Der Volksfreund.
Hr. 7. so« Beilage zum DonifalLusboten. kx Zulda, den 5. Juni 1921.
Von der lebendigen Gottrsersahrung eines Atheisten.
Wer ist Max Dauthendy? Ein „moderner" Dich- L, der sich in feinen Werken stets zur pantheistischen öeüanfchammg beta-mt hat. Fern von seiner Heirat ist er während des Krieges in Java interniert eroesen und dort nach jahrelangem Gefangensein ge- orben. Nun stab Briefe von ihm, Bilder, Kostbar- ?tten und Schnitzereien und eine Bibel nach Europa dangt, deren letztes von der Hand des Dichters betriebenes Blatt wieder einmal Zeugnis ablegt, von ent geheimnisvollen Zuge der göttlichen Gnade:
Sofort (Ost-Java, Tenggergebirge), Samstag, 30. Juni 1917.
(Fünf Monate bin ich nun hier, 6000 Fuß hoch.) Heute morgen, als ich die 50. und 60. „Pfatmen Da- kds" gelesen hatte, geschah mir eine Erkermtms. Ich c kannte, daß es einen persönlichen Gott gibt. Drei Lochen vor nrenrem 50. Geburtstage wurde mir diese )ffenbanmg, an der ich seit meinem 20. Lebensjahre, tss 30 Jahre hing, nachgegrüdrlt und gezweifett und rgründet und durchgerungen habe. Welch herrliche jielsicherheit ist heute in mein Herz, in meinen Geist, R meinen Körper, eingszogen. — Gott lebt und ist so »ersönlich, wie 21 Wes durch ihn lebt.
Max Dauthendey.
Darum sage ich: Katholischer Mann, katholischer Shilling, „Halde, was du hast", d. h. deinen Heiligen glauben und laß ihn dir nicht durch seichte Schwätzer mi> unreife, revolutionslüsterne Burschen rauben! Und wch Euses! Kein Werk der Weltliteratur läßt an er- greifender Betätigung lauterster Religiosität auch nur mnühernd einen Vergleich zu mit dem alttestament- ichen Psalmbuch. Liest du auch zuweilen ta diesem talgartigen Hohenlieds des Gottverttauens? — —
Die verirrte Jugend
«erdient ganz gewiß unser besonderes Mitleid. Leider regelnd man da in der Welt oft recht falschen, un- hristlichen Ansichten. Niemals sönnen wir das Häß- iche in Schutz nehmen, das die Seele des Knaben »der Mädchens entstellt. Aber gerade die irgend, seren Herz noch empfänglicher ist, läßt sich oft noch •eiten. Diese armen jungen Menschen sind zumeist n Verhältnissen aufgewachsen, die mit bösen Lockungen ganz erfüllt waren. Es fehlte ihnen bas wachsame lluge guter Eltern. Schlimme Anlagen ruhten in der Seele, und unbesonnen folgten sie gefährlichen Genasen. Diese unwissenden, schwachen Menschenkinder gilt s zu retten, nicht zu verdammen. Wie oberflitthlich mb lieblos werden insbesondere oft jene Kinder ver- vorfen, welche in einer Fürsor^-Erziehungsanstalt inb oder gewesen sind! Laufen nicht in den Städten md Dörfern viele frei umher, die ebenso schwach sind Die die Fürsorgezogimge oder noch schwächer? Die LrzichunKscnrstalt ist kein Gefängnis. Das Kind bmmt dahin, weil man es noch für besierungsfähig chlt, es nod) zum wahren Glück führen will. Wenn l«ch freilich nicht alle Insassen solcher Rettungshäuser Mette: werden, so Werden sie doch daselbst zu einem rrdenttlchen, arbeitsamen, frommen Leben angdeiid; ^ständig wird an der Festigung ihres Charakters ge- N'bettet, auf daß f« später draußen in der Welt nicht nreü-er oen Versuchungen erliegen. Verträgt es sich m> der chnstttchen btächstenliebe, solche junge Menschen veracyttich von sich zu stoßen, weil sie in einer ^um--nst°U amen? Sow- man ihn-n nt« Mmdr 6tu|e fein un» fie ta Sen unten Sorten «starten? Berat sich oute, feste Chor-ki-r- kf.r Amtai Beirittentintia nicht anneftmen, werden die. eiben Anschluß finden an verdorbene Menschen und K ^^,Ä d^m Lrrpfade sein. Gtne besonders ^"Se Schutzpflichl baden jene Familien, welche solche -^?Ek oufmhmen. Die Eniehungsanstalt hat sie ihnen ^^"'' bog al5 Ach?ilskräfte anvertraut, sondern auch NS hilfebedürftige Pfleglinge, bei denen sie Eltern- telle vertreten sollen. Die Rettung einer einzigen - .sr-tschenseelo gilt vor Gott als großes Werk, wie uns
^kannte Evangelium vom verlorenen Schäflein s oemnch seiet. Der verständige, wahre Christ wird
darum von Hochachtung erfüllt sein für die Retttmgs- arb-eit an der verirrten Jugend David bat einst die Verfolger seines Sohnes Absalon: „Behütet mir den Sohn, erhaltet mir ihn!" Rust nicht auch uns allen der göttliche gute Hirt zu: Behübet mir die irrenden Kinder, erhaltet sie mir? Nicht verdammen also, sondern retten sei ihnen gegenüber unsere Parole.
VsachteKsmrte traurige Zahlen.
In einer Berliner Zeitung zeigt der Volkswirt- schaftler Gc^thein den furchtbaren Rückgang der deut- scheu Volkskrasi durch die Unterernährung. Gothein stützt sich auf Untersuchungen des bekannten Kinderarztes Professor Drygalski, der nachroeist, daß bei 90 Prozent der Kmder der Volksschule, bei 93 Prozent der Kinder von Mittelschulen imb insgesamt bei 80 Prozent aller Kinder eine starke Unierenräfuung, auffallende Blutarmut und Knmkhett vorhanden ist. Etwa ein Sterfel aller Kinder kömren infolge allgemeiner Schwäche der Rückenmuskuuttur die Wirbelsäule nicht mehr aufrecht halten. In Breslau wurde feftgeftellt, daß von 108 000 Schulkindern die HÄfte unterernährt ist. In Karlsruhe, daß von 20 000 etwa 15 000 unterernährt sind. In Chemnitz ergab eine statistische Untersuchung durch Aerzte und Lehrer in einer Vorstadtsârle, daß von 1150 Kindern im Alter von 6 bis 14 Jahren nur 3 das vom Berliner Professor für Kinderheilkunde, Dito Heubner, ausgestellte NormalHMicht erreichten. 37 Kinder besaßen lieber» gewicht Nd 1110 UrÄevgewicht. Es gab Schulkinder im Alter von 6 bis 8 Jahren, die noch irid# das Gewicht von normalen Dreijährigen haben! Und einzelne 13» bis 14jährige, die noch nicht das Gewicht normaler 7jähriger Ätaber erreichten! Die Normalgröße befaßen unter diesen Sintern nur 6, über Nor- malgröße waren 138, unter normal waren 906 Kinder. ön 33 ErzgÄrirgsgemeiän befanden sich unter 18 750 schulärztlich untersuchen Lttubern mir 1635 normal ernährte. In drei Gemeinden mit 1922 untersuchten Schulkindern waren normal ernährt« überhast nicht vorhandesid. In Mecklenburg-Schwerin, also selbst in einem Agrarlande, starben im Jahre 1914 von den Kindern von 1—5 Jahren 544, im Jahre 1918 dagegen 1040; von den Kindern von 5—15 Jahren im Jahre 1914 360, 1918 aber 819.
Und nun ein Gegeubild. Deutschland traut im Jahre 1914 rund 6 Millionen Flaschen Champagner, im letzten Jahre 10 Millionen Flaschen. Deutschland gab im Jahre 1914 nmd 36 Milliarden Mark für Champagner, im letzten Jahre 1000 Millionen. Ein hessisches Dorf rühmt sich, so erzählt man, daß während der Kirmes für 28 000 Mark Kognak und dergl. von seinen Beo.ehnern Dertilgt worden seien. Wahrlich ein trauriger Ruhm! Milliarden verpufft Deutschlarä in Zigaretten und Tabak. Schokoladerwerkäufer versichern, daß chre ^ldeinncchmen g-cradezu unheimlich sind. Berlin gab in den 118 Renntagen dieser Saison 411 Millionen Mark am Totalisator aus, während in der vorigen Rennzeit nur 202 Millionen verwettet wurden. 3m Kölner StadtanzeiM? ist zu lesen: TawKesi im Godesberg« Ryeiichotel. EintrM 14 Mark, Eestllschastsanzug, Weinzwang: Sekt 120 Mk. die Flasche. Wenn man auch nicht vergessen darf, daß viele Ausländer, besonders Angehörige der feindlichen Besatzung, dieses Luxus- und Luderleben mitmachen, so ist doch soviel Kcwiß, daß das Hauplkontingent dabei pflichtvergessene Volksgenossen stellen.
Mnder in Ust.
Dieser wehmütige Notschrei tönt von den Großstädten in die Lande, dringt hinaus zu euch, die ihr die einzigen seid, die helfen können.
Kinder in Not! Eine Lehrerin fragte vor Weihnachten ihre Kleinen, was sie sich denn auf das Christfest am liebsten wünschen. Da gab so ein armes Wesel» die fdjüdjterne Antwort: „Ein Stückchen Brotl" Wi ihr es, ihr Väter und Mütter des Landes: „Ein Stückchen Brot ist der größte Weihnachtswrmsch eines turnten Großstadlkindes." Am Osterfeste überraschte eine Fürsorgerin eine zahlreiche Familie, wie sie zum Mitta^Lmadlö als ein-üLe Speile die Gumiieabiäils
zu sich nahm, die die Mutter tags zuvor am Viktualiech» markt gesammelt hatte. Ein anderes Beispiel: F« mitte mit fünf Kindern (Vater, ehemaliger Schneide gehilfe, seit neun Jahren blind und gelähmt, Mutter schwer magenleidend), sieht ganz verhungert aus. ©$ fehlt an allem: kein Bett, keine Kohlen, keine Lebens" mittel, 150 Mk. monatlich Armenunterstützung ist dâL einzige Einkommen der Familie. Der 11jährige Lehrling stürzte sich vor den Augen der Fürsorgerin auf eine Art Mehlpapp, den die Vtutter aus etwas Mehl, das man ihr einige Tage vorher gebracht, mit etwa^ Wasser, ohne Fett, zubereitet hatte. Ein Bild der Roj der Großstadt!
Tausende und tausende von Kindern darbett uns r hungern in ihren dumpfen, lichtlosen Winketu imb c^ 0 kümmern so an Leib und Seele. Wer erbarmt jf J' so eines armen Wesens, wer öffnet so einem armÄ Großstadtkind sein Heim, seine Familie? SKec gönnt ihm einmal wenigstens im Jahr auf ein paar Wacher, einen Platz an seinem Tisch, gönnt ihrn einmal wenigstens tat Jahr auf ein paar Wochen Licht, Luft wrk^ Sonne zu genießen, ein Kind, ein frohes, glückliche Kind zu fein?
Schwesternhäuser und ländliche FamMen. dir g<*> wißt sind, während der Serien brave Stadtkinder, besonders auch Schüler höherer Lehrsnstä» aufzw neunten, wollen dies dem LarUassekrelartsö §u8A s mitteilen.
Sauberkeit
Ein wichtiges Kapitel! Und ein Kapitel, in dev-4 eS so oft fehlt, oft bei solchen, bei denen man es s nicht glauben sollte! Hier nur einige Ueberschriftevi,' einige Stichworte — und ihr werdet für einige Zett genug zu nachvenken und zu tun haben.
Sauberkeit vor dem Hause! Im Hausgang k FM der Wohnstube! In den Schlafkammern! In dev Küche! In den Ecken und Winkeln! In den Schuba laden und den Schränken! Sauberkeit der Töpf^ Geskbirre! Sauberkeit der Kleider und der Unters kleiner und Leibwäsche! Sauberkeit des Leibes und,' aller seiner Glieder! Sauberkeit, auch wenn einest unvermutet kommt!
Es gibt Häuser, da blinken und lachen alle Dings« und Insassen vor Sauberkeit, es wird einem wie an einem Frühlingstag, und einem Sonntagsmorgen. Und zu diesem Glanz braucht es nicht viel Geld, nicht eines großen Hauses, nicht neuer Kleider — nur einer thchtigen Frau im Hause!
Es gibt wenige Dinge, die ein HauS und eins Hausfrau mehr empfehlen, als solch eine allseitige echte Sauberkeit. Und die ein junges Mädchen mehè zur Frau und Hausfrau empfehlen!
3a, |o ist'»!
Die tiefe Kluft, die heute die Menschen trennt, das ungeheure soziale Elend wäre nie und nimmer, wenn den Menschen nicht eines abhanden gekommen wäre: die Liebe. Da gehen sie aneinander vorbei, der Fall d-s einen wird der Schemel des andern, rücksichls- und erbarmungslos strebt man seinem eigenen Vorteil zu, überall trifft man das „Ich"'. Dieses „Ich" ist der Fluch der Menschheit. Alles wird vergebens sein, alle Reformen werden ihren Zweck verfehlen ohne Abkehr vom Prinzip des „Ich". Vergebens werden wir den inneren, den religiösen, den sozialen, den politischen und den Menschheitsfrieden fordern, wenn wir weiter m unseren Neben- Menschen nur das Mittel unserer eigenen Zwecke sehen, im Atheisten nur deu Atheisten, im Proletarier nur den Proletarier, im Konservativen oder Revolutionär nur den politischen Gegner und im Franzosen oder Engländer nur den geborenen Feind unserer Nation. Nur wenn das „Du" das „Ich" besiegt, wird die Menschheitssolidarität kommen, erst dann, wenn wir uns voll bewußt geworden sind, daß dem Dasein ein höherer Zweck zu Grunde liegt als nur das Ringen nach äußeren Gütern.