— 332 —
bar daß es nicht aus früherer oder späterer Zeit einen Heiligen im Himmel hätte, und jede Familie begeht am Ullerheiligentag auch das Andenken der eigenen Familienangehörigen. Diese rufen gleichsam durch die Stimmen der Glocken zu uns herab: „Wir sind daheim und hier ist es schön und hier ist es gut!" Und diese Mocken sagen uns, da sie uns so nahe entgegentönen, daß wir keinen weiten Weg mehr haben, bis auch wir »um Eingang ins ewige Heimatland, zur Tür unseres Vaterhauses kommen. — Schon viele unserer ehsmaü- gen Leser sind bereits Hermgcgangen und gar manche, welche dieses Stücklein heute lesen, werden unser feines Heimatland, wenn es im duftigen Osberkleid und 'm schimmernden Frühlingsstaat sich wieder schmückt, nicht mehr sehen. — Du teufst aber nicht traurig werden, meine liebe Seele, bei diesem Gedanken. Wenn du sortziehst, kommst du schon in ein unteres Land, wo es tausendmal besser ist als hier unten bei uns. Dort, wo du hinziehst, gibts keine finstere Nacht mehr und keine kalte Luft, keinen frostigen Winter, keine gestorbenen Blümlein und keine traurigen Vöglein, dort ist alles Licht und Wärme und Glanz und Farbe, Gesundheit und Leben, ewiger Frühling und ewiger Tag.
Wir alle fühlen es nur zu gut, daß hier auf Erden für uns nur eine armselige Warlderschast ist von Herberge zu Herberge; die Füße tun uns oft wehe vor lauter Gehen; die Reisegesellschaft ist oft recht zuwider und mühselig und wir teerten sie nicht los bei Tag und Nacht; die Herberge ist oft kalt und frostig; aus der harten Pritsche müssen rmr liegen; das spärliche Brot ist ost steinhart und nicht zum Beißen; den Weg oerichlen tun wir auch gar häufig und müssen wieder zurück — der böse Feind macht uns nicht selten dazu ein garstiges, unfreundliches Wetter und wir müssen bei Sturm und Stegen fortwandern, oft noch einen bleischweren Sack müfdjleppm und die weinenden Kinder mitzichen--es ist halt nid)ts als Jammer, Elend und Not — eine mühselige Wanderschaft. Darum klingen -uns die Heimaisglocken zu Allerheiligen so lieb und traut ins H.rz. — Dreine lieben Leser, setzen wir uns einmal nieder und horchen wir den Glocken ein wenig zu. Schaut, jetzt klingen sie ganz hell und nahe; es ist fast, als ob sie sprechen täten. Wenn ihr genau horcht, versteht ihr auch, was sie sagen wollen: „Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich — selig sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden — selig sind, die Hunger und Durst haben nach der Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden — selig sind, die um ter Gerechtigkeit willen L^rsolgung leiden, denn ihrer ist das Himmelreich." — Wenn wir diesen Glocken nur eine Zeitlang zuhorchen, dann strömt gewiß Freude und Trost in unser Herz.
Allerheiligen bringt den Mühseligen und Beladenen eine Post aus dem Himmel: sie sollen nur nicht verzagen, sondern mutig vorwärts machen, sie wären schon auf dem richtigen Weg und hätten nicht mehr weit heim. Darum lassen nur die Allerheiligenglocken recht fröhlich und hofsnungsselig in unser Herz klingen — und dann nehmen wir unseren Pack wieder aus und gehen wir rüstig weiter — der Weg führt ja heim ins Vaterhalls!
Biler Dinge Ende.
„Leden magst 0u hundert Jahre;
Ernst wie Dampf im Berggelände Gehst du hln — wo kannst du bleiben ? Gott ist aller Dinge Ende."
Weber, Dreizehntinden.
Unzählige ernste Menschen, Prediger, Denker und Dichter haben von ter Flüchtigkeit des Lebens gespro- dten, und durch alle Jahrhunderte geht ohne Rast der Zug des Todes. „Der Traum des Lebens ist bald vorbei, und vor das erwachte Auge tritt das gewaltige Schauspiel einer ewigen Welt." (Pesch.)
Siehe, ich kenne ein Pfarrhaus. Irgendwo in Westfalen liegt es an einer stillen Gasse, abseits des Lärms der Stadt. Hoch am Giebel ist ein lateinisches Wort geschrieben, nur ein einziges und wer des Weges kommt, steht wohl still und liest es verwundert. Aber nur wenige mögen es verstehen. „Dtodicum" heißt das Wort, und es bedeutet: Nur eine Weile! Eine ganze ergreifende Predigt liegt in diesen paar Buchstaben: Modicum! Schlichter und schöner zugleich ist der Sinn des Lebens als Wanderschaft ohne „bleibende Statt" von Neuern nicht bezeichnet worden. Nur eine Welle: spätestens auf dem Sterbebett geht dem Menschen die Wahrheit dieses Wortes auf. „Und ist das Leben köstlich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit gewesen!"
Der Gedanke, daß wir auf Erden keine Heimat haben, in dem, der bas Leben im rechten Lichte betrachtet, Erhebung und Trost. In ter verschiedensten Weise ist er behandelt worden; in immer neuen Vorstellungen kehrt er wieder. Besonders originell drückt Peich ibn
aus: „Die Erde ist der Wartesaal für die Reise ins Jenseits; sorge, daß du in den rechten Zug entsteigst.
Je ältér wir werden, desto ärmer, freudeleerer wird uns das Leben. Einer nach dem anderen von so vielen, die uns nahe stehen, scheidet von hinnen. Ommer ein- famer ist es um uns, und am Ende verbleibt uns nichts als die lieben Toten. Wir ziehen uns in das Innere zurück und leben in der Erinnerung an die Heimgegangenen, in der Hoffnung auf das Wiedersehn. Immer loser werden die Bande, die uns an die Erde, immer fester die Bande, die uns an den Himmel knüpfen.
Heimkehr! Das ist die große Stunde, in der die Sturmfahrt des irdischen Lebens zu Ende ist und das Tor ter ewigen Heimat sich öffnet. Dort werden wir schauen, was hier nur Ahnung war, unb einsehen, warum alles so sehr mußte, wie es gekommen ist. Dort werden wir erkennen, daß auch das Lech nur eme Form des Segens war so gut wie die Freude. Dem Traum ist dann ein seliges Erwachen gefolgt, und im Lichte schauen wir ewig, was kein Auge je gesehen, kein Ohr je gehört hat. Die Zeit ist zu Ende, sie existiert nicht mehr. „Tauseich Jahre", spricht ter Herr, „sind vor mir wie ein Tag!"
Lin Blift ins Hegfeuer.
(Nach einem Vortrag des Bischofs Keppler.)
Dem hl. Franz v. Sales gefiel cs gar wenig, wenn immer nur von den Leiden und niemals von den Freuden der armen Seelen gesprochen oder ge- stieben werde.
Freilich kann es keine Zunge entsprechen und fein Verstand begreifen, wie ichmerzlich das Fegfeuer ist. Die Peinen im Neinigunasoue sind io groß, sagt derselbe gütige Bischof gra^ v. Sales, daß die größten Leiden des Lebens nicht mit ihnen verglichen werden können. Dazu kommt, daß für die armen Seelen die Zeit des Wirkens vorüber ist, sie können nichts Versäumtes mehr bereinholen, sind keiner Genugtuung mehr fähig. Reinigung durch Peinigung güt’ nur für sie. Die Nacht ist heremgebrochm, sie sind ins Land der Trauer emgezogen. Dazu kommt noch der Mangel aller Gnadenmittel mit dem Selbst- vorwurs eiqenerScbuld, sie Hin-eden versäumt §u haben.
Außer diesen Leiden des Empfindens ist überaus -chmerzl'ch die Entbehrung der An chaunug Gattes. Darin lies t wohl der Schwerpunkt der Arinen eelen- lerden. „Nur wer meine Sehniucht kennt, weiß, was ich leide." Sicher haben die Seelen nach dem Tode uh Gerichte den Heiland von Angesicht zu Angesicht gesehen. Seit diesem seligen Augenblicke hat nun namenloses Heimweh nach ihm sie erfaßt. Sie können leinen Toppetbiick der Bewlrgung und des Vorwurfs nie vergessen und daraus erglüht immer neue ©lut des Heimwehs. Die Seele strebt immer nach oben, aber alle Flugversuche dorthin sind vergebens.
Aber diese Leicen sind mit vielen Freuden, vielem Lcht vollem und Tröstlichem verbunden. Der innere Friede der im Feafeuer befindlichen Seelen ist so <noß, daß sein Glück der Erde mit ihm m Vergleich fommen kann. Das Fe feuer ist nicht etwa bloß Borkölle, tonbern auch Vorhrmmel. Dort leben die Seelen in beständigen Vereinigung in Gott. Seinem Willen sind sie vollkommen unterworfen, daß sie nichts wollen, als was Gott miQ. Wenn auch das Paradies ihnen geöffnet würde, sie würden sich lieber in die Hölle stürzen, als vor Go tes Angesicht mit veu Flecken erscheinen, die sie noch an sich sehen. Frenmllm, ia freudig gehen sie in ihre Leiden ein, alles in E>- gebung in den Willen Gottes, um ihm zu gefallen, um ter Anschauung Gottes würdig zu werden. Sie wollen leiden, so viel Gott will und so lange er will. Sie sind ganz unfähig, noch irgend eine Sünde zu begehen. Nicht die leise :e Regung der Unoedulv, nicht die geringste UuboÜfommenbeit lassen sie sich zu Schulden kommen.
Ganz solid) ist Luthers schauerlicher Satz: „Dre armen Seelen sündigen fortwährend, da sie nach Ruhe neben und gegen Leiden sich sträuben!" Nem! Die en zige Leidenschaft biefer Seelen ist Leiden. ©ie weheklagen, aber beklaeen sich nich,. Tas Fegfeuei ist also ein Reich grössten, aber amg freudigsten Leidens. Ihr Zutammen-eben bringt auch Eileich- -erung; sie können, wenn auch nicht für ein anher beten und opfern, doch einander trösten. Sie freuen sich über die Eilöiung jeder Seele und Plenen dre Barmherzigkeit Gottes. Auch von seinen hl. Engeln "empfangen sie Trott. Sie sinh sich ihres ewigen Zerles sicher und wissen, baß ihre Hoffnung n-chl mehr zu Schanden werden taun.
Tas Lichtvolle im Fegfeuer betonten namentlich vier große Gerster: Tante, Bernhardin von Siena, Franz V. Sales und bejonders Katharina v. Genua. Tante hört im Neinigungsorte auch ein heiliges
Tedeum, sieht das Leben dort verschönt von Einkrachk, Liebe unb Friede. Dre oberste Zone des Fegfeuerberges sieht er als ein Paradies, vom Himmelc» Morgenrot schon bestrahlt. Wie diese Mischung von Freud und Leid sich zusammensetzt, ist uns ein Geheimnis. Sehnliches finden wir aber auch in den Freuden vieler Märtyrer in den höchsten Marter- qualen, man denke nur an Laurentius auf dem glühenden Rosre.
Im ollgemeiueu wird sich das so vollziehen, daß der Rost der Sünde immer mehr ausgebrannt wird und verschwindet, daß der Schmerz stetig ab-, die Freude immer zunimmt, so daß schließlich die Freude den Schmerz aufzebrt. —
Wer von uns müßte nicht fürchten und wer dürste nicht hoffen, daß auch uns bald der Todesnachen ab» letzt an der Gestaden jenes geheimnisvollen Feafeuer« reiches! Deshalb müssen wir uns dort Freunde schaffen, müssen wir die Lebenden auleiten und aufmuntern, uns dort einmal aufzuiuchen im Gebet und Opfer und durch gute Werke. Danken wir Gott innig, daß wir für unsere Lieben in der anderen Welt mehr tun können als ihnen wertlose Tränen vachweinen und auf ihre Gräber Blumen streuen, die bald verwelken. Denen, bie im Leben ungezählte und unbe« zahlbare Wohltaten uns erwresen haben, aber von uns geschieden sind, bevor wir ihnen-den verdieriten Dank einigermaßen entrichten konnten, sollen wir wenigstens nachträglich etwas zu eiferen suchen, was wir ihnen ichuldig geblieben sind.
Selig die Barmherzigen, sie werden wiederum Barmherzigkeit erlangen.
And über einer Meinen Weile ....
(Zum AllerseeIentage.)
Ein kalter, feuchter Vormittag. Der Himmel ist arau, die Bäume und Sttäucher zeigen kahl gewordene Ms, die Wege fireb bestreut mit rötlichbrauen Blattern.
2>er Herbst ist gekommen, die Pflanzen sterben, aber Samen und Wurzelknollen harren der Zeit, da die Sonne das Erdreich aufs neue erwärmerr und ju neuem Gebären bringen wird.
Es ist der Tag der Toksn! Dou 365 Tagen vean» sprachen sie nur einen, die Dahingeganaenen. Schwarme von Menschen ziehen alle in einer Richtung, einem Ziele zu: dem Friedhöfe. Der Lebende liebt nicht den Ort des Totes, ungern denkt man sogar daran, aber heute muß es fein.
Ein behäbiger Herr steigt draußen vor der Mauer aus dem Gefährte, ihm folgt eine hochelegant gekleidete Same. Sie freut sich nicht des Tages, an dem die Sitte sie zwingt, düstere Farbe zu tragen. Ah, das neue blaßrosa Modellkleid staub ihr um |o vieles bester zu Gesicht. . . Die Beiden gehen die große Haupt- reihr entlang und bleiben vor einem riesigen Grabdenkmal stehen. Dieses Denkmal ist neu, Wind unb Wetter haben ihre Spuren noch nicht daran ausgelassen. Be- rechverrd ruht' der Blick tes Mannes daraus, ob Professor I nicht zuviel gefordert.... Nern Zehntausend war es wert, nichts daran war überzahlt. T^er Todes- enad hätte allerdings größer ausfallen können, wie drüben beim Direktor Z., ter doch im Leben weitaus nicht bie behütende Stellung eingenommen hatte als ter, den man hier vor sechs Monaden bestattet. D:e Aehnlichkeit des in Marmor gehauenen Brustbildes war. täuschend, wenn nur ter weltberühmte Bildyauer seinen eigenen Namen unten am Sockel größer gemeißelt hätte — — Der Gärtner hatte großartig dekoriert, keines der umlicgerrten „reichen Gräber" zeigte solche Pracht.
Der Herr und die Däne bemerkten mit Genugtuung, daß sämtliche Vorübergehende bewundernd und stau- nend stehen blieben.
Ein altes Mütterchen, recht beiche-den in Kattun und einen fademcheimgen Schal gekleidet, streifte im Vorüber, gehen an die elegante Dame, daß diese unwilliürlich die kostbare Robe an sich zog, als könne dieselbe Schaden leiden. Reichtum und Armut hatten sich oinemter be« rührt an ter Stätte des Todes.
Die alte Frau ging die Hauptreihe entlang, dann bog sie ab in die Seitemvegs. Kleiner und Heiner wurden die Denkmäler, geringer die Pracht der Blumen und Kränze. Sie ging immer weiter, sie kannte ihren Weg genau, denn sie war denselben gegangen viele hundert Mal. Zuletzt kam sie in eine Abteilung, wo die Armut beim Tode sich zu Gäste geladen hatte. Vor einem einfachen Hügel blieb das Mütterlein stehen und setzte ihr kleines Handkorbchen auf den Boden. Die Statte zeigte ein hölzernes braunes Kreuz mit einem Blech!äfelchen, dessen Inschrift verwittert war im Laufe der $dL Das alte Frauchen kniete nieder am Grabhügel und begann, mit den dürren, faltigen Händen die Epheuranken zu reinigen, welche das Grab einfahten. Sie hatte den