorge für die Schreiber bei Rechtsanwälten und Versicherungsgesellschaften, deren Verhältnisse ebenso geregelt sein müßten, wie die der Hand­lungsgehülfen. Es sei nothwendig, in dieser Sache eine Enquete einzuleiten.

Abg. Bebel (Soz.) verlangt, daß von Seiten des Reichs­kanzlers und des Bundesraths die Polizeibehörden an gehalten werden, über die Durchführung der Bäckereiveroronung zu wachen und jede Uebertretung zu bestrafen. Redner wünscht ein rascheres Tempo in den Berathungen der Kommission für Arbeiterstatistik. Wenn der gute Wille vorhanden sei, könne die Kommission viel Material sür den Bundesrath herbeischaffen.

Staatssekretär Graf Posadowskp führt aus, das Protokoll der Vernehmungen bezüglich der Verhältnisse im Gastwirthsgewerbe wird der Kommission u»d den Abgeordneten nächstens zugehen. Maßnahmen zur Besei­tigung der Ueberlastung werden getroffen werden. Bezüg­lich der von Bebel angeregten Frage der Bäckcreiverord- nung habe das Reichsamt des Innern schon im vorigen Jahre die Regierungen ersucht, zu erwägen, ob nicht ähn­liche Vorschriften wie in Hamburg und Dresden auch in anderen Bundesstaaten zu erlassen wären. Bebel habe ferner erwähnt, eine Versammlung der Bäckermeister in Leipzig habe erklärt, sich über die Bäckereiverordnung des Bundesraths hinwegzusetzln. Die L>chuld hierfür habe er der schwächlichen Haltung des Reichsamts des Innern angemessen. Allein der Reichskanzler sei gar nicht in der Lage, in die Rechte der Einzelregierungen einzugreff» n. Eventuelle Beschwerden müßten in den Einzellandtagen vorgebracht werden. Er erkenne an, daß im Müllereigewerbe, ferner in den Metallschleifereien, Metallfabriken und anderen Mißstände vorhanden seien, die der Abhülse bedürfen. In nächster Zeit werde eine Prüfung

dieser Verhältnisse eintreten, die vom Reichsamt des Innern in sehr gründlicher Weise erfolgen werde.

Abg. Derlei (kons.) erklärt, die Angaben Bebels in seinen Bäckereibroschüren seien widerlegt. Bäckereiverordnungen in anderen Ländern gingen in den meisten Punkten nicht so weit wie bei uns. Diese Verordnung zeitige Denunzirungen, sei undurchführbar und müsse beseitigt weid-n. Der Mittel­stand sei vor Allem zu schützen, denn er sei die Stütze von Thron und Altar.

Abg. Möller (nat.-lib.) erklä t, die Bäckereiverordnung sei übereilt worden, darum zeige sie manche Mängel. Sie müsse den Verhältnissen in den einzelnen Vandesstaaten an- g-paßt werden. Die Kommiffion für Arbeiterstatistik möge die Verordnung noch einmal eingehend prüfen und ihre Mängel beseitigen.

Abq. Bebel (Soz.) führt aus, es sei die Pflicht des Staatssekretärs, den BundeSrath auf die Verletzungen seiner Verordnungen seitens dir Bundesstaaten aufmerksam zu machen. Er hoffe, daß der Staatssekretär mit der Zeit dem Gedanken eines Arbeiteramtes nähertreten werde. Die An­gaben in seiner Bäckereibroschüre seien nicht übertrieben gewesen, was Redner an verschiedenen Beispielen zu be­weisen sackt.

Abg. Derlei (kons.) führt aus, ein großer Theil des Mittelstandes habe viel schwerer zu trogen als die Arbeiter, der Beweis hierfür sei längst erbracht.

Abg. Schwarz-München (wild-lib.) weist darauf hin, daß die Bäckereiverordnung in München undurchführbar ge­wesen sei, weil sie vielfach über das Ziel hinauSschöffe.

Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) führt aus, die Kommission für Arbeiterstatistik erfülle ihre Aufgabe vollkommen, wenn sie alles Material sammle, sichte und dem Reichsair. t dcs Jnne-n überweise.

Abg. Molkenbuhr (Soz.) erklärt, wenn die Lage der Bäckergesellen den Bäckermeistern so beneidenswerth er­scheine, so könnten sich diese ja leicht in diese erftrebenswerthe Lage versetzen.

Abg. Hitze (Ctr.) meint, neues Material für die De­batte liege nicht vor, daher gäbe es auch keine neuen Ge­sicht-Punkte. Die Arbeiten der Kommiffion für Arbeiterstatistik seien bisher recht dankenswerth. Wenn übrigens die großen Bäckerinnungen schon etwas gethan hätten, um den Uebel- ständen abzuhelfen, so hätte die Regierung nicht erst einzu- schreiten brauchen.

Abg. S eifert (Soz.) erklärt, die Durchführung einer weiteren Beschränkung der Arbeitszeit sei möglich.

Nach weiteren Ausführungen Möllers, Rösickes-Kaisers- lautern, sowie nach persönlichen Bemerkungen des Frhrn. von Stumm, Oertels und Molkenbuhrs wird der Titel bewilligt, ebenso weitere Positionen.

Bei Kapitel 10Statistisches Amt" bemerkt Abz. Rösicke- Kaiserslautern, nach dem firtistischen Jahrbuch beruhe daS Anwachsen der Ausfuhr der letzten Jahre auf einem Plus von einer Million in der Eiseniudustrie. Daher habe man von einem Aasschwang in der Industrie gesprochen. Leider sei die betreffende Zahl ein Druckfehler. Die Thronrede spreche von einem allgemeinen Wohlstände; aber 5er Mittel­stand in Stadt und Land bewege sich auf absteigender Linie. Wir befänden uns in einem Verkehrstaumel. D:r wahre Wohlstand schwände immer mehr.

Abg. Böckel (Antis.) wünscht statistisches Material über Zwangsversteigerungen und die dabei verlorengehenden Werthe.

Staatssekretär PosadowSky bemerkt, daß zu der von dem Abg. Rösicke verlangten Statistik der Zahlungsbilanz noch in keinem Staate ein Versuch gemacht worden sei. ES sei nicht festzustellen, wieviel deutsches Kapital im Auslande festliegt und wieviel ausländisches bei uns angelegt ist. Die Gestaltung der wirthschaftlichen Entwickelung der letzten Jahre können wir nicht auf Grund der Ein- und Ausfuhr feststellen. Die äußeren Kriterien deuteten bet uns entschiedm daraus hin, daß wir erheblich an wirthschaftlichen Kräften gewonnen haben. Ich erinnere an die zuvedmenden Sparkaffeneinlazen und besseren Lebensstellungen. Solange wir unter den be­stehenden Handelsverträgen leben und leben müssen, tragen diese Erörterungen nur einen akademischen Charakter. Wir können nichts daran ändern, wenn schwache Stellen sich in den handelspolitischen Verträgen finden. Posadowsky schließt, wir thun gut zu studiren, wo die schwachen Stellen sind, um uns gründlich vorzubereitm auf die neuen Handelsverträge und die Ergebnisse dort zu verwerthen. (Beifall.)

Abg. v. Stumm meint, die Folgerungen aus der Export­statistik seien nicht richtig. Man exportire nur, was man im Lande nicht absetzen könne.